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Ausgabe:

1925

Spalte:

541-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lennerz, Heinrich

Titel/Untertitel:

Schelers Konformitätssystem und die Lehre der katholischen Kirche 1925

Rezensent:

Fendt, Leonhard

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641

542

Lennerz, P. H., S. ).: Schelers Konformitätssystem und die
Lehre der katholischen Kirche. Münster i. W.: Aschendorff

1924. (VII, 110 S.) 8°. = Aschendorffs zeitgemäße Flugschriften
4/5. Rm. 2.20.

Schelers „Konformitätssystem von Religion und
Metaphysik" wird hier gemessen am Vatikanischen Konzil
, am Modernisteneid, am Traditionalismus und Onto-
logismus, und es werden im Anhang die Bestimmungen
des Vatikanums über natürliche und übernatürliche
Gotteserkenntnis vom 24. April 1870 aus dem 7. Bande
der Collectio Laccnsis im lateinischen Original abgedruckt
. Mit anderen Worten: ein Philosoph wird theologisch
untersucht. Das ist nicht ganz so merkwürdig,
wie es aussieht, weil ja die katholische Theologie auf
weite Strecken hin selbst Philosophie ist, und weil der
Philosoph Schelcr eben in diese katholische Theo-Philosophie
hineingeredet hat. Indem aber Lennerz das Philosophische
jener Theo-Philosophie gänzlich in den Kreis
des Theologischen zieht, gibt er diesem Philosophischen
die Überlegenheit des unfehlbaren Theologischen
— und Scheler steht mit seiner Philosophie ohne
Unfehlbarkeit draußen, wird nun ex cathedra behandelt,
zu leicht befunden, in partes infidelium verwiesen. Es
ist anzunehmen, daß über diese Methode nicht bloß
Scheler den Kopf schüttelt; z. B. der Jesuit Pribilla hat
in seiner Schrift „Kulturwende und Katholizismus"
(1925) seinen Mitkatholiken, also sicherlich auch seinen
Mitjesuiten, den Rat gegeben Philosophisches philosophisch
zu bearbeiten und ihre Theologie einstweilen
im Hintergrunde zu lassen.

Zunächst wird von Lennerz mit Beifall festgestellt,
daß Schelers Konformitätssystem im Gegensatz zu denjenigen
Systemen steht, die die Möglichkeit und das
Recht einer Metaphysik bestreiten; und zwar nicht bloß
zu denjenigen Systemen dieser Art, die Sinn und Rechtsgültigkeit
der metaphysischen Fragen überhaupt bestreiten
und diese Fragen für sinnwidrig halten, sondern
auch zu denjenigen, die nur die Lösung dieser Fragen
mit Operationen des menschlichen Verstandes für unmöglich
ansehen, aber sie eben darum anderweitig, etwa
aus der Sinnlogik der religiösen Akte, erarbeiten. Scheler
ist nämlich der Überzeugung, daß „eine ganze Reihe
fundamentaler Sätze, die auch die Religion aus der
Sinnlogik der religiösen Akte selbst heraus als wahr
setzt, mit Hilfe der Metaphysik außerdem philosophisch
erwiesen werden könne". Also: weder soll die
ganze Metaphysik nur der Religion zugeteilt werden;
noch kann alles, was die Religion an Metaphysik erarbeitet
, außerdem von der Philosophie erarbeitet
werden; sondern einiges, was die Religion als wahr
setzt, kann auch die bloße Philosophie philosophisch erweisen
. Das sieht ähnlich aus wie die natürliche Theologie
der Katholiken, nach der die menschliche Vernunft
aus der Schöpfung mit Gewißheit Gott als Ursprung
und Ziel zu erkennen, ja durch Kausalschluß zu
beweisen vermag, wenngleich praktisch die Allgemeinheit
, Leichtigkeit, Vollkommenheit und Irrtumsfreiheit
dieser Erkenntnis erst durch eine positive Offenbarung
Gottes, die eben dieselben „natürlichen" Wahrheiten
zum Inhalt hat, erreicht wird. Aber gerade diese Identifizierung
eines durch die Vernunft erarbeiteten Inhalts
mit einem durch Offenbarung gebotenen lehnt Scheler
ab; und es ist ihm erst recht unerträglich, daß auch
noch die Methode, durch die der Vernunft jener Inhalt
erreichbar sein soll, dogmatisiert wird. Vielmehr sind
nach Scheler Metaphysik und natürliche Theologie
wesensverschieden; die Metaphysik kann ihre philosophische
Arbeit überall beginnen, die natürliche Theologie
hingegen nur da, wo das Göttliche sich selbst aufweist
in Sachen, Ereignissen, Ordnungen, die zu einer
„natürlichen" Offenbarung werden; die Metaphysik verwendet
alle philosophischen Mittel, vor allem das
Schlußverfahren, die natürliche Theologie arbeitet nicht
mit dem Schlußverfahren, sondern nimmt ein
spontan sich Eröffnendes entgegen; die Metaphysik

