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Ausgabe:

1925 Nr. 20

Spalte:

480

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oehler, Wilhelm

Titel/Untertitel:

China und die christliche Mission in Geschichte und Gegenwart 1925

Rezensent:

Richter, Julius

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Seite 1

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479

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 20.

480

wird ein anthropozentrischer Erdenrest, zu tragen peinlich
, nachgesagt. So vorsichtig und sorgfältig aber auch
der Text in dieser dritten Auflage revidiert worden ist,
es bleibt doch noch immer bei dem Vorwurf, den einst
Lobstein und etwas anders Martin Schulze in der deutschen
Literaturzeitung und andere erhoben haben, daß
in der Darstellung und Kritik vieles unklar und von
Übertreibung nicht frei sei. Es bleibt im wesentlichen
bei der Klage Stephans (Zeitschrift für Theologie und
Kirche 1911), daß die Forderung der theozentrischen
Theologie einen vielgestaltigen Sinn habe. Ungefähr
dasselbe meinte ja wohl ebenfalls Bachmann,
wenn er im Theologischen Literaturblatt 1910 über „die
Heterogeneität der Dinge, die Schaeder seinem
Maßstabe unterwirft", bedauernd sich aussprach. Es ist
doch etwas ganz anderes, ob man aus gewissen menschlichen
Erfahrungen das Dasein und Wesen Gottes direkt
erschließen will, oder ob man zur Bekräftigung des
sonstwie gewonnenen Gottesglaubens auf bestimmte
menschliche Erfahrungen sich beruft. Schaeder erkennt
wohl da einen Unterschied an und will das letztere Verfahren
irgendwie noch gelten lassen, ist aber dabei nicht
ganz konsequent, und es klingt stets wieder der Vorwurf
an, daß die „offenbare Herrlichkeit Gottes" durch die
Rücksicht auf den Menschen und auf das Menschliche
„verkürzt und lädiert" werde. Ist denn aber die Aneignung
der Gotteserkenntnis, sei es auch einer Gl augefühl
gewonnen ist. Das ist eine mehr oder weniger
intellektualistische Deutung, die der ganzen Denkart
Schleiermachers fern liegt. Eher dürfte man sagen trotz
des oft gepreßten bekannten „woher": wie die Vorstellung
irgend eines sinnenfälligen Gegenstandes nicht
erst dadurch zustande kommt, daß wir aus einer Fülle
von Sinnesempfindungen auf den Gegenstand als
dieser Tatsache schließen, sondern so, daß mit den betreffenden
Empfindungen unmittelbar die Vorstellung des
Gegenstandes gegeben ist, ähnlich auch mit dem
schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl die Gottesvorstellung
. Ferner bestreite ich, daß Schleiermacher aus
dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl die spezifisch
christliche Gottesvorstellung ableiten wollte; zu dieser
gelangt der Mensch erst, was Schaeder auch an und für
sich nicht bestreitet, durch die Berührung mit Christus.
Das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl hat lediglich
die Bedeutung, daß es dem natürlichen Menschen die
Erkenntnis eines „Gottes überhaupt" möglich macht.
Anders ausgedrückt: In und mit diesem Gefühl ist die
„revelatio universalis" oder „generalis" gegeben. Endlich
, selbst wenn man einräumte, daß Schleiermacher
„aus dem Abhängigkeitsgefühl eine bestimmte, etwa die
christliche, Gotteserkenntnis ableiten will, könnte man
nicht behaupten, daß er eben damit den üblen, der
anthropozentrischen Methode nachgesagten, Gefahren
verfällt: nämlich Gott „auf das Maß des Menschlichen

b e n s erkenntnis, möglich ohne daß sich im Er- j herabzudrücken". Gott ist ihm vielmehr zunächst nur
kennenden auch gewisse Vorgänge abspielen? und | der „ganz andere", das Unbedingte, Absolute, — eine
ist es zwecklos, und tritt man Gottes Würde zu nahe, ! Auffassung, die man gerade auch bei modernsten Ver-

wenn man diese Vorgänge herauskehrt, die der gläubige
Christ selbstverständlich als Wirkungen seines Gottes
beurteilen wird? Schaeder spricht gern von dem „inne-

tretern der „theozentrischen Theologie" vielfach findet.

