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Ausgabe:

1924 Nr. 8

Spalte:

157

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boeckl, Carl

Titel/Untertitel:

Die Eucharistielehre der Deutschen Mystiker des Mittelalters 1924

Rezensent:

Clemen, Otto

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157

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 8.

158

falschen Schlußfolgerungen. Auch der „akatholischen
Theologie" macht er „sinnenbeschränkten Empirismus"
zum Vorwurf (8). Die Ausführungen über Thomas'
Schätzung der Kontemplation als „einer Form der Arbeit
und zwar in höchster Reinheit" gipfeln dann, daß
sowohl die vita activa wie die vita contemplativa der
Weg zur höchsten Vollkommenheit sei (138). So gewiß
das wörtlich richtig ist, so schießt doch die Folgerung,
daß die Weltarbeit nach Thomas durch die Möglichkeit
innerweltlicher Berufsaszese nichts an ethischem Gehalt
verliere, über das Ziel hinaus: es handelt sich eben um
das Wertverhältnis der beiden möglichen Wege! Zum
Protestantismus nimmt H. öfter Stellung; meist in sehr
anfechtbaren Formulierungen; z. B. 86: der P. habe
systematisch auf eine spirituelle Autoritätsstellung der
Ethik auch für das Wirtschaftsleben verzichtet; schief
auch S. 115 f. S. 133 ff. (Luther und Beruf). Das
Buch endet in einem Abschnitt: „Leo als Führer", der
zu dem Tenor wissenschaftlicher Untersuchung seiner
Haltung nach in Gegensatz steht, und dieser Abschnitt
wieder mündet in einen Hymnus auf Leo (276 f.), der so
ziemlich alles überbietet, was an Menschenverherrlichung
geleistet werden kann: Leo der „hünenhafte Träger der
geistigen Weltherrschaft der Neuzeit", der „geistesgewaltige
Atlas der christlichen Kultur" u. s. w. Deutlicher
hätte der Verf. die scharf einseitige katholische
Gebundenheit seines Buchs nicht kennzeichnen können.
Gießen. M Schi an.

Boeckl, Priester Dr. theol. Carl: Die Eucharistielehre der
Deutschen Mystiker des Mittelalters. München: Hübsch-
mann-sche Bchdr., H. Schrödl 1923. (XXIV, 136 S.) Gm. 3.50.

B. will einen Beitrag liefern zur Bekämpfung der
irrigen Meinung, daß die deutschen Mystiker „eigenartige
, spritualistisch-subjektivistische Tendenzen" verfolgt
und eine freie, vom kirchlichen Dogma sich loslösende
Religiosität gepflegt hätten. Demgegenüber beweist
er betreffs eines (allerdings sehr wichtigen) dogmatischen
locus, daß die Mystiker sich in diesem Punkte
durchweg kirchlich-korrekt geäußert hätten. Ich kann
mich des Gefühls nicht erwehren, daß er da offene
Türen einrennt. Daß die Mystiker innerhalb desjenigen
Segments ihres Gedankenkreises, der stofflich der
Kirchenlehre kongruent ist, an das kirchliche Dogma
gebunden sind und den Kirchenvätern und Scholastikern
folgen, wird doch nicht bezweifelt. Aber wohl wird
ihnen erst, wenn sie sich auf Gebiete begeben, wo ihnen
nicht die Route vorgezeichnet ist. Diese Bewegungsfreiheit
setzt in unserm Falle da ein, wo sie sich über
die Segenswirkungen, die sie von dem häufigen Genuß
des Sakraments auf ihr Innenleben verspüren, auslassen.
Immerhin, ist es sehr verdienstlich, daß B. mit gewissenhaftem
Fleiß die Mystiker die lange Reihe hindurch
über ihre Eucharistieiehre abgehört hat, wenn auch die
Antworten naturgemäß ziemlich monoton ausfallen. Die
treffliche Gruppierung und die wohl lückenlose Heranziehung
der Quellen und der Literatur verdankt B.
seinem Lehrer M. Grabmann und den Schätzen der
Münchener Staatsbibliothek. In den Anmerkungen findet
sich manche beachtenswerte Notiz über Echtheit,
Entstehungszeit und Abhängigkeit einzelner mystischer
Schriften.

Zwickau i.S. O. Giemen.

Dold, p. Alban: Konstanzer altlateinische Propheten- und
Evangelienbruchstücke mit Glossen nebst dazugehörigen pro-
pnetentexten aus Zürich und St. Gallen, teils neu, teils erstmals
herausgeg. u. bearb. Leipzig: Otto Harrassowitz i. Komm. 1923.
(XII, 280 S. mit 5 Schriftbildern.) 8°. « Texte und Arbeiten hng
durch die Erzabtei Beuren. 1. Abt. Heft 7—9. Gm. 1.50.