kommt zu zwei absolut sicheren Sätzen, die aber rein
formal zu verstehen sind, nämlich daß der Weltgrund
Ens a se und daß er prima causa ist, während ihre übrigen
Erkenntnisse nur wahrscheinlich sind und immer
unwahrscheinlicher werden, je näher sie dem absolut
Seienden rücken, beim Ens a se also schlechthin unwahrscheinlich
werden, die natürliche Theologie hingegen
empfängt Gewißheit von einem absolut Seienden
und Heiligen und ist nicht der Entwertung durch das
Schlußverfahren ausgesetzt; die Persönlichkeit des absolut
Seienden und Heiligen wird aber auch der natürlichen
Theologie nicht durch natürliche Offenbarung eröffnet,
sondern nur durch die positive Offenbarung im Wort
und durch Personen. Das Ens a se und die prima causa
der Metaphysik ist etwas Erschlossenes, dem All Ent-
dachtes, hingegen das absolut Seiende und Heilige der
natürlichen Theologie ist ein charismatisch Empfangenes
; sind demnach Metaphysik und natürliche Theologie
beide autonom, beide in ihrer subjektiven Quelle wesensverschieden
, kann also auch von einer „partiellen
Identität" keine Rede sein, so haben sie doch einen Zusammenhang
, eine „Konformität", die im Wesen der
beiderseitigen Intentions g e g e n s t ä n d e , im Wesen
der beiderseitigen Intention im menschlichen Geiste,
und in der einen — möglichen — Realität der
beiden Intentionsgegenstände gelegen ist. Denn Metaphysik
und Religion müssen zu einem identischen Realen
führen, wenn anders der Menschengeist einheitlich ist.

Man sieht, Scheler hat die im Katholizismus längst
dringliche Aufgabe angepackt, in die dort als natürliche
Theologie gebuchten Erkenntnisse Ordnung zu bringen:
welche sind durch Vernunfttätigkeit erreicht, welche
sind durch Offenbarung gegeben? Wobei der Philosoph
sich speziell zuständig fühlen darf für die Vernunftleistungen
. Merkwürdigerweise besteht die für den
Philosophen faßbare Verwirrung der natürlichen Theologie
im Katholizismus nicht etwa darin, daß zuviel
der Offenbarung und zu wenig der Vernunft zugeschoben
wird, sondern umgekehrt: dem Philosophen
erscheint die Lage so, daß viel mehr in jener natürlichen
Theologie von Offenbarung herrühre als der
Katholizismus zugibt. Und um Ordnung zu schaffen,
will der Philosoph den Ausdruck „natürliche Theologie"
nicht mehr auf die Vernunftleistungen, sondern nur auf
das durch natürliche Offenbarung Empfangene anwenden, während
die Vernunftleistungen Philosophie, Metaphysik heißen
sollen. Lennerz aber sieht dies durch das Vatikanum ausgeschlossen
, dort sei als natürliche Theologie die Erkenntnis
Gottes des Schöpfers und Zieles durch die Vernunft
proklamiert, also des Weltgrundes nicht bloß als Ens
a se und prima causa fm rein formalen Sinn, sondern
des persönlichen Schöpfers und Vergelters — durch die
Vernunft wird dieser erkannt, ja bewiesen! Aber sagt
nicht das Vatikanum selbst, daß in der Praxis doen
diese ganze Vernunftleistung erst allgemeine Tatsache
wird, wenn durch Offenbarung der Vernunft zuhilfe gekommen
wird? Der Philosoph nun hat es nicht mit dem
dogmatischen Exempel-Menschen, sondern mit dem
Menschen der Praxis zu tun — kann er da, wenn er gar
nicht als Konzil, sondern eben als Philosoph reden will,
nur die dogmatische Konstitution De fide wiederholen,
oder muß er andere, eben philosophische, Gedankengänge
gehen, die sich dadurch als katholisch im Sinne
des Vatikanums legitimieren, daß sie ins gleiche Licht
führen, in das auch das Vatikanum führt? Nämlich, daß
es eben praktisch ohne Offenbarung nicht weiter geht
als bis zum Ens a se und der prima causa, daß also
die Erkenntnis von einem Göttlichen und Heiligen,
dem der katholische Mensch sich auf grund der
Sachen, Ereignisse, Ordnungen der Natur verantwortlich
weiß, aus einer irgendwie gearteten Offenbarung stammen
muß. Und der Philosoph kennt sein Handwerkszeug
genug, um zu erklären: erst recht kann das Wissen
um das Persönlichsein jenes Göttlichen nicht durch Vernunftschlüsse
gekommen sein, Persönlichkeit kann nur