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Ausgabe:

1925 Nr. 13

Spalte:

303-304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwartz, Paul

Titel/Untertitel:

Der erste Kulturkampf in Preußen um Kirche und Schule (1788-1798) 1925

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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303

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 13.

304

Schwartz, Prof. Dr. Paul: Der erste Kulturkampf in Preußen
um Kirche und Schule. (1788- 1798.) Berlin: Weidmann
1925. (XII, 492 S.) gr. 8°. = Monumenta Oermaniae Paedagogica,
Bd. 58. Rm. 18—.

Wie man nicht aus dem Titel, aber aus den zum
Glück beigesetzten Jahreszahlen ersieht, behandelt Schw.
die Tätigkeit des Ministeriums Woellner in Kirche und
Schule. Er tritt damit in Konkurrenz mit weiten Partien
der Arbeit von Martin Philippson, Geschichte des
Preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs d. Gr.
bis zu den Befreiungskriegen, Bd. I. (1786—92);
II. (1792—97), Leipzig 1880/82, in welcher die inneren
Verhältnisse ausgiebig dargestellt sind. Das ältere wie
das neuere Buch sind mit gleichem Fleiße aus den
Akten gearbeitet; das ältere hat den Vorzug, die Fascikel
zu benennen. Der Unterschied zwischen beiden Werken
besteht wesentlich in der verschiedenen Abgrenzung.
Während Philippson die Geschichte des ganzen preußischen
Staatswesens gibt, beschränkt sich Schw. auf das
Gebiet von Kirche und Schule, dieses allerdings im
weitesten Sinne genommen, sodaß sämtliche Eingriffe
des Ministeriums in das allgemeine geistige Leben einbezogen
sind. Der Vorteil der Beschränkung bei Schw.
liegt in der Möglichkeit, den Einzelheiten mit größerer
Liebe nachzugehen. Der Nachteil ist darin gegeben,
daß Woellners Tätigkeit sich ja durchaus nicht auf das
Gebiet von Kirche und Schule beschränkte, und daß die
Zeichnung der Personen und Verhältnisse, ohne die die
Darstellung auch der Ereignisse in Kirche und Schule
unanschaulich bleibt, von selbst auf den weiteren Rahmen
hindrängt; wie denn auch bei Schw. auf diese Dinge
immer wieder zurückgezeigt wird.

Es wäre natürlich an sich möglich gewesen, die
andre Ökonomie des neuen Buchs wirklich fruchtbar zu
machen. Was bei Philippson dem Ganzen Weite und
Freiheit gibt, ist ganz allein die Einordnung der
Kirchen- und Schulsachen in den Gesamtzusammenhang
des preußischen Staatswesens und seiner Geschichte,
die gut unterrichtende Verknüpfung jeder Einzelheit
nach vor- und rückwärts, der Blick in das Gesamt-
getriebe jener Jahre. Eine tiefere historische Durchleuchtung
findet nicht statt; Ph. begnügt sich, was die
Beurteilung anlangt, damit, die Urteile, die Woellners
aufgeklärte Zeitgenossen auch gefällt haben, als eigne
wiederzugeben. Heute wird man von einer Beurteilung
gerade der Religionspolitik Woellners erwarten müssen,
daß sie die geistesgeschichtlichen Beziehungen, vor
allem den inneren Zusammenhang mit den Kräften und
Ideen, die nachher in der Restaurationszeit zur Macht
kamen, herausstelle, daß sie den sich ankündigenden geschichtlichen
Moment, das Zerreißen der inneren Einheit
des deutschen Geisteslebens zum Verständnis bringe.
An dem allen ist, obwohl das enger gefaßte Thema
die Möglichkeit bot, beiSchw. nichts gewonnen.
Er wiederholt vereinfachend die Urteile
Philippsons; und damit, daß Woellner ein
Heuchler und ein Intrigant war, ist ihm das geschichtliche
Problem erledigt (als ob man nicht, wenn das
feststünde, an Hegels Lehre von der List der Idee sich
zu erinnern Grund hätte; aber woher weiß man, daß die
Rosenkreuzer Woellner es nicht wirklich angetan?). Was
Schw. im Ganzen der Betrachtung von Philippson unterscheidet
, ist dann also bloß das Negative: der Wegfall
auch derjenigen weiteren Perspektive, die solche Urteile
in dem älteren Buch erträglich machten, das völlige
Getrennt- und Preisgegebensein an die Einzelheiten.

Ich mache den Unterschied an einem Beispiel klar, an der Darstellung
des Zensurediktes. Philippson berichtet über seinen Inhalt
in knappster Form alles Wesentliche; Schw. gibt eine bis in die
technische Organisation hinabsteigende Inhaltsangabe. Philippson aber
ergänzt seine Betrachtung durch Mitteilung der wichtigsten Tatsachen
aus der Geschichte der Zensur unter Friedrich d. Gr.; bei Schw. sucht
man nach dgl. vergeblich und kann darum zu einem klaren Urteil,
was eigentlich an dem Edikt Neues sei, nicht kommen. Dazu kommt
dann, daß die ungemeine Einfachheit von Schw.s ablehnendem Urteil
peinlich sich abhebt von den wohlerwogenen, Nuancen kennenden
Bemerkungen Philtppson's. — Ahnlich steht's auch sonst. Bei Philippson
erhält man z. B. die wichtigsten Tatsachen aus der Geschichte der
Rosenkreuzer, nicht ganz parteilos, aber gut und klar vorgetragen; bei
Schw. treten die „wundertätigen Rosenkreuzer" als eine gegebene
Größe auf, über die man schon Bescheid wissen muß, um die Darstellung
zu verstehen. D. h. die Grenze der Akten ist überall die
Grenze von Schw.s Interesse. So fordert das neuere Buch
an vielen Stellen, daß man es aus dem älteren
su pp 1 ie re.

