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Ausgabe:

1925

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564

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Lutherischer Weltkonvent zu Eisenach vom 19. bis 24. August 1923 1925

Rezensent:

Althaus, Paul

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663

564

zeugung, englische Kirche und englisches Volk zu beherrschen
. Er hat sich stets als Glied der englischen
Staatskirche gefühlt, sein Predigeramt in Antwerpen
z. B. als Amt in dieser Kirche verstanden und jede Trennung
von ihr verabscheut. Das allein ist seine These,
daß die englische Staatskirche in ihren Ordnungen einer
weitergehenden Reformation nach dem Worte Gottes
bedarf. Er ist Konformist, nur daß er eine andere Konformität
will als die bischöfliche. Das Bild von ihr, das
ihm vorschwebte, deckt sich mit dem, was in der schottischen
Kirche nahezu verwirklicht wurde. Und für dies
sein eines Ziel kämpft er nur mit Mitteln, die er mit
den Gesetzen seines Landes für vereinbar hält. Revolutionäres
Vorgehen ist nicht seine Absicht. Soweit ist
er sich selber treu von Anfang bis zu Ende. Aber in
der Art, wie er seine Grundsätze anwendet, ist doch
zwischen dem stürmischen Professor von Cambridge
und dem behutsamen Meister des Warwicker Hospitals
ein deutlicher Unterschied zu spüren. Es ist das Wertvollste
an P.s Buch, daß es die beiden Punkte scharf
hervorhebt, an denen die innere Wandlung sichtbar wird.
Einmal, T. C. hat von den Heidelberger Theologen, vor
allem Zanchius, um es kurz auszudrücken, den Begriff
des Adiaphoron gelernt. Bezüglich der Kleider urteilt
er von Heidelberg aus, daß es gegen die Pflicht des
Predigers ist, um eines Eigensinnes bezüglich ihrer sich
die Erfüllung seiner wesentlichen Aufgabe, der Predigt
des Worts Gottes, unmöglich zu machen. Das haben
manche seiner englischen Freunde nicht mehr verstanden
. Wichtiger noch ist das Zweite, die seit 1582 hinzukommende
Front gegen den Separatismus. Es ist P.
an dieser Stelle gelungen, eine geschichtliche Begegnung
von wundervoller Anschaulichkeit wieder in Erinnerung
zu rufen. Als T. C. 1582 mit seiner Kauf-
rnannsgemeinde nach Middelburg kam, fand er dort die
kleine (nur wenig über dreißig Personen zählende)
separatistische Gemeinde von Browne und Harrison
vor. Er hat sich vor allem mit Harrison gründlich auseinandergesetzt
und hat das ganze Vorgehen dieser Männer
verurteilt. Darum, daß sie noch weitergehender Reform
bedarf, hört die englische Kirche nicht auf, rechte
Kirche zu sein. Die Auseinandersetzung ist um so lehrreicher
, als Browne von T. C. gelernt hatte und nichts andres
tun wollte als aus T. C.s Anschauungen die richtigen
Folgerungen ableiten für das Verhältnis von Staat und
Kirche. Indem P. zugleich diesen Nachweis führt und
zeigt, daß T. C.s Zeitgenossen einmütig die Separatisten
für die Schüler T. C.s gehalten haben, daß es
einer der Hauptvorwürfe gegen T. C. von seifen seiner
Gegner war, er ziehe nicht wie diese Männer ehrlich
das Facit, ergeben sich ihre Folgerungen für die Genesis
des Kongregationalismus, der sich aus den separatistischen
Gedanken dann entwickelt hat. P. will Nebeneinflüsse
(er bringt selbst einige zerstreute Nachrichten
über Täufer und Familisten in England seit 1574)
nicht leugnen; daß aber T.C wider Willen auch der
Anstoß zu der kongregationalistischen Bewegung ist,
ist ihm sicher. Er nennt Browne und Harrison gelegentlich
„Ultrapuritaner". Gegenüber diesen Ultras also
fühlte sich T. C. mit der Staatskirche zusammen gehörig
.

So sehen wohl wir alle die Entwicklung an, höchstens, daß wir
die Anfänge vom späteren Kongregationalismus schärfer unterscheiden.
An einem andern Punkte aber erwächst aus Nachrichten, die P, gibt,
einer bei uns jetzt geläufigen Betrachung eine Schwierigkeit. Wir sind
geneigt, die puritanische Sabbatheiligung als eine von Bound 1595
in ehe Bewegung geschleuderte Idee zu betrachten (siehe Karl Müller
II 2, S. 446). So einfach liegt nun die Sache nach P. keinesfalls.
Schon 1583 ist auf den Konferenzen die Sabbat frage eifrig diskutiert
worden. Bound scheint also eher der Abschluß als der Anfang
einer Entwicklung zu sein.

