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Ausgabe:

1925

Spalte:

294-296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Montefiore, Claude G.

Titel/Untertitel:

The Old Testament and After 1925

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Aramäischen geschenkt; leider durfte er die infolge des
Krieges verzögerte Drucklegung dieser wichtigen Bereicherung
der Semitistik nicht mehr erleben. E. Littmann
verdanken wir die Übernahme dieser mühevollen Arbeit.

Da die Mundart ein Punktationssystem zur Bezeichnung
der Vokale nicht ausgebildet hat,4 so bleiben uns
•.Derlei Einzelheiten der Aussprache verschlossen, aber
dieser Mangel hat den Vorteil, daß er uns zwingt, die
Aussprache jeden Wortes nur nach dem Konsonantenbild
zu bestimmen, evt. unter Vergleich der übrigen
westaramäischen Mundarten, des Galiläischen und Sa-
maritanischen, die beide unserem Dialekte außerordentlich
nahe stehen. In diesem Bestreben werden wir vorzüglich
durch den. glücklichen Zufall unterstützt, daß
das Chr.-Pal. keine historisch konventionelle Orthographie
ausgeprägt hat, sondern der individuellen
Schreibweise einen weiten Spielraum läßt. Das äußert
sich vor allem in der reichlichen und bei demselben
Worte variierenden /?/o//o-Schreibung. Häufig trifft die
mdter lectionis auch einen Murmelvokal; so sind wir
durch Berücksichtigung aller vorhandenen Schreibvarianten
im Stande, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die
phonetische Lesung der meisten Worte zu fixieren,
immerhin bleiben wir in manchen Punkten unsicher.
So können wir nur vermuten,'' daß i und u in geschlossener
Silbe zu e und o verschoben werden (§ 34, 2 b).
X'ach § 14, 3 fehlt es „zu einer Scheidung zwischen
offenem und geschlossenem i an irgend einer sicheren
Grundlage". Dieser Mangel eines schriftlichen Ausdruckes
schließt natürlich die Möglichkeit verschiedener
Aussprachen eines e nicht aus, vgl. auch S. V oben.

Sehr ausführlich ist der Abschnitt über die Lautlehre
(S. 12—32). Gerade hier zeigt sich des Verf.
glänzende Durcharbeitung des Dialektes. In übersichtlicher
Form werden alle Eigentümlichkeiten der Mundart
besprochen; nicht leicht wird man Ergänzungen* dazu
finden können. In der Auffassung der Erscheinungen
mag man dagegen bisweilen abweichen. Mehrfach trafen
in dem Kapitel Zweifel, die ich mir notiert hatte, mit
den von Nöldeke in den Nachträgen beanstandeten
Punkten zusammen. So der angebliche Einfluß des Arabischen
bei der Ausbildung von Formen wie ezzabban
aus ezdabban oder die Herleitung aller Nomina der
Form q"töl und qrtöl aus qutäl.

Von großem Wert für den Benutzer ist die durchgängige
Transkription aller chr.-pal. Formen in der
Laut- und Formenlehre (S. 32—80). Daß das Ettaf'al
ursprünglich ein Intaf'al gewesen sein soll (§ 136; etwas
vorsichtiger § 149, 4), halte ich durchaus nicht für
gesichert, widerspricht übrigens auch dem von Schult-
hess in § 35, 2 a gelehrten Lautgesetz,' daß das t des
Reflexivs sich im Ettaf'al das Alif des Kausativs assimiliert
; nur muß es ebendort statt: „den 1. Radikal'"
vielmehr heißen: „das Stammpräformativ"'.

Die Syntax (S. 80—99) ist erfreulicher Weise ausführlicher
behandelt, als es oft geschehen muß. Eine
Literaturübersicht (S. 99—102) war um so notwendiger,
als die Literatur sehr verstreut und z. T. nicht leicht zugänglich
ist. Aus demselben Grund hat Sch. auch eine
ziemlich umfangreiche Chrestomathie angehängt (S.
103—128), die Proben aus den meisten Gebieten der

weniger airsreichen, als sich innerhalb der überlieferten Sprache deutlich
mehrere zeitlich differenzierte Stufen nachweisen lassen. Übrigens
hat Nöldeke, wie im Titel erwähnt, seine umfangreiche Kenntnis der
verschiedensten aramäischen Mundarten dem Buche in den „Nachträgen
" zu Oute kommen lassen.

4) Mit Recht verzichtet Sch. von vornherein darauf, ein Text-
speeimen des späteren Versuches einer Punktation im Evangeliar
zu geben.

5) In wesentlicher Übereinstimmung mit dem erwähnten „vokali-
sierten" Cod. des Evangeliars.

