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1925 Nr. 17

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400

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Katalog der Stadtbibliothek Thun 1925

Rezensent:

Clemen, Otto

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399

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 17.

400

überwiegt bei unsern Gelehrten, dem Lehen fernstehenden
, von keiner lebendigen Überlieferung, von keinem
nach dichterischem Ausdruck ringenden Volkswillen getragenen
Dichtern das reine Spiel mit der sprachlichen
Form als solcher. Fremd, wie die ganze Richtung, sind
ihre Mittel: „Lehnübersetzungen" im weitesten Sinne des
Wortes. Lehnübersetzungen sind so viele sprachliche
Neubildungen Opitzens und der Opitzianer; eine große
Lehnübersetzung war bei uns der Akademiegedanke,
Lehnübersetzungen sind im wesentlichen die Lehren des
Büchleins „von der Teutschen Poeterey" und vor
allem das Prinzip des „alternierenden", d. h. regelmäßig
zwischen Hebung und Senkung wechselnden Versbaus,
das unser ganz eigentümliches, volksmäßiges, rhythmisches
Empfinden auf lange Zeit erschlagen hat, bis
Klopstocks freie Rythmen und Goethes Knittelverse
uns das Unsrige wiedergaben. Bis auf unsre Tage aber
hat Opitz als „Meister" gewirkt und nicht bloß auf die
deutsche Verskunst; sein Einfluß erstreckte sich viel
weiter, man kann sagen bis auf die innere Form und bis
auf die Lebensgebiete, aus denen die ernstere Dichtung
andauernd ihre Nahrung zog. Rationalismus war der
Zug der Zeit; aber dieser Rationalismus hat dank dem
Gewicht Opitzens auch die freieren und innigeren Regungen
z. B. einer religiösen Dichtung von persönlichem
Gepräge und seelischer Glut lange zurückgehalten. In
Goethes knabenhaften „poetischen Gedanken von der
Höllenfahrt Christi" steckt noch Opitz! Wie ungeheuer
ist dann der Schritt zu seinem „Ewigen Juden".
Wir pflegen die historische Bedeutung Opitzens meist
zu gering oder allzu einseitig einzuschätzen, wenn wir
ihn von unserm Standpunkt oder von demjenigen
Goethes aus betrachten. Auch diese Form, wenn man
will diese Degenerationsform deutschen Geisteslebens
will in ihrer Welt und sozusagen in ihrer phänomenologischen
Reinheit betrachtet werden, damit man ihr gerecht
werde. Gundolf hat in seiner kleinen, gehaltreichen
Schrift den Versuch unternommen und damit zugleich
eine Fülle von Gesichtspunkten für die Literatur des
17. Jahrhunderts ausgestreut.

Er schildert in ganz großen Zügen und mit gelegentlich etwas
journalistischen Wendungen den „sinnbildlichen Lebenslauf" des gelehrten
Barockdichters, des abenteuernden Strebers nach Fürstengunst
und Karriere, des Vorkämpfers für eine bessere Einschätzung der
Dichterwürde bei den in poetischen Dingen unsicher gewordenen
Deutschen; er umreißt fest die besondere Aufgabe der damaligen
Literatur: die Nationalisierung des Humanismus bei aller Wahrung der
übervölkischen, besonders religiösen Werte; von hier aus blickt er auf
Opitzens Vorgänger wie Claj und Hock, Weckherlin und Huebner
zurück, auch auf die Wirksamkeit der Akademien, deren Kuitur-
bedeutu.ng er doch wohl zu gering einschätzt: das Spielen mit den
poetischen Namen usw. hatte denn doch einen ernsteren Hintergrund,
wenn wir auch von L. Kellers Thesen manches abziehen müssen. Er
betrachtet dann, in großen geschichtlichen Zusammenhängen, die
„Teutsche Poeterey" und würdigt als ganzes die „Lehrkunst"
Opitzens, dessen sämtliche Erzeugnisse in Versen sich ausnehmen wie
Muster zu seiner Theorie. Die innere Lehre und Ärmlichkeit seiner
religiösen Dichtungen insbesondere wird mit Recht hervorgehoben.
Opitz war ohne religiöses Feuer: seine bedenkliche Vorurteilslosigkeit
im Lobpreis auf den berüchtigten Grafen von Dohna, seinen Brotherren
, die ihm die Zeitgenossen freilich nicht verübelten, zeugt davon;
und auch der „Humanismus", zu dem er sich in Glaubensdingen bekannte
" (ein Vorläufer Leibnizens in dem Wunsche nach Wiedervereinigung
der Konfessionen!) konnte ihn nicht zu wirklichem
poetischem Schwünge begeistern; war er doch mehr ein Gedankengewächs
als eine Notwendigkeit. Abgesehen von der ungeheuren Not
des großen Krieges, der Opitz beredte Worte zu widmen vermochte
, gingen doch Leben und Dichten bei ihm nur nebeneinander
her und auch seine leidenschaftliche Erotik hat ihm keine hinreißenden
Liebesdichtungen abgenötigt. Bei Günther, der in Gundolfs Darstellung
leider nicht zu seinem Rechte kommt, blicken wir in eine
auf religiösem wie auf erotischem Gebiet ringende Seele hinein.
Opitz hat nichts von diesem Ringen an sich. Auf einen Dichter wie
Günther aber mochte die Zeit nicht recht hören: so blieb er ohne
Widerhall und eben deswegen ohne die letzte Vollendung. Was damals
Widerhall fand, das war nicht poetisch. Niemand hat uns das klarer
gemacht wie Gundolf und so verstehen wir, warum jene Zeit der
deutschen Dichtung nichts weiter gegeben hat, als eine gewisse formale
Zucht. Abseits laufen Strömungen wie die Mystik, aber auch

religiöse Innerlichkeit in konfessionellen Bahnen. Wir hätten gewünscht
, daß G. von seinem Standpunkt aus auch der Dichtung
eines Paul Gerhard ein paar Worte gewidmet hätte.

