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Ausgabe:

1925 Nr. 4

Spalte:

82

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Eduard

Titel/Untertitel:

Spenglers Untergang des Abendlandes 1925

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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81

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 4.

82

Bachofen, I. |.: Das Lykische Volk und seine Bedeutung für
die Entwicklung des Altertums. Hrsg. v. Manfred Schröter.
Leipzig: H. Haessel 1924. (110S.) kl.8°. = Die Schweiz im deutschen
Geistesleben, 30. Bdclin. Gm. 1.40; geb. 2—; Hlbldr. 3.20.
Man kann es dankbar begrüßen, daß die gedanken-
und geistvollen Schritten Bachofens, eines lange verkannten
Bahnbrechers auf dem Gebiete rechts- und
religionsgeschichtlicher Wissenschaft, dem Kreise der
Forscher und Liebhaber wieder zugänglich gemacht
werden; und verständlich ist es auch, daß der Wunsch,
die reiche Welt seines Geistes neu zu erschließen, dazu
führte, die 1862 zum ersten Male erschienene Schrift
über „Das lykische Volk und seine Bedeutung für die
Entwicklung'des Altertums" neu herauszugeben, in der
die gehaltene Reife und durchsichtige Leuchtkraft seines
Geistes auf kleinem Räume sich lebendig und vielfältig
bekundet.

Weniger begrüßenswert ist die Form, in der diese
Neuausgabe geschieht. Man mag es vielleicht verständlich
finden, daß der einst in Anmerkungen aufgespeicherte
sogenannte gelehrte Ballast völlig über Bord geworfen
ist, daß auch der Text von allzu „gelehrten"
Beweisen und Hinweisen gereinigt erscheint. Aber es
ist nicht immer nur Gelehrtes, was die Schere beseitigt.
Auch solche charakteristischen Urteile wie z. B. die über
das lykische Monument von Xanthos sind (um ihrer
Überschwenglichkeit willen?) getilgt. Die Interpunktion ist
geändert, der fortlaufende Text in kleinere Abschnitte
zerlegt, eine genaue Disposition hinzugefügt, die dem
mehr komponierten als disponierten Werke nicht gerecht
wird. Auch neue Druckfehler, wenn auch nebensächlicher
Art, sind hinzugekommen; vor allem aber
sind alle fremdsprachlichen Zitate des Textes entweder
übersetzt (meist ohne Zeichen daß sie übersetzt sind),
noch häufiger unterdrückt. Und Grund solcher Kürzungen
ist offenbar die Sucht, zu „popularisieren".

Aber gegen solche Popularisation sträubt sich, wenn
man von allen grundsätzlichen Bedenken dagegen einmal
absieht, Stil und Geist Bachofens selber. Er gehört
zu jenen, jetzt freilich selten gewordenen, vielseitig"
gebildeten Gelehrten des 19. Jahrhunderts, denen die
klassische Welt des Altertumes die selbstverständliche
Heimat ihrer Gedanken und die beiden klassischen
Sprachen der ebenso selbstverständliche, schwer übersetzbare
Ausdruck ihres Ideen- und Formenreichtums
waren. Sie austilgen, heißt auch das Bild Bachofens
vergröbern. Der Herausgeber sieht sich denn auch genötigt
, einen freilich sehr bescheidenen Bruchteil der gerade
verworfenen Anmerkungen wieder aufzunehmen,
aber jetzt in den Text selbst und dazu häufig ungenau in
den Stellenangaben. Aber er sieht nicht, daß der ursprüngliche
Charakter des Werkes auch dann noch
gegen die wohl gemeinte aber schlecht beratene Kürzung
sich wehrt/wenn der gereinigte Text noch Bemerkungen
enthält, die nur durch die zum größeren
Teile unterdrückten Anmerkungen verständlich werden
(s. S. 90). Wie dieses in sich geschlossene Werk mehr
oder minder zum Torso geworden ist, zeigt z. B. der
jetzt fast zusammenhanglose, einst in aller Kürze doch
gerundete Überblick über die Geschichte des Lykischen
Volkes. Was aber der Herausgeber erstrebte, ist auch so
nicht erreicht; die Schrift ist auch in dieser Form nicht
gemeinverständlich geworden, sie verlangt noch immer
Leser, denen die Schriften des Altertumes in ähnlicher
Weise vertraut sind wie sie es für Bachofen waren. Man
vermißt auch schwer jeden Hinweis auf alles, was seit
dem ersten Erscheinen dieses Werkes Neues und Bedeutungsvolles
erarbeitet ist. Denn kaum gilt hier, was
etwa bei Neuausgaben der Werke Jakob Burckhardts
selbstverständlich ist, daß sie trotz oder gerade in ihrer
„Überholtheit" Werke von bleibender Vollendung sind.
Ganz abgesehen davon, daß unter solchem Gesichtspunkt
die Rückkehr zu dem unverkürztem Original das
Gebotene wäre, Bachofen ist nicht Burckhardt; er ahnt,
wo dieser bildet, er verknüpft, wo dieser gestaltet. Es
ist die unverwischbare Grenze Bachofens, daß sein

Werk und Geist, so vielfältig anregend sie auch heute
noch sind, doch nicht jene Vollendung erreicht haben,
daß auf ihnen letztlich nur jener wehmütige Zauber
des Vergangenen ruht, der sein persönliches Bild, nicht
aber seine sachliche Leistung uns verklärend lebendig
macht.

