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Ausgabe:

1925 Nr. 17

Spalte:

401-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lask, Emil

Titel/Untertitel:

Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Eugen Herrigel. III. Bd. Mit einem Faksimile 1925

Rezensent:

Titius, Arthur

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401 Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 17. 402

Sonntag nach dem Ritus des englischen Cyprian, wie der ehrenwerte
Retef Heylin ihn nennt; was wollt ihr mehr haben", üb Sheffield
dies verstand oder nicht, Charles war es zum mindesten unfaßbar.
War das Common Rrayer die englische Messe, oder die Kommunionfeier
, oder die Litanei, oder die Predigt, oder etwas von all diesem?
Oder waren "Batemans Worte wirklich ein Geständnis, daß es Geistliche
gab (sc. in der anglikanischen Kirche!), die tatsächlich jede
Woche einmal die päpstliche Messe lasen?" — S. 71 fehlt die
typische Verteidigung, mit der Willis den Besuch einer römisch-
katholischen Kirche, von Charles auf frischer Tat ertappt, rechtfertigt:
,„,lch fühle mein ganzes Herz zum katholischen Gottesdienst hingezogen
; unser eigener Gottesdienst ist so kalt". „Genau das sagt
jeder eingefleischte Dissenter auch", erwiderte Charles; „jeder arme
Hiittner auch, der es nicht besser weiß und zu den Methodisten geht,
zum lieben Mr. Spontaway oder zum predigenden Flickschuster;
seine Frau sagt (ich habe die Leute selbst so reden hören!): O, mein
Herr, ich vermute,wir müssen da hingehen, wo wir am meisten Gutes
bekommen. Mr. So-und-So geht mir zu Herzen — er geht mir durch
und durch". „Willis lachte; „wohlan, keine schlechte Begründung,
wie die Zeit nun einmal ist, denke ich; arme Seelen wie sie, welche
besseren Mittel zu einer Beurteilung sollten sie haben? Wie können
Sie hoffen, daß diese Leute auf das „Die Schrift treibt uns an" hören
mögen?"" — S. 181: „Du hast die Nummer der Traktate für die
Times über den objektiven Glauben, nicht wahr? Dieses Traktat beweist
, daß die evangelische Partei sabellianisch und auf dem Wege ist,
sich offen zu bekennen." Was sollen „Traktate für die Times" sein?
Warum will die evangelische Partei erst jetzt „sich offen bekennen"?
Ja, wie kann man Newman übersetzen, ohne an die „Tracts put forth
to meet Hie exigencies of the Times", die hier kurzweg Tracts for
the Times, „Zeitgemäße Traktate" genannt werden, zu denken? Das
englische Original sagt: „Drittens, was die Evangelischen anlangt:
ich weiß, du hast eine von den Nummern der zeitgemäßen Traktate
über den objektiven Glauben. Nun, dieser Traktat bringt offenbar den
Beweis dafür, daß die evangelische Partei implicite sabellianisch ist,
und damit umgeht, dies als ihren Glauben zu bekennen". — S. 100:
>,'>b man verpflichtet sei, anzunehmen, daß der „unus aeternus", wie
die Lateiner sagen, existiert". Es handelt sich um das Athanasiauum,
und der englische Text hat richtig: „ob es notwendig ist zum Heile,
festzuhalten, daß da ist unus aeternus, wie es im Lateinischen heißt".
(Auf das unus kommt es an, nicht auf das Existieren). — S. 247 ff.
sind die 27 Fragen ganz kümmerlich übersetzt, einige, z. B. 16—10,
haben im Original einen anderen Sinn. — Aus dem schriftstellerisch
wundervollen 18. Kapitel des I. Teils hat die Obersetzung ein Monstrum
von Dürre gemacht. — Sätze wie S. 22 „Von den weiteren
Kreisen weiß ich nichts, und ist das wohl auch eine andere Frage",
oder S. 44: „Außerdem hat er mich bei dem alten Mr. Grünes eingeführt
, ein gutmütiger Schlucker" (nämlich Mr. Grimes!), dürfen in
einer Newman-Obersetzung nicht vorkommen.

Magdeburg. Leonhard Fendt.

Lask, Emil: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Eugen
Herrigel. III. Bd. Mit einem Faksimile. Tübingen: J. C. B. Mohr
1924. (IV, 318 S.) gr. 8°. Rm. 8.40; geb. 12—.

Endlich komme ich zur Anzeige dieses letzten
Bandes, der Inedita enthält, nämlich 1. eine (um die
biographischen und literarkritischen Notizen, die unselbständig
sind, verkürzte) Wiedergabe der Piaton-
Vorlesung vom Wintersemester 1911 12 mit Nach-

sowie Namen- und Sachregister, die, im allgemeinen
brauchbar, doch für das Verständnis der Fragmente
mehr leisten könnten; auf Vollständigkeit darf man sich
nicht verlassen.

