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Ausgabe:

1925 Nr. 24

Spalte:

570-571

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tillich, Paul

Titel/Untertitel:

Kirche und Kultur 1925

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 24.

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und würde aus ihr, wie aus der griechischen, einen Weg
zu Christus gemacht haben." Die katholischen Denker
sollen doch an philosophische Probleme zunächst als
Philosophen und nicht unmittelbar als Theologen herantreten
, sie philosophisch bearbeiten und sich den Gegnern
auf der philosophischen Ebene stellen. „Wenn
alles, was durchgängig in den Lehrbüchern der katholischen
Philosophie steht, als gesicherte, aus der bloßen
Vernunft bewiesene Erkenntnis zu gelten hat, dann wäre
es schwer einzusehen, warum für die klare, sichere und
leichte Erkenntnis der religiösen und sittlichen Wahrheiten
von den Theologen noch eine übernatürliche
Offenbarung als relativ notwendig erachtet wird." Also
methodisch-kritische Sonderung der Philosophie und
Theologie! Und dann in der Theologie (und Philosophie
) mehr Einzehmtersuchungen, und zwar zu den heute
brennenden Fragen! Der Katholizismus produziert zuviel
Kompendien, und wenn dann noch, wie es Regel
ist, die Theologen ihre eigene Ansicht sofort als sen-
tentia communis ausgeben, dann besteht kein Suchen
mehr; dazu scheint es heute allen der Ruf nach der
„großen Synthese" angetan zu haben, für den Katholiken
besonders gefährlich, da „die große Linie stets die
Stärke des Katholizismus gewesen" ist, aber „oft die
Männer fehlen, die in den Einzelheiten Bescheid wissen".
Besonders für die katholischen Laien, die sich zu religiösen
Fragen äußern und äußern sollen, gilt: nur keinen
theologischen Dilettantismus! Zuerst sich mit dem
notwendigen theologischen Rüstzeug vertraut machen!
Dann erst mitarbeiten an der Lösung der großen
Fragen! Pribilla hat selbst durch seine Untersuchung
über die Stellung des Vatikanums zum Glaubenszweifel
(Stimmen d. Zt. 55. Jahrg. 109. Bd. Heft 9 S. 173 ff.)
die katholische Laienmeinung, jeder der am Glauben der
katholischen Kirche zweifle oder irre werde oder aus
dieser Kirche austrete, müsse auf Grund des vatikanischen
Dogmas als moralisch schuldbeladen angesehen
werden, gründlich zerstört. (Schon Adam hatte jn seinem
„Wesen des Katholizismus" diesen Ton angeschlagen).
Nun zeigt er an einem zweiten Beispiel, wie gediegene
Einzeluntersuchungen die Intoleranz brechen helfen
könnten; nämlich es ist ein katholischer Gemeinplatz, die
natürliche Erkenntnis Gottes, wie jeder sie brauche, sei
leicht; also müsse der Zweifler, der Sucher, der Niefertige
ein schlechter Mensch sein. Pribilla weist darauf
hin, daß diese Leichtigkeit der Gotteserkenntnis nach
den großen Scholastikern nur dann gegeben sei, wenn
zuverlässige Lehrer dazu helfen, dagegen ohne solche
Lehrer, erst recht in einem Zeitalter der Skepsis und des
Materialismus, unmöglich die Regel sein könne; ja daß
möglicherweise die Schwierigkeit so groß sein könnte,
daß ein Erwachsener auch ohne Erkenntnis Gottes zum
Heile gelangen dürfte. Dem Protestantismus gegenüber
hafte Pribilla schon in dem Aufsatz über den Glaubenszweifel
betont, es sei unerträglich, den Millionen,
die in der Reformationszeit aus der katholischen Kirche
auszogen, eine moralische Schuld anhängen zu müssen;
nun fordert er auf zur Erkenntnis, daß auch nach katholischer
Auffassung „der Protestantismus eine Aufgabe zu
erfüllen (habe), die letzten Endes nicht rein zerstörend
sein könne". Er zitiert beifällig den Freiburger Kano-
nisten Hilling, der es für Unfug hält, wenn die Bezeichnung
„Ungläubiger" mitunter von katholischer Seite, ja
sogar von katholischen Akademikern, „den liberalen
oder den freier denkenden Protestanten zu rasch und
leichtfertig ins Gesicht geschleudert wird". „Freuen
wollen wir uns, wenn christlicher Geist auch außerhalb
der katholischen Kirche Blüten und Früchte echter
Nächstenliebe hervorbringt". An Luther könne auch
der Katholik unbefangen „seine große Begabung, seine
Willenskraft und Unerschrockenheit, seine Sprachgewalt
und Gestaltlingsfähigkeit zugestehen, ja vieles in seiner
Kritik der kirchlichen Zustände als berechtigt anerkennen
". Aus Luthers Werken ließe sich nach Pribilla
leicht eine Blütenlese zusammenstellen, „die durchaus

bewunderungswürdig und — katholisch wäre". Von
Luthers Person müsse auch der Katholik so reden, daß
der Protestant nicht in seiner Verehrung für Luther beleidigt
werde, und beim Werke Luthers müsse beachtet
werden, welche positiven Vorzüge, die anderswo auch
von Katholiken geschätzt würden, von den Protestanten
hierin gefunden würden.

