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Ausgabe:

1924 Nr. 9

Spalte:

176-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feine, Paul

Titel/Untertitel:

Einleitung in das Neue Testament. 3., neu bearb. Aufl 1924

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 9.

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landsche Letterkunde: De Levens van Jezus, Leiden,
Sijthoff) orientieren kann. Die Beachtung der Tatian-
Forscher hatte dieser Text darum nicht gefunden, weil er
bei oberflächlicher Prüfung eine Wiedergabe der lateinischen
Harmonie des Victor von Capua im Cod. Ful-
densis zu sein schien, deren Text bekanntlich auf Grund
der Vulgata gestaltet ist. Plooijs Entdeckung besteht
zunächst in der Erkenntnis, daß L (XIII. Jahrh., 1835
von Meijer zuerst ediert) im Gegensatz zu S und seinen
Verwandten einen nicht an die Vulgata angeglichenen
Text bietet und daß der hinter L zu postulierende Lateiner
sich offenbar mit unserem altlateinischen Evangelientext
berührt hat.

So bietet L I_k. 7,20 die ausgeführte Schilderung: ,si gingen
tote Jhesum ende vragden hem van sinen wegen'; das ist
nicht die kurze Form von Vulg und Fuld, erinnert aber an e: ,dixit
euntes inquiritc'. Joh. 4,27 hat L ,nochtan en seide harre nienegheen
totin wive wat suks tu' hat also den Zusatz von af ,mulieri' (hier
bietet S Ähnliches, nicht aber Fuld!). Noch wichtiger ist die Form der
4. Bitte bei L: ,onse daghliksche broet verleene ons'; das ist
das altlateinische ,cotidianum' statt .supersubstantialem' vulg; Fuld
hat den Mischtext ,supersubstantialem cotidianum'. Die 6. Bitte
lautet dagegen ,en beghef ons nit in onsen koringen', etwa — ,non
derelinquas nos in tentatione', wie es einmal bei Hilarius von Poitiers
heißt; auf ein ähnliches Verbum weist der für Marcion zu erhebende
Text, den Tertullian mit ,non sinet nos deduci in temptationcm' bezeugt
. Zu greifbarerem Ergebnis meint Plooij von Mt. 27,45 aus zu
kommen: hier leitet L (nicht S, auch Fuld nicht) nach der Wiedergabe
von Joh. 19,27 die Erwähnung der Sonnenfinsternis bei Jesu
Tod mit dem Ubergangssatz ein ,alse Jhesus aldus ane den cruce ghe-
hangen was'. Diese ausgesprochen harmonistische Lesart findet sich
aber Mt. 27,45 in aber2, sodaß bei dem Verhältnis zwischen
der lat. Vorlage von L und den altlat. Ew. die Harmonie der gebende
Teil zu sein scheint. Aber harmonistische Lesarten bei einigen Altlateinern
beweisen noch nicht den Einfluß der L-Vorlage auf die
ganze altlat. Evv.-Überlieferung. Das Problem läßt sich mit Stichproben
kaum lösen, zumal da gelegentlich auch S altlateinische Lesarten
, andrerseits unser L Vulgata-Spuren aufweist.

Daß wir in L Tatian-Lesarten vor uns haben, wird
von Plooij durch viele Vergleiche mit unseren Tatian-
Zeugen belegt. Danach scheint der Wortlaut von Tatarab
etwas besser d. h. weniger nach syv« geformt zu sein
als man jetzt gewöhnlich annimmt.

So fehlt in L Mt. 5,37 die Verdoppelung; er bietet einfach ,ya
ende neen' wie Tat arab Ja oder nein'. Ich erwähne ferner als besonders
bemerkenswert aus L: Mt. 15,25 eine Wiederholung des
„erbarme dich mein" vor „hilf mir" (Tatarab dasselbe nachgestellt);
Joh. 19,30 ,eu est al voldaen' (wie Tatarab, arm, ähnlich n). — Dagegen
ist offenbar ganz vereinzelt die Lesart Lk. 1,66 ,want de Gods
gratie was in hem' (S: Gods hant, Fuld: manus domini). Plooij
erwägt, m. E. sehr mit Recht, da Einfluß von Lk. 2,52 kaum in Frage
kommt, die Möglichkeit einer innergriechischen Verderbnis, durch die
X«QH aus jdrfp entstand.

Aber die Schlüsse des Verf. gehen noch weiter.
Er zeigt nicht nur, daß der lateinische Vorfahr von L mit
dem Text von Ephraems Kommentar zusammen geht,
sondern daß er überhaupt zu direkten oder indirekten
Zeugen syrischer Überlieferung (Ephr., Aphr., Tatarab
sys syc) starke Beziehungen hat. Er stützt diesen Nachweis
, indem er direkte Syriasmen in L selbst aufzuzeigen
unternimmt. So wird es ihm wahrscheinlich, daß die lateinische
Vorlage von L unmittelbar aus dem Syrischen
übersetzt ist.

Zur Beurteilung dieser Syriasmen bin ich nicht zuständig. Es sind
ihrer drei: Lk. 2,42 ,na de costumc (Sitte) van harre gewoenten (Gewohnheiten
)' für xaret to e#nc rrür iopriji; Mt. 14,13 so sat hi in en
schep für arsyiogriciev ixelH-en tv nXoitp (ebenso Mk. 8, 10 = Mt.
15,39 ,sat' für txßng); Lk. 1,78 ,van bov'en (von oben) uten Orienten
für nvaToXr ef vipovs. Die Zahl der Beispiele ist allerdings nicht
groß. Und unter Umständen kann so ein angeblicher Syriasmus auch
spontan in der Obersetzungssprache entstehen. So scheint z. B. Joh.
15,1 in L ,ic ben die gewarege wyngart' auf die Lesart ,Weinberg'
bei Ephr. Aphr. u. a. zu weisen, aber Plooij muß selbst zugeben, daß
im Mittelholländischen .wyngart' auch Weinstock bedeuten kann und
daß L selber für y&vraa Tr/S ufxn&'kov Mt. 26,29 ,wyngards vrochte'
schreibt (ebenso S ,vrucht des wijngardes'!).

