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Ausgabe:

1924 Nr. 8

Spalte:

152-153

Autor/Hrsg.:

Leipoldt, Johannes

Titel/Untertitel:

War Jesus Jude? 1924

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 8.

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Die vom Verf. am P-Bestand der Genesis vorgenommene
Kritik ist insofern berechtigt, als einzelnes dem
P abzusprechen und späteren Händen zuzuschreiben ist.
Aber die Zerreißung des P-Fadens ist ihm nicht gelungen
. Bei manchem Leser wird er sogar das Gegenteil
von dem erreichen, was er erreichen will. Jedenfalls
aber ist es erfreulich, daß die Frage nach der Komposition
des Hexateuch und der anderen Bücher des A. T.
wieder in Fluß kommt. Nur wird die neu anhebende Erörterung
dieser Fragen, damit sie Irrwege vermeidet,
diesmal von einer weiter ausholenden Untersuchung über
die Technik der Kompilations-Literatur begleitet sein
müssen. Denn die Erscheinung, daß ein Literaturwerk
als Kompisition mehrerer Quellen, die z. T. nur zerstückelt
aufgenommen sind, zu erklären ist, liegt ja auch
außerhalb des A. T. vielerorts vor, z. B. bei den arabischen
Historikern. In der Einleitung zum 1. Teile des
3. Bandes seiner Ibn Saad-Ausgabe handelt Sachau
von der Entwicklung der arabischen Geschichtsschreibung
und sagt da u. a.: „Ein drittes Stadium der Entwicklung
ist dann das folgende: Über gewisse hervorragende
Ereignisse . . . gab es zahlreiche Überlieferungen
, Texte, aber überliefert von den verschiedensten
Zeugenreihen. Die Texte wichen wenig von einander
ab, und dieser Umstand sowie das praktische Bedürfnis
nach zusammenhängender Geschichtserzählung haben es
nahe gelegt und bewirkt, daß aus vielen Texten ein
einziger gemacht . . . wurde . . . Die Eingangsformel
lautet . . .: Indem der Bericht des einen mit dem des
anderen vermengt worden ist." Hier liegt also dieselbe
Erscheinung vor, die im Hexateuch und am A. T. vielen
so ganz unverständlich vorkommt: Die Mischung von
Quellen - Fragmenten. Eine Untersuchung dieser Art
von Literatur wäre um ihrer selbst und um des Ertrages
für das A. T. willen sehr zu begrüßen.

Halle a.S. Otto Eißfeldt.

Bundy, Prof. Walter E.: The Psychic Health of Jesus. New

York: The Macmillan Comp. 1022. (IX, 29» S.) 8°. $ 3—

In einer umfangreichen Arbeit beschäftigt sich B.
mit den Versuchen, das Rätsel der Person Jesu durch
Annahme seiner geistigen Abnormität zu lösen. Er gibt
einen Überblick über die Geschichte des Zweifels an
Jesu geistiger Gesundheit und prüft ihn auf seine Berechtigung
. Er darf von sich sagen, daß er unter Beiseitelassung
alles Gefühlsmäßigen lediglich vom Standpunkt
methodisch vorgehender Wissenschaft aus die Frage behandelt
hat. Er untersucht zunächst, wie eigentlich eine
solche Betrachtungsweise habe entstehen können und
setzt sich sodann mit den recht verschiedenwertigen
Büchern von sechs neuzeitlichen Forschern ausführlich
auseinander. Unter ihnen befindet sich ein Theologe,
O. Holtzmann mit seiner Studie: War Jesus Ekstatiker?
1903, drei Mediziner, de Loosten 1905, W. Hirsch 1910,
Binet-Sangle mit seinem 4bändigen Werk von 1914
Seiten, betitelt La folie de Jesus, abgeschlossen 1915,
endlich noch ein Philologe, E. Rasmussen 1905 und ein
Philosoph, J. Baumann 1908. Wohl hat man schon
früher gegen diese Problemstellung protestiert und das
eine oder andere der genannten Werke abgelehnt. Aber
weder diese mehr beiläufige Abwehr noch auch ein paar
Arbeiten, die sich eine umfassendere Aussprache mit den
Vertretern der psychiatrischen Beurteilung Jesu zum
Ziele setzten (H. Werner 1908. H. Schäfer 1908. A.
Schweitzer 1913) erscheinen unserem Verfasser ausreichend
. Und gewiß läßt er sie alle in umfassender Behandlung
des Gegenstandes hinter sich.