6) In § 40 könnte vielleicht noch ausgesprochen werden, daß
der Langdiphthong -,7i (im Gegensatz zu -ai) stets erhalten hleibt,
vgl. § 118; 150, 3.

7) Cfr. Brockelmann, Syrische Orammatik. 2. Aufl. § 51.

erhaltenen Denkmäler vermittelt. Das geschieht nicht
nur, um dem Benutzer ein Bild von der Art der Literatur
zu geben, sondern ist auch nötig, um die Unregelmäßigkeit
der Orthographie vor Augen zu führen. Teilweise
werden sogar Kontraktionen der Aussprache im Konsonantentext
fixiert (Mat. 23, 16: nägödeön für: nägödehön;
Mat. 25, 21; 22: 'atän für: '"lihön Mat. 25,15: ''zalle;
für: 'ezal Ii usf.).

In dem sauber gearbeiteten Glossar (S. 129—148)
ist auf die betreffenden Paragraphen verwiesen, sodaß
der Schüler bei der Lektüre zur Feststellung der Vokali-
sation ständig die Grammatik benutzen muß, eine Methode
, die in idealer Weise wissenschaftliche Förderung
mit pädagogischer Praxis verbindet. Im Einzelnen ist
mir im Wörterbuch aufgefallen: S. 121, 21 kommt das
Wort lp' vor; dazu sollte im Glossar ein Verweis:
„s. l'pj (läppe)" gemacht werden. S. 141 fehlt: '"nän
„Wolke"; S. 146: spk Etpe., hinter „vergossen werden
" füge ein: „Wiedergabe von ovveyiütj (— turbatns
est) Jon. 4, 1" (s. Lex. 213).

So füllt das Werk in glücklichster Weise eine fühlbare
Lücke in der aramäischen Grammatik aus. Hoffen
wir, daß es dem Dialekt neue Freunde zuführt.

Oreifswald. Erich Bräunlich.

Montefiore, Claude O., M. A., Hon. D. D.: The Old Testament

and After. London: Macmilian and Co. 1923. (XII, 601 S.)
8°. 7 sh. 6 d.

Das vorliegende Buch ist ein lehrreiches Dokument
des liberalen Judentums, sofern es zeigt, aus was
für Quellen einer seiner namhaften Vertreter sein geistiges
Wesen entstanden sein läßt. Den Kern der Ausführungen
des Verf. kann man vielleicht am Treffendsten
im Satz wiedergegeben finden: „Tins small book
(übrigens 601 Seiten!) has been written because of
those two ideas, and with those two ideas in mind: the
greatness of the Old Testament; the imperfection of
the Old Testament" (p. 7).

Die Größe des A. T. ist Montefiore in der Tat der
eine der Pfeiler, auf die sich ihm sein Judentum aufbaut.
Aber zugleich betont er mit allem Nachdruck immer
wieder, daß das A.T. seine Schwächen und Unvollkom-
menheiten habe (vgl. z.B. p. 64: „the weaker aspects of
O. T. religion", p. 74: „the sore point of O. T." usw.),
und er wird nicht müde, von seinen „ragged" oder
„rough edges" zu sprechen (z. B. p. 9. 286 f. 290. 378).
Daher bedarf es der Ergänzung, und ein Hauptinteresse
des Buches liegt gerade in dem Nachdruck, der auf den
zweiten Teil seines Titels fällt: The O. T. „and
af ter". So überschreibt M., nachdem er sich im ersten
Kapitel (p. 3—200) mit dem A. T. befaßt hat, sein
zweites (p. 201—291): The advance [von mir gesperrt
] of the New Testament, sein drittes (p. 292
bis 468): The advance in Rabbinic Literature, sein
viertes (p. 469—548): Hellenistic Contributions, um
darauf abschließend in einem fünften (p. 549—590) darzustellen
, „what Liberal Judaism has sought and is
seeking to achieve".

Mit dieser Einteilung bekundet der Verf. schon
seinen zuversichtlichen und optimistischen Glauben an
eine fortschreitende Offenbarung („progressive reve-
lation", p. 556). „Liberal Judaism does not believe
that perfection — moral and religious perfection —
can be the attribute of, or contained in, any book, for
it believes in moral and religious progress" (p. 3 f.).
Ja, er findet „that no one religion, and no one stage of
that religion, are in possession of perfect truth in all its
fullness and completion" (p. 556). Bei einer solchen
Einstellung sieht sich M. naturgemäß veranlaßt, zwischen
historisch und religiös Wertvollem scharf zu
unterscheiden (p. 113. 146), und nur das Letztere fällt
für ihn in Betracht: „We Iook only to spirit of the
codes at its best, and to their letter at its best" (p 188
vgl. 111). Man fühlt M. genugsam ab, was ihm' der
Partikularismus des A.T. und des Rabbinismus zu