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Ausgabe:

1925 Nr. 18

Spalte:

426-427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frick, Heinrich

Titel/Untertitel:

Anthroposophische Schau und religiöser Glaube. Eine vergleichende Erörterung 1925

Rezensent:

Adolph, Heinrich

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425

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 18.

426

Adolph, Prir.-Doz. Li«, theol. Dr. phll. Heinrich: Organische
Grundlagen der Religion. Eine formale Untersuchung. Gießen:
A. Töpelmann 1924. (II, 112 S.) gr. 8°. Rm. 2.50.

Daß es sich bei der Religion „um einen einheitlichen
Ausdruck der Oesamtseele handelt", diese Erkenntnis
ist — im Unterschied von früheren Versuchen,
sie einem Teilgebiet des Seelischen zuzuordnen, — in
irgend einer Form Allgemeingut geworden. Der Verf.
stellt sich die Aufgabe, diese schon vorhandene „Erkenntnis
von der ,totalen' Beschaffenheit der Religion
auf eine neue Art zu begründen" (S. 2). Er benutzt
dazu, Wegweisungen W. Sterns folgend, den Begriff
des Organischen. Das Bewußtsein ist ein Organismus
und die Religion — im Unterschied von den übrigen
Geistesbildungen — dessen einheitliche und ganzheitliche
Lebensentfaltung, eine „Geistesschöpfung, die das
gesamte Bewußtsein umspannt" und in der „der einheitliche
Lebenswille selbst zur Auswirkung kommt"
(S. 2). Der Untertitel des Buches unterstreicht den
lediglich formalen Charakter der Untersuchungen. Ihr
Gegenstand sind „lediglich die organischen Formverhältnisse
der religiösen Lebenswirklichkeit" (S. 3). Wohl
eine Behandlung der gegebenen Gesamterscheinung Religion
in ihrem ganzen Umfang, aber als „rein formale
Beschreibung der religiösen Bewußtseinsphänomene".
Die Beschränkung auf diese Aufgabe bringt es mit sich,
daß Fragen metaphysischer Art unerörtert bleiben
können, im besondern auch der „Streit darum, ob man,
um die religiöse Perspektive richtig zu erfassen, von
Gott oder vom Bewußtsein auszugehen habe" (S. 2),
ob der Standpunkt der Transzendenz oder der Bewußt-
seinsimmanenz der richtige sei, um Religion ihrer letzten
Bedingtheit nach zu verstehen. Wir haben es einfach zu
tun mit der Religion als einer eigentümlichen Gelegenheit
des menschlichen Geisteslebens — was sie eben
doch auf alle Fälle ist — und mit einer bis zu seinen
letzten Strukturverhältnissen durchgreifenden phänomenologischen
Analyse dieses Geisteslebens. Daß damit
die letzten Grundlagen der Religion aufgedeckt seien, ist
also nicht die Meinung des Verfassers, wie das ja auch
in der Titelformulierung („Organische Grundlagen der
Religion" — nicht „Die organischen Grundlagen")
seinen Ausdruck findet.

Wie alle umfassende Durchdenkung eines Erkenntnisgebietes
unter einem beherrschenden Gesichtspunkt,
wenn dieser nicht lediglich von außen an den
Gegenstand herangetragen ist, so ist auch diese reich
an interessanten, anregenden und die Erkenntnis des
Gegenstandes fördernden Perspektiven. Zumal der Verf.
es verstanden hat, seinen Grundgedanken nach allen
Richtungen fruchtbar zu verwerten; schon die sechs
Seiten Inhaltsverzeichnis bei 106 Seiten Ausführung
geben einen Eindruck davon. Und dabei hat man doch
nur selten einmal den Eindruck, daß etwas allzurasch
und kurz abgemacht werde. Zur Behandlung kommt
neben den charakteristischen Erscheinungen der subjektiven
Religion (ihrer Intellekt, Gefühl und Wille vom
Lebensgrunde her umfassenden Ganzheit, ihren Abwehr-,
Assimilations- und Adaptionsmaßnahmen, ihrer organischen
Entwickelung auch durch äußere Anlässe) auch
die objektive mit der ihr eigentümlichen Tendenz, „alle
geistigen Elemente in ihre Komposition hineinzuziehen",
mit ihrem „Kampf ums Dasein" von Religion zu Religion
und mit ihrem Wesen zuwiderlaufenden Kulturströmungen
, ihrer Intoleranz, der oft sprunghaften Art
ihrer Entwickelung, wobei doch die organische Kontinuität
immer gewahrt bleibt, mit ihren typischen Gestaltungen
; der Unterschied zwischen der synthetischen
Bildung spezifisch religiöser Epochen (als Musterbeispiel
die Gotik) und der geistigen Zersplitterung areligiöser
Zeiten, wie unsere Gegenwart; das Verhältnis
der Religion zu den übrigen Geistesbildungen als „nur
funktionellen Einzeläußerungen des Lebens" (S. 34),
denen allen die Beziehung zum vollen Leben in dieser
oder in jener Weise fehlt; die geistigen Teilansichten

der Wirklichkeit, ihr abstrakter Charakter und ihre nur
oberflächenhafte Erfassung des Wirklichen und daneben
das ganzheitliche und wesenhafte Weltbild der
Religion; religionspsychologische und erkenntnistheo-
retische Ausführungen und Ausführungen über religiöse
Erfahrung und religiöses Erleben.

