Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924

Spalte:

90

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Michael

Titel/Untertitel:

Die Freundschaft des hl. Franz von Sales mit der hl. Johanna Franziska von Chantal 1924

Rezensent:

Krüger, Gerhard

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

89

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 4/5.

90

gionspsychologisches Problem ersten Ranges!) Das in
Holland einwandernde Geschlecht bringt die Weltlichkeit
der Renaissance mit sich und stößt auf die durch
Qabbalah usw. bestimmte Religiosität der östlichen Juden
, der Aschkenasim. Daraus erwachsen notwendig
Konflikte. „Das edelste Opfer dieses Versuchs, das geschichtlich
Vergangene zu zweiter Gegenwart zu zwingen
, ist da Costa", während „de Herrera den Formalismus
der Qabbalah mit dem kosmischen Lebensgefuhl des
Neuplatonismus erfüllte und Spinoza einen neuen Mythos
schuf". „Die Mehrheit des Volks ging den Weg der
Angleichung- sie nahmen den Aberglauben der Qabbalah
, nicht ihre Mystik, als Mythos". Die Aschkenasierung
ist die Tragik des jüdischen Volkes, „das die Geschichte
da fortsetzen zu können glaubte, wo die Katastrophe sie

unterbrach". .

In diesen Zusammenhang ist also das Schicksal
da Costas zu rücken. Freilich, die sein Leben bestimmende
Erschütterung ging von dem rein christlichen
Problem der Erlösung aus. Der Zweifel am Seelenheil
treibt ihn ins Judentum. Er gewinnt ein Bild des Judentums
lediglich auf Grund der Gesetze und der Propheten.
Deshalb bekämpft der ums Seelenheil Besorgte ängstlich
alle Ausgestaltungen der Tradition als Entstellungen
und Fälschungen. Daher die Kritik der Tradition (von
Hamburg aus) in den Propostas contra a Tradicaö. Dagegen
schreibt im Auftrag der nicht durch den Katholizismus
wie da Costa gegangenen, mithin um seine
Seelennot nicht wissenden venezianischen Sephardim Leon
deModena seine Schrift „Schild und Tartsche". Es folgte
Exkommunation und Bann. In Amsterdam trat dann
eine zweite Wendung in der Gedankenentwicklung Costas
ein. Die Gnadenmittel der katholischen Kirche hatte er
verworfen, er war den Weg der von allen Zutaten der
Tradition freien Gesetzeserfüllung gegangen. Jetzt überzeugt
er sich, daß es eine Unsterblichkeit, eine ewige
Seligkeit überhaupt nicht gebe. So entsteht ein neues
Buch, das den Inhalt der Propostas mit der Lehre von
der Sterblichkeit der Seele verbindet. Nunmehr beginnt
der Kampf gegen den „Ketzer und Abtrünnigen", der
seinerseits die Gegner als Pharisäer bekämpft und ihnen
in einer besonderen Schrift Abweichungen von Mose
nachzuweisen sucht. Er löst sich ganz vom Judentum;
er wird „zu dem, was seine Zeit als Libertin bezeichnet;
mit der heteronomen Moral des Gesetzes negiert er den
Anspruch der Moral als solcher". So der Widerruf entgegen
seinen Überzeugungen, der dann die Katastrophe
einleitet. Er endete 1640 durch Selbstmord. Kurz vor
dem Tode zieht er die Summe seines Lebens in seiner
Autobiographie. „Seine Tragödie die Tragödie des
jüdischen Volkes: Tragik der Einmaligkeit." Außer dem
Leben (und dem Marranenproblem) enthält die Einleitung
einen interessanten Vergleich Costas und Spinozas:
jener kritisch, dieser schöpferisch; Spinoza beginnt, wo
Costa endet. Abgedruckt sind 1) aus Leons Schrift
die Thesen (-Fragen, die nach Porger und Gebhardts

Gebhardts Ausgabe eine Musterleistung darstellt. Doch
sehe ich den größeren Wert in den eingangs erwähnten
Eigenschaften. Die Ausgabe ist hervorragend ausgestattet
und durch zwei Bilder (Äußeres und Inneres der
Amsterdamer Synagoge nach alten Stichen) trefflich
geschmückt; sie ist der 2. Band der Bibliotheka Spino-
zana (der 1. enthält Spinozana 1897—1922; der 3. soll
Leone Ebros Dialogli di Amore bringen), die von der
Societas Spinozana herausgegeben wird. Der Herausgeber
führt die Tatsache, daß es „möglich geworden sei,
Uriel da Costas Lehrmeinungen zum ersten Male unmittelbar
und im Zusammenhang zur Darstellung zu
bringen und sein Leben aus den gesicherten Urkunden
erstehen zu lassen", auf glückliche Funde und bereitwillige
, fördernde Unterstützung anderer zurück. Mich
dünkt, daß letzten Endes der eigentliche Dank dem
Herausgeber selber gebührt, der in diesem Werk der
Forschung ein Grundwerk und der Geistesgeschichte
einen unentbehrlichen Beitrag geschenkt hat.