Im dritten Kapitel stellt B. die Anschauungen der
verschiedenen Pathographen Jesu ausführlich dar. Dann
nimmt er im vierten und fünften Kapitel seinen Standpunkt
bei den Quellen, um sie daraufhin zu durchmustern
, inwiefern ihre Beschreibung des Lebens, des
Wirkens, der Lehre und der Persönlichkeit Jesu jener
Betrachtungsweise Vorschub leisten. Im sechsten Kapitel
finden wir ihn bei hervorragenden Psychiatern, von

denen er sich die charakteristischen Merkmale der
Geisteskrankheiten, die man bei Jesus hat konstatieren
wollen, verschafft. Wie die Prüfung der Evangelien zuvor
, so ergibt auch diese Belehrung von Seiten der
Ärzte keine Anhaltspunkte für die Annahme einer psychischen
Störung auf Seiten Jesu.

Verf. schreibt als Theologe, nicht als Mediziner. Da
er sich aber seine Informationen bei einwandfreien ärzt-

! liehen Autoritäten holt, geht er so sicher wie möglich
vor. Sein Buch ist klar disponiert, gut geschrieben und
einwandfrei gedruckt. Es orientiert vorzüglich über das
historische Material wie über seine moderne Verwendung.
Sowohl die alten Quellen wie die neuere Literatur sind
B. wohl bekannt und beiden steht er mit gesundem kritischem
Sinn gegenüber. So hat er ein Werk geschaffen,

I das man jedem, der sich auf unserem Gebiet unterrichten
und zu einem eigenen Urteil kommen möchte,
nur empfehlen kann.

QOttingelli W. Hauer.

Lei pol dt, Prof. D. Dr. Johannes: War Jesus Jude? Leipzig:
A. Deichen 1923. (74 S. m. 3 Abb.) 8". Qm. 2.40

Das Buch geht nicht darauf aus, die bekannten,
allerdings von Dilettanten immer noch nicht anerkannten
Selbstverständlichkeiten aufs neue zu beweisen: daß weder
die galiläische Herkunft Jesu noch die Davidssohnschaft
, wenn man sie für wahrscheinlich hält, einen sicheren
Schluß auf Reinheit oder Mischung der Rasse gestattet
. Es geht dem Verf. viel mehr um anderes, das
wichtiger, aber auch problematischer ist. Er denkt der
Frage nach, inwieweit Jesus in Predigt und Wesensart
dem Judentum angehört. Und er wählt einen sehr
fesselnden und streng wissenschaftlichen Weg, um seinem
Ziele nahe zu kommen: er versucht in kurzen synthetischen
Betrachtungen die morgenlandische (bes. die
ägyptische) und die griechische Art des Gottesgedankens
und der Gottesverehrung gegeneinander abzugrenzen.
Diese Abschnitte sind die reichhaltigsten und originellsten
der Schrift, sie sind offensichtlich mit einer besonderen
Liebe geschrieben, die sich gleichermaßen auf
rabbinische , griechisch - literarische und -monumentale
i Zeugnisse erstreckt. Der Verf. findet — um es ganz kurz
! anzudeuten — im Osten die Gottkönigs-Vorstellung herrschend
, die den Gott mit einem Zeremoniell umgibt, im
Westen aber eine familiäre Auffassung des Gottesverhältnisses
, die vor Vermenschlichungen, ja vor Karikaturen
nicht zurückschreckt. Die Liebe des Autors zu
diesem Stoffgebiet aber spürt der Leser vielleicht am
deutlichsten daran, daß der Verf. ihn diesen Weg gehen
heißt, obgleich er nicht an das Ziel unmittelbar heranführt
und obgleich die Antwort im vorsichtigen Tasten
zwischen bedingten Möglichkeiten stecken bleibt. Denn
L. führt die Untersuchung zunächst so, daß man Jesus
beinahe schon auf der griechischen Seite zu sehen meint,
um seine Botschaft dann von dem griechischen Gottesbegriff
stark abzusetzen. Eine genauere Festlegung versucht
er, indem er einmal auf die Beziehungen Jesu zum
Alten Testament verweist (ich würde hier lieber sagen:
zum Gottesglauben der Propheten), und sodann auf persönliche
Erlebnisse und persönliche Eigenart als den
„Rest", der bei jeder Analyse unerklärt zurückbleibt.
Wenn L. bei diesem Punkte aber von dem Vatergott-
Glauben auf ein besonderes Verhältnis Jesu zu seinem
irdischen Vater schließt, so nähert sich der sonst so besonnene
und die Grenzen, aber auch die Strenge der
Wissenschaft so behutsam wahrende Verf. denn doch
den Bezirken der — ihm ja gut bekannten — Jesusdichtung
der Gegenwart. Ich glaube aber gar nicht,
daß sich das von L. angestrebte Ziel nur mit so weitgehender
Inanspruchnahme der Phantasie erreichen läßt,
Vielleicht ist nur die Frage nicht ganz richtig gestellt. Das
scheint mir in der Tat der Fall zu sein und zwar in doppelter
Hinsicht. Zunächst scheint mir die Alternative
„Griechentum-Judentum und Morgenland" nicht den
richtigen Maßstab zu liefern. Denn das „Griechentum",