Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 8

Spalte:

155-156

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loewe, V.

Titel/Untertitel:

Jahresberichte der deutschen Geschichte. Jahrg. 4: 1921 1924

Rezensent:

Wenck, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

155

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 8.

15G

Mysticism folgen lassen. Der Titel ist mit Überlegung
gewählt; er ist nicht gleich bedeutend mit Mysticism in
the West, sondern soll enger begrenzt sein auf diejenige
Mystik, die als die im besonderen Sinn „westliche" in
Anspruch zu nehmen sei, charakterisiert — ich setze
Butlers Worte (p. 187) hin — als: pre — Dionysian,
prescholastic, non — philosophical; unaccompanied by
psychophysical concomitants, whether rapture or trance,
or any quasi-hypnotic Symptoms; without imaginative vi-
sions, auditions, or revelations; and without thought
of the Devil. Diese Mystik ist ihm repräsentiert durch
die drei Großen: Augustin, Gregor, Bernhard. Den naheliegenden
Einwand aus Augustins Neuplatonismus will
er nur bedingungsweise gelten lassen. Auf Gregor legt
er weit größeren Nachdruck, als wir es gewohnt sind
und, wenn Referent richtig urteilt, angesichts des Mangels
an Ursprünglichkeit in Gregor gelten lassen dürfen.
Sichtlich ist dafür der praktische Gesichtspunkt durchschlagend
: Gregors teaching contains a body of doc-
trine at once elevated, sane and practical, that must...
prove most helpful to the pastoral clergy and to all
priests for the regulating of their lives. Butlers Absicht
ist nun nicht, ein Buch „über" diese Mystiker zu schreiben
. Er will sie selber reden lassen und bescheiden hinter
ihnen zurücktreten. Aber er ist zu bescheiden: denn seine
Kommentare zu den reichlich gebrachten Äußerungen seiner
Helden sind mit ihren selbständigen Beobachtungen
sehr förderlich. Das Buch zerfällt in zwei Teile: Contem-
plation und The Contemplative and Active Lives. In
jedem Teil werden Augustin, Gregor, Bernhard gesondert
behandelt, der Inhalt ihrer Mystik aber nach einem
bestimmten Schema gegliedert. Jeder Abschnitt wird
durch eine kritische Zusammenfassung abgeschlossen.
Ein Epilog erörtert the validity of the Mystics' claim,
natürlich bejahend.

Gießen. G. Krüger.

Loewe, V., u. O. Lerche: Jahresberichte der deutschen
Geschichte. In Verbinde, m. anderen hrsgeg. Jahrg. 4: 1921.
Breslau: Priebatsch's Verlag 1923. (IV, 147 S.) 8°. Gz. 2—

Zum vierten Mal erscheinen seit 1920 diese Jber.,
welche durch das Eingehen der Jahresberichte der
Geschw. mit ihrem Jahrg. 1913 hervorgerufen worden
sind. Archivar Vi. Löwe und Prof. Mfr. Stimming, beide
in Breslau, haben die Last im Wesentlichen zunächst
allein getragen. An Stelle Stimmings trat als Herausgeber
im 3. Jahrg. der Wolfenbütteler Bibliothekar Otto
Lerche, und zwar hat er jetzt 9 von 28 Abschnitten,
Löwe 7, Stimming 3, die übrigen 9 liegen in den Händen
neu gewonnener Mitarbeiter, vorwiegend Professoren
und Archivare, deren jeder durchschnittlich 10 Seiten,
insgesamt also einen sehr erheblichen Teil des Heftes
in Anspruch genommen hat. Die materielle Unterstützung
seitens amerikanischer Freunde deutscher
Wissenschaft machte, während vorher jeder der drei
Jahrgänge schmächtiger geworden war als der vorausgegangene
, jetzt eine erhebliche Ausdehnung möglich,
die insbesondere der „neueren Zeit", namentlich dem
letzten Jahrh. zugute gekommen ist. Zweifelsohne
stellen die Jber. jetzt ein sehr nützliches Hilfsmittel dar.
in erster Linie für die jungen Fachgenossen, auch die
Kirchenhistoriker, in vielen Fällen auch für die älteren
Forscher, insbesondere sofern die betr. Abteilungen von
Männern bearbeitet sind, die mit eigenen Arbeiten
auf dem fraglichen Gebiete die Wissenschaft fördern,
ich nenne ohne Vollständigkeit anzustreben: Frdr. An-
dreae, Rud. Häpke, Frdr. v. Klocke, Herrn. Krabbo,
Hnr. Otto Meisner, H. (Hnr. od. Hans?, die zu sparsame
Bezeichnung der Vornamen ist ärgerlich, wenn auch
leider sehr verbreitet, sie ist die Wurzel vieler bibliogr.
Fehler) Rothfels, Wolfg. Windelband. Eine unleugbare
Schwierigkeit liegt bei dem Nebeneinander von Längsund
Querschnitten in der wiederholten Besprechung desselben
Werkes oder Aufsatzes durch verschiedene Mitarbeiter
. Hier mußte zur Vermeidung von Unstimmigkeiten
oder Widersprüchen die Schriftleitung eingreifen,
zum mindesten mit Verweisung, z. B. gegenüber der
Frage nach dem Verfasser der unter dem Namen Heinrichs
VI. wohl mit Recht gehenden Lieder S. 50 und 64.
Was Lerche S. 70 über Gaffrey's Behandlung des über
de unitate ecclesiae conservanda sagt, ist durchaus mißverständlich
und nicht in Einklang zu bringen mit
Stimmings Kritik auf S. 48. Ich verzichte auf die Anführung
mancher anderen Doubletten, mit deren Ausschaltung
Raum zu gewinnen war, und möchte anregen,
von bedeutungsvollen Besprechungen mehr anzuführen.
Der Abschnitt über das spätere Mittelalter von Fei. Prie-
batsch (10 Seiten gegenüber 6 Seiten für die deutsche
Kaiserzeit) ist zu langatmig und bietet doch in großen
Teilen recht wenig. Druckfehler in Verfassernamen sind
schmerzlich. S. 49 verbessere zwei Mal Schmack in
Schnack. — Ich zweifle nicht, daß die Jber. künftig
ihrer Bestimmung immer mehr gerecht werden werden.
Marburg. Karl Wenck.

