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Ausgabe:

1925 Nr. 18

Spalte:

423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Droysen, Johann Gustav

Titel/Untertitel:

Grundriß der Historik 1925

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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423

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 18.

424

jenigen Ausführungen aus den Nachschriften zu geben,
welche sich nicht als Erläuterungen und Parallelen,
sondern als dem Manuskript gegenüber ganz selbständige
Gestaltungen und Ausführungen darstellen. Dabei
war durch Verweise herüber und hinüber und durch
Angabe der Schaltstellen die gemeinsame Benutzung
beider Teile zu erleichtern. In einem dritten Teil endlich
war durch genaue Übersicht sowohl über den Gang
jeder einzelnen Vorlesung wie über die in ihr selbst von
Hegel befolgte Disposition zu zeigen, wie Hegel in den
verschiedenen Jahren das Ganze der Religionsphilosophie
aufgebaut hat. Bei diesem Verfahren wäre das,
was wirklich ein in sich geschlossenes Ganzes ist, nämlich
das Manuskript, zur Wirkung gekommen, und jede
eigene Zutat des Herausgebers außer den grammatikalischen
Ergänzungen vermieden worden.

Trotz allem bisher Gesagten nun
bleibtdieneueAusgabeLassonsfürjeden
Hegelforscher unentbehrlich. Man kann in
ihr doch Hegels eigenes Manuskript der Religionsphilosophie
schließlich lesen. Und dies Manuskript
scheint mir das Schönste zu sein, was wir von dem
späteren Hegel haben. Von einer Frische der Kraft und
solcher inneren Lebendigkeit, daß man spürt: in diesem
Kolleg gab Hegel sein eigentliches Herz. Auch sachlich
ist für Hegels letzte Überzeugungen Wichtiges aus
diesem Manuskript zu lernen. Doch eine zusammenfassende
Überschau über das, was wir in der Hinsicht
durch Lassons Veröffentlichung gewinnen, sei aufgespart
, bis die andern Bände vorliegen. So sei zum
Schluß nur die Bitte an Lasson ausgesprochen, er
möge den zweiten und dritten Band nach den hier ausgesprochenen
Prinzipien gestalten und den ersten in
der sicher schnell nötig werdenden zweiten Auflage
ebenfalls nach ihnen umarbeiten.

Göttingen. E. Hirsch.

Ranke, Leopold v.: Das politische Gespräch und andere
Schriften zur Wissenschaftslehre. Halle a. S.: M. Niemeyer 1925.
(XVII, 83 S.) gr. 8°. = Philosophie und Geisteswissenschaften,
Neudrucke, Bd. 2. geb. Rm. 4—,

Droysen, Johann Gustav: Grundriß der Historik. Ebd. 1925.
(XII, 104 S.) gr. 8°. = Philosophie und Geisteswissenschaften,
Neudrucke, Bd. 1. geb. Rm. 4—,

Die Auswahl aus Leopold v. Ranke bringt außer dem „Politischen
Gespräch" von 1836 folgende größere Stücke: „Über die Verwandtschaft
und den Unterschied der Historie und der Politik" (Berliner
Antrittsrede 1836), Vorwort und die beiden ersten Vorlesungen
aus den „Epochen dar neueren Geschichte", die Münchener Gervinus-
rede von 1871. Diese Stücke sind dann durch kleinere Fragmente
ergänzt. In der knappen Einleitung weist Rothacker noch auf einige
andre Stellen hin, an denen Ranke sich zur Wissenschaftslehre geäußert
habe, und arbeitet feinsinnig sowohl den idealistischen Charakter
von Rankes Wissenschaftslehre als den Punkt, an dem sie sich
vom Idealismus scheidet, heraus. Die bequeme Zusammenstellung
soll Rankes Einwirkung auf unser geschichtsphilosophisches Denken
stärken helfen.

Der Neudruck von Droysen's (jedem über die Geschichte
Denkenden wichtigen) Historik ist nach der dritten Auflage erfolgt,
ergänzt sie aber durch die schwer zugängliche ausführliche Vorrede
zum 2. Band der Geschichte des Hellenismus. Bibliographische Notizen
von Wert sind angefügt.

Die beiden Neudrucke verdienen einen aufrichtigen Dank.
Göttingen. E. Hirsch.

Croce, Benedetto: Grundlagen der Politik. Uebertragen von
Hans Feist. München: Meyer & Jessen 1924. (62 S.) gr. 8°.

kart. Rm. 2.50.

Der bekannte italienische Philosoph und frühere
Kultusminister will eine Philosophie der Politik geben,
wie ich es in meiner „Politischen Ethik etc." versucht
habe, als theoretische Wissenschaft mit dem von Aristoteles
formulierten praktischen Zweck, daß „praktisch
nicht nur das Tun ist, das auf die Wirklichkeit zielt,
sondern ebenfalls und weit mehr noch Betrachtung und
Reflexion, die Ursprung und Ziel in sich selber haben
und durch Erziehung des Geistes das richtige Handeln
vorbereiten". Aber so sehr ich mich in dieser Auffassung

einer Theorie der Politik mit dem Verf. eins weiß, so
wenig kann ich ihm folgen, wenn er politisches
gleich nützliches gleich moralisches Handeln setzt
mit der Begründung: daß etwas, das in der höchsten
Klarheit des sittlichen Bewußtseins als Notwendigkeit
erscheint, nicht unmoralisch sein kann. Man vermißt
bei ihm das Gefühl für die Spannung zwischen politischer
und religiöser Moral.