Breslau. Ernst Lohmeyer.

Meyer, Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Eduard: Spenglers Untergang
des Abendlandes. Berlin: K. Curtius 1925. (24S.) 8°. Mk.1.20.
Zwei Dinge haben M. an Spengler gepackt, einmal die Deutung
der gegenwärtigen Lage der europäischen Kultur, die er ohne
Vorbehalt als seine eigne anerkennt, andrerseits der Versuch,
durch die Gliederung in die Geschichte der hohen Kulturen der Weltgeschichte
einen leitenden Gesichtspunkt zu geben. Von diesem zwiefachen
Ja aus sucht er nun Spengler zu beurteilen. Auch im einzelnen
findet er viel zu loben; die Konception der „magischen Kultur" hat
seinen Beifall. Aber das Wähnen gießt er dann doch viel Wasser in
Spengler's Wein. Er bestreitet, mit zahlreichen Beobachtungen, die
Einheitlichkeit und die Abgeschlossenheit der hohen Kulturen. Er
sieht einerseits in einer Reihe von ihnen, gerade in den größten,
: mancherlei Seelentümer zusammengeschmolzen und manche Wandlung
auch der seelischen Art vollzogen; so ersetzt er die Kulturseele
j Spenglers durch den historischen Begriff des Kulturkreises. Er sieht
; andrerseits stärker die Gemeinsamkeit, das Her- und Hinüberrücken;
| so ist vor allem die Idee der einen Wissenschaft nicht preiszugeben;
das was Spengler Pseudomorphcse nennt, ist eine viel größere Bedeutung
, als Spengler ahnt, und umschließt eine lebendige innere
Aneignung. Mit dem allen ist nicht nur Spengler's ganze Metaphysik
der Kulturseelen preisgegeben, sondern eine gewaltige Relativiernng
der ganzen Betrachtung eingetreten; das Kulturjahrtausend fällt stillschweigend
unter den Tisch, und die Analogien werden zu heuristisch
, wertvollen, aber für sich zur Tatsachenfeststellung und -heurteiluug
i nicht ausreichender Beobachtungen herabgesetzt. Nur ein allge-
j mein über jeder Kultur und jedem Kulturkreis schwebendes Schicksal,
: letztlich verflachen und sich auflösen zu müssen, bleibt übrig.

Das Ganze ist das Muster einer positiven Kritik. M. nimmt aus
; Spengler's Anregungen heraus, was ihm für die Weltgeschichte Wert-
; voll scheint, und bildet es zugleich, ohne sich groß auf Diskussion
; einzulassen, im Hinblick auf die Tatsachen um. Für den Alttesta-
mentler und alle Kirchenhistoriker anregend ist dabei die gewaltsame
Zurechtbiegung der Konception der magischen Kultur.
Göttingen. E. Hirsch.

L in Hardt, D. Robert: Die Mystik des hl. Bernhard von
Ciairvaux. München: Verlag Natur und Kultur 1923 (III VII

247 s.) so. Qm; 3_;

Dies Buch, eine von der Münchener theologischen
Fakultät approbierte Doktordissertation, will in zwiefacher
Hinsicht Neues bringen. Es will erstmalig den
Versuch machen, das „lebensvolle Ganze der Gedankenwelt
B.'s", anstatt nach irgend einem Schema, nach
seiner eignen innern Systematik darzustellen, und es will
zeigen, daß man der Mystik B.'s nur gerecht werde,
wenn man die beiden Gedankenreihen der „Gottesmystik
" und der „Christusmystik" unterscheide. Demgemäß
zerfällt die zwischen Einleitung und Schluß
stehende Hauptmasse des Buches in drei Teile: „Die
Gottesmystik" (S. 25—79), „Die mystische Theologie"
(S. 80—150) und „Die Christusmystik" (S. 151—235).
Das Neueste ist der mittlere Teil, der das zur Darstellung
bringt, was B. an Traditionsgut nicht nur einfach
übernommen, sondern, weil es mit seiner Mystik
mehr oder minder in Zusammenhang stand, mit individueller
Lebendigkeit sich zurechtgelegt hat. „Der anthropologische
Ideenkreis" (S. 87—133), „Der kosmo-
logische Ideenkreis" (133—142) und „Der theologische
Ideenkreis" (S. 43—150) — das sind hier die Überschriften
der Unterteile. Die Ausführungen sind zwar
I nicht die interessantesten in dem Buche, aber sie sind
! dankenswert. Doch hat der Verf. die mühsame wissen«
; schaftliche Aufgabe, das B. etwa wirklich Eigentümliche
aus der Masse des Traditionellen herauszuheben,
j nicht angegriffen. Was er gibt, macht den Eindruck des
! Zuverlässigen. Eindringendere Beurteilung vermöchte
nur der zu geben, der an Bernhard-Kenntnis dem Verf.
überlegen oder wenigstens gleich wäre. I c h erlaube mir
nur zwei Fragen. Kann man inbezug auf alle in