Haessle, Dr. Johannes: Das Arbeitsethos der Kirche nach
Thomas von Aquin und Leo XIII. Untersuchungen über d.
Wirtschaftsgeist d. Katholizismus. Freiburg i. B.- Herder & Co
1923. (XIX, 279 S.) gr. 8°. Gm. 9-; geb. 10.60

„Die Kirche" des Themas ist natürlich die katholische
. Von dem Arbeitsethos redet das Buch; da aber
mit dem Arbeitsethos einer Weltanschauung deren Gesamthaltung
zur ökonomischen Güterwelt eindeutig bestimmt
ist, so könnte der Titel nach der eigenen Feststellung
des Verf.s auch lauten: „Der Katholizismus und
das Wirtschaftsleben". In der Tat kommen unter den
Stichworten: der ethische, soziale, juridische, volkswirtschaftliche
Charakter der Arbeit so ziemlich alle
Fragen des Wirtschaftslebens zur Besprechung. Dabei
ist der Standpunkt streng katholisch. Die Sonderart des
Buches besteht darin, daß es durchweg an Thomas von
Aquin und an Papst Leo XIII. anknüpft, ja mehr: daß
es deren Anschauungen auseinander zu legen sucht und
in enger Verbindung damit die eigenen Ansichten entwickelt
. Das ergibt nun ein eigen anmutendes Bild: der
große Scholastiker, der doch wesentlich praktisch orientierte
Papst (es handelt sich ja vor allem um sein Rundschreiben
Rerum novarum über die Arbeiterfrage 1891),
der Verfasser — alle steuern zu einer Darstellung bei, die
schließlich die Stellung des Katholizismus bedeutet. Gewiß
, es werden einige Unterschiede der Meinungen zwischen
Thomas und Leo aufgezeigt (z. B. betr. Sklaverei,
Handel usw.); sie werden zurückgeführt auf die Verschiedenheit
der wirtschaftlichen Lage, mit der beide zu
rechnen haben. Andererseits ist Leos starke Anlehnung
an Thomas natürlich Tatsache. Der Verf. aber weiß
sich sichtlich durch beide und durch seine Kirche gebunden
. Dennoch berührt es merkwürdig, daß fremde
und eigene Anschauungen dermaßen selbstverständlich
zusammenstimmen. Schriftstellerisch wirkt die beschriebene
Methode übrigens nicht erfreulich. Bald ist von
Thomas die Rede, bald von Leo; bald legt H. in Auseinandersetzung
mit modernen „akatholischen" Forschern
(z. B. Sombart, Max Weber) eigene Meinungen dar;
Interpretation, thetische Darlegung und Polemik
wechseln ab. Die Gesamthaltung ist wissenschaftlich,
manchmal scholastisch; der Stil greift oft ganz unnötig
hoch und operiert viel zu viel mit fremdsprachlichen
Terminis. Es fehlt auch nicht an stilistischen Nachlässigkeiten
(z. B.: Thomas steht dem Handel „befremdend
" gegenüber S. 3). Zu den sachlichen Ausführungen
nur einige Bemerkungen. Anläßlich der Erörterung
des „rationalen Fundaments der Weltanschauung"
von Thomas und Leo tut H. nebenbei Kants Erkenntniskritik
ab. Er vertritt den Standpunkt, daß die Verneinung
der Metaphysik zum vollständigen Skeptizismus führe,
damit auch zur Verneinung des ethischen Sollens. Dabei
ignoriert er, daß, wo ein rationales Erkennen des
Übersinnlichen bestritten wird, doch ein anderes Erkennen
hejaht werden kann. Daher kommt er zu ganz