Schließlich gelangt der Verf. zu der These, daß das
altlateinische Diatessaron im Ganzen, nicht nur der eine
Zeuge, von dem L abstammt, direkt aus dem Syrischen
übersetzt sei. Allerdings scheinen mir die angeführten

Beispiele für diesen Satz nicht zu genügen, zumal da in
dem einen Fall Joh. 6,15, wo statt des vulgären
avkyioQrjaev sowohl L wie it (zum Teil) vulg und syc
,entfloh' haben, ein griechischer Zeuge, nämlich tf*,
(pevyei liest, also an der Übereinstimmung beteiligt ist.
Endlich will Plooij die Annahme eines griechischen
Tatian überhaupt erschüttern. Zu einer völlig neuen Begründung
der Zahnschen These von der syrischen Abfassung
des Diatessaron reicht das von Plooij vorgelegte
Material aber doch nicht aus. Wohl dürften
manche seiner Einwände gegen Burkitts und Preuschens
Verteidigung des griechischen Tatian zu Recht bestehen,
so vor allem seine Kritik an Epiphanius haer. 46, 1 wie
seine Behauptung, daß der griechische Name Diatessaron
für ein syrisches Buch nicht ungewöhnlich gewesen sei.
Aber die endliche Entscheidung der Frage wird doch
immer sehr stark von der Meinung abhängig bleiben,
die der einzelne Forscher sich von der Wirkung des
Diatessaron im Osten und Westen bildet. In der Erkenntnis
dieser Dinge aber wird uns Plooijs Entdeckung
— oder sagen wir zuversichtlicher: der mit Plooijs Buch
einsetzende neue Abschnitt der Tatian-Forschung hoffentlich
weiter bringen.

Ich fasse zusammen: Plooij gebührt der Ruhm, die
Bedeutung von L erkannt und die Tragweite seiner
Erkenntnis durch neue Problemstellungen belegt zu
haben. Seine Lösungen sind allerdings mehr versucht als
bewiesen. Denn um Fragen wie die nach dem Verhältnis
des lateinischen Diatessaron zur lateinischen Evangelienüberlieferung
und nach dem griechischen Tatian zu lösen,
genügt das eklektische Verfahren Plooijs nicht, der im
Hauptteil seines Buches noch nicht 100 Lesarten einer
Prüfung unterzieht, um dann vorläufige Ergebnisse nicht
immer vorsichtig zu formulieren. Aber die Hauptsache
ist nicht abzustreiten: wir erhalten in L nicht nur einen
Zeugen für die Reihenfolge der Perikopen wie Tatarab
und Fuld, sondern auch für den Wortlaut. Ihn gilt es
nun an dem Kommentar des Ephraem und den Zitaten
des Aphrahat zu messen, und namentlich das letztere
wird, wie bereits Lietzmann ZNW. 1923, 152 f. gezeigt
hat, keine leichte Aufgabe sein, denn die Abweichungen
sind beträchtlich. Was m. E. nun weiter versucht werden
müßte, ist eine Rekonstruktion von Tat,at unter Heranziehung
aller erreichbaren mittelholländischen Zeugen
(daß die anderen außer L trotz ihrer Minderwertigkeit
bei der Beurteilung von L nützlich sein können, zeigen
wohl die wenigen Vergleiche mit S, die ich oben auf
Grund von Bergsmas Ausgabe notiert habe). Dann erst
wird die Frage nach dem Verhältnis zu af und it, dann
auch die Syriasmen-Frage untersucht werden können.
Aber ein verheißungsvoller Anfang neuer Forschungstätigkeit
ist mit Plooijs Arbeit gemacht.

Heidelberg. Martin Dibclius.

Feine, Prof. D. Dr. Paul: Einleitung in das Neue Testament.

3. neu bearb. Aufl. Leipzig: Quelle & Meyer 1923. (XI, 267 S.)
8°. = Evangel.-Theolog. Bibliothek. geb. Gm. 8—.

Die 3. Auflage von Feines Einleitung in das
N. T. gibt sich als eine neu bearbeitete. Die Neuarbeit ist
besonders der Kanons- und Textgeschichte zu Gute gekommen
. Jedoch sind auch die seit Abschluß des Krieges
— die 2. Auflage stammt von 1918 — angestellten Untersuchungen
über Fragen der speziellen Einleitung berücksichtigt
worden. In vorderster Linie stehen die Beiträge
der Forscher, die eine formgeschichtliche Behandlung
der Evangelien befürworten. Aber auch bei der pauli-
nischen Literatur und den katholischen Briefen nötigten
in den letzten Jahren geltend gemachte Gesichtspunkte
zu neuerlicher Stellungnahme.

Diese Stellungnahme bedeutet für Feine allerdings
durchweg die Ablehnung des Neuen und wiederholte Empfehlung
der schon früher von ihm beschrittenen Wege
zum Ziel eines wissenschaftlichen Verständnisses der
Entstehung des N.Ts. Das hat zur Folge, daß die 3. Auf-