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Ausgabe:

1925 Nr. 13

Spalte:

292-294

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulthess, Friedrich

Titel/Untertitel:

Grammatik des christlich-palästinischen Aramäisch 1925

Rezensent:

Bräunlich, E.

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291 Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 13. 292

logisch bedeutsamen Materials. Da der Verfasser auf
beiden Gebieten gleich gut geschult ist, genügt sein
Werk auch diesen Anforderungen. Man braucht nur den
ersten Band zu durchblättern, um zu sehen, daß eine
solche Darstellung ohne genaue Kenntnis der Bilder und
Denkmäler völlig unmöglich wäre. Denn nach einem
Überblick über Land und Leute und über die Geschichte
beschreibt er den König und sein Haus, das Heer und
das Kriegswesen, die Beamten und die Verwaltung, das
Recht, Landwirtschaft, Jagd und Fischerei, das Handwerk
und seine Erzeugnisse, die Kunst, Verkehr und
Handel, die Gesellschaft, die Familie und das tägliche
Leben, über einzelne dieser Themata war schon früher
gearbeitet, vielfach auch von Meißner selbst, aber als
Ganzes ist die Zusammenfassung völlig'neu und darum
doppelt dankenswert. Dazu kommen noch die zahlreichen
in den Text eingestreuten und die im Anhang
beider Bände auf Tafeln zusammengestellten Abbildungen
, die Vieles bequem zugänglich machen, was bisher
unzugänglich und fast verschollen war. Die Tafeln
sind zwar nicht erstklassig, was bei der Ungunst der
Zeiten wohl begreiflich ist, aber sie genügen doch bescheidenen
Ansprüchen. Bei einer Neuauflage wäre ein
Verzeichnis der Abbildungen erwünscht, da ein Prinzip
in der Anordnung der Tafeln nicht erkennbar ist, und
da man infolgedessen nur schwer findet, was man
sucht; ebenso erwünscht wäre ein Hinweis auf die Seite
des Textes, wo das betreffende Bild ausführlicher besprochen
wird. Zum Text selbst ist ein guter „Index"
vorhanden. Wertvolle Beigaben haben beigesteuert
Ernst F. Weidner: die neueste Liste der Könige
von Babylonien und Assyrien und eine Karte des babylonischen
Fixsternhimmels um 2200 v. Chr., und Walther
Schw enzner: die Karte von Assyrien und eine
Rekonstruktion des babylonischen Weltbildes (II, S.109).

Besonders wichtig ist für den Theologen die dritte
Forderung, daß das geistig-religiöse Leben zu seinem
Recht kommen muß. Das geschieht in der Tat im
zweiten Bande. Auch hier mag man bedauern, daß die
Darstellung noch zu sehr am Äußeren, „Archäologischen
" haftet und zu wenig in das innere Seelenleben,
in den Geist der „Kultur" eingedrungen ist. Aber man
darf darüber die Vorzüge dessen, was tatsächlich geboten
wird, nicht übersehen. Zweierlei möchte ich
rühmend hervorheben: zunächst daß die Mythologie hier
stark in den Hintergrund gedrängt und daß statt ihrer
die Religion selbst in den Vordergrund gestellt wird, und
daß die verschiedenen Seiten des religiösen Lebens mit
gleichmäßiger Liebe umfangen werden ohne die einseitige
Bevorzugung etwa eines Lieblingsgebietes, wie
es leider bei J a s t r o w in seiner „Religion Babyloniens
Assyriens" der Fall ist. Die Götter, die Priester und
der Kultus, Kosmologie und Theologie werden hier als
gleichberechtigte Teile der Religion in drei Kapiteln von
je 50 Seiten zuerst behandelt; dann erst folgen wiederum
in drei gleichlangen Abschnitten die religiöse Literatur
, die Magie und die Wahrsagekunst. Dazu gehört
der Schlußabschnitt über „Ethik und Moral" (worin
sich Ethik und Moral unterscheiden, wird nicht gesagt
). Wie dieser Überblick lehrt, sind hier wesentliche
Teile hinzugekommen, die man bei Jastrow schmerzlich
vermißt. Zweitens muß man rühmend betonen,
daß hier wie überall die neuesten Texte verwertet sind.
Dadurch wird nun auch Zimmern s sonst so verdienstliche
Bearbeitung von Schräders „Keilinschriften
und A. T."3 überholt, wenigstens in einzelnen Punkten.
Man muß fortan neben Zimmern stets das vorliegende
Werk mit zu Rate ziehen, um sich zu vergewissern,
wie viel mehr die Assyriologie heute weiß als vor 20
Jahren. Das lernt man vor allem auch an den beiden
Kapiteln über die philologischen und historischen, die
Natur- und exakten Wissenschaften.

heit und die Verschiedenheit der Kulturen klar zu werden
. Beispiele herauszugreifen, ist wertlos; denn hier ist
jede Einzelheit wertvoll. Wer lebendige Bilder wünscht
und das Bedürfnis nach Anschauung hat, der muß hier
in die Schule gehen. Jeder „gebildete" Theologe, der
den vorderen Orient studieren und wirklich kennen
lernen will, sollte sich zwei Werke anschaffen — und
wenn es nur diese beiden sind — „Ägypten und das
ägyptische Leben im Altertum" von Erman -Ranke
und das vorliegende Buch von Meißner. Jedenfalls
ist dieses Meißner-Werk ein Meisterwerk und für jeden
Alttestamentler schlechthin unentbehrlich.

