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Ausgabe:

1925 Nr. 22

Spalte:

509-511

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die hellenistische Mysterienreligion und das Alte Testament 1925

Rezensent:

Baumgartner, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 22.

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Schwally mit der Bemerkung abgewiesen wird, sie widerspräche
den ausdrücklichen Zweckangaben. So richtig
das letztere ist, so wenig besagt es. Der Autor selbst
geht gleich bei V. 7 über die im Text gegebene Begründung
hinaus, wenn er als Motiv auch das Interesse
wittert, den Fortbestand der Familie zu sichern. Am
wenigsten erscheint bei V. 6 die im Text gegebene Begründung
die ursprüngliche zu sein, mit der das Oesetz
ins Leben getreten ist. Vielmehr wird hier eine ältere
Praxis mit anderm Sinn mit einer modernen, humanen
Erklärung versehen, und der Ursinn der älteren Praxis
wird doch der sein, daß die Betreffenden das Heer gefährden
, weil sie den Schwärm der beunruhigten Dämonen
hinter sich haben. Jedenfalls überrascht die Ablehnung
des Versuches, hier den ursprünglichen Sinn
zu finden, bei einem Autor, der an anderer Stelle z. B.
gleich darauf S. 128, S. 131 f. unbefangen einen Ursinn
einer später nicht mehr ganz verstandenen Praxis erschließt
. — Die sorgfältige und gewissenhafte Arbeit
ist auch verhältnismäßig druckfehlerfrei. Von noch
stehen gebliebenen Druckfehlern entstellt nur der S. 69
Z. 1 v. u. den Sinn, wo es „vor" statt „von" heißen
muß. Die Typenauswahl für Stücke aus E ist unglücklich
, denn diese Typen unterscheiden sich kaum merklich
von denen für D2a.

Dassensen, Kr. fänbeck. I Ingo Diiensin g.

Kittel, Rudolf: Die hellenistische Mysterienreligion und das
Alte Testament. Stuttgart: W. Kohlhammer 1Q24. (IV, 100 S.)
gr. 8°. = Beitr. z. Wissenschaft v. A.T., N. F., Heft 7. Gm. 3.60.

Zum Interessantesten, was der letztjährige Orientalistentag
in München an wissenschaftlicher Anregung
bot, gehörte der gleichnamige Vortrag Kittels .— er ist
seitdem in ZDMO. 78 (N. F. 3, 1924) S. 88—101 veröffentlicht
worden. Das neue Gesicht, das dort Kittel
der Frage nach den Beziehungen zwischen AT. und
hellenistischer Mysterienreligion gab, war aber so überraschend
, daß es bei der zu Leitsätzen zusammengedrängten
Kürze der Darstellung wohl verblüffen, aber
kaum überzeugen konnte. Die Weite der umspannten
Gebiete, der vorsichtig schrittweise Gang der Untersuchung
, die sorgfältige Beweisführung, das alles kommt
erst hier in der ausführlicheren Monographie zur Geltung
. Und damit erhält auch seine These erst ihr
volles Gewicht, daß das Judentum an der Ausbildung
der hellenistisch-ägyptischen Mysterienkulte wahrscheinlich
viel stärkeren Anteil gehabt, als man bisher angenommen
(S. 98).

Die Untersuchung bewegt sich in weiten, aber
wohl überlegten Umwegen, denen zu folgen nicht ganz
leicht ist. Ihren Ausgang nimmt sie in Kap. 1 (Die Geburt
des Immanuel) von Jes. 7, lOff. 9, 1—6 11,1—9,
die sachlich zusammengehören und unbeschadet aller
Echtheitsfragen bei c. 9 und 11, und der umstrittenen
Deutung von c. 7 doch allermindestens in der Zeit der
Übersetzung ins Griechische vorhanden waren und von
der wunderbaren Geburt des kommenden Erretters, der
das goldene Zeitalter auf die Erde bringt, verstanden
wurden. Die messianische Deutung von 7, 14 wird
durch die engverwandten Stellen Gen. 16, 1 und Ri.
13, 3 gestützt, wo derselbe Stil der Heroen- und Erlösererwartung
vorliegt. — Kap. 2 (Das Helioskind und
das Weihnachtsfest) zeigt im Anschluß an die Untersuchungen
von Usener und Holl, wie die Jungfrauengeburt
des Heilbringers im nachchristlichen heidnischen
Hellenismus Ägyptens ebenso wie im Heidentum Syriens
«nd Arabiens weitverbreitet, nach der Überzeugung der
Berichterstatter alt überliefert und offenbar altheidnisch
war. — Kap. 3 (Die Geburt des Aion): Im Hellenismus
ist die neue Zeit in ihrem Erscheinen selber Gegenstand
einer Feier, gleich dem Sonnengott geboren, und damit
zur konkreten Gottheit geworden. Eine Kultfeier zur
Erinnerung an die Geburt des Aion von der Jungfrau
ist durch Epiphanias für Alexandrien bezeugt, läßt sich
aber weiter zurückverfolgen und führt in den Orient. —

