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Ausgabe:

1925 Nr. 10

Spalte:

239-240

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brunner, Emil

Titel/Untertitel:

Erlebnis, Erkenntnis und Glaube. 2. u. 3., neubearb. Aufl 1925

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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239

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 10.

240

Hoffnung, speziell über das Verhältnis des christlichen
Ewigkeitsglaubens zu primitiven „Seelen"- und modernen
„Geister"-Vorstellungen; schließlich über die
Psychoanalyse, ihre berechtigten Motive und ihre einseitigen
Übertreibungen.

Alles in allem: ein treffliches Buch, durch das das
Interesse an religionspsychologischer Arbeit in England
sicher aufs stärkste gefördert werden wird.

Göttingen. G. Wobbermin.

Brunner, Priv.-Doz. Lic. Emil: Erlebnis, Erkenntnis und Glaube.

2. u. 3. neubearb. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr 1923. (VIII, 132 S.)
4".

Brunners Kampf geht gegen den Psychologismus
und Historismus in Religionswissenschaft und Theologie
resp. gegen die Psychologisierung und historische
Reiativisierung der Religion. Sein Buch ist ganz eigentlich
eine Kampfschrift gegen diese Irrwege nicht nur
des theologischen Denkens, sondern auch einer dem zu
Grunde liegenden falschen religiösen Einstellung; die
Psychologisierung der Religion ist letzte Auswirkung
der im Pietismus zuerst emporkommenden spezifischen
Erlebnisreligion. Auch gegen Schleiermacher wetterleuchtet
es schon stark in diesem Buch. Los vom
Psychologismus und los vom historischen Relativismus,
ist die Kampfeslosung. Wir kommen aber von beidem
los, indem wir uns ernstlich auf den eigentlichen Gegenstand
der Religion besinnen: Gott als das schlechthin
Ganz-Andre zu uns, zur Geschichte, zur Welt. Der
Glaube hat es darum nicht zu tun mit dem Strom des
geschichtlichen Werdens, sondern mit „Durchbrüchen
aus einer andern Dimension" (S. 108), und dem gegenübergestellt
sind wir über allen Relativismus hinaus:
hier gibt es nur das Ja oder Nein der schlechthinigen
Entscheidung. Zugleich ist damit gegeben mit klarer
Abwendung von dem Irrweg der Bewegung zur menschlichen
Innerlichkeit die Einstellung auf ein ganz nur von
außerhalb Geltendes, einfach Bindung an eine „absolute
Autorität", der gegenüber es weiter nichts gibt als einfaches
Annehmen oder eben, wie Brunner den Glauben
charakterisiert, ein „Nichts-als-Hören" (S. 129). „Der
Glaube ist die leere Form, die an und für sich nichts
ist als Gefäß für eben diesen Inhalt" (S. 91). So wird
hier reiner Tisch gemacht und alles menschlich Erlebnishafte
der Religion mitsamt der von daher drohenden
Gefahr, vom menschlichen Erleben aus Religion erfassen
zu wollen, sowie alle Hineinverflechtung der
Religion in das Geschichtliche mit seinen Relativitäten
restlos ausgefegt.

Dem Buche Brunners eignen alle Vorzüge und alle
Schwächen einer spezifischen Kampfschrift. Die Vorzüge
: es lebt in dem Buch eine außerordentlich starke
Empfindung für die problematische Lage einer Theologie
, die in bloßen Historismus und in lauter psychologische
Analyse auseinander und damit zugleich unterzugehen
drohte. Wie alle solche ganz aus dem Gegensatz
geborne Streitschriften ist es ein besonders lebhafter
Ausdruck dafür, daß es mit der naiven Hingebung
an die geschichtswissenschaftliche Durchforschung und
psychologische Durchdringung der Religion — die geistige
Signatur der vergangenen Jahrzehnte — vorbei ist;
die dahinter liegenden schweren Probleme treten ins
Bewußtsein. Die Schwäche des Buches ist das einfache
Herausspringen aus diesen Problemen, anstatt daß sie
wirklich ausgetragen werden. Die Probleme des geschichtlich
Relativen, die tatsächlich im Wesen der
Sache liegen, werden zu dem Zweck in Schwierigkeiten
umgedeutet, die lediglich temporär sein sollen und darum
mit der Jahrzehnte beherrschenden falschen Einstellung
wieder verschwinden, die uns in sie hineingeführt
hat und deren Abwegigkeit uns eben an diesen
ihren Konsequenzen zum Bewußtsein kommen sollte.
Es wird übersehen, daß doch nicht erst der moderne

