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Ausgabe:

1924 Nr. 7

Spalte:

132-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnitzer, Joseph

Titel/Untertitel:

Savonarola. Ein Kulturbild aus der Zeit der Renaissance 1924

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 7.

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lichung habe ausarbeiten helfen, braucht man nicht, um
seine Nachahmung der Reden, die er ganz vor kurzem
— or. 36 und or. 38 — gehört oder — or. 2 — zu
persönlicher Herzstärkung wieder gelesen hatte, verständlich
zu finden; sich als Schüler dieses Meisters zu
verraten, rechnete er sich auch, und gerade bei den
Adressaten, zum Ruhme an. — Das Einzige, was ich bei
M. vermisse, ist eine abschließende Durchprüfung des
Textes der ep. 8: schon der Vergleich mit Gregor erweckt
Zweifel, z. B. an der Richtigkeit des pov hinter
V7te&nei 8, 1 — cV rjg 8, 5 statt cV rp> bei Gregor hätte
wenigstens berücksichtigt werden sollen! —; mit der
bloßen Behauptung S. 49 n. 4, der Satz dvvarcu de neu
in 8,4 sei offensichtlich ein späterer Zusatz, ist das
Problem der Auslegung von Jon. 9, 57 bei Evagrius nicht
gelöst, und der Frankenberg'sche syrische Text verlangt
doch geradezu noch an ein paar andern Stellen ein Eingehen
auf die Frage nach dem Urbestand und den Motiven
der Umgestaltung. Da die beiden Pariser Handschriften
, nach deren Autorität die Mauriner ep. 8 innerhalb
der basilianischen Sammlung abgedruckt haben, für
Melcher gewiß zugänglich gemacht werden können,
wünschen wir uns von ihm noch eine neue Ausgabe
dieses ältesten evagrianischen Briefes.

Marburg. Ad. Jü lieber.

Paulus, Dr. Nikolaus. Geschichte des Ablasses am Ausgange

des Mittelalters. Paderborn: Ferd. Schöningh 1923. (XII, 558 S.)
gr. 8°. = Geschichte d. Ablasses im Mittelalter III. Bd. Gz. 22—.

Dieser dritte Band des umfangreichen Werkes über
den Ablaß im Mittelalter beschreibt die Entfaltung des
Ablaßwesens, der Theorie wie der Praxis, mit ihren
Folgeerscheinungen in der Zeit von der Mitte des
14. Jahrhunderts bis einschließlich der Lutherischen
Wirren, wie der Verf. die Anfänge der Reformation zu
nennen beliebt. Nur an verhältnißmäßig wenigen Stellen
wird über diese Zeit hinausgegangen, natürlich: denn das
Tridentinum mußte erwähnt werden; und es ist auch
sehr hübsch, daß Verf. die Erneuerung der spanischen
Cruzada durch Benedikt XV. von 1915 für Spanien und
eine ähnliche Bulle desselben Papstes für Portugal von
1914 erwähnt. Das Material für das Mittelalter ist wieder
in großer Reichhaltigkeit gegeben; ja man wird sagen
können, in einer Vollständigkeit, wie sie bisher nicht erreicht
worden ist; auch ungedruckte Schriften über den
Ablaß aus dem Mittelalter sind aufgespürt und verwertet
; die Literatur ist in weitem Umfange gebucht
und benutzt; sehr erfreulich ist, daß auch der Lokalforschung
Beachtung geschenkt wurde. Es ist wirklich
zu bedauern, daß Luther das reiche mittelalterliche
Material nicht zur Verfügung gestanden hat; sonst würde
er wohl noch ganz anders mit seinem mächtigen Scharfblick
in das Wesen der Sache hineingeleuchtet und die
Nichtigkeit des Ablasses dargelegt haben; einige seiner
Äußerungen werden sogar von Paulus als korrekt bezeichnet
. Freilich kannte er die Praxis seiner Zeit viel
besser, als wir sie uns aus den Büchern vergegenwärtigen
können.

P. beginnt mit dem Verhör der Theologen, der Kano-
nisten, der Predigten und Erbauungsbücher (Kap. 1—3).
Man kann wohl behaupten, daß die gesamte hierher gehörige
Literatur durchmustert worden ist. Er geht über
zu dem Verzeichnis und der Besprechung der einzelnen
Arten von Ablässen: päpstliche Ablässe für Almosen und
Kirchenbesuch, Jubiläumsablässe, Kreuzzugsablässe; Ablässe
von Bischöfen, Kardinälen und Legaten; Ablässe
der religiösen Genossenschaften, die Ablässe berühmter
Kirchen und Wallfahrtsorte (Kap. 4—9); „der Ablaß in
den Gebetbüchern" (10) leitet über zu den vollkommenen
Ablässen auf Grund des sog. Beichtbriefes (11) und zu
dem sog. Ablaß von Schuld und Strafe (12). Nach
13: der Ablaß in Verbindung mit dem Bußsakrament wird
der Ablaß für die Verstorbenen behandelt (14). Zusammenfassende
Artikel folgen: nach 15: Wesen und

Wirksamkeit des Ablasses, erforderliche Bedingungen
kommen die kulturgeschichtlich wichtigen Abschnitte
über die mannigfaltigen Ablaßwerke (16), den Ablaß
als Geldquelle (17), die Mißbräuche in der Ablaßpraxis
(18), die religiös-sittlichen Folgen des Ablasses
(21); dazwischen wird über die mit dem Ablaß verbundenen
Privilegien (19; ein Artikel, der mir wenigstens
viel Neues gebracht hat) gehandelt und die (wirklichen
oder vermeintlichen) Gegner des Ablasses (20)
genannt und ihre Gründe und Anschauungen wiedergegeben
.

