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Ausgabe:

1925

Spalte:

251-253

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bell, H. Idris

Titel/Untertitel:

Jews and Christians in Egypt 1925

Rezensent:

Soden, Hans

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gellen in tiefen und feinsinnigen Betrachtungen behandelt
, denen man kaum etwas Ähnliches an die Seite
stellen kann. Aus einem ganz eigentümlichen Empfinden
und aus langem, innigen Verkehr heraus gewinnt der
Nachdichter dieses Gedichtes Gottes eine Fülle von
Gedanken auch ganz geläufigen Abschnitten ab, von
denen man es nicht für möglich hielte, daß sie noch
etwas enthielten, was noch niemand geschaut. Wenn
eine Seele von Tiefe und Eigenart mit dem Evangelium
zusammenkommt, gibt es immer noch neue Klänge.
Das ist seine Unerschöpflichkeit, sein Charakter als
einer Offenbarung. Wie erscheinen die Menschen des
Evangeliums als die Menschen, wie wir auch heute
noch sind! Wie erscheint Jesus als über alle Grenzen
von Zeit und Ort hinausgehoben, umwittert in jedem
seiner Worte und Taten von Ewigkeit! Was R. sagt, ist
in einer Sprache gesagt, die des Gegenstandes würdig
ist: fein und tief, aber schwer und dem eiligen Leser
unzugänglich um des knappen und oft übervollen Ausdrucks
willen. Wer sich an einem Eigenen erheben
will, der sich nicht nachmachen läßt, wird hier bereichert
werden.

Marburg. F. Nieberga 11.

Bell, H. Idris, O. B. E., M.A.: Jews and Christians in Egypt.

The Jewish Troubles in Alexandria and the Athanasian Controversy
illustr. by texts from greek papyri in the British Museum. With
three coptic texts ed. by W. E. Crum, M. A. London: Oxford
Univ. Press 1924. (XII, 140 S. m. 5 [2 Dopp.-l Taf.) 4°.

Aus den Papyruserwerbungen des Britischen Museums
in den letzten Jahren werden uns hier 18 Stücke
von allgemeinem Interesse in einer mit größter Sorgfalt
gearbeiteten und allem Reichtum ausgestatteten Ausgabe
vorgelegt. Das Gewand, in dem sich die neuen
Urkunden präsentieren, erweckt höchste Erwartungen,
die ihr Inhalt denn doch ein wenig enttäuscht; man
denkt etwa an das umgekehrte Verhältnis zwischen Aufmachung
und geschichtlichem Gehalt beim Erscheinen
der Oxyrhynchus-Logia Jesu oder der Bruchstücke von
Evangelium und Apokalypse des Petrus. Aber dies
kann den Dank für das Gebotene nicht einschränken,
und interessant genug sind die Stücke in der Tat, denen
der Herausgeber eine so gründliche und liebevolle, weithin
wohl erschöpfende Exegese gewidmet hat. Von
den 18 Stücken steht das erste für sich, die anderen verteilen
sich zu 10 und 7 auf zwei zusammengehörige
Briefarchive, von denen mit der Zeit ja vielleicht weitere
Stücke auftauchen könnten.

Das erste (Nr. 1912) ist das umfänglichste und geschichtlich
wohl bedeutendste. Es ist eine private, zeitgenössische
Abschrift eines durch Anschlag in Alexandria
publizierten Briefes des Kaisers Claudius
an die dortige Bürgerschaft aus dem Jahre 41. Der
Brief bescheidet eine anläßlich der Thronbesteigung entsandte
Doppeldeputation und die von ihr vorgetragenen
Wünsche und Beschwerden. In der Stadt standen sich
die Griechen und die zahlreichen Juden als feindliche
Parteien gegenüber; über deren erbitterte Kämpfe kurz
vor dem Regierungswechsel wir ja durch Philo unterrichtet
sind. So hatten sie auch an den neuen Kaiser getrennte
Gesandtschaften geschickt und gegen einander
geklagt. Im letzten Teil seines Briefes verbietet der
Kaiser dies ordnungswidrige Verfahren und verweist
beide Parteien mit energischer Drohung zum Frieden.
Die Griechen werden ermahnt, die Juden als Mitbürger
zu dulden und ihre religiösen Freiheiten zu achten, die
Juden — mit merklich schärferer Tönung — dagegen,
sich auf die bisher innegehabten Gerechtsame zu beschränken
, neue Rechte nicht in Anspruch zu nehmen
und davon abzustehen, durch Heranziehung von Volksgenossen
aus Ägypten und Palästina ihre Zahl und
Macht mit politischen Absichten zu verstärken. Es
ist nicht das leiseste Anzeichen gegeben, aus dem
sich auf messianische Wirren in der alexandrinischen
Judenschaft schließen und eine Parallele zu dem bekannten
römischen Edikt des Claudius a. 51 konstruieren
ließe, wie dies nach Zeitungsnachrichten Jul. Reinach
in einer Pariser Akademievorlesung getan hat. Die
Juden stehen vielmehr geschlossen den Griechen in
Alexandria gegenüber, und von Christen ist mittelbar
sowenig wie unmittelbar irgend die Rede. — Vor der
Erledigung dieses Zwistes äußert sich der Kaiser mit
freundlicher Zurückhaltung zu den ihm von den hellenistischen
Alexandrinern angetragenen überschwäng-
lichen Kultehrungen — Angebote und Bescheide sind
interessante Dokumente zur Geschichte des Kaiserkults,
die auch dem Kirchenhistoriker wertvoll sind — und
einigen anderen Wünschen von lokalgeschichtlicher Bedeutung
.