Historismus die Religion in die Geschichte hineingezogen
hat, sondern vielmehr — im Gegensatz zu
Brunners gewaltsamen „Einbrüchen" — das Ewige für
uns ernstlich ganz eigentlich in das Geschichtlich-
Menschliche hineingegeben ist, der moderne Historismus
uns also wirklich vorhandene Probleme erst voll zum
Bewußtsein gebracht hat. Übersehen wird auch, daß die
Umstellung der Religionswissenschaft auf Durchforschung
der Religion als menschlicher Erscheinung einfach
in der Konsequenz eines Denkens liegt, das sich
der Grenzen bewußt geworden ist, innerhalb deren
allein es etwas zu erreichen vermag, nicht aber — wie
Brunner will — lediglich das Produkt einer einseitigen
Verschiebung der ganzen Religion in das Menschlich-
Erlebnishafte ist.

Die gewaltsame Beiseiteschiebung der auch für das
Gebiet der Religion vorhandenen Probleme des geistigen
Lebens zeigt sich im besondern auch in der Konstruktion
der „absoluten Autorität" und jenes Glaubens, der ein
„Nichts-als-Hören" ist. Alles Geistige findet im Menschen
nur dann in rechter Weise Eingang, wenn ihm
vom Menschen aus ein — irgendwie einleuchtendes —
innerliches Bejahenmüssen entgegenkommt. Und erst,
wo ein so begründetes inneres Vertrauen vorliegt, ist
Autorität vorhanden, die diesen Namen zu Recht trägt.
So allein auch ein innerlich begründeter Glaube. Das
aber gerade ist es, worüber Brunner, um allen Schwierigkeiten
zu entgehen, mit seiner Glaubens- und Autoritätskonstruktion
hinausmöchte. Daß er damit wesentliche
Stücke des Geistigen ausscheidet, entgeht ihm.
Hinter seiner „absoluten Autorität" und seiner „einfachen
Bindung" steht das überbetonte Ganz-Andre d. h.
aber letztlich das noch garnicht in dem Prozeß geistiger
Vergewisserung hineingezogene primitive Numinose mit
seiner ungeistigen Zwanghaftigkeit.

Heirnhut. Th. Stein mann.

J. C. HINRICHS'sche Buchhandlung in LEIPZIG

Soeben erschien:

Pistis Sophia

Ein gnostisches Originalwerk des dritten Jahrhunderts
aus dem Koptischen übersetzt

In neuer Bearbeitung mit einleitenden Untersuchungen und Indices
hrsg. von

D. Dr. Carl Schmidt

Professor der Theologie an der Universität Berlin

Infolge erhöhten Absatzes der .koptisch-gnostischen Schriften'
Bd 1 (1905) war eine Neuausgabe notwendig geworden, doch
sind die im Codex Brucianus Oxford enhaltenen gnostischen
Originalschriften nicht in die Neuausgabe herübergenommen,
sondern die im Codex Askewianus in London überlieferten Werke,
die allgemein unter dem Titel Pistis Sophia verbreitet sind.
In der vorliegenden Publikation ist die Übersetzung an der
Hand des koptischen Textes von neuem revidiert und verbessert
worden. Eine tiefgreifende Umarbeitung hat die Einleitung erfahren
. Auf Grund einer Nachprüfung des Ms. an Ort und
Stelle konnten die Fragen betr. die Titel, die Komposition, die
Zeit der Entstehung und die Verfasserschaft in umfassender
Weise behandelt und bei dieser Gelegenheit eine kritische Einstellung
zu der soeben erschienenen englischen Übersetzung von
Horner nebst Einleitung von Legge gewonnen werden. So wird
diese Neuausgabe bei den Religions- und Kirchenhistorikern,
•wie überhaupt bei allen, die sich für die Theosophie und Mystik
des Orients interessieren, sicherlich weitere Freunde gewinnen.

XCII,. 308 Seiten. 8°. Rm. 10.50; geb. Rm. 12-.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 30. Mai 1925.
Beiliegend Nr. 10 des Bibliographischen Beiblattes und ein Prospekt des Verlags Ernst Reinhardt in München.