Es ist gar kein Zweifel, daß wir es mit einer
ernsten, übrigens mit einer bei katholischen Theologen
nicht häufigen Flüssigkeit der Sprache geschriebenen
Arbeit zu tun haben. Mitunter freilich werden die Tatsachen
nur ganz lose ohne engere Verbindung an einander
gereiht; mit ermüdender Breite und häufigen Wiederholungen
werden die Meinungen der Theologen wiedergegeben
usw. Ich kann zu keinem andern Urteil
kommen, als ich es in dieser Zeitung über die ersten
beiden Bände ausgesprochen habe. Und von einer Geschichte
des Ablasses kann auch hier keine Rede
sein; es ist eine reichhaltige Materialsammlung, die zur
geschichtlichen Verarbeitung auffordert. Es ist gewiß
gahz richtig, wenn der Verf. darauf hinweist, daß der
Ablaß doch auch manches Gute hervorgebracht hat;
soviel ich weiß, hat das doch niemand geleugnet. Wer
aber seine eigenen Ausführungen über Mißbräuche und
Übertreibungen und über den Ablaß als Geldquelle liest,
wird wohl nicht umhinkönnen, uns Protestanten mit
unserer Kritik Recht zu geben. Er hat manche Unrichtigkeiten
— durchaus nicht nur von Protestanten ausgesprochene
— richtig gestellt, und man kann wohl annehmen
, daß in seinem Werke die jetzt als korrekt angenommene
Anschauung der katholischen Kirche vom
Ablaß vorliegt; sein Hauptfehler ist, daß er nur Mißbräuche
und Übertreibungen kennt und nicht tiefer in das
Wesen der Sache eingedrungen ist. Auf seine Art, Luther
zu behandeln, hat es keinen Zweck einzugehen. Der
Verf. hat durch sein Werk bewiesen, daß der Ablaß einer
überwundenen Stufe der Religiosität angehört.

Kiel. G. F ick er.

S c h n i t z e r, Prof. Dr. Joseph : Savonarola. Ein Kulturbild
aus der Zeit der Renaissance. Mit 10 Abbildungen im
Text und 32 Tafeln. 2 Bände. München: Ernst Reinhardt 1924
(XII, 1167 S.) gr. 8». Gz. 26—; geb. 30—.

Seit A. G. Rudelbach (1835) und Fr. Karl Meier (1836) erschien
in Deutschland keine wissenschaftliche Monographie mehr
über Savonarola. Die berühmte Biographie aus der Feder des
florentinischen Historikers Pasquale Villari (gest. 1907), die 1859/61
in erster, 1887 in zweiter Auflage erschien, wurde 1868 von Moritz
Berdumchak ins Deutsche übersetzt. Die Forschung blieb seitdem nicht
stille stehen, und namentlich die 400. Wiederkehr seines Todestags
i. J. 1898 lenkte die Aufmerksamkeit weiterer Kreise wieder auf
die Gestalt des zu Lebzeiten und nach seinem Tode heiß umstrittenen
Dominikaners von S. Marco. Damals war es auch, wo Schnitzer
zum ersten Male zu dieser Frage das Wort ergriff. Er hat sie seitdem
durch Aufsätze in deutschen und italienischen Zeitschriften und durch
sechs gesondert erschienene, mehr oder weniger umfangreiche Arbeiten
, die Früchte eingehender Quellenstudien in den Bibliotheken
und Archiven von Florenz, Ferrara, Modcna, Venedig, Mailand, in
weitem Maße gefördert. Und nunmehr legt er der wissenschaftlichen
Welt eine zweibändige Biographie mit 38 Kapiteln und 992 Seiten
Text, 151 S. Anmerkungen und 24 S. Register vor, worin er nicht
bloß seine Savonarolastudien, sondern die Savonarolaforschung überhaupt
zu einem gewissen Abschluß bringt und ein Bild vom Leben und
Streben des großen Dominikaners zeichnet, das in seinen Hauptzügen
nicht mehr verwischt werden wird.

Was diese Lebensbeschreibung auszeichnet, ist in
erster Linie eine umfassende Beherrschung und methodisch
-kritische Verwertung der Quellen. Man wird Sch.
nicht vorwerfen können, daß er einseitig die dem Frate
günstigen Piagnonenberichte bevorzuge, da er auch die
gegnerischen Darstellungen der Arrabbiati u. Compag-
nacci reichlich zu Wort kommen läßt und auf ihren Wahrheitsgehalt
prüft. Vor allem aber geht er auf die Haupt-