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Ausgabe:

1925

Spalte:

381-384

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wallau, René

Titel/Untertitel:

Die Einigung der Kirche vom evangelischen Glauben aus 1925

Rezensent:

Schian, Martin

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erfreulicher ist heute für den Theologen das Studium
der Philosophie als vor einem Menschenalter!

Der kurze Aufsatz über „Kant und die deutsche
Kultur" ist eine prachtvolle Einführung in K.s
Gedanken. Der „historische Kant" tritt hier natürlich
noch mehr zurück, die Gegenwartsbedeutung seiner
Philosophie ist der alleinige Blickpunkt. Nach der Kennzeichnung
des Hauptwerkes bedarf es keiner besonderen
Angaben. Möge das Heft mit seinen reizvollen, knappen
Formulierungen viele zum Studium des großen Werkes
locken!

Halle a. S. Horst Stephan.

Stange, Lic. Erich: Vom Weltprotestantismus der Gegenwart.

Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses [ 10251. (80 S.) 8°. Rm.1.80.
Wal lau, Rene Heinrich: Die Einigung der Kirche vom
evangelischen Glauben aus. Berlin: Furche-Verlag 1925.
(351 S.) gr. 8°. geb. Rm. 12—.

Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen. Deutsche
Vereinigung. Vorträge d. Stuttgarter Jahresversammlung, geh. vom
22.—24. September 1024. Hrsg. v. D. F. S i e g m u n d - S c h u I t z e.
(Sonderheft der „Eiche" ) München: Chr. Kaiser gr. 8°. Rm.2—.
Protestantische Rundschau — Protestant Review — Revue
Protestante. Vierteljahrsschrift d. Internationalen Verbandes zur
Verteidigung des Protestantismus (Mitteilungsblatt). 2. Jg.. Nr. 1
(Januar 1925). Hauptsehriftleiter: Dr. Q. Ohlemüller. Berlin:
Verlag des Evang. Bundes. (36 S.) 8°. Rm. 1—.

Die „Weltkonferenz für praktisches Christentum",
die im August in Stockholm zusammentritt, setzt
viele Federn in Bewegung. Stange, ehrenamtlicher
Sekretär der europäischen Sektion der Konferenz, stellt,
um die innere Teilnahme an dem Ereignis zu fördern,
allerhand Tatsächliches und Grundsätzliches zusammen.
Zur ersteren Kategorie gehören: Darlegung des „Grundrisses
" der Konferenz, ihre Vorgeschichte, Organisation,
Arbeitsplan u. ä„ sowie eine Statistik des Gesamtprotestantismus
, die jetzt für die Beschickung der Konferenz
ausgearbeitet worden ist (auf welchen Grundlagen ruht
sie?). Zur zweiten Kategorie gehören Aufsätze über
„Gemeinsame Entwkklungslinien im Weltprotestantismus
der Gegenwart" und über „Das Ringen um das
Verständnis des Reiches Gottes" (S. 32—55). Der letztere
Aufsatz will auf die „Kernfrage" der bevorstehenden
Auseinandersetzungen eingehen. Er nimmt als
solche nicht etwa die Frage der kirchlichen Einigung,
sondern die Auseinandersetzung mit dem angelsächsischen
optimistischen Verständnis des Reiches Gottes
und der daraus folgenden besonderen Aktivität. St. bejaht
seinerseits die Verpflichtung zu einem zielbewußten
sittlichen Handeln auch gegenüber den Schäden des
völkischen und übervölkischen Lebens. Aber er bekämpft
mit vollem Recht jenen Optimismus, der ihm in einem
falschen Verständnis der Sünde zu wurzeln scheint.
Daß er auf diesen Punkt nachdrücklich hinweist, halte
ich für sehr nützlich.

Nach Stockholm war die gesamte Christenheit
eingeladen, nicht nur der Protestantismus. Rom hat
abgelehnt; die morgenländische Kirche schickt Vertreter.
Daß Stange trotzdem seine Schrift betitelt „Vom Weltprotestantismus
der Gegenwart", ist merkwürdig. Auch
R. Wall a u hat, als er die Ausgabe seines (auf einer
Gießener Lizentiatei.dissertation ruhenden) Buches beschleunigte
, an Stockholm gedacht; aber er spricht
nicht bloß vom Protestantismus, sondern von der
„Kirche", — wobei sofort angemerkt werden mag, daß
man m. E. nicht wohl von einer Einigung der Kirche in
der Einzahl, sondern vielmehr der Kirch e n reden muß.
W.'s Buch ist — abgesehen von einer kleinen Obersicht
, die A.W.Schreiber 1921 gab — die erste, jedenfalls
die erste umfassende, Tatsächliches und Grundsätzliches
verbindende Darstellung der neuen internationalen
Einigungsbewegungen. Der ganze 1. Teil (S. 25
bis 170) ist tatsächlichen Inhalts; er schildert alle Bestrebungen
und Organisationen, die für die Einigungsfrage
in Betracht kommen: die mannigfachen konfessionellen
und interkonfessionellen Bewegungen im Rahmen