Man könnte versucht sein, bei aller Anerkennung des
geistvollen Autors zu fragen, ob nicht der Wunsch, dem
allzufrüh seiner Gedankenarbeit Entrissenen ein seiner
würdiges Denkmal zu setzen, zu weit geführt hat. Immerhin
hat der unsäglich mühevollen Arbeit, die getan werden
mußte, auch ein rein sachliches Motiv zu Grunde
gelegen. Es war bekannt, daß Lask nach seinen vorliegenden
Publikationen zu wichtigen Änderungen seiner
Grundvoraussetzungen veranlaßt war, und man wünschte,
alles irgendwie zugängliche Material hierüber zu sichern.
Eugen Herrigel, der Herausgeber des Nachlasses, hat
im Logos XII, 1 über diese „Umkippung" gehandelt.
Hier muß es allerdings genügen, die leitenden Gesichtspunkte
Lasks anzudeuten. Von Rickert gleichzeitig
für philosophisches Denken und für die Betrachtungsweise
des transcendentalen Idealismus gewonnen, hat er
durch seine logischen Untersuchungen, die ihn zur Berührung
mit Husserls phänomenologischen Gedankengängen
führte, seine selbständige Meisterschaft erwiesen.
Kants „kopernikanische" Tat erblickt er mit dem Neu-
Kantianismus in der Aufhebung der Unabhängigkeit des
Seins gegenüber der logischen Sphäre, positiv ausgedrückt
in der „Verstandes-Artigkeit" (transcendentalen
Logicität) des Seins; über Kant geht er hinaus durch
Abstreifimg der Kantischen Einengung der Kategorien
auf den in der sinnlichen Anschauung gegebenen (ie-
genstand. Der Nachweis, daß schon die Existenz einer
transcendentalen Logik die Anwendung gewisser logischer
Kategorien auf das Unsinnliche voraussetze, wird
schlagend geführt. Neben die Sphären des Seienden
und Uberseienden tritt die üeltungssphäre. Von Hegel
bleibt diese Auffassung schon durch die scharfe Herausarbeitung
des (von Lotze herstammenden) Begriffs
der Geltung (der neben dem ästhetischen und ethischen
vor allem auch das Reich der Wahrheit d.i. der Theorie
schafft) unterschieden, ebenso grundlegend durch Anerkennung
des alogischen Materials, das als sinnliches
zugleich „sinnlos" oder „bedeutungsfremd" ist, als „in-
telligibles" (ästhetisches, ethisches pp.) ein bedeutungsbestimmtes
ist, aber „logosfremd" bleibt. Auch empfangen
die Einzelformen des Denkens alles, was sie über
den Formcharakter hinaus enthalten, bereits vom Material
; das Alogische ragt determinierend in ihre Gliederung
herein; nicht dialektisch auf einander weisen die
Formen, sie weisen aufs Material; damit ist auch das
dialektische Prinzip auf gehoben; vom Panlogismus bleibt
daher nur übrig der Panarchismus, daß es nichts gibt,
was nicht durch theoretische Form betroffen werden
kann; „alles ist gleichmäßig irrational und alles ist

trägen (S. 1—56), die, an sich wertvoll als eine selb

ständige, tief eindringende Analyse der platonischen gleichmäßig rationabel . Lasks Bemühungen beziehen
Ideenlehre, auch für Lask selbst, dessen letzte Tendenz ' sich ganz vorwiegend auf das Gebiet des Geltenden
auf eine Synthese von Kant und Piaton geht, sehr („Nichtseienden") und dies Gelten in seiner einfachsten
charakteristisch ist; 2. eine verhältnismäßig gut und Gestalt zu erfassen, es von der Tatsächlichkeit des Erzusammenhängend
ausgeführte Abhandlung zum System j lebens, mit der es verschmolzen ist, loszulösen, ist die
der Logik (S. 57—170), in der besonders die Grund- ! beherrschende Tendenz. Der äußerste Punkt dieses Be-
begriffe der Geltungsphilosophie und der Wahrheits- i strebeiis wird in der Lehre vom Urteil erreicht, indem der
begriff behandelt werden; auch Dispositionen des beab- i das Urteil leitende Wertgegensatz von Wahrheit und
sientigten Gesamtentwurfs liegen vor. Inhaltlich ist ein j Wahrheitswürdigkeit auf das Subjekt zurückgeführt, als
Fortschritt über Lasks Veröffentlichungen zur Kate- höchster Maßstab des Geltens aber ein gegensatzloses
gorien- und Urteilslehre wohl nicht wahrzunehmen. I Urbild der Wahrheit angenommen wird, die mit dem

3. „Zum System der Philosophie" (171—236) enthält
einen Aufsatz über Zusammenhang und Unterschied
von Theorie, Kunst, Ethos und Religion unter dem
formalen Gesichtspunkt ihrer Gliederung in Contem

Gegenstände selbst in seiner Unberührtheit von Positivi-
tät und Ncgativität zusammenfällt. Aber um unsern ureigensten
Wert handelt es sich nicht irgendwie im Gebiete
des Objektivierten, sondern vielmehr des „Fließen-

plation und Praxis (173—84) sowie eine große Anzahl i den", des konkreten Personalismus.

von z. T. bunt gewürfelten Notizen zu irgend einer Seite j Nähere Einzelheiten können hier nicht mitgeteilt

der Sache. Das Schlnßstück „Zum System der Wissen- | werden. Nur auf die allerdings durchaus fragmen

Schäften" (237—293) bringt aphoristisch gehaltene An- j tarischen, aber ein geniales Ringen mit dem Problem er-

deutungen, immerhin in geschlossener Form (239—57) weisenden Ansätze zur Religionsphilosophie sei hinge-

sowie Notizen. Angefügt ist ein Verzeichnis der (we- j wiesen. Wer es für schief erklärt, Philosophie als"

nigen) Rezensionen, die leider nicht abgedruckt sind, strenge Wissenschaft und als Weltanschauung einander