Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925 Nr. 1

Spalte:

16-17

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smend, Julius

Titel/Untertitel:

Das evangelische Lied von 1524. Festschrift zum 400jährigen Gesangbuch-Jubiläum 1925

Rezensent:

Clemen, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

15

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 1.

L6

wichtigsten und charakteristischsten Lebensäußerungen
an den Quellen kennen zu lehren, namentlich auch die
innere Geschichte des Katholizismus zu berücksichtigen.
Ein breiter Raum wird dem neuen Corpus iuris canonici
eingeräumt, und die grundsätzlichen Äußerungen über
das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt
sind in großer Reichhaltigkeit gegeben. So wird
das Buch zu einer Fundgrube auch für die Kenntnis des
modernen Katholizismus, und wer möchte es nicht begrüßen
, daß auch die modernen deutschen Staatsgesetze
mit ihren wichtigsten Bestimmungen Aufnahme gefunden
haben. Es ist ein Buch für alle. Wer zumal selber
im akademischen Betriebe steht, kann das Werk nicht
hoch genug preisen und dem Verfasser gar nicht dankbar
genug sein für die mühevolle Arbeit, die er 30 Jahre
lang an dasselbe gewendet hat, das mit jeder Auflage
vollkommener geworden ist und seine reichen Erfahrungen
und Kenntnisse aufs Schönste zur Geltung bringt.
Man möchte wünschen, daß das Buch noch billiger abgegeben
werden könnte, damit es die weiteste Verbreitung
erlange. Denn wir brauchen in Deutschland ein
solches Buch jetzt dringender als je.

Erwähnt mag noch werden, daß die Literaturangaben
beträchtlich erweitert worden sind. Die guten
Register erhöhen die Brauchbarkeit des Werkes.

Der Druck ist sehr korrekt. S. 46 Z. 25 1. t<{x{
für sei« S. 177 Z. 25 perturbare für pertubare
S. 209, Z. 10 fida für fide; S. 293, Z. 28 Uli
für illa; S. 303, Z. 32 differre für differe; S. 338,
Z. 10 interdicto für interdicti; S. 338, Z. 25 provin-
ciarum für provintiarum; S. 341, Z. 16 praesumpserit
für praesumpserint; S. 210, Z. 24 wäre doch wohl auf
Gen. 6, 16, S. 211, Z. 18 auf Rom. 13, 2 zu verweisen
gewesen; S. 244, Z. 37 1. Henricus für Flenrici.

Kiel. O. Ficker.

Cheltschizki, Peter: Das Netz des Glaubens. Aus dem

Alttschechischen ins Deutsche übertragen von Dr. Carl Vogl.
Dachau: Einhorn-Verlag (1923). (III, XVI u. 317 S.) gr. 8°.

Gm. 6—; geb. 8.50.

Diese Übersetzung — es ist nicht nur die erste deutsche
, sondern überhaupt die erste Übersetzung des alttschechischen
Werkes — ist gewidmet „T. G. Masaryk,
dem Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik,
dem Verehrer Cheltschizkis, dem Förderer völkerversöh-
nenden Mühens" und wird eröffnet durch ein Geleitwort
Masaryks, in dem er erzählt, daß er „im Jahre
1887, vielleicht 1888" Tolstoj in Moskau mit der Lektüre
Cheltschizkis beschäftigt gefunden habe. (Aus der
in der folgenden „Einführung" Vogls abgedruckten
Stelle aus Tolstojs „Das Reich Gottes in euch" ergibt
sich, daß es i. J. 1888 war und daß sich Tolstoj die
Korrekturbogen zu der Ausgabe des Werkes in der
Ztschr. der Petersburger Akademie der Wissenschaften,
wo ein russischer Auszug beigegeben ist, verschafft
hatte.) Masaryk schreibt weiter: „Tolstoj war sehr
erstaunt, seine fundamentale Ansicht vom Nichtwidersetzen
bei Cheltschizki ganz klar und bestimmt ausgesprochen
zu finden. Er glaubte, die auffällige Koinci-
denz der Gedanken auf das slawische Wesen Cheltschizkis
und seiner selbst zurückführen zu können. Ich
will diese Erklärung dahin gestellt sein lassen. Ich
selbst sehe in Peter Cheltschizki einen der kräftigsten
Reformatoren des westlichen Europa . . ." Der Umstand
, daß Tolstoj und Masaryk sich so für das Werk
interessiert haben, wird in erster Linie die Aufmerksamkeit
weiter Kreise auf dasselbe lenken. Es verdient aber
auch an und für sich Beachtung. Cheltschizki, ein
etwas jüngerer Zeitgenosse des Joh. Huß, ist einer der
eindrucksvollsten Vertreter derjenigen Art des Christentums
, die Ludwig Keller — im einzelnen gewiß voreilig
und überkühn und konstruierend, im großen und
ganzen aber doch yohl in intuitiv richtiger Erkenntnis
— als eine tiefe, stille, ununterbrochene Unterstrümung
zu dem offiziell-kirchlichen Christentum von der Bergpredigt
und dem Urchristentum an über Franziskus, die
Waldenser und Täufer bis zu den Mennoniten und
Quäkern verfolgt hat, die von den Großkirchen und
Staaten unterdrückt oder beiseite geschoben, bestenfalls
toleriert worden ist und die immer als Schwärmerei gegolten
hat und erst neuerdings in Sozialismus, Internationalismus
und Pazifismus eine reale Macht werden zu
wollen scheint. In einer Zeit, in der die Hussiten mit
Sense und Morgenstern und Dreschflegel in Österreich,
Ungarn, Bayern, Sachsen und Brandenburg vordrangen
und überall Furcht und Schrecken verbreiteten, protestierte
Cheltschizki gegen Krieg und Blutvergießen,
gegen die Gewalt überhaupt, gegen Bauernunterdrückung
und Bestrafung durch die Gerichte, gegen Kaiser
und Papst, Fürsten und Herrn, die Bürger, die Universitäten
, die Kleriker und Mönche, gegen das ganze
System, in dem die Gewalt und nicht die unbeirrbare
und grenzenlose Liebe regierte, gegen das Christentum,
das nur in äußerem Schein und Zeremoniell und Worten
bestand. Das „Netz des Glaubens" (vgl. Luk. 5, 4—6)
ist eins der wenigen Ketzerwerke, das die Gegenreformation
überdauert hat. Der älteste Druck stammt aus
dem Jahre 1521. Eine Neuausgabe mit den notwendigsten
Verbesserungen und Anmerkungen besorgte
1912 Smetänka im Comeniusverlag in Prag. Sie liegt
Vogls Übersetzung zu Grunde, nur daß einige Kapitel
unter knapper Inhaltsangabe weggelassen, einige andre
etwas gekürzt worden sind.
Zwickau i. S. O. Clernen.

