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Ausgabe:

1925 Nr. 15

Spalte:

346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauer, Johannes

Titel/Untertitel:

Kurze Übersicht über den Inhalt der Neutestamentlichen Schriften. 2., neubearb. Aufl 1925

Rezensent:

Pott, August

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 15.

346

Verf. seine Auffassung des historischen Jesus. Die
Stellung P. W. Schmiedels (die Person Jesu im Streit
der Meinungen der Gegenwart 1906) scheint ihm prinzipiell
unerschüttert. Historisch gesichert sind die Aussprüche
Jesu, die der späteren kultisch-mythischen
Christusgestalt widersprechen, vor allem Mk. 10, 18;
14, 34; 10, 40. Mt. 11, 19. Mk. 3, 21. Mt. 7, 21—23.
Jesus trat als messianischer Prophet auf. Grundsätzlich
hält das auch die synoptische Verkündigung fest. Denn
in ihrem Mittelpunkt steht im allgemeinen nicht der
Christus und dessen Reich, sondern Gottes Wille und
Gottes Reich.

Vor allem gegen die mythologische Herleitung der
Jesusgestalt verteidigt Verf. seine Thesen, so gegen
Raschke, v. d. Bergh van Eysinga und Drews. Die
formgeschichtlichc Methode, der Verf. eine leider zu
kurze Auseinandersetzung widmet, führt ihn ebenfalls
zur Anerkennung eines geschichtlichen Kerns.

Von besonderem Belange sind die dogmatischen Konsequenzen
, die sich für Windisch hieraus ergeben. Er erörtert
sie als Möglichkeiten von der von ihm gewonnenen
Basis aus. Zu der Gestalt des Verkünders des Gottesreichs
, der durch seine Persönlichkeit die Gestalt seiner
Verkündigung plastisch und eindrucksvoll macht, tritt
die Möglichkeit einer Bereicherung durch die neutesta-
mentliche Christuspredigt, wobei Voraussetzung ist, daß
die Übertragung theologisch-spekulativer und mythischer
Motive auf Jesus in dessen eigener Verkündigung und
dessen Selbstbewußtsein als begründet gilt. Dieser Weg
entspräche den Motiven der Christologie des apostolischen
Zeitalters, wird aber nur gangbar durch einen
mit der Überlieferung sehr frei schaltenden Eklektizismus
. Schließlich kann drittens dem Christusgeist die
grundlegende Bedeutung zugeschrieben werden und
nachträglich Jesus als sein größester Träger erscheinen.
— Abschließend wägt W. umsichtig und sachlich die
Möglichkeiten einer Christologie auf skeptischer, ahistorischer
Grundlage ab. Alle Wege — auch der letzte
erscheinen dem Verf. als Verdeutlichungen, ja mehr als
Bürgen des einen Evangeliums von Gericht, Sündenvergebung
und Gnade. Aber diese letzte Einheit begründet
nicht einen Abbruch der Diskussion zugunsten
subjektivistischer Willkür, sondern im Gegenteil die
Fruchtbarkeit ringender Auseinandersetzung, zu der Verf.
einen Ausgangspunkt gegeben haben will.

Diese Diskussion läßt sich nicht im Rahmen einer
knappen Besprechung aufnehmen. Das große Verdienst
der Arbeit liegt in der Klärung der in Betracht kommenden
historischen und systematischen Möglichkeiten. Die
Berücksichtigung der ahistorischen Christologie ist
ebenso bedeutsam wie die Anerkennung einer über den
„historischen Jesus" hinausgreifenden Christologie. W.
selber neigt dazu, in Jesus die prophetische Persönlichkeit
zu sehen, die uns zu Gott führt. Nur zu den Voraussetzungen
dieser Auffassung versuche ich daher kurz
Stellung zu nehmen.

Windischs prinzipielle Voraussetzung ist: erst durch
eine Persönlichkeit gewinnt eine Idee Kraft und Leben.
Eine nähere Erörterung gibt W. nicht. Gerade sie würde
den naturalistischen Schein dieser These zerstreuen.
Denn gemeint sein darf nicht die bloße suggestiv-dämonische
Kraft einer Person, sondern ein sachlicher Wertgehalt
, der an der Persönlichkeit als ganzer über alle
Einzeläußerungen hinaus, ja vor ihnen offenbar wird.
In diesem Falle aber gewinnt Windischs These eine neue
Bedeutung und Fruchtbarkeit. Zunächst wird die
Trennung zwischen Persönlichkeit und Lehre und demzufolge
auch zwischen dem emotionalen Eindruck und
der Gültigkeit der Verkündigung überwunden. Während
bei W. der Eindruck der Persönlichkeit nur vorbereitende
, suggestive Bedeutung zu haben scheint, ist
vielmehr die Persönlichkeit konkret gegenwärtige
Sinn einheit, die als solche wirksam ist. Die Macht
ihrer Verkündigung steht nicht als ein zweites neben der
Idee, die sie verkündigt. Sondern ihre geistige Macht