Zuerst erzählt D. in einer für den Bibliothekar geradezu
spannenden Weise, wie die einst der schwäbischen
Benediktinerabtei Weingarten, ursprünglich aber der
Konstanzer Dombibliothek gehörigen Hss. mit Itala-
propheten- und -evangelienfragmenten in den Einbänden

(26 bezw. 7 an der Zahl) im Laufe von 64 Jahren bei
12 Durchsuchungen zu 8 verschiedenen Zeiten in 5 verschiedenen
z. T. räumlich weit auseinanderliegenden
Bibliotheken (Fulda, Darmstadt, Stuttgart, St. Paul in
Kärnten, Donaueschingen) gefunden wurden. Die Hss.
mit Evangelienfragmenten läßt er dann aber zunächst
beiseite und beschränkt sich auf die mit Prophetenfragmenten
. Er zeigt, daß diese einer Konstanzer Hs.
entstammen, die Mitte des 15. Jahrh.s zur Gewinnung
von Buchbindermaterial zerschnitten wurde. Die bis
1912 gefundenen Fragmente der Hs. sind von Paul
Lehmann in eine Facsimileausgabe (Leiden, Sijthoff)
zusammengestellt worden. D. veranschaulicht nun aber
unter Verwertung aller bisherigen Funde in scharfsinnigster
Weise, wie der ganze Band nach Anlage, Umfang
und Ausstattung beschaffen gewesen sein muß.
Weiter macht er auf Eigentümlichkeiten und Merkwürdigkeiten
des Lateins dieser alten aus der LXX geflossenen
Übersetzung aufmerksam. Zahlreiche Varianten
und Fehler im Text beweisen, daß dieser zur Zeit der
Entstehung der Hs. schon eine Entwicklung durchgemacht
haben muß. Es folgt eine diplomatisch genaue
Wiedergabe der gefundenen Texte. Italapropheten-
fragmente besitzen wir sonst nur in dem Würzburger
Palimpsestkodex, die derselbe Marburger Theologe Ernst
Ranke, dem 1856 in Fulda der erste Fund aus der
Konstanzer Hs. glückte, 1871 veröffentlichte. Dazu
kommen die Zitate bei den Vätern und die von D. entzifferten
und im Anhang erstmalig mitgeteilten St. Galler
Italaprophetenfragmente. Eine minutiöse Textvergleichung
legt den Schluß nahe, daß alle in der Konstanzer
Hs. überlieferten Prophetentexte einer UrÜbersetzung
entstammen, die in Afrika aus der LXX angefertigt
worden ist. Nun erst kommt D. zur Beantwortung der
Frage, wo und wann die Konstanzer Hs. entstanden
sein mag: Oberitalien 5. Jhrh. Darauf geht er über zu
den Glossen, die — wahrscheinlich im 6. Jahrh. noch
in Oberitalien — auf die breiten Ränder der Pergamentblätter
der Konstanzer Hs. geschrieben sind. Auch sie
werden genau mitgeteilt. Die meisten sind den kleinen
Propheten, die ausführlichsten Ezechiel beigeschrieben.

| Sie sind um so wertvoller, als sonst Kommentare zu den
A.T.liehen Propheten aus alter Zeit kaum erhalten
sind. Sie scheinen in der 2. Hälfte des 4. Jhrh.s in Ab-

I hängigkeit von Ambrosius und Origenes entstanden
zu sein.

Jetzt kommt D. auf die Evangelienfragmente zurück
. Sie fanden sich unter dem übergeschriebenen
Texte eines Bußkanonesbuchs, das wahrscheinlich im
16. Jahrh. in Konstanz gleichfalls zur Gewinnung von
Buchbindermaterial zerstört wurde und von dem sich
Reste in den Einbänden von 7 Hss. gefunden haben.
Es handelt sich nicht um ein fortlaufendes Evangelien-,
sondern um ein Perikopenbuch (das älteste seiner Art,
I daher liturgisch hochwichtig), das D. in derselben Weise
wie das Prophetenbuch rekonstruiert. Er setzt es in die
letzten Jahrzehnte vor 650. Auch hier macht er auf allerlei
sprachlich bemerkenswerte Erscheinungen aufmerksam
. Als Heimat vermutet er Südostgallien oder Norditalien
. Ein Jhrh. lang etwa mag das Perikopenbuch in
liturgischem Gebrauch gewesen sein, dann wurde es
vermutlich wegen der vorhieronymischen Gestalt seiner
Texte abgeschafft. Bald darauf wurden die Bußkanones
übergeschrieben. Auch diese Evangelienfragmente werden
genau abgedruckt und darnach mit den andern Textrezensionen
verglichen. Die Vermutung einer süd-ost-
gallischen oder norditalicnischen Heimat des Perikopen-
buchs bestätigt sich.

Im Anhang werden, wie schon erwähnt, die Italaprophetenfragmente
aus einer St. Galler Hs. des ausgehenden
9. oder beginnenden 10. Jahrh.s veröffentlicht,
die derselben afrikanischen UrÜbersetzung wie die Konstanzer
zu entstammen scheinen.

Dies in großen Zügen der Inhalt des schön und
sorgfältigst gedruckten, mit einer lehrreichen Lichtdruck-