Oute Register ermöglichen bequemes Nachschlagen; ein reicher
Anhang bringt ausgewählte Urkunden zu T. C.s Oeschichte

Göttingen. E. Hirsch.

Lutherischer Weltkonvent zu Eisenach vom 19. bis 24.
August 1923. Denkschrift. Hrsg. im Auftr. d. Ausschusses.
Leipzig: Dörffling & Franke 1925. (VII, 247 S. m,. 1 Abb.) 4°.

geb. Rm. 11—.

Die Denkschrift bietet in einem schmucken Bande
das gesamte Material an Predigten, Andachten, Ansprachen
, Vorträgen und Verhandlungen des Eisenacher
Lutherischen Weltkonvents. Die Wiedergabe der Aussprache
ist nicht ganz gleichmäßig: vielfach scheint
sie nahezu wortgetreu, bei anderen Rednern stellt sie
nur einen knappen Bericht dar. Doch wird der Quellenwert
der Denkschrift dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt
.

„Die lutherische Kirche trat in Eisenach mit großen
Gedanken, großen Zielen, großer Einmütigkeit in Erscheinung
", sagt das Vorwort. Wie die Tagung selber,
so ist auch der Bericht über sie in erster Linie als Bezeugung
des gemeinsamen Bekenntnisses und der Einheit
im Bekenntnis gedacht. Indessen läßt die Denkschrift
doch zugleich das ernsteste Problem der Eisenacher
Tagung und damit der Einigung des Luthertums über-
| haupt erkennen: das Verhältnis der amerikanischen
i Lutheraner und ihrer theologischen Führer zur deutschen
I Theologie. Hier begegnen sich zwei durch einen breiten
J Strom geistiger Entwicklung getrennte Jahrhunderte.
| Und gerade wo die Theologie des amerikanischen
Luthertums in einer so edlen Gestalt wie D. Reu das
Wort nimmt, zu der ergreifenden „Bitte an die lutherische
Theologie meines alten Vaterlandes, doch ihre
theologische Stellung zur heiligen Schrift vor Gottes
Angesicht nochmals durchzuprüfen" (106), spürt man
die Schwierigkeit und begreift, wie groß die Aufgabe
gegenseitigen Tragens ist. Gilt das von der Schriftfrage,
so nicht minder von der Stellung zu den Bekenntnissen.
Es liegt in dem Wesen einer solchen Tagung, daß die
deutschen Vorbehalte zu dem gänzlich unkritischen Konfessionalismus
der amerikanischen Glaubensgenossen nur
implicite, nicht explicite, nur indirekt in der eigenen Art
des Zeugnisses, nicht direkt in Polemik zum Ausdruck
I kamen. Immerhin ist Bachmanns schonender Satz
I als Vorbehalt der deutschen Theologen nicht mißzuver-
| stehen: „Freilich muß auch ausgesprochen werden, daß
i in den Begriffsverbindungen Theologie und Bekenntnis,
j Bekenntnis und Amt, Bekenntnisse und Bekenntnis auch
ernste Probleme enthalten sind" (106). Es ist gut, daß
in Eisenach der Ton des gemeinsamen Bekennens die
theologischen Unstimmigkeiten überklang. Wem hätte
es geholfen, wenn das Vertrauen der amerikanischen
Lutheraner zu uns zerbrochen wäre? Aber freilich:
| dieses Vertrauen stellt der deutschen lutherischen Theo-
j logie eine gewaltige Aufgabe. Morehead fordert in
i seinem wichtigen Vortrage „Wir wollen einander helfen"
! auf die Frage: „Wie können wir einander weiterhin
helfen?" u. a.: „Die Arbeiten der theologischen Wissen-
i schaft müssen den Theologen der Kirche in allen Teilen
der Welt jederzeit zur Verteidigung und Ausbreitung
j des Glaubens bekannt gemacht werden" (27). Wir werden
dabei gewiß nicht nur die Gebenden sein. Aber
früher oder später gilt es, die Theologen des amerikanischen
Luthertums in die innere Bewegung unserer
deutschen lutherischen Theologie hineinzuziehen und sie
von dem Biblizismus und Konfessionalismus im Stile
des 17. Jahrhunderts hinweg zu wahrhaft reformatorischer
Theologie zu rufen.

Die entsprechende Aufgabe ist ja auch innerhalb
des deutschen Luthertums selber gestellt. Auch hier
offenbarte der Konvent, obgleich er die lutherische Kirche
Deutschlands durchaus nicht vollständig darstellte,
keineswegs nur Einmütigkeit. Die Bekenntnis- und Kirchenfrage
erscheint in dem Problem der Lutheraner in
der Union. Zöllners, nur unzureichend wiedergegebene
, Debatterede für die Lutheraner in der Union
und die Entgegnungen von H a c c i u s - Hermannsburg,
Kropatschek - Dresden und Nagel- Breslau zeigen
den Gegensatz.

Erlauben. _ p. Alt h a ii s.