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Ausgabe:

1925 Nr. 9

Spalte:

203-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hessen, Johannes

Titel/Untertitel:

Augustinus und seine Bedeutung für die Gegenwart 1925

Rezensent:

Soden, Hans

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Seite 1

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203 Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 9. 204

Wert er mit sympathischer Anerkennung immer wieder j gleichungen sind freilich ziemlich obenhin durchgeführt
hervorhebt. Harnacks Doppelheft über die exegetischen und lassen sehr wichtige Differenzen unberührt; die In anArbeiten
des Origenes ist ihm erst nach Abschluß seiner j spruchnahme Augustins für die phänomenologische Reeigenen
Studien zugänglich geworden, kam für seine j ligionsphilosophie dürfte sich so leicht nicht begründen
Zwecke ja auch weniger in Betracht, da Harnack sein ; lassen, wie es bei H. geschieht, und eine Theorie dessen,
Interesse auf den „kirchengeschichtlichen Ertrag" dieser was Augustin praktisch erlebte, müßte wohl erheblich
Quellen richtet. De Faye hat die ungefügen Massen j tiefer dringen als M. Schelers Oedanken. Daß man
seines Stoffes gewandt geordnet und in glücklich ge- j Augustins Gottesbeweis nicht kausalistisch deuten darf,
wählten Beleuchtungen zur Anschauung gebracht. Sein ! und daß in seiner Gotteserkenntnis Intuition das entBuch
ist nach französischer Weise von Einzelausein- 1 scheidende Moment ist, wird allerdings niemand, der
andersetzungen, Literaturverweisen und dergleichen ganz j nicht durch Advokatenpflichten gebunden ist, bestreiten,
entlastet und hat nur sehr wenige und kurze An- j und in seinem Streit mit seinen katholischen Gegnern
merkungen. Zitate werden reichlich und in französischer | kann der Unparteiische H. nur einfach Recht geben.
Übersetzung geboten. Besondere Aufmerksamkeit ist der j Aber damit ist das hochgegriffene Thema der Gegen-
Kritik der sekundären Überlieferung, der lateinischen [ wartsbedeutung Augustins nicht entfernt erledigt, und.
Übersetzung und der Zitate, zugewandt; mit Recht von der Polemik' abgesehen führen H.s Ausführungen
stellt F. ihre Benutzung für die Darstellung des origi- an die eigentlichen Probleme nicht heran. Der (Neu)-
nalen Systems des Origenes unter strenge Vorbehalte. Platoniker Augustin, auf den er allein reflektiert, ist
Die Verbindung von biblischer Theologie und hellenisch- | nicht der ganze, und die besondere Modifikation des
hellenistischer Philosophie wird überall gut heraus- i Augustinischen Piatonismus wird nicht herausgestellt,
gearbeitet. Neue Erkenntnisse hat uns F. in diesem So ist z. B. übersehen, daß Augustin eine ekstatische
ersten Bande, soviel ich sehe, nicht gewonnen, obwohl Gottesschau nicht kennt. Über dies und Anderes kann

er offenbar selbständig die Quellen gelesen hat, während
die kritische Literatur nicht ganz vollständig verarbeitet
zu sein scheint. Von Harnacks chronologischen
Ansetzungen finden sich nur zwei Abweichungen von
Bedeutung. F. entscheidet sich bezüglich des Todesjahrs
des Origenes für die Tradition, welche auf 251 führt
(hält aber trotzdem gegen Preuschen und Krüger an der
Geburt 185 fest, S. 5) und schließt sich bei der Datierung
der Schrift über das Martyrium der Ansicht von
Neumann und Koetschau an, daß sie im Jahre 235 in
Caesarea Pal. verfaßt sei.
Marburg. H. v. Soden.

Hessen, iJriv.-Doz. Dr. theol. et phil. Johannes: Augustinus und
seine Bedeutung für die Gegenwart. Stuttgart: Strecker &
Schröder 1924. (IX, 129 S. m. 1 Bild), kl. 8".

Rm. 1.70; geb. 2.50.