| liegt in ihrem geistigen Gehalt, d. h. in dem Sinngehalt,
durch den sie selber als solche konstituiert ist und der
an ihr anschaulich und durch sie wirksam wird. Der
Begriff der Persönlichkeit steht nicht im Gegensatz zur
„Idee", sondern bildet einen markanten Sonderfall derselben
. Idee ist ja eine Sinnbeziehung, die von dem
Wirklichen und an ihm gilt. In der Sphäre der Werterfassung
aber ist das Individuum nicht nur anschauliches
Beispiel, sondern Träger eines an seiner individuellen
, einzigartigen Gestalt sich offenbarenden Wertgehalts
. Der Zusammenhang, in dem Wort und Leben
einer „Persönlichkeit" stehen, ist selber ein eigener
S i n n Zusammenhang. Eine „Persönlichkeit" offenbart
in der Sinneinheit ihres Lebens einen Sinngehalt, eine —
Idee. So hat das Kerygma von Jesus Christus ein
grundsätzliches Recht.

W. rügt den hier unvermeidlichen Eklektizismus gegenüber der
n. t. Verkündigung. Aber ist seine Jesus-Theologie dagegen gefeit?
Die Eschatologie, das alles tragende Kernstück der Verkündigung des
Nazareners, wird auch von ihm teils beiseite geschoben, teils umgedeutet
. Das Hecht, den Begriff des Oottesreichs der Predigt Jesu zu
entnehmen und „umzudeuten" kann auch W. nur auf die stillschweigende
Voraussetzung gründen, daß uns an der Verkündigung
dieses Jesus, in ihrer Fremdartigkeit ein Sinngehalt offenbar wird.
Genau das Gleiche gilt aber dann auch von dem gesamten neutesta-
mentlichen Kerygma vom Christus. Der zu uns sprechende Sinngehalt
eines historischen Komplexes ist niemals identisch mit den in ihm
expressis verbis ausgesprochenen Meinungen, Lehren und Glaubenssätzen
. Die Fülle der Fragen, die hier auftauchen, sieht V/indisch
in aller Deutlichkeit. Aher sie treffen z. T. auch seine Jesus-Theologie.

Die Arbeit von W. führt eben mitten in die Problematik
dieses ganzen Fragekreises hinein. Die Diskussion
kann aus der Klarheit ihrer Formulierungen und der
Weite ihres Gesichtskreises reiche sachliche Förderung
gewinnen.

Jena. Th. Siegfried.

Bauer, Prof. D. J.: Kurze Übersicht über den Inhalt der Neu-
testamentlichen Schriften. 2., neubearb. Aufl. Tübingen : J. C.
B. Mohr 1925. (VII, 60 S.) 8°. Km. 1.80.

Die erste Auflage nannte ich in der Th. Lit. Z. 1921
Nr. 9/10 Sp. 101 die beste Inhaltsangabe, die ich kenne.
Dies Urteil ist gerechtfertigt durch die Schnelligkeit,
in der eine 2. Auflage notwendig geworden ist. Alles
Wesentliche, wie Einteilung und Gedankengang blieb unverändert
. Es traten zirka 90 Sprüche (etwas viel) als
Leitworte des Gedankengangs hinzu; nur Kol. 2, 17 ist
ersetzt durch 2, 20. Einige Abkürzungen sind ergänzt
und vereinzelte Ausdrücke verändert (z. B. Hebr. 3,
7—19; Joh. 2 u. 3). Nochmals besonders allen Studenten
warm empfohlen.

Königsberg i. Pr. August Pott.

Niederberger, Dr. P. Basilius, O. S. B.: Die Logoslehre des
hl. Cyrill von Jerusalem. Eine dogmengeschichtliche Studie
Paderborn: F. Schöningh 1923. (XII, 127 S.) gr. S». = Forschungen
z. Christi. Literatur- u. Dogmengeschichte XIV. Bd., 5. Heft.

Rm. 6—.

In dieser in Freiburg in der Schweiz vorgelegten
Dissertation macht sich der Verf. zur „Aufgabe, zu
untersuchen, ob Cyrills Logoslehre mit dem Nicae'num
übereinstimmte, oder ob unser Bischof dem l/noovoiog
gegenüber eine ablehnende Haltung einnahm" (Vorwort
), — als ob nicht beides zu bejahen sein könnte und
in dieser Alternative überhaupt alles zu erfassen wäre.
Fleißig und klar wird zusammengetragen, was sich in
den Katechesen Cyrills an Aussagen über Wesen, Ursprung
und Wirken des Logos findet. Da der hl. Vater
durchaus wohlwollend geprüft wird, da zu seinen Gunsten
die Unausgeglichenheit der Terminologie und die
Unabgeschlossenheit der Erörterung ebenso wie die
Schranken seines Geistes und die besonderen Zwecke
seiner Katechesen in Ansatz gebracht werden besteht er
das dogmatische Examen. Er „hat den Glauben an
die Homousie gehabt", aber „sich nicht entschließen
können, einen der noch nicht fixierten Termini aus der