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Ausgabe:

1925

Spalte:

550-551

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dickinson, G. Lowes

Titel/Untertitel:

Indien, China und Japan. Betrachtungen über ihre Kultur, übers. v. Albert Malata 1925

Rezensent:

Haas, Hans

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nicht schelten und herabsetzen, er ist bereit zuzugestehen
, daß es für den Semiten die geeignete Religion
sein mag, aber das Christentum entspricht dem arischen
Geist und Gemüt. Unheilvoll erscheinen ihm die noch in
der Gegenwart bestehenden Zwitterbildungen, die das
wahre Christentum entstellen, am häßlichsten in den
katholischen, kaum weniger arg, wenn auch in andrer
Weise, in den kalvinischen Kirchen, aber leider auch
noch in dem lutherischen Protestantismus, wo besonders
der nicht überwundene Biblizismus und Klerikalismus
jüdisches Erbe ist. Zum Schluß entwirft er ein Idealbild
von dem reinen Christentum der Zukunft.

Mir scheint, daß man K. zustimmen muß, daß hier
ein noch ungelöstes, Lösung forderndes Problem vorliegt
, das mit Ernst, gewiß ohne antisemitische Gehässigkeit
, von der sich K. übrigens freihält, aber auch
ohne traditionalistische Ängstlichkeit in Angriff genommen
werden sollte, und daß die Stellung, die das
Alte Testament noch jetzt in Predigt und Religionsunterricht
einnimmt, nicht gehalten werden kann. Die
Kirche hätte über Schleiermachers gewichtiges Votum,
auf das sich K. oft bezieht, nicht so leichthin zur Tagesordnung
übergehen dürfen. Allerdings bietet das vorliegende
Buch, an das der hochbetagte Verf. selbst nicht
mehr die letzte bessernde Hand anlegen konnte, Grund
zu manchen Beanstandungen. Es schießt sicherlich mehrfach
übers Ziel hinaus, indem es insbesondere einmal
den ethischen Monotheismus des Alten Testaments nicht
gebührend einschätzt, andrerseits die germanische Ur-
religion dem Christentum wohl allzusehr annähert. Das
erste Kapitel „Religion und Krieg", in dem K. gegen die
judaisierende Kriegstheologie polemisiert, die es in dem
Ausmaß, wie er annimmt, m. E. nicht gegeben hat, hätte
fehlen können. Die Behauptung auf S. 58, daß die unbedingte
Geltung des Alten Testaments für das Christentum
keine kirchlich sanktionierte Lehre sei, steht in
offenkundigem Widerspruch zu den Bekenntnisschriften.
Iburg. VC. T h i m tn e.

Feldmann, Prof. D. Dr. Joseph: Schule der Philosophie.

Auslese charakteristischer Abschnitte aus den Werken der bedeutendsten
Denker aller Zeiten. Mit Unterstützung; zahlr. Philosophen
it. Pädagogen hrsg. u. mit e. Einführung u. Erläuterungen versehen
. Paderborn: F. Schöningh 1925. (XIII, 511 S. m. e. Taf.) 8°.

Rm. 6—; geb. 8—.

