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Ausgabe:

1925 Nr. 10

Spalte:

238-239

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Selbie, W. B.

Titel/Untertitel:

The Psychology of Religion 1925

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 10.

238

Das 1. folgt Kant kurz durch seine „Jugend" (1724
bis 55), das 2. schon ausführlicher in seine „Werdezeit
" (1754—80); das 3. behandelt seine „Höhezeit"
(zunächst „die Begründung der neueren Philosophie",
dann „der Mensch"), das 4. den „alten Kant". An den
Hauptpunkten und noch einmal zum Schluß wird auch
das Echo dargestellt, das Kants Philosophie bei den
Zeitgenossen fand, in Beifall wie in Gegnerschaft; Umwelt
und Zeitentwicklung tritt dadurch schärfer vor
unser Auge, als es bei dem eigentlichen Lebensbild geschieht
. Die Linien der Kantischen Philosophie werden,
um eine Belastung mit Schulstreitigkeiten zu vermeiden,
nur sehr knapp gezogen, tatsächlich zu knapp für eine
wirkliche Darstellung des „Lebenswerkes". Daß V.s Verständnis
Kants wesentlich durch den Neukantianismus
bestimmt ist, deutet sich an, doch ohne daß es aufdringlich
hervorträte. Merkwürdig wirkt, daß „Kants
Religion" (ähnlich seine politische Auffassung) wesentlich
im letzten Buche, beim „alten Kant", dargestellt
wird. Natürlich ist dabei nicht bloß vom „alten Kant"
die Rede, sondern die religiöse (bezw. politische) Entwicklung
seines Lebens wird skizziert. Nur daß allerdings
die Behandlung der religionsphilosophischen
Hauptschrift im Vordergrund steht. Aber daß dies der
Fall ist, verrät einen Mangel, der auf die schwache Seite
des Werkes überhaupt hinweist. Es wird nicht mit der
nötigen Vertiefung der psychologisch-biographischen Methodik
herausgearbeitet, daß schon der Persönlichkeit
Kants und seinem Lebenswerk ein religiöser Zug von
ganz bestimmter Art anhaftet; nicht einmal die Ethik,
bei der es doch am Tage liegt, wird daraufhin untersucht
. Hier hat die Arbeit der Theologen einzusetzen,
die den religiösen Zug des „Unbedingten" spüren
(um nur dies eine zu nennen), auch wo er sich in fremde
Hüllen kleidet. Aber sie werden ihre Arbeit nur dann
recht leisten können, wenn die Kant-Biographie ihnen
noch besser vorarbeitet, als es bei V. geschieht. Denn
weder die Durchseelung des Stoffes noch die innere
Verbindung des Helden mit den Mächten der Zeitbewegung
oder der philosophischen Gesamtbewegung ist
bis ins Letzte gelungen. Freilich ist auch der Stoff hier
so spröde wie kaum sonst irgendwo in der neueren
Geistesgeschichte; und es wäre undankbar, die nächstliegende
und doch ebenso schwere wie unerläßliche Aufgabe
V.s sofort unter die Kritik der weiterreichenden
Aufgabe zu stellen. Aber nachdem V. gegeben hat, wozu
er wie kein anderer berufen war, erhebt sich mit Macht
die neue Aufgabe der vertieften und verfeinerten biographischen
Kunst (ein Ansatz schon bei Chamberlain
1905, sowie neuerdings in dem Kant-Werk Kühnemanns,
aber auch in manchem anderen Versuch; vgl. meine Bemerkungen
in dem Aufsatz „Kant und die Religion",
Jubiläumsheft der Kantstudien 1924, S. 207ff.).

Halle a. d. S. Horst Stephan.

Andreas-Salome, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen
Werken. Mit 3 Bildern Nietzsches u. faksimilierten Briefen.
Dresden: C. Reissner. (230 S.) 8°. geb. Gm. 7—

Das Buch ist 1804 zum ersten Mal erschienen und geht jetzt unverändert
von Neuem aus. Die Verf. durfte sich das erlauben. Denn
einmal: soviel von Nietzsche auch seit 1804 veröffentlicht wurde,
bis jetzt ist nichts an den Tag gekommen, was ihren biographischen
Angaben nicht zur Bestätigung geworden wäre. Man vgl. einmal S.
47 ff. mit den jetzt (s. Th.L.Z. 1025 Nr. 5) veröffentlichten Jugendschriften
. Sodann: das Nietzscheverständnis der Verf. ist geradezu
aktuell. Während es 1804 dank der Plattheit der damaligen
Nietzsche-Anhänger und dem Aburteil von Nietzsche's verständnisloser
Schwester zur Wirkungslosigkeit verurteilt war, ist es jetzt durch
Bertrain (der an dies Buch in seiner Grundauffassung sich anlehnt)
zum Siege gekommen. So steht denn dies Buch als Zeugnis dafür
da, wieweit wir mit unserer Nietzsche-Deutung schon vor dreißig
Jahren hätten sein können, und man fragt sich angesichts seiner
wie Nietzsche's Mission gegen den Zeitgeist so verkannt werden
konnte und das platte Nietzsche-Verständnis so bis zur Neige ausgekostet
werden durfte.