Bei solcher Fülle der behandelten Fragen verbietet
sich schon ein auch nur annähernd erschöpfendes
Referat, geschweige denn eine Auseinandersetzung
mit der ganzen Breite der Einzeldarlegungen. Ich beschränke
mich auf ein prinzipielles Bedenken. Wir
erfahren in der ganzen Arbeit nirgends, was denn
eigentlich Religion Besonderes ist. Ohne eine vorhergehende
Feststellung darüber geht es gleich mitten hinein
in die Untersuchung der organischen Formverhältnisse
der religiösen Lebenswirklichkeit, ganz so, als ob
diese einfach gegeben wäre und sozusagen nur aufgegriffen
zu werden brauchte, während sie doch in Wirklichkeit
vielmehr aus einer Fülle dessen, was alles unter
dem Namen Religion geht und doch nicht eigentlich
sie selber ist, sondern ihre weitere Auswirkung, erst
ganz eigentlich erfaßt werden müßte. Infolgedessen gerät
das entstehende Bild von der religiösen Lebenswirk-
lichkeit unvermerkt dahin, als handle es sich bei der
Religion um eine bestimmte und zwar eben die allein
ganzheitliche und lebensnahe Art der Welterfassung und
j des Welterlebens. Es wird nicht deutlich, daß Religion,
wie sehr sie als höhere Religion ihre Weltanschauung
hat, bei sich selbst so sehr etwas anderes ist als Weltanschauung
, vielmehr ein eigentümliches Beziehungsver-
{ hältnis des Menschen grade über diese Welt hinaus, daß
! einer eine sehr rudimentäre Weltanschauung haben und
dabei doch in hervorragender Weise ein homo religio-
sus sein kann. Lebendige Frömmigkeit und Trieb zur
Weltanschauungsbildung sind durchaus zweierlei. Die
innere Einstellung auf umfassende und durchdringende
Weltanschauung ist die spezifisch philosophische. Dann
aber ist Religion bei sich selbst keineswegs ohne weiteres
das Ganzheitliche zu allen andern nur Teilerfassungen
des Wirklichen. Und es ist nicht zufällig, daß
der Verf., um diese seine These durchzuführen, die Gefahr
, ins Abstrakte zu geraten, die am Wege der Philosophie
liegt, als ein der philosophischen Weltanschau-
ungsbemühung Wesentliches und darum Unvermeidliches
hinzustellen versucht. Tatsächlich ist Religion
bei sich selbst — in ihrer Vollendung als praktisches
Beziehungsverhältnis des Menschen zu der als absolute
Letztwirklichkeit erfaßten Urvoraussetzung alles
Geistigen verstanden — wohl die zentrale, darum aber
doch eine bestimmte geistige Einstellung des Menschen,
die bei sich selbst vor Einseitigkeiten ebensowenig
sicher ist wie andre praktische Geistigkeit und also nicht
ohne weiteres das ganzheitliche Verhalten, wie sie es
nach dem Verf. sein soll. Indem der Verf. in dem Abschnitt
: „Die Religion und die übrigen Geistesbildungen
" diese These zu verfechten versucht, treibt er unbewußte
Religionsapologetik auf Kosten jener anderen
Geistesbildungen. — Und noch eine andere Frage erhebt
sich, sobald dies eigenartige praktische Beziehungsverhältnis
als das eigentlich Besondere der Religion erkannt
ist: ob es wohl möglich ist, auch bei einer sich
bewußt auf formale Verhältnisse beschränkenden Untersuchung
, die metaphysischen Fragen so zurückzustellen,
wie das hier geschieht. Um so mehr ist anzuerkennen'
daß der Verf. auch von seiner Einstellung aus bei Erwähnung
des religiösen Apriori um den Gedanken eines
lebendigen Offenseins der menschlichen Geistigkeit
gegen die schöpferische Urvoraussetzung alles Geistigen
nicht herumkommt.

Hcrrnhut. Th. Steinmann.

Fr ick, Prof. D. Dr. Heinrich: Anthroposophische Schau und
religiöser Glaube. Eine vergleichende Erörterung StuttMt-t•
Strecker Schröder 1923. (XI, 160 S.) 8°. kart. Rm. 2 40 ; geb. 3.20.
Das Buch ist ein kleines Meisterwerk typologischcr Ver-

gleichung. Schon die Auswahl der beiden Vergleichsgrößcn „Schau"