Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 7

Spalte:

126-128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leisegang, Hans

Titel/Untertitel:

Der Apostel Paulus als Denker 1924

Rezensent:

Bauer, Walter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

125

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 7.

126

behandelt. Was da unter dem Titel „Tragweite der
Leben-Jesu-Fragen" bewiesen werden soll, ist etwa der
Satz: „Keine Gestalt der Weltgeschichte bewegt heute
noch das wirkliche Leben des Alltags und ungezählter,
öffentlich und stille sich ausgestaltender Menschenseelen
aller Stände mit einer solchen Kraft und Innenmacht wie
Jesus" (S. 178). _ , .,

Zu den in dem Buche vertretenen Werturteilen über
geschichtliche Persönlichkeiten und Erscheinungen im
einzelnen Stellung zu nehmen, ist hier aus Raumgründen
unmöglich. Man wird auch aus Tatsache und Jhema
jenes einleitenden Überblicks schließen dürfen, daß es
dem Verf nicht um eine neuartige Beurteilung des dogmengeschichtlichen
Stoffes, sondern um seine Aus-
nützun<r im Sinne katholisch-kirchlicher Apologetik zu
tun ist0 Dieser Eindruck wird durch den Hauptteil im
wesentlichen bestätigt. Zur Verteidigung seines Standpunktes
kann sich der Verf. oft auf Tixeront berufen,
ebenso muß er sich mit Harnack auseinandersetzen. Die
Bewertung des wechselvollen Verlaufs der inneren Geschichte
des Christentums geschieht, wo es sich um
kirchliche Männer handelt, ganz im Sinne des katholischen
Ideals: die theologische Forschung hat nur die
Aufgabe, die einzelnen Glaubenslehren immer reicher zu
entfalten und immer tiefer zu durchdringen, die Kirche
aber behält unverändert den Schatz der Offenbarung in
ihrer Obhut. Das eigentlich konfessionelle Interesse
wird dabei übrigens nicht fanatisch betont; Luther und
Zinzendorf erfahren in dem vorangestellten Überblick
eine Beurteilung, die das Christliche auch als christlich
anzuerkennen wenigstens gewillt ist. Etwas eifervoller
wird der Verf. schon dort, wo es sich seiner Meinung
nach um die „Übernatur" handelt. Vor allem aber hat der
Referent zu betonen, daß eine Durchprüfung der christlichen
Dogmengeschichte unter einem Gesichtswinkel
nur dann lebendig wird und nur dann das Geschehen
wirklich zu erhellen vermag, wenn sie sich nicht, wie es
hier geschieht, auf die Betonung der Einheitlichkeit
konzentriert, sondern die Mannigfaltigkeit zu ihrem
Rechte kommen läßt, ihren Motiven verständnisvoll nachgeht
und ihre Gestaltung organisch verstehen lehrt. Daß
M. diesen Mangel seiner eigenen Darstellung instinktiv
fühlt, zeigt die naive Entschuldigung S. 298: „Wir sind
genötigt, gewisse Gedanken immer wieder zu wiederholen
, weil sie sich immer wieder aufdrängen."

Wenn so von einer wirklichen Geschichtsschreibung
nicht die Rede sein kann, so wird — und das macht die
Lektüre erst wirklich unerfreulich — in Gestaltung und
Sprache auch nicht der Schein des wissenschaftlichen
Buches gewahrt.

Von Anfang an ist alles apologetisch gesehen und zu diesem
Zweck nach Möglichkeit durch moderne Beispiele illustriert: so
kommen wir vom Kolosserbrief auf die Encyclica Pascendi (S. 256),
bei Origenes wird Schell nicht nur genannt, sondern es wird auch
die kirchliche Haltung gegen ihn ausführlich verteidigt (S. 388 bis
301), Celsus wird teils mit Reimarus, teils mit Harnack verglichen;
von den Apologeten und ihrem Kampf gegen Verleumdungen des
Christentums kommt der Verf. auf die Propaganda des Weltkriegs,
von Thomas nicht nur in gelegentlichem Durchblick, sondern in
seitenlangen Ausführungen auf Hegel und David Friedrich Strauß
(S. 614—621). Die Vermengung wissenschaftlicher und populär-kirch
licher Betrachtungsweise ist für das Werk überhaupt bezeichnend
(vgl. etwa die Ausführungen über Harnack und Ruville S. 10—24);
sie scheint mir, zumal bei einem Buch solchen Umfangs und solcher
Weitschweifigkeit auch in Nebensachen, schwer erträglich. Dazu gesellt
sich nun noch der Mangel sprachlicher Gestaltungskraft und
die Häufigkeit schiefer oder ungeeigneter Bilder. „Den Kometenschweif
der Lehre Marzions, die mächtig nachwirkte, faßten Spätere
scharf ins Auge" (S. 292). „Wenn wir das ganze herrliche Werk
des Origenes überblicken, senken sich auf einmal wie in Wagners
Oper nach Tannhäusers Fall (?? ist etwa „Rhcingold" gemeint?
der Ref.) Wolkenfäden, Nebel, unheimliche Oase auf das Ganze
nieder" (S. 383). Auch Hermann Schell wird mit atmosphärischen
Erscheinungen in Verbindung gebracht: „von der Kuppel seiner philosophischen
Gedankenfahrten (!) aber senkten sich Wolkenfäden und
Nebelsträhnen in das ganze Werk" (S. 388). „Alle Katarakte des
mehrstündigen Oelberg-Leidens brausen in einen Angriff zusammen"
(S. 653). „Das Erdbeben, das Schweitzers sonst so zuversichtliches

