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Ausgabe:

1924

Spalte:

93-94

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Zum Verständnis der gegenwärtigen Krisis in der europäischen Geisteskultur 1924

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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93

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 4/5.

94

Lostrennung der modernen faustischen Kultur von der antiken und vom
Urchristentum (eine Verengung der allgemeinen Frage nach dem Recht
der isolierten Kulturen Sp.s). Wird man Or. bis dahin überwiegend
zustimmen müssen, so bedarf es gegenüber seinem 3. Abschnitt großer
Vorsicht. Obwohl er seit dem Erscheinen des 2. Bandes, der diese
Schrift veranlaßt hat, klarer als in früheren Aufsätzen die unreli-
giöse Art der Geschichtsbetrachtung Sp.s erkennt und daher auch
schärfer kritisch zufaßt, bleibt er doch im Bann der theologisch-apologetischen
Tendenz Noch immer muß Sp. womöglich als Kronzeuge
wider die „Zivilisationstheologie" (?!) herhalten. Daher führt z. B. die
richtige Erkenntnis, daß es sich bei Sp.s Auffassung des Evangeliums
weithin um eine „Dostojewskisierung" handelt, keineswegs zu einer
durchgreifenden Kritik seines ins Intellektualistisch-Metaphysische verzeichneten
Religionsbegriffs; Or. nimmt diesen hin (31), obwohl
Luthers Frömmigkeit (vgl. S. 48) darin ersticken müßte. Oder ein
anderes Beispiel: Sp. soll der verhaßten „Zivilisationstheologie" den
Garaus machen helfen — und doch hat gerade sie das mit vorbereitet,
was Sp. als Hauptsache für die Neuerfassung des Christentums erklärt:
die ausschlaggebende Stellung Jesu Christi selbst, der Profeten und
der Synoptiker (50). So wird durch die gewohnte advokatorisch-
polemische Tendenz Gr.s die Kritik an Sp. gelähmt; die innertheo-
logische Spannung wird der Orientierungspunkt für das Verständnis
und die Behandlung der Draußenstehenden, der „gut deutsche" Erbfehler
, von der inneren Politik aus die äußere zu gestalten, wird auf
die geistesgeschichtlichen Kämpfe der Gegenwart übertragen.

Halle a.S. Horst Stephan.

Seeberg, Reinhold: Zum Verständnis der gegenwärtigen
Krisis in der europäischen Geisteskultur. Leipzig: A. Deichert
1923. (IV, 136 S.) 8°. Gz. 3.40.

R. Seebergs Art, sich über Gegenwartsfragen auszusprechen
, ist aus manchen Zeitungsartikeln, Aufsätzen
und Vorträgen bekannt. Immer eindrucksvoll, den Geist
spannend, das Gemüt bewegend, im Abstrakten oft ein
wenig breit, das Konkrete zu sehr bloß andeutend, durch
manches eigenartige Bild und scharfgeschliffene Formulierungen
erfreuend — so tritt sie uns auch im vorliegenden
Büchlein entgegen. Es enthält 3 Aufsätze, die von
den geistigen Strömungen im Zeitalter Wilhelms IL, der
weltgeschichtlichen Krisis der Gegenwart und dem
Christentum, endlich von Antisemitismus, Judentum und
Kirche handeln. Nach S. sind Rationalismus (----- Verstandesaufklärung
) und Materialismus mit ihren Folgeerscheinungen
Egoismus, Individualismus, Demokratie
etc. die Großmächte der Zeit, wie sie sich besonders unter
der Regierung Wilhelms IL, kräftig befördert vom internationalen
Judentum, durchgesetzt und in den beiden
charakteristischsten großen historischen Gebilden der
Gegenwart, dem Kapitalismus und der Sozialdemokratie,
ausgeprägt haben. Denn die letztere — das ist eine der
schärfsten Thesen des Buches — ist nicht, wie mancher
gern glauben möchte, materialistisch infizierter Idealismus
, sondern Materialismus mit unbedeutenden idealistischen
Einschlägen und das Widerspiel des echten idealistischen
Sozialismus. Als das Problem des Buches kann
man die Frage hervorheben: Was haben die natürlicherweise
einsetzenden idealistischen Gegenwirkungen gegen
diese mächtige Zeitströmung erreicht, und was können
sie erreichen? Die Antwort lautet trübe: Auch abgesehen
davon, daß Krieg und Revolution die schützenden
Dämme zerrissen haben, müssen und werden sich die
herrschenden Tendenzen auswirken, Kultur in Zivilisation
sich auflösen und Moral im Sinne einer das Volksganze
erhöhenden und erhaltenden Kraft hinsterben. Der
Abend bricht herein. Immerhin ist es möglich, daß der
idealistische Geist, der sein festestes Bollwerk im Christentum
besitzt, sich noch einmal aufrafft und nicht nur
den Prozeß des Hinwelkens aufhält, sondern noch neue
unvergängliche Werte schafft. So fehlt keineswegs der
Appell an das nationale und soziale, insbesondere christliche
Pflichtgefühl und Gewissen.