Der Augustinismus erhebt im katholischen Lager
wieder einmal sein Haupt. Der große Heilige und
Kirchenlehrer soll den Schild halten über der dem
Neothomismus in M. Scheler und seiner Schule entgegentretenden
Zeitrichtung der katholischen Philosophie
. Die alten Gegner des Augustinismus, die Jesuiten
, sind auf dem Plan und versuchen durch neutho-
mistische Deutung Augustins ihn den intuitionistisch angekränkelten
modernen Religions- und Kulturphilosophen
des Katholizismus und ihrer zweischneidigen Apologetik
zu entreißen. In diesem Streit steht H. als überzeugter
Jünger Schelers schon einige Jahre in der literarischen
Front der Neuaugustiner. Das frisch und sicher
geschriebene, wiewohl etwas leicht geschürzte Schriftchen
, das zur Besprechung vorliegt, ist wesentlich eine
Abrechnung mit seinen traditionalistischen Kritikern,
Geyser (vgl. Th.L.Z. 1924, 441 ff.) und Przy-
wara (Religionsbegründung, Max Scheler — H. J.
Newman. Freiburg 1923), und eine Verteidigung seiner
eigenen, früher veröffentlichten Schriften. Sie füllt unter
der Überschrift „Der Mystiker" die zweite Hälfte des
Büchleins. In dein mystischen Zug — auf die verwickelte
Begriffsbestimmung der Mystik geht H. dabei
nicht ein — sieht er Augustin mit unserer Zeit zusammenstimmen
(S. 4 f.) und findet weiter seine üegen-
wartsbedeutung in seiner (neu)platonischen Philosophie,
insbesondere dem ontologischen, nicht kausalen Gottesbeweis
, und seiner um einen geistigen Lebensinhalt
ringenden Faustnatur überhaupt, die durch „Götzen-
zerschmetterung" zur Gottesgewißheit eingeht. „In diesem
ebenso tiefen wie originellen (!) Gedanken Schelers
sehe ich die philosophische Umdeutung, die Theorie
dessen, was Augustin praktisch erlebt hat" (S. 20).
Die platonische Dialektik und ihr Wahrheitsbeweis
„decke sich im Wesen völlig mit dem Gedankengang"
Windelbands und der badischen Schule (S. 39). Diese Ver-

H. sich in K. Holls Abhandlung „Augustins innere
Entwicklung" belehren, die er wie andere neuere Au-
gustinforschungen leider nicht benutzt hat. So ist das
Bändchen ein Beitrag zum Verständnis des modernen
Katholizismus und der Spiegelungen und Brechungen
des Geisteslebens der Zeit in ihm, während es für die
Erkenntnis Augustins und seiner Geschichte nichts Erhebliches
austrägt. — Das sentimentale Bild von Ary
Scheffer „Augustin und Monnica" würde man gern entbehren
.

Marburg. H. v. Soden.

Caspar, Prof. Dr. Erich: Hermann von Salza und die Gründung
des Deutschordensstaats in Preußen. Tübingen; J. C.

B. Mohr 1924. (VIII, 107 S.) gr. 8°. Rm. 3—.

Der Verfasser beschäftigt sich mit den Fragen
nach dem inneren Wesen des einzigartigen staatlichen
Gebilde des Deutschordensstaats, es handelt sich ihm
um die Verknüpfung, die Hermann von Salza seiner
Staatsgründung mit den beiden Weltgewalten des Zeitalters
, dem Kaisertum und dem Papsttum, geben wollte,
um den Kampf widerstreitender Ideen, der dadurch über
der Wiege des neuen staatlichen Gebildes entfesselt
wurde, und um den Einfluß, den dieser Kampf auf die
weitere Entwicklung des Ordensstaats geübt hat. Caspar
geht von dem früheren Unternehmen des Ordens im
ungarischen Burgenland aus, das scheiterte, weil der
Orden einen autonomen Staat erstrebte. Das Privileg
Friedrichs II. von 122b für Preußen zeigt dieselbe
Tendenz, wobei der Kaiser sein Verfügungsrecht über
Preußen auf die universalistische Theorie vom abendländischen
Kaisertum und auf das Königsrecht vom
herrenlosen Land begründete. Dadurch wurde der Hofmeister
nicht Reichsfürst, aber für die Zukunft wie ein
Reichsfürst privilegiert. Die Preußenbulle Gregor IX.
für den Orden von 1234 regelte dann die Stellung des
Ordens in Preußen zur Kurie. Der Orden mußte bei
der endgültigen Rcglung 1243 ein volles Drittel des
Landes an die bischöfliche Gewalt überlassen, die ihm
theoretisch wenigstens, dem Papste gegenüber gleichgeordnet
war. Die Politik Hermanns ging nun dahin,
ein ähnliches Gebilde zu schaffen, wie die Kreuz-
fahrerstaaten in Palästina, dem Muttenboden der
Ritterorden, nur daß er dieses Ideal bei der Wendung
auf ein europäisches Arbeitsfeld vielleicht nach
dem Vorbild des sizilianischen Staates seines Gönners
, Friedrichs II. abwandelte. Die preußische Gründung
war von Hermann von Salza als autonomer Staat
geplant, sie mußte aber zugleich als Missionsunternehmen
unter päpstliche Sanktion treten. Aus diesem
Widerspruch erklärt sich der spätere Zusammenbruch
des Ordensstaats. C. hat seine These weithin einleuchtend
gemacht, und doch will es mir scheinen, als ob