Der Verfasser meint, mit seinem Buch eine Darstellung der
Philosophie gegeben zu haben, „wie sie die philosophische Literatur
in solcher Ursprünglichkeit, Objektivität und Vollständigkeit bisher
wohl noch nicht besaß". Indessen selbst angenommen, daß die gekennzeichneten
Eigenschaften den Vorzug eines Philosophischen Lesebuchs
für Schule und Universität ausmachen würden, die hinter ihm
stehende pädagogische Idee scheint mir gerade der Philosophie gegenüber
völlig unangemessen. Kant legt bekanntlich den Hauptwert auf
das Philosophieren. Dies aber lernt man gewiß nur aus der intensiven
Versenkung in den inneren Bau eines oder mehrerer sich berührender
philosophischer Werke selbst, nicht aber dadurch daß man
auf 425 Seiten Exzerpte aus 69 Philosophen verarbeitet. Was hat
es für einen Sinn, wenn man jedesmal abbrechen muß da, wo vielleicht
die erste leise Frage dem Text gegenüber erwacht? Und wenn
Sendling in seinem Alter einmal sagt, daß der Philosoph mit Platou
anfangen und mit Aristoteles enden müssen, so hat das zunächst natürlich
den Sinn eines Bekenntnisses dessen, der das ausspricht. Aber es
birgt darüber hinaus die tiefe Wahrheit, daß der Mensch erst mit
dem Reiferwerden des Lebens sich für ein ihm ursprünglich fremdartiges
Denken öffnen kann und dann vielleicht gerade aus ihm die
tiefsten Deutungen sich geben läßt. Es ist sinnlos, mit einem Schlage
allerwärts die Quellen hören zu wollen. Wer einen allgemeinen
Uberblick über die Geschichte der Philosophie haben will, der wird
besser tun, sich aus einer geschichtlichen Darstellung belehren zu
lassen, die ihm die Fülle der Gesichte wenigstens in einer methodischen
Darstellungseinheit vermittelt. Die angebliche Unmittelbarkeit
und Objektivität eines Lesebuchs kann garnicht zurecht bestehen.
Denn nichts ist vermittelter als die flüchtige Berührung einer Quelle
und nichts ist subjektiver als die Auswahl und Aufnahme von knapp
10 Seiten aus dem Lebenswerk eines Denkers. Daß aber unter dem
angezogenen Gesichtspunkt gerade die angestrebte Vollständigkeit das
Allerschlimmste ist, muß wohl einleuchten. Will man statt eines
wirklichen Originals ein philosophisches Lesebuch, dann würde immer
noch ein solches vorzuziehen sein, das eine einzelne Seite oder Richtung
in den Vordergrund rückt, statt wie das vorliegende Raffaels
Schule von Athen — mit deren Reproduktion es geschmückt ist — zu
einer Universalschulc auszumalen.

Findel man sich aber mit dem Ziel des Herausgebers ab,
dann kann sich das Geleistete wohl sehen lassen. Von Piaton wird
ein Stück aus Kratylos und Phaidon geboten. Das ist karg, gemessen
an dem Raum, der Aristoteles zur Verfügung steht. Auch wäre statt
des ersten aufschlußreicher ein Abschnitt wie Theätet 180 ff. gewählt.
Vermissen muß man die Berücksichtigung des Staats, der vielleicht bei
geeigneter Auswahl alle andern ProIren hätte ersetzen können. Gut
ist dagegen die Auswahl aus Aristoteles (18—47), in der von der
Logik bis zur Politik nichts wesentliches ausgelassen ist. Epikur,
Stoa, Skepsis kommen ausgiebig zu Wort. Bei Plotin (81—S5) mag
man sich mit dem kurzen Hinweis auf das Schauen des Einen zufrieden
geben; während bei dem ausführlich gebrachten Augustin der Abschnitt
über die „Hauptprobleme der altgriechischen Philosophie" aus
de civ. dei eher verwirrend wirkt (86—111). Das Mittelalter komini
in Boethius, Joh. Scottus Eriugena, Anselm, Albert, Bonaventura,
Thomas, Petras Olivi, Eckhart, Duns Scotus, Ockham, Nik. v. Kues,
Suarez (11 — 184) jedenfalls nicht zu kurz. Die Auswahl ist, wie man
sieht, auf der traditionellen Grandlage erfolgt, Araber und Juden sowie
die „neu entdeckten" Scholastiker werden nicht berücksichtigt. Die neuzeitliche
Entwicklung bis Kant (Bacon, Hobbes, üescartes, Spinoza,
Locke, Leibniz, Berkeley, Hume, Rousseau, Holbach!) bevorzugt die
Engländer und Franzosen allzusehr. Bruno und Galilei vermißt man
ungern, Leibniz ist nur mit einem kleinen Abschnitt bedacht. Kant
(260—277) ist sorgsam beschnitten, statt der 6 Seiten transzendentalen
Ästhetik hätte lieber ein Kapitel aus der 2. Vorrede zur Kritik
der reinen Vernunft genommen werden sollen, damit wenigstens an
einer Stelle eine Ahnung von der Gesamtbedeutung seiner Philosophie
hätte durchbrechen können. Der deutsche Ideal smus (278—293)
ist eben „berührt". In buntem Durcheinander folgen Herbart, Bolzano,
Schopenhauer, Comte, Fechner, Mill, Deutinger (der Neugefundene!),
Lotze auf 40 Seiten (294—334). Den zweifelhaften Abschluß bilden
die Modernen in verwirrender, willkürlicher Auswahl, die man besser
ganz herausgelassen hätte: Wundt, Dilthey, Mach, Hertling, Nietzsche,
Paulsen, Rehmke, Vaihinger, Natorp, Husserl, Bergson, Külpc,
Scheler, Einstein und Nik. Hartmann (335—427). Dabei werden
Einzelne in sich selbst noch hoffnungslos zurstückt: Natorp z. B. wird
in 5 Bruchstücken auf knapp 5 Seiten geboten (wofür allerdings nicht
der Herausgeber, sondern ein Schüler Natorps verantwortlich ist).
Das Schlimmste fast ist der Abschluß mit einem in dieser Isolierung
verhängnisvoll wirkenden „Gericht" über "den Probicmcrtrag der gesamten
Philosophie durch Hartmann.