Es ist hier nicht möglich, in kurzem zu dem Inhalt
des Buches Stellung zu nehmen. Doch möge die eine
Frage aufgeworfen werden, ob nicht S., wenn er sich die
Spengler'sche Zukunftsperspektive aneignet, — wodurch
er sich in Gegensatz setzt zu eigenen früheren Ausführungen
, die ein kommendes großes Zeitalter der Synthese
von Idealismus und Realismus ins Auge faßten (cf.

S. 84) — einerseits Altersstimmungen zu sehr Raum gewährt
, andrerseits einem Fehler des von ihm so heftig bekämpften
Rationalismus erliegt, indem er nämlich Unberechenbares
zu berechnen sich unterfängt.

Iburg. W. T h i m m e.

Cohn, Georg: Ethik und Soziologie. Von der Univ. Kopenhagen
mit der goldenen Medaille preisgekrönt. 2. Aufl. Leipzig: Joh.
Ambr. Barth 1923. (IX, 316 S.) gr. 8°. Oz. 10—.

Das vorliegende, von der Universität Kopenhagen
preisgekrönte, bereits in zweiter Auflage erschienene
Buch „will das Wesen zweier Wissenschaften untersuchen
", „deren gegenseitiges Verhältnis in neuester
Zeit zu einer brennenden Frage geworden ist".

In einem ersten historisch-kritischen Abschnitt sucht
der Autor darzutun, daß die Ethik sowohl im Altertum
als auch in neuerer Zeit ursprünglich mit Theorien und
Erwägungen soziologischer Art in Verbindung gestanden
, daß sie aber hier wie dort in ihrer späteren Entwicklung
sich von dieser Verbindung befreit und es versucht
habe, Systeme aus selbständigen Prinzipien und
nach eigenen Methoden aufzubauen. Die Durchführung
einer derartigen „auf selbständigen Prinzipien und Methoden
beruhenden" Ethik als einer „normativen logischsystematischen
Wissenschaft" stieß aber und stößt immer
wieder auf mancherlei Einwände und unüberwindliche
Schwierigkeiten. Insbesondere ließ und läßt sich „die
Übereinstimmung mit der gangbaren Moral" nicht dartun
, und die „Begründung" der aufgestellten Normen
vermochte und vermag nicht in befriedigender Weise
beigebracht zu werden. Dies gelte speziell auch für die
moderne „apriorische" Ethik einerseits, also beispielsweise
für diejenige eines Kant oder H. Cohen, für die
moderne „utilitaristische" Ethik anderseits, das heißt,
für diejenige eines Bentham oder John St. Mill und verwandter
Geister.

Ein zweiter, gleichfalls wesentlich historischer, Abschnitt
beschäftigt sich, unter Anführung und Erläuterung
zahlreicher Beispiele aus der Geschichte der Ethik,
mit dem Typus der sogenannten „soziologischen" Ethik
und erörtert in Verbindung damit namentlich die Frage,
ob die Soziologie imstande sei, eine ausreichende Erklärung
der moralischen Phänomene zu geben, so daß
die Ethik als ein „Zweig der Soziologie" gelten und
einen „Maßstab zur Wertung der sozialen Entwicklung"
liefern könne. Eine Frage, die verneinend beantwortet
wird.

Der dritte und letzte Abschnitt geht dann abschließend
auf das von Anfang an angekündigte eigentliche
Thema, auf das Verhältnis zwischen Ethik und
Soziologie ein und mündet in die These aus, daß die
Aufschlüsse der Soziologie und der Moralstatistik über
das, was zu geschehen pflegt oder geschehen muß,
die „moralische Entscheidung" gar nicht „enthalten"
noch enthalten können, da diese doch „bei dem einzelnen
als S u b j e k t stattfindet". Zusammenfassend kann
man das „Resultat" der ganzen Untersuchung unter möglichst
engem Anschluß an die vom Autor selbst verwandten
Worte etwa folgendermaßen kennzeichnen: Die
soziologische Methode ist „bei der Behandlung ethischer
Phänomene" zur wissenschaftlichen Orientierung innerhalb
derselben (in rhythmischer Abwechslung mit einer
mehr normativen Behandlungsweise) angebracht, ja notwendig
. „Dagegen können die ethischen Werte und
Interessen selbst kein Objekt wissenschaftlicher
Behandlung bilden, da sie immer nur auf der subjektiven
Seite des Daseins hervortreten."

Der Leser wird diesem „Ergebnis" und den zu
Grunde liegenden Ausführungen gewiß größtenteils beipflichten
, wenn gleich manchem eine etwas andere Formulierung
erwünscht sein könnte: die Terminologie des
Autors und der Sinn, den er mit einzelnen von ihm beliebten
Bezeichnungen verbindet, ist nicht immer restlos
durchsichtig; wodurch die Lektüre stellenweise erschwert
wird, während das Verständnis durch eine präzisere Be-