Kap. 4 behandelt Wurzeln und Vorstufen der Aionvor-
stellung: die indoiranische Parallelgestalt des Zrvan, den
babylonischen Einschlag (Weltzeitalter, gewisse Formen
des Erlösungsglaubens), den ägyptischen (Eindringen
solarer Elemente in die Siriuszeitrechnung, am
6. Januar, später am 24. 25. Dezember die Wintersonnenwende
mit dem Fest der Geburt der Sonne,
Osirismysterien, Thronbesteigung des Königs und des
Gottes). Auf dem Boden Syriens und im Serapiskult
fließen die verschiedenen Ströme zusammen; auch das
alexandrinische Judentum muß seinen Anteil beigesteuert
haben. — Das 5. und wichtigste Kapitel handelt
vom Beitrag Israels. 1. Das himmlische Wunderkind
des Jesaia haben die Panbabylonisten mit Recht mit
mythischen Gestalten zusammengestellt; Horus/Osiris—
Immanuel — Helios — Aion sind Glieder einer und derselben
Reihe, die durch die Jahrhunderte und Jahr-
; tausende durchläuft. Natürlich hat Jesaia nicht bewußt
j auf einen heidnischen Mythus zurückgegriffen. Der Er-
i retter war ihm eine greifbare menschliche Gestalt, aber
von so wunderbarem Werden und Aufkommen, daß er
dies nicht besser zum Ausdruck bringen konnte als in
der Sprache des Mythos. 2. Wie anderwärts ist auch
in Israel aus dem Gottesweib eine Jungfrau geworden,
wohl unter dem Einfluß der vorderasiatischen jungfräulichen
Muttergöttin (Istar). 3. Die Art, wie die
Septuaginta Ty, meist in deutlichem Unterschied zu
wiedergibt, setzt Vertrautheit mit einer spezifischen
Aionvorstellung voraus. Ja eine solche muß
schon ziemlich früh angenommen werden, denn was
Jesaia in jenen Stellen schildert, ist nichts anderes als
der neue aiwv, auf diesen gehen auch die Wendungen
„an jenem Tage", „am Ende der Tage", und das "jy "Qtf
Jes. 9, 5. Und seine Beziehung auf die Gottheit liegt vor
in dem auch phönikischerseits bezeugten □T'Vt) bis,
wie der in Ex. 3, 13 gegebenen Deutung des Jahwenamens
. 4. Dramatische Vorführungen der Erlebnisse
I des Gottes wie in Ägypten und Babylon kannte aller
Wahrscheinlichkeit nach auch Israel; speziell am Neu-
j jahrsfest, wo Thronbesteigung des Königs und des
Gottes zusammenfielen. Hier waren König und Gott
eins, und ein Miterleben des Gottesschicksals durch den
König als Vertreter des Volkes ist anzunehmen. 5. Darüber
hinaus besaß Israel auch eigentlich mystische
und Mysterienstimmung. Der König war der Gottheit
durch die Salbung nahe gebracht. Aus dem Propheten
redete die Gottheit. Einzelne Psalmen zeigen, wie auf
Grund der Erlebnisse begnadeter Frommer es als möglich
galt, daß jeder gläubige Teilnehmer am Gottesdienst
dort die Gegenwart Gottes unmittelbar erleben,
ihn schauen und das Einswerden mit ihm genießen
konnte. Ja man scheint auch unabhängig vom Kult
diese mystische Vereinigung mit der Gottheit gewonnen
zu haben, durch besondere Riten und durch nachhaltige
Versenkung in Gott. — Das alles führt zum Ergebnis,
„daß schon in Israel und dem Judentum der Zeit, ehe
es in engere Berührung mit den hellenistischen Mysterien
kam, gewisse leitende Ideen jener Mysterienkulte
vorhanden waren" (S. 96).

Die Reichhaltigkeit der Schrift und die Fülle der
darin berührten und oft so schwierigen Probleme, die
weit über die Grenzen alttestamentlicher Wissenschaft
hinausführen, machen es nicht leicht, sich auf knappem
Raum damit auseinanderzusetzen. Aus naheliegenden
Gründen beschränke ich mich auf den Inhalt des ersten
und des letzten Kapitels.

Jenem kann ich in allem wesentlichen nur zustimmen
. Der weite Zusammenhang, in den jene Jesaia-
stellen hier hineingestellt werden — es geschieht doch
| ganz anders als bei den Panbabylonisten! — scheint mir
zum Wertvollsten an der ganzen Schrift zu gehören. Er
verfehlt hoffentlich seine Wirkung auf die Bestreiter der
Echtheit und der messianischen Beziehung nicht. Grad
der schlagenden Ähnlichkeit von Jes. 7, 14 mit dem