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Ausgabe:

1925 Nr. 14

Spalte:

318

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keith, A. Berriedale

Titel/Untertitel:

The Samkhya system. A History of the Samkhya Philosophy. Second edition 1925

Rezensent:

Franke, R. Otto

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317

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 14.

318

Verf. im Grunde von der Formgeschichte die ja auch
sonst verbreitete Vorstellung hat,' daß sie dazu nützlich
sei, das Traditionsmaterial zu klassifizieren, und nicht
sieht, wie sich in ihrem Studium die Geschichte selbst
erschließt. Wie könnte er sonst die Formgeschichte der
Literaturgeschichte gegenüberstellen (mit unrichtiger Berufung
auf Dibelius); denn Formen und Gattungen
zeigen sich in der höheren Literatur, d. h. in den Werken
einzelner Schriftsteller und Dichter, ebenso wie in der
anonymen Kleinliteratur, wenn auch z. T. andere Formen
und Gattungen. Wie könnte er sonst meinen, die Formgeschichte
habe sich im N. T. auf die Synoptiker zu
beschränken (S. 2)! Wie könnte er meinen, es bedeute
wenig, die Logien in den Zusammenhang der jüdischen
und orientalischen Spruchweisheit hineinzustellen! Ist
wirklich die Erkenntnis des Sinnes der der Form entgegenzusetzen
? ist diese z. B. bei den Logien weniger
wichtig als bei den Gleichnissen, etwa weil sie bei
jenen schwieriger zu sehen ist? Solche Urteile liegen
wohl z. T. daran, daß der Verf. das allgemeine lite-
rargeschichtliche Material nicht überblickt. Es wäre zu
wünschen, daß er sich in der Sprichwortliteratur wie
in der Apophthegmen- und Anekdoten-Literatur umfassender
orientierte, eh er wieder Ausführungen wie die
über das biographische Apophthegma (für das ich auch
gern Anekdote sagen will) S. 100—102 schreibt.

Wie könnte er aber vor allem den Historiker dem
Formgeschichtier gegenüberstellen! Hier zeigt sich ein
Mißverständnis des Begriffs Gattung. Zunächst ist es
kein Einwand gegen die Gattungsforschung, wenn manche
Traditionsstücke nicht eine Gattung rein verkörpern
, sondern Mischbildungen sind. Zwar handelt
es sich um eine solche noch nicht, wenn z. B. ein Apophthegma
ein Wunder enthält; denn die Gattung ist
nach der Pointe des Stückes zu bestimmen (S. 89. 121).
An den wirklichen Mischbildungen aber sieht man, daß
die Gattung nicht eine erdachte phantastische Form
ist, sondern daß ihr ein bestimmtes geschichtliches
Motiv zu Grunde liegt. Nicht der Ästhetik, sondern der
Geschichtsforschung ist die Gattungsforschung dienstbar
, und das Auftreten von Mischbildungen zeigt, daß
verschiedene geschichtliche Motive zusammenwirken
können. Daraus ergibt sich dann auch, daß der Verf.
zwar richtig betont, daß eine Gattung mehr oder weniger
fest an einen Stoff gebunden ist, und daß er sich mit
Recht bemüht, diese Beziehung zum Stoff in dem für die
Gattung gewählten Namen zum Ausdruck zu bringen.
Ebenso ergibt sich aber daraus, daß seine Kritik an
Dibelius nicht richtig ist, wenn dieser die Beziehung zu
den historischen Bedingungen (den „Sitz im Leben") betont
, mag Dibelius auch einseitig konstruktiv verfahren,
indem er mit diesem „Sitz im Leben" rechnet, eh er
durch die Analyse sicher gestellt ist. Die Frage, durch
welche Elemente eine Gattung konstituiert wird, ist
nämlich von der, wie wir sie erkennen können, unabhängig
. Wir werden allerdings in der Regel nicht konstruktiv
verfahren dürfen, sondern mittels der Analyse
die Form des literarischen Objekts festzustellen suchen,
wobei der Blick auf den Inhalt einen Leitfaden abgibt.
Letztlich erkannt ist die Gattung aber erst, wenn ihr
»Sitz im Leben" erkannt ist (darin haben Dibelius wie
Bertram ganz recht); denn damit ist sie als historische
Große, deren Ausdruck eben die Form ist, erkannt.
Danach wird eine Gattung durch drei Momente bestimmt
: 1.) durch die Beziehung auf die allgemeine
geschichtliche Situation (den „Sitz im Leben"), 2.) durch
den Inhalt bzw. Stoff (Wunder, ethische Weisung,
Streitgespräch usw.), 3.) durch die Form. Dabei verwendet
man den Terminus „Motiv" herkömmlich für
alle drei Momente in besonderem Sinn; und wenn der
Zusammenhang es unmißverständlich macht, scheint mir
dagegen nicht viel gesagt werden zu können, wenn ich
auch zugebe, daß man vorsichtiger sein sollte. Es ergibt
sich aber kraft des zweiten Moments, daß die Frage
nach der Gattung nicht von der Frage nach der Geschichtlichkeit
des Inhalts getrennt werden kann, wie
der Verf. und übrigens auch Dibelius es möchten. Vielmehr
steht diese in einem bestimmten, jeweils verschiedenen
Verhältnis zu jener. Ein Märchen (womit
doch wohl eine literarische Gattung bezeichnet ist) erzählt
keine Geschichte; ein Mythos und eine Legende