Bcrlin-Schlachtensee. Hugo Qreßmann.

Schulthess, Friedrich: Grammatik des christlich-palästinischen
Aramäisch. Hrsg. von Enno Littmann. Mit Nachträgen
von Theodor Nöldeke u. dem Herausgeber. Tübingen: J. C.
B. Mohr |924. (XVI, 159 S.) gr. 8°. Rm. 9—; geb. 11—.

Die Umgangssprache des Stifters der christlichen
Religion ist wohl ein für allemal für uns verloren. Von
der volkstümlichen Sprache Palästinas der letzten zwei
Jahrhunderte vor und der ersten Jahrhunderte nach
Christi Geburt ist uns so gut wie nichts erhalten.
Zwar glaubte einst P. de Lagarde, der vor etwa drei
Jahrzehnten das sogenannte Evangeliarium Hierosoly-
mitanum neu edierte, daß dessen Sprache den von
Jesus selbst gesprochenen Dialekt darstellte, aber er
täuschte sich dabei in doppelter Hinsicht. Jenes Evan-
geliar bietet nicht die „schönsten, uralten Lesarten",
sondern ist eine spätere, durch Kopistenfehler arg mißhandelte
Übersetzung aus dem Griechischen in einen
westaramäischen Dialekt. Sodann übersah aber de Lagarde
auch die notwendige Scheidung zwischen der
aramäischen Volkssprache zur Zeit Jesu und der archaisierenden
, literarisch disziplinierten Schriftsprache, derer
sich die jüdische Theologie und ebenso — das beweisen
die im N. T. überlieferten aramäischen Formen — die
altchristlichen Palästiner zu liturgischen Zwecken bedienten
.1

Die christlich-palästinische oder auch syropalästi-
nische Sprache beruht auf dem noch vor der arabischen
Invasion literarisch gewordenen nordjudäischen Bauerndialekt
der palästinischen Anhänger der byzantinischen
Staatskirche, von den Arabern später Melkiten genannt.
Die Ausbildung der neuen Schriftsprache muß von
christlichen, aus Palästina gebürtigen Geistlichen besorgt
sein, die außer der natürlich vorauszusetzenden Kenntnis
des Griechischen auch mit dem edessenischen Syrisch
vertraut waren; daher u. a. die Verwendung der syrischen
Lettern. Eine Hauptpflegestätte der chr.-pal. Übersetzungsliteratur
war das Katharinenkloster am Sinai,
aus dem die meisten unserer Texte stammen.

Eine lange Dauer ist der Sprache im täglichen
Leben nicht mehr beschieden gewesen. Hier wurde sie
bereits im 8. Jahrhundert durch das Arabische ersetzt,
im kultischen Gebrauch jedoch hat sie sich noch mehrere
Jahrhunderte erhalten. Der Einfluß des Arabischen
macht sich vor allem im Lexikon bemerkbar (z. B. die
Wurzel fr'ot „sandte", dessen Etymon ba'ata
jedoch im klassischen Arabisch stets a beim zweiten
Radikal hat; das o unserer Mundart ist wohl nach
§ 137, 1 zu verstehen).

Fr. Schulthess, der sich seit sehr langer Zeit um
den Dialekt verdient gemacht hat,2 hat uns in dem besprochenen
Buche erstmalig3 eine Grammatik dieses

1) Vgl. zu diesen Fragen den trefflichen Vortrag von Schulthess,
Das Problem der Sprache Jesu. Zürich 1917.

2) Außer der bereits zitierten Arbeit und vielen kleinen Beitragen
in verschiedenen Zeitschriften vor allem Lexicon Syropalaestinum. Berlin
1903.

3) Als Vorarbeit stand ihm nur Nöldekes Darstellung des Dialektes
in „Beiträge zur Kenntnis der aramäischen Dialekte II" (ZDMCi
XXII. 1868, S. 443-527) zur Verfügung. Da aber diese Skizze fast

Alles •» allen: Der Theologe, der die Kultur aussch|ießiich auf der älteren Ausgabe des Evangeliars durch den
Israels oder des Judentums erforscht, findet hier den Qrafen Miniscalohi Erizzo aufgebaut ist, so kann sie heute nach der
Vergleichsstoff, den er braucht, Um sich Über die Ein- I Publizierung einer ganzen Reihe von anderen, besseren Texten um so