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Ausgabe:

1925 Nr. 3

Spalte:

61-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hillner, G.

Titel/Untertitel:

J. G. Hamann und das Christentum. 1. u. 2. Vortrag 1925

Rezensent:

Schrenck, Erich

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 3.

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Statistik). Alles in Allem sind die Offenbarungen, die der Prophet
empfing und die „Lehren", die „die Kirche" daraufhin vertritt, abgesehen
von allerhand historischen Phantastereien über die Indianer
und „Amerika", wenig eigenartig. Eine libertinistische Sekte „sind"
die „Heiligen der Letzten Tage" nicht, „waren" sie selbst in der
Zeit der Vielweiberei anscheinend weniger, als man erwartet. Der
Prophet erhielt schon 1831 für seine Person eine Offenbarung über
die Vielehe, doch „wagte" er vorerst nicht ihr „nachzuleben". Aber
am 12. Juli 1843 proklamiert er sie und seither war die Vielehe
„Pflicht" der „Kirche". Die öffentliche Meinung hat das als eine
Schmach für Amerika empfunden. Nach langen Kämpfen, die von
den „Heiligen" unter vielerlei „Verfolgungen" (Strafen), da es sich
für sie, wie sie immer wieder bezeugten, um Offenbarungen
handelte, durch die sich „gebunden" fühlten, in fanatischer Tapferkeit
bestanden wurden, hat der „Präsident der Kirche" Woodruff
zuletzt, wie er erklärt „im Gefühle der Inspiration", also
auf neue G o 11 e s Weisung hin, um die „Kirche" vor der Vernichtung
durch den Staat zu „retten", am 25. Sept. 1890 das Manifest erlassen,
daß er den Heiligen rate (sie) „vom „Eingehen jeder Ehe abzusehen
, die durch das Gesetz dieses Landes verboten ist". Seither ist
die Einehe auch für die Mormonen allein „Rechtens".

Zur Zeit gibt es rund hundert „Pfähle Zions", d. i. Niederlassungen
(Orte) der Heiligen, allein in Amerika, die letzten
Jahre sahen viele neue entstehen; ich erkenne nicht genauer,
wie sie und die „Gemeinden", die viel zahlreicher noch sind, sich
verhalten. „Missionen" unterhält die Sekte in allen Erdteilen.
Eine Statistik finde ich darüber (S. 565), die nur sehr unbestimmte
Auskunft gewährt. „Der Stamm Ephraim" (heißt?) sei besonders
fruchtbar für die Kirche. In welchem Maße die Sekte spezifisch
eschatologischen Träumen huldigt, wird nicht klar. Die Aufnahme
geschieht durch Taufe (Tauchung), die „nicht vor dem 8. Jahre" jemandem
erteilt wird. Sehr entwickelt ist das Amterwesen; es ist
eine (die) große Hauptsache in ihr. Das Buch hat 60 Bildzugaben.
Die Physiognomien der „Autoritäten" sprechen nicht gegen den
Geist der Sekte. Am ehesten unheimlich ist Brigham Young, die tatkräftigste
Persönlichkeit (f 1877) in ihr, der sicher viel klüger war,
als der „Prophet" (selbst übrigens auch Offenbarungen erfuhr). Im
Weltkriege, über den S. 629 f. im Sinne krassester amerikanischer
Unkenntnis der Verhältnisse, gehässig gegen Deutschland berichtet
wird, standen rund 15000 Mitglieder der „Kirche".

Ein Buch wie das vorliegende genügt ja in keiner Weise den
Anforderungen historischer Wissenschaftlichkeit. Es ist doch willkommen
als ein Zeugnis der lebendigen gegenwärtigen Art
der Mormonen. Es schöpft aus vielerlei archivalischen Urkunden, die
natürlich der Kritik unterzogen sein müßten, um ohne weiteres zu
„gelten". Si parva licet componere magnis, mag man sich durch die
Gesamthaltung des Buchs an die Apostelgeschichte oder aber an die
Weise, wie Eusebius die ixxXrjotoTixri iatnQia erzählt, erinnert
sehen — nur daß man gerade dann auch sieht, daß „die Kirche Jesu
Christi" wahrhaftig auch damals noch, wo sie aufhörte, sich als die
Heiligen „der letzten Tage" zu fühlen, mehr Geist hatte als die
dürftigen Erneuerer des edelen Urprädikats der Kirche.

Halle a. S. F. Kattenbusch.

Hillner, Past. G.: J. G. Hamann und das Christentum.

2 Vortr., geh. in d. Gesellschaft f. Geschichte u. Altertumskunde
zu Riga. 1: Hamann u. d. Berens 2: Hamann u. Kant. Riga:
Jonck & Poliewsky 1924. (40 u. 96 S.) gr.8°. = Aus baltischer
Geistesarbeit. N. F., Heft 1 u. 2.
Diese beiden in der Gesellschaft für Geschichte und
Altertumskunde zu Riga gehaltenen Vorträge bringen
keine systematische Darstellung der Beziehungen Hamanns
zum Christentum, sondern lassen sie wie in Bildern
allmählich vor unsern Augen erstehen. Das deuten
die beiden Untertitel an. Indem Hamann ins Haus der
in Riga führenden Familie Berens kommt, tritt ihm die
Aufklärung in würdiger Verkörperung entgegen und
bleibt nicht ohne Einfluß auf ihn. Wie nun grade;
im Zusammenhang mit den Berensschen Beziehungen
der Umschwung in Hamanns Seele erfolgt und ihn dann
dauernd von den Berens trennt, zeigt der erste Vortrag.
Anschaulich stellt sich uns dabei Alt-Rigasches Leben
(namentlich im Sommer auf den Höfchen) dar. Desgleichen
Hamanns Aufenthalt in London mit seiner
Bekehrung und dem nun anhebenden ausgesprochen
positiven Christentum. Ebenso fesselnd sind die Ansätze
zum unglücklichen Roman mit Katharina Berens.
Überall fallen helle Streiflichter auf die damalige Zeitstimmung
und Hamanns Gegensatz zu ihr.

