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Ausgabe:

1925 Nr. 26

Spalte:

618-619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Girgensohn, Karl

Titel/Untertitel:

Die Religion, ihre psychischen Formen und ihre Zentralidee. 2. Aufl 1925

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 26.

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erforderlich. Dagegen bringt die Einheitlichkeit des
Bewußtseinsbegriffs es mit sich, daß auch der Gegenstand
, das Etwas, worauf das Bewußtsein bezogen ist,
als einheitlich erfaßt wird (Ding, Wesen, „Reales", was
aber mit Realität, Existenz nicht zu verwechseln ist).
Dieser Begriff ist der allgemeinste, den es gibt; es ist
daher nichts Anderes als „Reales" vorstellbar. Übrigens
sind alle Vorstellungen des Bewußtseins notwendig unbestimmt
allgemein, so daß der Begriff des Individuums
nur auf dem Wege begrifflicher Synthese zustande
kommen kann. Das vorstellende Bewußtsein stellt, wie
wir sehen, Reales vor, hat solches zum Objekt; ob aber
das Reale seiend sei, entscheidet das urteilende Bewußtsein
. Richtig urteilt, wer so urteilt, wie er unter sonst
gleichen Bedingungen und in gleicher Weise als Erkennender
urteilen würde. Affirmative Gewißheit gibt
es nur für das Gebiet der inneren Erfahrung. Dahin gehört
auch die „äußere" Wahrnehmung, unter der nur die
Sensation, die bloße Empfindung zu verstehen ist. Wahrnehmung
äußerer Dinge dagegen beruht auf einem Ver-
schmelzungs-Komplex von seelischen Tätigkeiten, darunter
Urteilen, bezw. Glaubensakten. Übrigens ist B.
Phänomenalist wenigstens im Sinne Kants nicht, behauptet
vielmehr die Erkennbarkeit der wahren Verhältnisse
der Dinge. Diese Sätze, die von dem üblichen
Bilde der B.schen Philosophie z. T. erheblich abweichen,
werden durch bisher unveröffentlichtes Material gestützt
und nachgelassene Abhandlungen aus den Jahren 1915
bis 1917 sind für den zweiten B%nd in Aussicht gestellt.
Berlin. A- Titius.

Petersen, Peter: Wilhelm Wundt und seine Zeit. Mit Bildnis.
Stuttgart: Fr. Frommann 1925. (XI, 306 S.) 8°. — Frommanns
Klassiker d. Philosophie XIII. Rm. 6—; geb. 7,—.

Die Darstellung der Philosophie W. Wundts, welche
der Verf. hier im Rahmen der Fromm ansehen
Sammlung „Klassiker der Philosophie" vorlegt, wird
ältere und neuere Arbeiten ähnlicher Art schnell in den
Hintergrund treten lassen. Zum ersten Mal ist hier
das gesamte reiche Schrifttum W. Wundts verarbeitet
unter gründlicher Benutzung des Wundt-Archivs in Groß-
Bothen —, und mit weitausschauendem Blick und wirklichem
Verständnis für die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge
des 19. u. 20. Jahrhunderts läßt hier ein
Verehrer W. Wundts ein treues Bild seines Werdens
und Schaffens entstehen. Auch wenn man über die
bleibende Bedeutung W. Wundts zurückhaltender urteilt
als der Verf. und mit der Zuteilung des Prädikates
„Genie" nicht so schnell hei der Hand wäre, so
wird man Petersens Biographie nachrühmen müssen,
daß sie die gewaltige Leistung dieses durch fast 70
Jahre streng wissenschaftlicher Forschungsarbeit gewidmeten
Gelehrtenlebens vorzüglich herausarbeitet. Diesem
Vorzug gegenüber läßt sich das Fehlen einer kritischen
Stellungnahme zu W. Wundts letzten philosophischen
Voraussetzungen wohl ertragen. Sie hätte
der Erfüllung der Hauptabsicht des Buches nur Eintrag
getan.

Basel. Gerh. Hcinzelmann.

Ritsehl, Otto: Die doppelte Wahrheit in der Philosophie

des Als ob. Mit e. freundschaftl. Eingangsschreiben an Herrn
Geheimrat Va i hinger. Göttingen: Vandcnhoeck & Ruprecht
1925. (4*, 100 S.) gr. 8°. Rm. 4.75.

Die vorliegende Auseinandersetzung mit der Philosophie
des Als ob — nach dem Vorwort die verspätete
Erfüllung einer von Vaihinger an den Verf. gerichteten
Bitte — setzt bei dem Begriff ein, der hier in der Tat von
entscheidender Bedeutung ist, beim Wirklichkeitsbegriff.
Es wird gezeigt, wie für V.s Wahrheitslehre grundlegend
der positivistische Wirklichkeitsbegriff ist
(Wirklichkeit-Empfindung). Dieser wird kritisiert als
1.) zu eng — in sehr wertvollen Ausführungen weist
Verf. nach, daß er insbesondere an die geschichtliche
Wirklichkeit nicht heranzureichen vermag — und 2.) zu