Diesen Auszügen sind Einführungen und Anmerkungen beigegeben
, über die hier nicht zu berichten nötig ist, da auch ihr Charakter
nur die ganze Anlage des Buches unterstreicht. Nur das Eine mag
schließlich noch erwähnt sein, daß die Arbeit sicherlich mit dem
guten Willen verfaßt ist, allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, daß aber das tatsächliche Ergebnis derart ist, daß es keine
Anschauung von dem Geist der modernen Philosophie zu vermitteln
vermag, daß jeder Ernst des Sichselbcrsurhens und Sichselberrecht-
fertigens erstickt wird in der ausgebreiteten Fülle der Resultate. Daher
wird der angehende protestantische Theologe gut tun, von dieser
Schule der Philosophie keinen Gebrauch zu machen.

Bremen. Hinrich Knittermeyer.

Dickinson, G. Lowes: Indien, China und Japan. Betrachtungen
über ihre Kultur, übers, v. Albert Malata. Celle: Niels Kampmann
1925. (71 S.) 8°.

Drei Aufsätze eines gebildeten, auch fremdem
Volkstum Verständnis entgegenbringenden und Gerechtigkeit
widerfahrenlassenden Engländers, Urteile, die der
Autor sich auf Grund geschichtlicher Studien wie auch
vorübergehender eigener Beobachtung in Indien, China
und Japan gebildet hat. Er charakterisiert zunächst, und
zwar treffend, jede der drei verschiedenen Kulturen in
der Zeit vor ihrem Kontakt mit dem Westen, um hierauf
zu zeigen, welche Wirkungen diese Berührung auf sie
ausgeübt hat und wozu sie weiterhin ausschlagen muß.
Die wohlüberlegten, klaren Ausführungen haben einen
Verdeutscher gefunden, der vergessen läßt, daß man es
mit einer Obersetzung zu tun hat.

Sehr bibelkundig scheint er nicht zu sein (S. 49: „ob wir hier
nicht einen neuen Beweis dafür haben, daß alte Flaschen
keinen neuen Wein vertragen"); wohl auch in, wenigstens
! außereuropäischer, Geschichte nicht recht bewandert (S. 42: „die
größten heimischen |d. i. indischen | Reiche wie [z. B.j Asoka").
Verzeihlich, wenn auch bedauerlich, sind Mißschreibungen, die nicht
alle Leser als solche erkennen werden, wie: S. 21. 27. 28 die Arya
Somay (statt: der Arya Smna/', sprich Samadsch); S. 27 zweimal: die