Pribilla meint: Der Reformator Luther sei heute für die
Katholiken keine Gefahr mehr, aber „als Urheber des modernen Subjektivismus
", als „Revolutionär" gegen die kirchliche Autorität sei
Luther vom Katholizismus zu fürchten. „Ein Protestant im Sinne
Luthers, so daß ihm Luther eine dogmatische Autorität wäre,
wird ein heutiger Katholik nie werden." Hier dürfte Pribilla doch
nicht klar genug sehen. Ein Katholik ist dann reif zum Lutheraner,
wenn er in der Rechtfertigung aus dem Glauben sein Heil findet, und
wenn Jesus allein für ihn die Rolle spielt, die im Katholizismus auf
vielerlei verteilt ist — das trifft aber mit dem zusammen, was Pribilla
auf katholisch „dogmatische Autorität" nennt. Den äußeren Anlaß
zu einem offenen Übertritt hat allerdings oft das „Revolutionäre" gegeben
. 4flan darf nicht den Kulturlärm, der allzuviel von einer falsch
verstandenen „evangelischen Freiheit" geladen ist (Luthers „Freiheit
eines Christenmenschcn" kennt kein „frei" ohne „fromm"!) verwechseln
mit der Religiosität der Lutheraner, die nicht vom Protestieren
, sondern vom Glauben und von Jesus lebt, und nur insofern
das Protestieren und die Freiheit betont, als sie um keinen Preis
den Glauben und Jesus nachmals in der katholischen Vermischung
haben möchte. Und je deutlicher diese lutherische Religiosität durch
die Wolken eines bloß-protestierenden „Kulturprotcstantismus" durchbricht
, desto mehr Katholiken müssen sich ehrlich davon angezogen
fühlen. Daher, daß für die Katholiken Glaube und Jesu; in Luthers
Art damals anziehend wirkte, ist des" Petrus Canisius (von Pribilla
S. 10817 angeführtes) Urteil zu verstehen: „milde" war Canisius
wirklich nicht, aber Verständnis hatte er. Und weil Luthers
religiöse Art einen ernsten Christen anziehen muß, so suchte und
sucht man sie den Katholiken auf viele Weise zu verdunkeln — einst
mit Bewußtsein, heute meist in der aufrichtigen Meinung, es handle
sich bei Luther doch nicht um echtes Christentum. Wenn Pribilla
mehr sein sollte als die eine Schwalbe, so muß er sich klar machen,
i daß mit dem Aufhören der Verdunkelung Luther eine ungeheure reli-
| giöse Gewalt bekommt; aber erst wenn der Katholizismus mit dieser
Gewalt sich ehrlich auseinandersetzt, wird wieder über Christentum
i mit ihm ernstlich zu reden sein.

Magdeburg. Leonhard Fendt.

Tillich, Prof. Paul: Kirche und Kultur. Vortrag, gehalten vor
dem Tübinger Jugendring im Juli 1924. Tübingen: J. C. B.Mohr
1924. (22 S.) gr. 8°. - Sammlung gemeinverst. Vortr. u. Schriften
aus d. Gebiet d. Theologie B. Rel.-Gesch. 111.

Rm. 1—; Subskr.-Preis —90.
T. führt den Gegensatz Kirche und Kultur auf
den anderen: Kirche und Gesellschaft, endlich auf
seine Wurzel zurück: den Gegensatz Heilig und Profan.
Auf dem Wege einer Untersuchung über Sinn, Sinn-
grund, Sinnabgrund, Sinnakt kommt er zu dem Ergebnis,
daß profane und heilige Sphäre wesensrnäßig eins sind;
wohl aber besteht die Möglichkeit intentionaler Verschiedenheit
. Also: nicht wesensrnäßig heilig oder
profan, sondern bewußtscinsmäßig. Wesenswidrig ist
der Zustand des Gegensatzes zwischen beiden. Es gibt
aber eine Bedeutung von Heilig, in der die Gegensätzlichkeit
zum Profanen aufgehoben ist: das Heilige als
Offenbarung, im Gegensatz zu Kirche und Gesellschaft.
So stehen beide unter gleichem Gericht, angewiesen
auf die gleiche Erlösung. Eine „geistesgeschichtliche"
Betrachtung des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft
zeigt dann, daß in der geschichtlichen Wirklichkeit
Kirche und Gesellschaft nebeneinander und gegeneinander
Hegen, wenn auch das Wesensverhältnis immer
wieder zu neuen Versuchen treibt, die Einheit zu verwirklichen
. Jenseits dieser Spannungen steht die „Tat
Gottes", die sich in gleicher Weise gegen Kirche und
Gesellschaft wendet. T. folgert: wir sind frei von Kirche
wie von der Gesellschaft; „absolutes Kirchentum" ist
unmöglich. Eine wirklich protestantische Kirche ist zu-
I gleich Opposition gegen sich selbst als heilige Gesell-
'■■ schaft. Daraus ergibt sich hier (hier hört die Geschlossenheit
des Gedankengangs auf) Überwindung des
einseitigen Begriffs von Wortverkündigung; die Kirche
muß symbolkräftig reden können; freilich werden Sym-