Über die Verwendung der beiden Bücher ist damit
das Urteil gegeben. Die Grundlage für die innere
Geschichte Preußens unter Friedrich Wilhelm IL bleibt
das Werk von Philippson. Man kann sich darauf verlassen
, daß es durch das neuere Werk nicht korrigiert
wird. Aber darum ist das neue Buch nicht nutzlos. Es
gibt dem, der sich durch es nicht ermüden und verwirren
läßt, viel nützliche Kunde. Das gilt ganz besonders von
dem Gebiete, auf dem Schw. verdienter Spezialforscher
ist, von dem Gebiet des preußischen Schulwesens jener
Zeit, aber fast ebenso auch von dem provinziellen und
lokalen Kirchenwesen. Da gibt er eine Reihe anschaulicher
Einzelheiten und zusammenstellender Übersichten,
die ganz unschätzbar sind. Es ist für jeden Forscher,
der in die Geschichte von Kirche und Schule einer
preußischen Provinz eindringen will, aber auch für jeden,,
der sein Gesamtbild der Epoche ins Konkrete durchzugestalten
die Verpflichtung fühlt, aus diesem Buche
Gewinn zu holen. Ein sorgfältiges Register erleichtert
dazu die Ausnutzung. So darf man mit einem Dank an
den Verf. schließen.
Göttingen. E. Hirse Ii.

Jäckh, Fugen: Blumhardt Vater und Sohn und ihre Botschaft.

Mit 3 Bildern. Berlin: Furche-Verlag 1925. (291 S.) gr. 8°.

Rm. 5—; geb. 6—.

Jäckhs Buch hat seinen Hauptwert durch die
Biographie des Sohnes Blumhardts und den dritten
Teil „Die Botschaft", welche Mitteilungen aus den Predigten
und Andachten von Vater und Sohn gibt S. 181
bis 288, während die Biographie des Vaters S. 11—86
nur ein Auszug aus dem Lebensbild Blumhardts von
Friedrich Zündel, seinem genauen Freund, dem Winter-
thurer Pfarrer ist. Dieser Auszug ist etwas flüchtig gemacht
. S. 31 Z. 4 u. ist gesagt: die oben genannten
Personen nahm er immer mit und mit ihnen verband ihn
eine innige Gebetsgemeinschaft. Aber die Personen, die
unmittelbar vorher genannten Ärzte, die nun zeitweilig
nach Möttlingen kamen, können nicht gemeint sein. Es
müssen Männer aus der Gemeinde gewesen sein, z. B. der
Schultheiß. S. 33 aber entsteht durch Verkürzung von
Zündeis Erzählung ein falsches Bild von dem Sieg über
die Besessenheit. Da ist die Rede von Katharina Dittus,
die von ihrer Schwester Gottliebin, der Besessenen, etwas
angesteckt war. Dann wird fortgefahren: mit einer
Stimme, die man kaum bei einer menschlichen Kehle für
möglich halten sollte, kamen die Worte hervor: Jesus ist
Sieger, Jesus ist Sieger. Sowie der Text lautet, müßte
man darin Worte der Katharina sehen, während es
Worte der Gottliebin waren. Willkommen sind die biographischen
Beigaben von Blumnardt II über das Leben
des Vaters. Die ausführliche Biographie des Sohnes
S. 89—179 füllt eine Lücke aus. Denn bisher wußte
man in weiteren Kreisen außerhalb Boll nicht viel von
seinem Leben, seiner Geistesart und seiner Wirksamkeit.
Aber sie ist doch recht lückenhaft. Wir erfahren z. B.
nichts vom Verhältnis zu seiner Gattin und ihrem Familienleben
, namentlich in den letzten Jahren seines
Lebens, als er sich aus Boll zu der Mecklenburger
Schwester Anna von Sprewitz in Jebenhausen zurückgezogen
hatte, und nur noch alle 14 Tage zur Predigt
nach Boll kam. Von seinem Sohn Georg erfahren wir
erst etwas bei seinem Tod. Nichts sagt Jäckh vom Verhältnis
zu seinem Bruder Theophil, der sein Pfarramt
im Dorf Boll aufgab, als sein Bruder Sozialdemokrat geworden
war. Ganz unklar ist, wie es zuging, daß Bad
Boll ohne alles Entgelt der Brüdergemeine übergeben
wurde, während wir jetzt sehen, daß die bisherige Annahme
, daß Blumhardt selbst die Übergabe veranlaßt