abstrakt — er ist nur an der rezeptiv-passiven Seite
des Denkens orientiert und läßt dessen spontan-aktivistische
Seite völlig außer acht. Insofern erweist er
sich selbst als „neglektive Semifiktion" in Vaihingers
Sinn: es wird ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit als
Wirklichkeit schlechthin proklamiert (Kap. 1 u. 2). Diese
Semifiktion wird nun von Vaihinger einigermaßen korrigiert
durch Einführung eines zweiten, des pragma-
tistischen Wirklichkeitsbegriffs. Die beiden neben
einander gebrauchten Wirklichkeitsbegriffe führen aber
mit Notwendigkeit zu einem doppelten Wahrheitsbegriff.
Ein solcher liegt bei V. insofern unzweifelhaft vor, als
j „Fiktionen, obwohl sie nach positivistischer Auffassung
i an sich bloß Irrtümer sind, einer pragmatistischen Be-
j trachtung dennoch als Wahrheiten gelten sollen". Es
j wird nun gezeigt, daß der pragmatistische Wirklich-
i keitsbegriff bei V. keine primäre Selbständigkeit besitzt,
I sondern nur auf dem Boden positivistischer Auffassung
| als „sekundäre Begriffsbildung" möglich ist. Deshalb ist
er als Korrektur gegenüber den Einseitigkeiten des positivistischen
Wirklichkeitsbegriffs von vornherein nicht
brauchbar (Kap. 3). In ausführlichen Darlegungen (Kap.
4—11) weist Verf. denn auch nach, daß er gerade die
Gebiete, auf denen Vaihinger ihn als Mittel der „Justi-
j fikation" verwenden möchte, nicht oder „höchstens per
accidens" deckt. Dies gilt insbesondere für die religiöse
Gedankenbildung. Zwar finden sich hier Gedankengänge
, welche zunächst dem Vaihingerschen Als ob
durchaus entsprechen, besonders bei Paulus und Luther.

Ob freilich das <«$■ in Stellen wie 2. Kor. 6, 8, wie Verf. will,
im Sinne eines Als ob interpretiert werden kann , scheint mir
doch zweifelhaft, ebenso ob Luthers Rechtfertigungslehre unter den
Gesichtspunkt dieser Wendung auch nur soweit gerückt werden darf,
wie Verf. es tut.

Aber trotzdem handelt es sich hier keinesfalls um
pragmatistisch aus ihrer etwaigen vitalen Zweckmäßigkeit
heraus zu „justifizierende" Fiktionen, sondern vielmehr
um Vorwegnahme von Urteilen, die hinterher einer
l echten Verifikation im Sinne eines objektivistischen
Wahrheitsbegriffs fähig sind und daher eine „höhere erkenntnistheoretische
Dignität" beanspruchen dürfen als
die wissenschaftlichen Hypothesen (S. 98). Keinesfalls
aber geben solche Gedankenbildungen von sich aus Anlaß
zur Annahme einer doppelten Wahrheit.

Bei der prinzipiellen Bedeutung, die den meisten
der vom Verf. gemachten kritischen Einwände zukommt,
j ist es zu bedauern, daß sie, aufs Ganze gesehen, doch
I eigentlich nur in der Form ausgeführter Randbemerkungen
geboten werden. Es wäre m. E. fruchtbarer gewesen
, sie — unter Verzicht auf mancherlei Beiwerk —
in ihre ersten Voraussetzungen und letzten Folgerungen
| zu verfolgen und dann zu einer straff zusammengefaßten
Kritik des Kcrngehalts der Vaihingerschen Wahrheitslehre
zu vertiefen. So, wie sie vorliegt, bietet die Schrift
mehr Anregung, als greifbares Ergebnis.

Tübingen. Fr. Schumann.

; Glrgensohn, Prof. D. Dr. Karl: Religionspsychologie,
Religionswissenschaft und Theologie. 2., durchges. u. erg.
Aufl. Leipzig: A. Deichert 1925. (55 S.) gr. 8°. Rm. 1.80.

Oers.: Die Religion, ihre psychischen Formen und ihre
Zentralidee. Ein Beitrag zur Lösung der Frage nach dem
Wesen der Religion. 2. Aufl. Leipzig: A. Deichert 1925 (VIII u
218 S.) gr. 8». Rm. 6.8(L

Die Anzeige dieser neuen Auflagen von zwei früher
: schon gewürdigten Schriften (vgl. Jahrg. 29 1904 Sp
I 390ff. Jahrg. 49. 1924. Sp. 66 f.) wird wie von selbst
I zur Totenklage um ihren durch ein erschütterndes
I Schicksal1 jäh und allzufrüh dahingerafften Verfasser.

1) Nach zuverlässigen Nachrichten aus Leipzig sind Girgensohn
; und zwei junge Töchter von ihm dem aus einem Ostseebade mitgebrachten
Typhus erlegen, dieser aber in Folge des Genusses
von ungekochter Milch aus Kannen eingetreten, die mit infiziertem
Wasser aus einem Dorfteich gespült worden waren. So ist einer
| unserer Besten als Opfer einer frevelhaften Fahrlässigkeit aus dem
: Leben geschieden, und das Glück einer bisher reich gesegneten Familie
durch gewissenlosen Leichtsinn vernichtet worden.