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Ausgabe:

1925 Nr. 2

Spalte:

36-37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Christusmystik. Eine religions-psychologische Darstellung der Paulinischen Christusfrömmigkeit 1925

Rezensent:

Lohmeyer, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 2.

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Tausenden von einst vorhandenen Zeugen nur ein verschwindend
kleiner Bruchteil auf uns gekommen ist.
Diese Erkenntnis spiegelt sich in Dom Q.s Buch denn
auch in einer recht überraschenden Weise wieder. Nachdem
alles bis aufs Letzte abgehandelt ist, erfahren wir
am Ende d. h. buchstäblich auf der vorletzten Seite
(p. 519). „II est bien entendu que tri le Turonensis, ni
l'Amiatinus, ni TOttobonianus ne sont les manuscrits
memes dont derivent ces familles, mais ils representent
de tres pres le type d'oü elles proviennent et ils appar-
tiennent ä la meme tradition. Cette remarque
s'applique ä tous nos classements." Das ist
allerdings sehr überraschend zu hören, denn niemand
wird bei den Ausführungen Dom Q.s über die Filiation
der Theodulfhandschriften oder die Alkvinklasse daran
gezweifelt haben, daß es die Absicht des Verfassers gewesen
sei, das wirkliche Kopistenverhältnis der erhaltenen
Kodizes zu ermitteln. Jedenfalls muß dann aber mit
allem Ernst gesagt werden, daß es in solchen Fällen erforderlich
ist, in den Stemmazeichnungen das Verhältnis
der „indirekten" Kopie deutlich zum Ausdruck zu bringen
. Mir ist es bemerkenswert, daß ich bei meiner Auseinandersetzung
mit v. Soden ganz die gleiche Überraschung
erlebte, als ich aus den Stemmata die Konsequenzen
ziehen wollte. Wenn diese ganze mühselige
Rechnerei am Ende doch nicht zu präzisen Resultaten
führt, sondern nur zu einem „ungefähr" — denn das
und nichts anders bedeutet die von Dom Q. schließlich
gemachte Einschränkung — so lohnt sie wirklich nicht
die darauf verwendete Arbeit. Denn genau soweit
kommt man auch durch Anwendung seines gesunden
Menschenverstandes — vielleicht sogar noch weiter.

Nun hat aber Rand gezeigt, daß z. B. in der Untersuchung
der Alkvinklasse Dom Q. sich eine nicht unerhebliche
Zahl wichtiger Handschriften hat entgehen
lassen, die zur Feststellung des Archetyps der Klasse
nicht zu entbehren sind, weil sie z.T. den ältesten sonst
zur Verfügung stehenden Zeugen gleichaltrig sind, und
das macht bei Untersuchungen über Filiation gerade
karolingischer Handschriften etwas aus. Rand ruft
in diesem Zusammenhang sehr mit Recht die Erinnerung
an Ludwig Traube wach, dessen Arbeitsweise für
Dom Q.s Werk hätte vorbildlich sein dürfen.

Schließlich ist aber auch die Hauptthese, auf der
sich letzten Endes die Konstituierung des Textes aufbaut
, daß nämlich die drei ältesten Handschriften, der
Amiatinus, Ottobonianus, Turonensis, drei von einander
unabhängige Typen repräsentieren, die aus demselben
Archetyp geflossen sind, sehr wenig wahrscheinlich. Und
ebenso unwahrscheinlich ist die Annahme, daß von
diesen drei Häuptern die drei Familien der Alkvin-,
Theodulf-, und spanischen Handschriften stammen. Damit
ist aber auch die Berechtigung des Prinzips, den
Text aus dem Consensus von zwei der drei Hauptzeugen
zu erschließen, fraglich geworden, und der Beweis, den
Dom Q. S. 466—487 auf Grund einer Durchmusterung
ausgewählter Lesarten hinsichtlich ihres inneren
Wertes zu liefern sucht, ist nicht überall so überzeugend,
wie er auf den ersten Blick erscheint.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein auf
Grund jener drei Zeugen rezensierter Text dem jetzigen
unendlich überlegen ist, und unter diesem Gesichtspunkt
wird die von Dom Q. angekündigte Probeausgabe
zu begrüßen sein. Aber ebenso unzweifelhaft ist,
daß eben diese Ausgabe für die Arbeit der Mitforscher
auf dem Gebiet der Vulgata erst die Grundlage für die
Untersuchung der Probleme abgeben wird, die Dom Q.
in seinem Memoire bereits gelöst zu haben glaubt.
Wir haben deshalb ein lebhaftes Interesse daran, daß
diese Ausgabe so eingerichtet werden möge, daß sie die
weitere Arbeit auch den Gelehrten, die anderer Ansicht
sind als der Herausgeber, erleichtern möge. Und da
geben die veröffentlichten Probeseiten zu einigen Wünschen
Anlaß: Alle reinen Orthographica müssen rücksichtslos
vom Apparat ausgeschlossen werden. Was