Werk durchzittert" (S. 30), „der Eisenbahnzug der freisinnigen Leben-
Jesu-Forschung" (S.36), endlich von der Gnosis: „ein Mischling im
faltenreichen Chormantel des Christentums" (S. 299). Die Beispiele
dürften genügen.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Leisegang, Hans: Der Apostel Paulus als Denker. Leipzig:
J. C. Hinrichs 1923. (45 S.) 8°. Gm. 1.50.

Die Arbeit stellt einen Versuch dar, an Paulus
heranzukommen, sein inneres Leben wirklich zu erfassen.
Der vergleichenden Religionswissenschaft wird das,
meint L., nie gelingen, da sie im Äußerlichen hängen
bleibt. Verf. schlägt einen neuen Weg ein, indem er die
Strukturanalyse auf die paulinischen Briefe anwendet.
Er gewinnt das Ergebnis, daß die Denktechnik des
Apostels besonderer Art gewesen ist und ihn in eine
Reihe stellt, die bei den Orphikern, Pythagoras und
Heraklit beginnt, über Plato und die Stoa zu der religiös
-philosophischen Literatur des Hellenismus läuft, bei
Augustin und den mittelalterlichen Mystikern ihre Fortsetzung
findet, um schließlich in neuzeitlicher Philosophie
, zuletzt bei F. Nietzsche anzulangen. Bei seiner
Bekehrung vollzog Paulus den Durchstoß in die höhere
Ebene des Bewußtseins, in der jene alte, doch für ihn
neue Denktechnik geübt wird. So erscheint er befähigt,
ein großartiges, in sich geschlossenes System eigentümlicher
Prägung zu erzeugen.

Über die geistesgeschichtlichen Ausblicke zu urteilen
, fühle ich mich nicht berufen, will jedoch nicht
verhehlen, daß mir die Arbeit auf anderen Gebieten
einiges Mißtrauen eingeflößt hat gegen derartige großzügige
Überschau beinahe unbegrenzter Gebiete und die
Herstellung von Zusammenhängen, für die Zeit und
Raum kaum mehr existieren, vor allem dann, wenn sich
damit, wie bei L., eine eigentümliche Geringschätzung
exakter Einzeluntersuchung verbindet. Nur der Regenbogen
schwingt sich über die Weiten ohne Stützen, die
unverdrossene Mühe geschaffen hat. Ich beschränke
mich auf dieBeurteilung dessen, was über Paulus direkt
ausgeführt wird.

L. betont stark, daß die Logik des Apostels nicht
die unsere sei, daß sich sein Denken vielmehr in Gegensätzen
hewege, der Art daß die Begriffe immer wieder
in ihr Gegenteil umschlagen. Zugleich aber beschreibt
seine Gedankenführung einen Kreis von kunstvoller Geschlossenheit
, der sich in einer Zeichnung festhalten läßt
und tatsächlich in zweimaliger graphischer Darstellung
vorgeführt wird. Das letztere ist jedenfalls originell.
Die Beobachtungen dagegen, auf die sich L. dabei stützt,
sind zum guten Teil bereits vor ihm gemacht worden.
Von der Polarität des paulinischen Denkens und von
seiner Logik mit ihren besonderen Gesetzen haben wir
schon oft vernommen, und die grundlegende, schöpferische
Bedeutung des Damaskuserlebnisses ist uns vertraut
. Nur beschränkte man sich bisher auf die Feststellung
dieser Dinge. L. dagegen glaubt die Forschung
erheblich bereichert zu haben, indem er auf die Struktur
des paulinischen Denkens zurückgeht. Jedoch die von
ihm behauptete einheitliche Struktur ist nur zu gewinnen,
wenn man sich mit L. auf ganz wenige Stellen beschränkt
und von da aus den Apostel zeichnet als einen, der
„nicht auf Früheres Rücksicht nehmen kann", der „durch
eine ältere Festlegung desselben Gedankens bei einer
I neuen Formulierung nicht gehemmt" wird. „Frei
strömt er im Diktat den jeweiligen Oedankenkomplex,
der in ihm arbeitet, aus" (S. 6). „Mit instinktiver Sicherheit
findet er die Verknüpfung der Begriffe und verliert
den angesponnenen Faden nie" (9). „Mühelos strömen
die Worte hervor, die er diktiert, getragen von dem Bewußtsein
einer untrüglichen Gewißheit und eines festen-
j Besitzes des Schlüssels, der alle Geheimnisse dem öffnet,
der es vermag, sich in diesen Kreis hineinzustürzen
und in ihm umtreiben zu lassen von einem Pol zum
andern." Hätte L. diese Auffassung von Paulus an dem
gesamten Material durchzuführen unternommen, so wäre