Ich meine also, die an Schleiermacher geübte Kritik
ist auch in der dritten Auflage nicht ganz gerecht.

ren Erlebnis des Gottes der Bibel". Wenn das nicht dem ; Mit al,edem ■ { jedoch über das w Programm

Verdacht anheimfallen soll, eine bloße Redensart zu
sein, muß es möglich sein zu sagen, worin, in welchen

Schauders noch nicht viel gesagt. Darüber könnte erst
ausführlicher gesprochen werden, wenn auch die neue,

eigenartigen Erfahrungen des erlebenden Menschen sch()n anRekümiigte und dllrch die Schrift des Verfassers
solch Erleben besteht. Man konnte versucht sein zu Das QeTstesproblem der Theologie" vorbereitete Auf-

sagen: der Verfasser wolle nicht e.nmal logisch einen , , des ^ T .,s ihrersdts b*rdts erschienen wäre
Unterschied gelten lassen zwischen dem Realgrund
allen Geschehens, sowie auch unserer Gotteserkenntnis,

Gießen. E. W. Mayer.

und dem Erkenntnisgrund, mag auch dieser I _ . . ,. _ ■ • „, . ... ,

zweifelsohne auf Gott zurückgehen. Gewiß kann und °V?e«h^

,. ,. ,. , .. ,. .. » . , , ..„. Geschichte und Gegenwart. Stuttgart: Evansr, Missionsverlag

soll die Verkündigung, die Lehre, schulniaßig ge- I 1Q25 (Vni> 282 s sn, , Karte.) p. s». Handbücher f.

Sprüchen, die „spezielle Dogmatlk" Stets VOn Gott aus- | Missionsstudienkreise, Bd. 4. geh. Rm. I M).

gehen; aber deshalb auch die Apologetik, die dogma- j 0eMer hat dnige Jahre als Missionar in China gear-

tische Pnnzipienlehre? Augenscheinlich ist schon der bdtet er bat sicb sdt sdner Ruckkehr unablässig mit

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Ausdruck „theozentrische Theologie" an sich nicht ganz
einwandfrei. Zur „Theologie" gehört doch auch die
Exegetische Theologie, die Kirchen- und Dogmenge-

China und der chinesischen Mission beschäftigt. Er hat
auch mit einer Monographie über die Taiping Revolution
promoviert. Er ist vielleicht zur Zeit einer der besten

schichte die Praktische Theologie. Ist es richtig, daß sie j Kenner der chinesischen protestantischen Mission in
alle nicht nur Gott voraussetzen sondern auch allezeit i Deutschland. So ist er in besonderem Maße qualifiziert,
von Gott ausgehen sollen? der Missionsinteressierten Jugend ein Missionsstudien-

Genug vorläufig der Bedenken! Noch drei Worte
über die Auseinandersetzung mit Schleiermacher als
dem angeklagten eigentlichen Urheber all des „anthropozentrischen
" Greuels.

Ich gebe Schaeder gerne zu, daß Schleiermachers
Bestimmung des Glaubens mangelhaft ist. An dessen
Stelle tritt ja das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl

buch über China und die chinesische Mission zu geben.
Darum, nicht um eine wissenschaftliche Monographie
handelt es sich. Die Höhenlage ist die durchschnittlich
gebildeter junger Leute von 18—25 Jahren. Ein wissenschaftlicher
Apparat ist vermieden. Die Schreibweise ist
durchweg einfach und lichtvoll. Das Buch gliedert sich
in zwei Hauptteile, eine chinesische Volkskunde (cap.

Der Begriff „Glaube" spielt zunächst in der Glaubens- 1—4) und eine zusammenhängende und übersichtliche

lehre überhaupt keine Rolle. Erst in § 14 tritt er auf
und zwar als „Glaube an Jesum", der übrigens so übel
nicht gekennzeichnet wird. Das ist unfraglich ein Mangel
, dem gerade Ritsehl sehr glücklich entgegengewirkt

Geschichte der evangelischen Mission in China. Nicht als
akademisches Lehrbuch oder als wissenschaftliche Darstellung
der chinesischen Mission, wohl aber als das,
wozu es bestimmt ist, als Studienbuch für freie Studien-

hat. Ich kann aber nicht zugeben, so oft es behauptet i kreise unter Studenten und in Vereinen verdient das Buch
worden ist, daß nach Schleiermacher die Gottesvor- ; Anerkennung.

Stellung durch einen „Schluß" aus dem Abhängigkeits- Berlin. J Richter.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 17. Oktober 1925.
Beiliegend Nr. 20 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prot. D. E. Hirsch in Göttingen, Bauratgerberstr. 19.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.