der verschiedenen Nationen, die freie Zusammenarbeit
auf dem Gebiet der Mission, Inneren Mission, Jugendbewegung
usw., ferner die übernationalen kirchlichen
Einigungsbewegungen, sowohl die konfessionellen (z. B.
Reformierter Weltbund) wie die überkonfessionellen. Es
folgen Charakteristiken der wichtigsten Führer: Söder-
blom, Macfarland, üardiner. Den Abschluß bildet eine
eindringende Übersicht über die praktischen Ergebnisse
der seitherigen Einigungsarbeit; das sind die bekannten
großen Organisationen: Konferenz für Glaube und Verfassung
, Konferenz für praktisches Christentum, Weltbund
für Freundschaftsarbeit der Kirchen; auch die allgemeine
protestantische Hilfsaktion wird besprochen, obwohl
sie doch wohl etwas aus dem Rahmen herausfällt
. Für diese Darlegungen muß m. E. die ganze
deutsche kirchliche Welt und ebenso die Theologie W.
dankbar sein. Sie füllen eine jetzt sehr empfindlich gewordene
Lücke aus. Zuweilen mag auf diesen Seiten
eine kleine Ungenauigkeit unterlaufen; man kann z.B.
kaum sagen, daß durch Schaffung des D. E. Kirchen-
ausschusses die Eisenacher Konferenz auf „eine festere
Grundlage gestellt" worden sei (S. 32). Aber der Bericht
ruht auf sorgfältig und mühsam gesammeltem
Material und ist sehr eingehend gehalten, zudem alles
Andere als trocken. Der Standpunkt des Verf.'s leuchtet
überall durch, ohne immer bis zum Letzten deutlich
herausgearbeitet zu werden. So erkennt man nicht klar,
wie W. zu dem „Religiösen Menschheitsbund" steht
(S. 45 f.).

Teil 2 und 3 sind grundsätzlicher Art. Sie behandeln
die Voraussetzungen für die Einigungsarbeit,
und die kirchliche Einigung vom evangelischen Glauben
aus. Zu den „Voraussetzungen" gehört die Erörterung
über Gemeinschaft, Reich Gottes und Kirche in
der neutestamentlichen Welt und in der Reformation.
Natürlich konnten hier nur knappe Gedankenreihen,
keine eigentlichen Untersuchungen geboten werden. Der
! Historiker kann in diesen Abschnitten an mancherlei
Punkten mit seiner Kritik einsetzen, und über die grundsätzliche
Tragweite der gewonnenen Positionen läßt
sich streiten. Es bleibt eben sehr zu erwägen, ob
| und inwieweit z. B. aus den neutestamentlichen Einzel-
I aussagen unmittelbare Forderungen für unsere kirchlichen
Verhältnisse abgeleitet werden dürfen. W. fügt
aber auch eine Besprechung von „Voraussetzungen der
Gegenwart für die Einigungsarbeit" hinzu. Seine eigene
Stellung kommt in der Auseinandersetzung über „Die
kirchliche Einigung vom evangelischen Glauben aus"
I S. 265—318 zum Ausdruck. Er tritt sehr nachdrück-
; lieh für die Einigung ein; dabei komme als Organi-
! sationsform allein die föderative in Frage; sie müsse
• aber mehr sein als Zusammenarbeit oder Interessengemeinschaft
; sie müsse zu einer Form der „organischen
Union" werden. Die Führung der Kirchenföderation
! könne ein „ökumenischer Kirchenrat" im Sinn Söder-
bloms innehaben. Die Gewähr der Verwirklichung sol-
j eher Konföderation biete am besten die „Allg. Konfe-
; renz für praktisches Christentum". Zu erstreben ist
nach W. ausdrücklich nicht eine „lose Gliederung",
sondern die föderative Union soll durch eine starke
rechtliche Organisation unterbaut sein (S. 147 f.).

W. warnt dringend vor dem Oberschwang in aller
Einigungsarbeit (134); in den Hoffnungen, die man
i auf sie setzt, solle man nüchtern und sachlich bleiben
(316). Aber bleibt er selbst wirklich in den damit gegebenen
Grenzen? „Dem Prinzip nach" erklärt er eine
föderativ-organische Union aller bestehenden christlichen
Kirchen „für wohl möglich"; diese Formulierimg
beanstande ich; das Prinzip entscheidet nicht
über das, was möglich ist. Das bloße Prinzip, ohne
geschichtliche Einstellung, verlangt m. E. sogar die
Einigung; aber Prinzipien ohne geschichtliche Einstellung
nachgehen hieße den Boden unter den Füßen
verlieren. Die geschichtliche Einstellung aber macht
jede Union mit Rom glatt unmöglich. Das deutet auch