Der zweite Vortrag läßt uns dann noch tiefer in die
geistige Werkstätte Hamanns einblicken, indem er als
Folie dazu nicht nur Kants Geistesart und Grundgedanken
schildert, sondern auch folgender Vertreter der
Aufklärung berührt: Wolff, Schultz, Basedow, Geliert.
Wiederum bringt d.Verf. Hamanns Gedanken nicht in geschlossenem
Zusammenhang, sondern läßt sie mit seinen
verschiedenen Schriften vor uns erwachsen oder —
vielleicht besser gesagt — aufblitzen. Hamanns Verständnis
für die Urphänomene des Genialen, Prophetischen
, Poetischen, aus denen sich die großen Lebensgebiete
der Sprache, Religion, Moral und Dichtung
entwickeln, tritt uns in seiner ganzen Tiefe und Überlegenheit
über die Aufklärung, ja zum Teil auch über
Kants Weltanschauung entgegen. Es sind die Gedanken,
die dann durch Herder über die Aufklärung gesiegt und
auf den jungen Goethe entscheidend eingewirkt haben.
Gedanken, wie sie uns heute durch die Betonung des
Irrationalen bei Rudolf Otto besonders nahegerückt sind.

Die einzelnen Werke Hamanns sind kurz charakterisiert
, die Frontstellung: Aufklärung (incl. Kant) beständig
herausgearbeitet. Auf die Beziehungen zu Herder
ist nur gelegentlich eingegangen, doch leuchtet ein,
wie Hamann durch seinen Einfluß auf diesen gewaltigen
Schüler zum Bahnbrecher geworden ist. Mit einer geistreichen
Gegenüberstellung Kants und Hamanns schließt
dieser zweite, ebenfalls gediegene und fesselnde Vortrag
. Der Autor faßt sein Verständnis der Hauptwerke
Kants in folgenden prägnanten Worten zusammen: „Die
Kritik der praktischen Vernunft ist der König, aber die
Kritik der reinen Vernunft ist der Königsmacher, und die
Religion ist der Hofkaplan, der mehr zu schweigen
als zu sagen hat." Welch ein Gegensatz zu Hamann,
dessen ganze Geisteswelt sich nicht aus der reinen Vernunft
, sondern aus den Tiefen des Irrationalen aufbaut,
d. h. religiös bestimmt ist.

Zu den beiden hier gebotenen Bildern „Hamann im
Werden" und „Hamann im Streit" gedenkt der Verf.
ein drittes zu fügen: „Hamann im Frieden". Da soll
Hamann namentlich in seiner Beziehung zur Fürstin
Gallitzin gezeichnet werden.

Hillners lehrreiche Vorträge werden hoffentlich
dankbare Leser finden. Rudolf Ungers monumentales
Werk „Hamann und die Aufklärung", aus dem auch
Hillner gelernt und geschöpft hat, ist nicht jedem zugänglich
. Von sonstigen kleineren Arbeiten über Hamann
unterscheidet sich Hillner durch die Anlage
seiner Vorträge. Die Kombination von Biographie und
Geistesanalyse hat sich ihm empfohlen im Hinblick au!'
einen weiteren Leserkreis; sie gewährt seiner Schrift
einen Reiz, den die bloße Schilderung der Gedanken
Hamanns nicht haben würde. Auch ist Hillners kleines
Werk wohl geeignet, als Vorarbeit für eine noch von der
Forschung zu erwartende Biographie Hamanns zu gelten
. Besonders die Klarstellung seiner Beziehungen zur
Familie Berens wird einem zukünftigen Biographen von
Nutzen sein.

Möge die Schilderung dieses „nordischen Magus"
auch ihrerseits Licht verbreiten, wie denn Hamann nicht
als der Dunkle seinen Beinamen erhalten hat, „sondern
weil er das Licht des Sternes von Bethlehem gesehen,
wie die Magi aus Morgenland" (II, S. 53).

Riga. E. v. Schrenck.

Kierkegaard, Sören: Die Reinheit des Herzens. Eine
Beichtrede. Aus dem Dänischen von Lina Geismar. Mit Vorwort
und Anmerkungen von Prof. E. Geismar. München: Chr. Kaiser
1924. (176 S.) k. 8°. Gm. 3—; geb. 4.20.

Die Übersetzung ist vollkommen treu und gibt von
der Diktion der erbaulichen Reden K.s einen wirklichen
Eindruck. Sie wird freilich nur bei langsamem Lesen sich
dein Leser erschließen, denn sie hat auch K.s höchst
eigentümlichen Gebrauch der Satzzeichen (z. B. den des
Semikolons zur Trennung von vor allem parataktischen
Nebensätzen bei pathetischer Atempause) festgehalten und
unterläßt häufig des Fragezeichen; auch ist sie nicht ganz
frei von vermeidbaren Danismen (z. B. „Hoffnung an .."
S. 40 statt „Hoffnung auf.."). Schließlich aber stört
dergleichen den ernsten Leser weniger als die Willkür