Osnabrück. Ernst R o 1 f f s.

Ruider, Dr. Hans: Bismarck und die öffentliche Meinung in
Bayern 1862—1866. München: H. Schmidt Verlag 1924. (152
S. m. 1 Bildnis.) gr. 8°. = Deutsche Geschichtsbücherei, Bd. 1.

Rm. 4—; geb. 5—.

Der Verfasser will Bismarcks Person und Werk in den entscheidenden
Jahren von 1862—1866 sich in der bayrischen Presse spiegeln
lassen. Er ergänzt damit die Arbeiten von G. Ritter u. a. Das
Resultat ist, daß wir das allseitige Mißtrauen der Bayern gegen den
am nordöstlichen Himmel aufgehenden Stern beobachten können.
Fast die einzige Ausnahme bildet der Schriftleiter der Historisch-Politischen
Blätter, Dr. jörg, der mit seltenem Instinkt von Anfang an
für Bismarck eintritt. Der Leiter der Bayrischen Außenpolitik von
der Pfordten, der hinter dem „Korrespondenten von und für Deutschland
" steht, schwankt zwischen den Parteigegensätzen. Obwohl Bismarck
gerade ihm früh genug den einzig möglichen politischen Weg
für Bayern weist.

Die gründliche Untersuchung läßt uns von neuem das Unmaß
von Schwierigkeiten ahnen, die der Doktrinarismus aller Gruppen
Bismarcks übermächtigem Wollen entgegenzusetzen versuchte.
Potsdam. C. Schweitzer.

Messer, August: Die Philosophie der Gegenwart. 5., verb.
Aufl. Leipzig: Quelle & Meyer 1924. (VIII, 152 S.) 8».

geb. Rm. 1.40.

Der Erfolg dieser kleinen Darstellung zeugt für ihren relativen
Wert. Mit anerkennenswerter Objektivität und mit besonderer Hervorhebung
der „Fühlung mit dem Leben" wird ein sachlich orientierter
Überblick über die Philosophie der Gegenwart versucht, bei der allerdings
mit Ausnahme des über Gebühr gewürdigten Bergson die ausländische
Philosophie ganz unter den Tisch fällt. M. gliedert nach
3 Gesichtspunkten: 1. „kirchliche Autorität oder wenigstens religiöse
Grundüberzeugung", 2. „selbständiges wissenschaftliches Denken
", 3. „Gefühl oder Schauen". Daß unter die 1. Gruppe auch die
„protestantische Philosophie" gerechnet wird, verdient keine Nachahmung
; denn entweder wird — wie bei den hier eingereihten
Troeltsch, Otto, Scholz, Eucken — das religiöse Element der Philosophie
wissenschaftlich zu rechtfertigen versucht, oder es tritt — wie
z. B. bei den nicht vergessenen Barth und Gogarten — als Religion
gerade aus den philosophischen Bindungen heraus. Auch im Einzelnen
wäre gerade in diesem Abschnitt vieles zu beanstanden. W. Herr-
mann's „Schätzung Jesu" wird als eine „individuell-persönliche"
für nur „psychologisch-begreiflich" gehalten. Otto kommt gegen
Dorner (!) und Scholz sehr zu kurz. Daß Wernle und Ihmcls — als
die Kronzeugen des modernen und positiven Protestantismus — in einer
philosophischen Darstellung am eingehendsten behandelt werden, wird
sie selbst am meisten in Verwunderung bringen, und ist selbst bei der
praktischen Absicht des Verf. nicht zu rechtfertigen. Daß ein wirkliches
Verständnis für Barth usw., aber auch für den Sinn des religiösen
Glaubens überhaupt nicht vorhanden sein kann, sei durch diese
Sätze erhärtet: „Kommen die Vertreter der Religion (!) zu der Einsicht
, daß die Entscheidung über die Zentralfragen ihres Glaubens
nicht in wissenschaftlicher Weise gerechtfertigt werden kann, sondern
daß sie von irrationalen Faktoren abhängt, so ergibt sich daraus..,
daß Religion „Privatsache" sein sollte. Das Recht, auf subjektive
Entscheidung hin zu glauben und die subjektive Wahrhaftigkeit ihres
Glaubens wird kein anständiger Mensch den Frommen bestreiten"
(S. 31). Übrigens wird Tillich gegen Barth als Zeuge für den
Wert der Autonomie angerufen. Auch sonst ist manches unverständlich
. Windclband und Rickert verdienen in der Darstellung kaum
ein so einseitiges Übergewicht über alle andern. Natorp und Husserl,
auch Driesch, Spranger sind dagegen kaum gewürdigt, jüngere
wohl mit Absicht nur selten herangezogen. Daß im 3. Abschnitt
Joh. Müller und Rathenau für sehr viel wichtiger gehalten werden
als Keyserling, daß Steiner und die „Christian Science" breit behandelt
und die Psycho-Analyse kaum erwähnt wird, scheint selbst mit der
guten Absicht, „ein deutliches Warnungszeichen aufzurichten", kaum
verträglich. Aber natürlich ist bei beschränktem Raum allzuviel dem
subjektiven Urteil überlassen, und nur der Zweifel soll noch geäußert
werden, ob das Glaubensbekenntnis zum kritischen Realismus S. 97ff.
wirklich die Befähigung verrät, „zum eigenen philosophischen Denken
anzuregen", was als Zweck der ganzen Darstellung ausgesprochen ist.
Bremen. Hinrich Knittermeyer.