Über dies Geschichtliche hinaus hat das Buch noch heut, wo
vieles auf Umwegen Gemeingut geworden ist, seinen Wert durch manchen
tatsächlichen Zug und manche feinsinnige Bemerkung. Ich hätte
meinen „Nietzsche und Luther" ohne dies Zeugnis jemandes, der ihm
nahe stand, so nicht zu schreiben mich getraut. Gewiß ist die Verf. kein
ungetrübter Spiegel. Sie nimmt in ihrem Buch zugleich die Stellung der
nahen, aus ihren Erinnerungen schöpfenden Freundin und des kühlen Forschers
ein; und das bringt eine Zwiespältigkeit in ihr Werk. Aber
solange, bis wir eine aus gesammelter reiner Anschauung geborene
Darstellung besitzen werden, wird es kaum zu entbehren sein.
Göttingen. E. Hirsch.

Selbie, W. B., M. A., D.D.: The Psychology of Religion.

Oxford: Clarendon Press 1024. (XII, 310 S.) gr. 8°.

Dieses Buch bildet den ersten Band einer geplanten
Sammlung theologischer Handbücher, in der
weiterhin zunächst eine Einleitung in das Neue
Testament von Mc Neite, eine Geschichte Israels von
Dr. Burney, eine Dogmatik von A. C. Gloucester, dem
Begründer des Unternehmens, erscheinen sollen. Wenn
die weiteren Bände ebenso glücklich und gediegen ausfallen
wie der vorliegende, wird die ganze Sammlung
äußerst fruchtbar werden.

Der Begriff „religionspsychologisch" ist ja im
heutigen Sprachgebrauch nicht eindeutig. Er bezeichnet
entweder die Aufgabe der empirischen Psychologie des
religiösen Lebens als Sonderdisziplin oder die im engeren
Sinne so zu nennende religionspsychologische Methode
der theologisch-systematischen Arbeit. In letzterem Falle
! muß die Frage nach dem spezifisch Religiösen und entsprechend
nach dem spezifisch Christlichen das entscheidende
Leitmotiv darstellen; und demgemäß müssen
das Wahrheitsinteresse und der Wahrheitsanspruch der
Religion im allgemeinen und der christlichen Religion
im Besonderen grundsätzlich berücksichtigt werden. Die
Verbindungslinien, die zwischen diesen beiden an sich
völlig verschiedenartigen Aufgaben gleichwohl bestehen
und von der ersteren zu der letzteren hinüberführen,
aufzuzeigen, läßt sich unser Verfasser besonders angelegen
sein. Das ganze Buch hat in diesem Bestreben
sein Hauptcharakteristikum. Und dies Bestreben führt
S. mit ebenso großer Sachkenntnis wie vorsichtig abwägender
Beurteilung durch. Allerdings werden die
beiden Gebiete nicht immer scharf genug auseinandergehalten
. Und damit hängt wieder zusammen, daß die
Stellungnahme zur Wahrheitsfrage (S. 60 ff.) der vollen
Klarheit entbehrt. Darin ist auch Selbies Mißverständnis
meiner eigenen Position begründet. Es ist doch nicht damit
getan, Wahrheitsinteresse und Wahrheitsanspruch
des religiösen (christlichen) Bewußtseins anzuerkennen;
sondern darauf kommt es an, diese Anerkennung zum
methodischen Prinzip zu erheben. Das heißt nun freilich
nicht, die abschließende Beurteilung der Wahrheitsfrage
der „Religionspsychologie" zutrauen oder
zuschieben, was sinnlos wäre. Wohl aber heißt es, die
Ausgangsbasis für die letztgenannte Aufgabe religionspsychologisch
(im engeren Sinne) klären und 'damit
allererst tragfähig machen.

Auch den Ausführungen Selbie's über Schleiermacher
(S. 42 ff.) kann ich nicht völlig zustimmen.
Schleiermachers Begriff des Gefühls wird trotz gewisser
Einschränkungen und Vorbehalte doch noch zu sehr
aus dem Sprachgebrauch des täglichen Lebens einerseits
, der neueren Psychologie andrerseits verstanden,
daher nicht streng genug im genuinen Sinne Schleiermachers
als „unmittelbares Selbstbewußtsein" in der
Totalität seiner Einzelmomente und Einzelfunktionen
gefaßt.

Im übrigen erweist sich aber Selbie durchweg als
gut, unterrichteten, selbständig und vorsichtig urteilenden
Fachmann, mag er über das religiöse Bewußtsein der
Primitiven, über Fetischismus und Totemismus, über
mana und tabu sprechen, oder über die Religion des
Kindes- und Jugend-Alters, über die Probleme der Bekehrung
, über das christliche Gebet, über Sünde und
Reue. Besonders wertvoll sind noch die Abschnitte über
die Mystik, deren doppelseitige Beurteilung durch S.
sich eng mit meiner eigenen berührt; über die religiöse