Smend, Julius: Das evangelische Lied von 1524. Festschrift
zum 400jährigen Gesangbuch - Jubiläum. Leipzig: M. Heinsius
Nachf. 1924. (III, 86 S. u. 1 Abb.) 8°. = Schriften des Vereins f.
Keformationsgeschichte, Jahrg. 42 (Nr. 137). Gm. 1.60.

Nach einem vorzüglichen einleitenden Kapitel über
die Bedeutung der Leistungen Luthers als Dichter und
Komponist für die Kulturgeschichte der Neuzeit berichtet
Smend über die evangelischen Gesangbücher von
1524, das Achtliederbuch, die Erfurter Enchiridien und
das Wittenberger Gesangbüchlein, an Wilhelm Lücke im
35. Bande der Weimarer Lutherausgabe sich anschließend
, und sodann über die einzelnen Lieder
Luthers und anderer Dichter (Paul Speratus, Justus
Jonas, Lazarus Spengler usw.), die bis Herbst 1524
fertig waren, immer auch die Melodien mit behandelnd.
Unter dem Eindruck der von P. Drews, G. Kawerau,
O. Albrecht und W. Lücke erhobenen Einwände vermag
er den Spittaschen Hypothesen (Unterscheidung zweier
Perioden und zweier Gruppen in Luthers Liederdichtung
), so sympathisch sie ihm (und anderen) an und für
sich sind, nicht beizustimmen. Ein gedankenreiches Kapitel
über die kirchen- und kulturgeschichtliche Mission
des evangelischen Gesangbuchs macht den Schluß. S. 80
bemerkt Smend: „Unsre Zeit ist der Entstehung neuer
Kirchenlieder scheinbar nicht günstig. Was man jetzt
uns bietet, ist durchweg der Ausfluß von mehr oder
weniger problematischem Verlangen, von frommer Sehnsucht
nach nicht ganz gesichertem Erleben Gottes und
seines Heils, aber nicht von freudiger Gewißheit und
freudigem Trutz; oder es sind reine Ich-Bekenntnisse,
nicht selten überspannter und treiberiger Art, aber keine
Wirlieder, wert, Gemeinbesitz des Kirchenvolks zu werden
. In unsre Gesangbücher gehören sie nicht." Vielleicht
muß man den Faden nach einer andern Seite
weiterspinnen: daß nämlich überhaupt das Christentum
der gebildeten Laien der Gegenwart, soweit es ursprünglich
und lebendig ist, von den religiösen Vorstellungen
und der religiösen Stimmung Luthers und der anderen
Reformatoren und so auch von den Liedern von 1524
doch recht weit entfernt ist. Sehnen und Ahnen, Suchen
und Stammeln, und Subjektivismus! Wir historisch geschulten
und im Herausschälen des „Wesentlichen"
und „Bleibenden" an Luther und im Umdeuten und Modernisieren
geübten Theologen geben uns da gewiß
recht oft einer Selbsttäuschung hin und übersehen die