I ebensowenig. Die Trennung des Formgeschichtiers vom
Historiker läßt sich also auch hier nicht vollziehen.
Und wenn der Verf. S. 205 gegen meinen kautschukartigen
Begriff von Legende polemisiert, so kann er es
nur, weil er das mir wichtigste Charakteristikum preisgibt
, daß nämlich die Legende eine religiös-erbauliche
Geschichte ist, die ihre Pointe durch die Beziehung
auf einen bestimmten Zusammenhang (religiöser Heros,
Glaube oder Kult) erhält. Mit der Sage ist es auf dem
profanen Gebiet ebenso, und des Verf. Definition (S.
205) ist ganz unzureichend, da er auch hier das, Be-
ziehungsmoment, das z. B. dem Märchen fehlt, übersieht
(vgl. Lokal-, Stammes-Sagen usw.). Übrigens
mache ich einen strengen begrifflichen Unterschied
zwischen Legende und Geschichtserzählung, was
nicht hindert, in manchen Überlieferungsstücken ein
praktisches Durcheinander zu konstatieren (S. 131).

Über die Gegenüberstellung von Stil (als dem Ornamentalen
) und Form (als dem Konstitutiven) ließe sich
reden (S. 210 f.); doch würde eine Debatte darüber hier
zu weit führen. Im Ganzen sind die Bemühungen des
Verf., der sich verwirrenden Formgeschichte zurecht zu
helfen, gewiß gut gemeint; aber ich glaube, mit der
Untersuchung eines konkreten Problems, bei der der
Verf. seine Grundsätze hätte anwenden und bewähren
müssen, wäre der Forschung mehr gedient gewesen.

j Und zum Schluß mache ich den Vorschlag, daß wir uns
nicht so oft den Vorwurf machen, am Schreibtisch zu
arbeiten, was wir alle ja wohl oder übel nicht vermeiden
können. Am Schreibtisch als solchem ist nichts Odiöses;
es kommt immer nur darauf an, wer daran sitzt.

Marburg. R. Bult mahn.

K e i t h , Prof. A. Berriedale, D. C. L., D. Litt.: The Ssmkhya System.

A History of the Sämkhya Philosophy. Second cdltion. London:
Oxford University Press 1924. (III, 126 S.) 8°. — The Heritage
of India Scries. geb. sh. 2/6.

Ein knapp gehaltenes, klares und kluges Buch, das
mehr Wertvolles in sich birgt, als der geringe Umfang
bei der popularisierenden Tendenz erwarten läßt. Wer
in den letzten Jahrzehnten über die Auffassungen vom

Verhältnis des Sämkhya zu den anderen altindischen
I Gedankensystemen, zu den Upanisaden, zum Buddhis-
I mus, Jainismus, und dieser unter sich den Kopf schütteln
mußte, hat Anlaß, sich über dieses Büchelchen zu
! freuen, das ruhig abwägend sicherlich überwiegend rich-
I tige Ansichten vorträgt, die von den herrschenden abweichen
. Ref. sprach wenigstens betreffs des Verhältnisses
des Samkhya zum Buddhismus vor Jahren ähnliche
aus. Schade, daß seine Rezension von Oldenbergs

Buche „Die Sämkhya Philosophie" 2. Auflage, in der
es geschah, bei der Schriftleitung der „Ostasiatischen
Zeitschrift" ganz verschollen zu sein scheint. [ Korrektur-
Note: Sie ist jetzt im Erscheinen begriffen).

Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Hackmann, Prof. Dr. H.: Laien-Buddhismus in China. Das

Lung sliu Ching t'u wen des Wang Jih hsiu aus dem Chinesischen
übers., erl. u. beurteilt. Gotha: F. A. Perthes 1924. (XVI, 347 S.)
8°. geb. Rm. 12—.

Der Wert dieses für weitere Kreise berechneten
sorgfältig gearbeiteten Buches, das außer 26 Seiten „Zur
Einführung" und der Schlußbetrachtung „Überblick und
Beurteilung" die vom Ref. freilich nicht beurteilbare
Übersetzung der „Schrift über das Reine Land, aus Lung
shu" des Beamten dritten Grades, Literaten der Sung-
Dynastie, Wang Jih hsiu enthält, besteht darin, daß es
uns einmal zeigt, wie der Buddhismus in einem klugen