Die.zehn nächsten Stücke sind Briefe aus der
Zeit des Melitianischen Schismas und der
Kämpfe seiner Anhänger mit Athanasius. Es ist die
Korrespondenz eines gewissen Pageus oder Paieus
(beide Namen sind nach sonstigen Indizien wohl sicher
identisch, s. Holl in der gleich zu nennenden Veröffentlichung
S. 28 gegen Bell S. 51), der als
Presbyter und Ephorus eines melitianischen Klosters
(ein Titel wird nicht genannt, aber dieser mag in etwa
die Stellung charakterisieren) in der Sekte in hohem Ansehen
stand und eine führende Rolle spielte. Dies ergibt
sich aus dem .ersten der Stücke dieser Gruppe,
einem Vertrag vom 29. März 334, durch welchen seine
Stellvertretung in seinen Klosterpflichten und -rechten
geregelt wird, während er selbst sich zur Teilnahme an
der nach Caesarea berufenen Synode zu begeben hat; das
Jahr der Synode ist somit gegen laut gewordene Zweifel
gesichert. Dazu kommen nun 9 Briefe, (3 davon in
koptischer Sprache) an denselben Pageus (einer ist jedoch
nicht an ihn gerichtet, sondern von ihm geschrieben
, falls kein Versehen vorliegt, s. Bell S. 94).
Nr. 1914 fällt Ende Mai oder etwas später ins Jahr
335 und berichtet dramatisch einen Gewaltstreich des
Athanasius gegen die Melitianer, wie sie ihm in den
uns bisher bekannten Quellen vorgeworfen und von ihm
durch Schweigen wohl zugestanden, aber nicht dokumentiert
werden. Eine kleine Versammlung von Meli-
tianern in Alexandria wird von Soldaten gesprengt,
und die Führer werden getrennt in Haft gesetzt. Athanasius
steht zweifellos hinter dieser Aktion, durch die
er die Rüstung der Gegner auf die Synode von Tyrus
zerschlagen will. Man fühlt sich an gewisse Urkunden
aus den donatistischen Kämpfen in Afrika erinnert. Die
anderen Briefe verraten nichts von den großen Wirren
der Zeit. Zwei Stücke, Nr. 1915/1916, beziehen sich
auf den Loskauf eines schwerverschuldeten Gemeindegliedes
. Nr. 1917 erbittet mit viel geistlichein Schwulst
die Fürsprache des Pageus für den Briefschreiber
Horion, der einen Fehltritt zu büßen hat (Holl S. 28
denkt wohl richtig an Entlaufen aus dem Kloster). Nr.

1918 und 1921 begleiten Lebensmittelsendungen, Nr.

1919 versichert und erbittet die gegenseitige Fürbitte
und bestätigt eine Nachricht von nicht näher bezeichnetem
Inhalt, Nr. 1920 betrifft die Besorgung von
Kleidung (Mönchsarbeit!), und um dergleichen handelt
es sich auch in dem stark verstümmelten Schreiben Nr.
1922. Das Wenige, was all diese Stücke für die Geschichte
des Melitianischen Schismas und die Politik
des Athanasius sowie für das Klosterleben und seine
Ordnungen lehren, hat K. Holl in seiner soeben schon
mehrfach zitierten Akademievorlesung vom 29. Jan.
1925 „Die Bedeutung der neuveröfrentlichten
melitianischen Urkunden für die
Kirchengeschichte" (S. B. S. 18—31) scharfsinnig
und lebendig dargestellt und dadurch zu den
trefflichen Einleitungen und Anmerkungen Beils eine
wertvolle Ergänzung geboten.

Die 7 Stücke der dritten Abteilung sind ebenfalls
Briefe, an einen von ihren Schreibern hochverehrten
Mönch Paphnutius gerichtet. Ihn mit einem der
bisher bekannten Träger des Namens zu identifizieren,