I nützt es der Forschung, daß auf den dort vorgelegten
5 Seiten ein erheblicher Teil des Raumes gefressen wird
von Buchungen wie egiptium: aegyptium, egyptium
usw.; hebreis: haebraeis: ebraeis; und "dergleichen. Auch
die zahllosen Varianten häufig begegnender Eigennamen
müssen aus dem Apparat verschwinden. Für alles das

| ist die Praefatio da. Bei profanen Texten ist das allgemach
zu einer Selbstverständlichkeit geworden, und bei
einer derartig massenhaften Überlieferung wie hier, wird
das Studium des Apparats zur Qual, wenn man sich aus

| dem gewaltigen Wust des mehr als Gleichgültigen die
wenigen wirklichen Varianten herausklauben muß.

Die Doppelung des Apparats hängt mit Dom Q.s
Prinzip zusammen und wird von ihm nicht aufgegeben
werden wollen: aber es ist zu wünschen, daß sie nicht
zur Quelle neuer Schwierigkeiten wird: denn so wie sie
jetzt durchgeführt ist, muß man sich die Lesarten der
drei führenden Handschriften aus beiden Apparaten zusammensuchen
. Das ist ein ernstlicher Fehler der
Anlage.

Und drittens: in Fällen wie Gen. 2, 22 ist klare
Übersichtlichkeit des Apparats zu fordern. Freilich kann
sich Dom Q. auf viele Vorgänger berufen, die es auch
nicht besser gemacht haben, aber die Entschuldigung
lasse ich nicht gelten bei einem Werk, das von so großer
Bedeutung für die künftige Bibelforschung sein wird,
und dessen Herausgeber gezeigt hat, daß für ihn die
„consuetudo" nicht maßgebend ist! Es ist ein schweres
Hemmnis für die Forschung, wenn man sich die Lesart
einer oder mehrerer Handschriften nur dadurch vergegenwärtigen
kann, daß man einen Zettel zur Hand
nimmt, und nun durch Addition und Subtraktion der
zahlreichen von Klammern durchwebten Angaben allmählich
den gesuchten Text herausanalysiert. Tischendorfs
Editio octava maior ist da ein abschreckendes Vorbild
. In solchen Fällen darf der Herausgeber eine gewisse
Ausführlichkeit nicht scheuen, für die er ja durch
Weglassen der merae nugae reichlich Raum gewinnen
wird.

Es ist eine respektable Arbeit, die Dom Q. in dem
vorliegenden Memoire geleistet hat: Aber es wird noch
viel mehr Arbeit zu leisten sein, bis das erwünschte
Ziel erreicht ist.
Berlin. Hans Lietzinann.

Weber, Vikar Dr. tlieol. Wilhelm: Christusmystik. Eine religions-
psychologische Darstellung der Paulinischen Christusfrömmigkeit.
Leipzig: J. C. Hinrichs 1Q24. (VII, 131 S.) gr. 8". = Untersuchungen
zum N.T. hrsg. v. H. Windisch, Heft 10. Om. 8—.

Kern und Mitte dieser Arbeit ist äußerlich und innerlich
die Untersuchung des I. Kapitels über die „religiöse
Struktur des Bekehrungserlebnisses Pauli". Ihr geht
voran eine längere Einleitung über den methodischen
und sachlichen Ausgangspunkt; ihr folgen zwei weitere
Kapitel, von denen das erste über „die Frage der Einheitlichkeit
der Paulinischen Religion" mehr eine Zusammenfassung
der Hauptergebnisse, das andere über
„Die Mystik in religionspsychologischer Beleuchtung"
eine Orientierung über die verschiedenen Auffassungen
von Mystik bietet, in der die bekannte Wobberminsche
Anschauung eine erneute und beachtenswerte Verteidigung
und Anwendung auf die paulinische Frömmigkeit
findet.

In der Untersuchung über das Bekehrungserlebnis
vor Damaskus ist, wie schon der Untertitel andeutet, ein
Bild der paulinischen Christusfrömmigkeit gegeben, die
als eine Variation und Ausdeutung des einen Hauptsatzes
erscheint: Christus in mir und ich in Christus. Die Darstellung
gliedert sich in zwei Teile; der erste betrachtet
den „Objektgehalt der Damaskusanschauung", der zweite
„die Reaktion des Ichs auf die Gottesoffenbarung".
Und in diesem zweiten Teile liegt wieder auf dem Abschnitt
über „Christus-Einwohnung", dem in zwei Anhängen
Betrachtungen über „Gnosis" und „Passionsmystik
" angehängt sind, der Hauptnachdruck. Hier ist