Hamburg. Robert Petsch.

Katalog der Stadtbibliothek Thun. Abgeschlossen auf den 22.
Mai 1023. Nr. 1—8136. 21,900 Stücke. Verfaßt von Bibliothekar
Dr. C. Huber. Thun: Stadtbibliothek 1923. (324 S. mit
Zuwachsverz. I [umfassend die Nrn. 8137—8792, 23. Mai 1923 bis
'Weihnachten 1924], 38 S.) 8°.

Nach diesem Katalog ist die Thuner Stadtbibliothek weder eine
wissenschaftliche noch eine Volksbibliothek. Die Verwaltung sollte
sich entschließen, die nur historisch interessanten und die rettungslos
antiquierten und die wertlosen Werke zu magazinieren und die sorgfältig
gesichteten neueren Bestände zu ergänzen. Jetzt ist besonders die
Abteilung „Theologie, Moralische und Erbauungsschriften, Kirchengeschichte
" ein klägliches mixtum compositum.

Zwickau i. S. O. C lernen.

New man, John Henry Kardinal: Verlust und Gewinn. Die Geschichte
eines Konvertiten. Ins Deutsche übertr. v. Mater Ignatia
Breme, O.S.U. 1.—3. Tausend. Mainz: Matthias-Grünewald-
Verlag 1924. (XV, 381 S.) kl. 8°. geb. Rm. 6—.

Im Jahre 1848 an seinem Geburtstage, 21. Februar,
gab Newman einen Roman heraus mit dem Titel „Loss
and Gain". Zwei Absichten verfolgte er mit diesem Buche:
er wollte die Oxforder Bewegung der dreißiger Jahre
treuer und verständlicher zur Darstellung bringen, als
bisher in Streitschriften, Zeitungen, Erzählungen geschehen
war; und er wollte zeigen, daß man auch als
Anhänger Roms ein guter Stilist sein könne. Demnach
darf man von einer Übersetzung des Newmanschcn
Romans, die sich Kürzungen erlaubt, zweierlei erwarten
: sie muß die Stimmung der Oxforder Theologen,
so treffen, daß die Übersetzung für den deutschen Theologen
unserer Zeit eine dem Original gleichwertige
Quellenschrift zu sein vermag; und sie muß den Stilisten
Newman in deutscher Sprache erstehen lassen. Beides
hat Mater Ignatia Breme vom Orden der Ursuli-
nerinnen so ziemlich verfehlt. Sie kann gut Englisch, das
merkt man; aber den theologischen Dingen gegenüber
fühlt sie sich unsicher, darum läßt sie gern Sätze und
Satzteile aus, die ihr von der Theologie her bedrohlich
erscheinen. Aber gerade solche Sätze und Satzteile sind
recht oft Lichter ersten Rangs im Original! Dazu kommt
die offenkundige Liebe, mit der Newman auch als Katholik
auf jene Oxforder Jahre zurückblickt: das Original
ist geradezu köstlich für jeden Akademiker, der als älterer
Mann auf die eigenen Universitätsjahre zurücksinnt
— und das kommt bei Newman der anglikanischen
Theologie und Kirche zugute; aber die Übersetzerin hat
keinerlei Zuneigung zu den Anglikanern ihres Originals,
und so fällt wieder so mancher Akzent weg, den New-
mans Liebe der eigenen Vergangenheit nicht geweigert
hat. Noch bedenklicher ist es, daß die Übersetzerin
Einzelnes ganz oder teilweise falsch übersetzt, aus Mangel
an Theologie. Aber auch dem Stilisten Newman ist
weder das Deutsch der Übersetzerin noch ihr Genius gewachsen
. Schulluft weht, wo man im Original durch
Idyllen wandelt. So hat Mater Ignatia aus „Loss and
Gain" eine der typischen Konvertitengeschichten gemacht
, in denen alle Liebe und Aufmerksamkeit allein dem
Wege nach Rom zu teil wird. Für die nächste Auflage
des sehr schön ausgestatteten Buches muß man verlangen
, daß 1. die erste Auflage von 1848 zu gründe gelegt
wird (Mater Ignatia übersetzt nach der 6. Aufl. vom
21. Februar 1874); 2. ein Theolog und Stilist guten
Ranges mit der Übersetzung betraut wird; 3. eine Einleitung
die Oxforder Zustände um 1833 schildert; 4. Anmerkungen
zu den spezifisch englischen Fragen gegeben
werden; 5. möglichst der ganze Text des Originals
übersetzt wird.

Es kann sich nur darum handeln ein paar Beweisstellen für das
oben Gesagte anzuführen. S. 10: „Das tun wir ja auch, wir haben
doch jeden Sonntag unsere englische Messe, was wollen wir mehr!"
ist zusammengeschrumpft aus dem Englischen: „„Wir halten fest
an der Messe", sagte Bateman; „wir opfern unsere Messe jeden