Bremen. Bruno Jordan.

Müller, Dr. theol. Michael: Die Freundschaft des hl. Franz
von Sales mit der hl. Johanna Franziska von Chantal.

Eine moraltlicologisch-histnrische Studie. München: Köscl u. Pustet
1923. (302 S.) 8°. Gz. 3.50; geb. 5.50.

Unlängst hat uns O. Miller in Frauenburg Im Rahmen der von
Merklc und Baß herausgegebenen „Religiösen Erzieher der katholischen
Kirche" eine feine Skizze der beiden Heiligen geschenkt, von
deren Freundschaft dieses Buch handelt. Bei Erwähnung des Traite de
l'amour de Dieu, gewöhnlich Theotimus genannt, bemerkte der Verfasser
, es sei unschicklich, dieses Buch zu analysieren, offenbar weil
er der Meinung ist, daß seine Wirkung dadurch zerstört werde. In
Müllers Buch steht nun gerade eine solche Analyse, erweitert zu einer
Darstellung der Theorie der Liebe und der Freundschaft bei Franz und
seiner Anschauungen vom Leben der Freundschaft, im Vordergrunde.
Anlaß dazu bot dem Verfasser das« Bedürfnis, das Verhältnis der beiden
Heiligen vor dem Schatten zu bewahren, den die unserer Zeit geläufige
pansexualistischc Betrachtungsweise auch auf diese Freundschaft
werfen möchte. Ist so die Schrift im letzten Grunde apologetisch
eingestellt, so verfährt der Verfasser doch nirgends aufdringlich, und
seine systematischen Darlegungen, bei denen er das Persönliche nirgends
aus den Augen verliert, sind überzeugend. Die Zitate gründen
sich auf die letzten Ausgaben der Werke Franzens und Johannas.
Gießen. G. Krüger.

Nellendam, Michael: Christian Bastholm. Studier over oplys-
ningens Teologi og. Kirke. Köbenhavn: G. E. C. Gad 1922. (457
S.) gr. 8°.

Mit der Biographie des dänischen Aufklärers Bastholm
hat sich Neiiendam in die kirchengeschichtliche
Forschung gut eingeführt. Er ist geduldig und sorgfältig
genug, um auch den Einzelheiten eine unbeirrbare
Aufmerksamkeit zu schenken; und er ist weitblickend
genug, um nicht in den Einzelheiten stecken zu bleiben.
Die Erforschung des Einzelnen führt immer wieder in
die großen Zusammenhänge der Bewegung hinein, nicht
nur der dänischen, sondern auch der europäischen. Das
Urteil ist frei von dogmatischem Räsonnement und unNachweis
weder von Leo stammen (Geiger) noch als I historischen Zensuren. Aus der Geschichte selbst

eine Fälschung zu betrachten sind (Deutsch); Gebhardt
hat einen Auszug des portugiesischen Originaltextes der
Thesen, in der Gegenschrift Rephael Mose d'Aguilars
aufgefunden). Da Geigers Manuskript nicht nachzuweisen
ist, erfolgt die Veröffentlichung der Propostas
in der Übersetzung Leons nach der Publikation Geigers
mit den Emendationen von Porger. Der portugiesische
Text basiert auf dem Autographon d'Aguilars. 2) über
die Unsterblichkeit der Seele aus Semuel da Silvas
Tratado da Immortalidade (cap. 8—28), wo Costas
Schrift eingeordnet ist. 3) das Exemplar Humanae vitae.
Gebhardt macht wahrscheinlich, daß diese Schrift ursprünglich
portugiesisch verfaßt war. Alle drei Schriften
sind zugleich übersetzt und mit textkritischen und
sachlichen Anmerkungen versehen.

Es folgen als Register eine Reihe wichtiger Dokumente
, die aufzuzählen zu weit führen würde.

Es versteht sich von selbst, daß rein philologisch

wachsen die Maßstäbe empor. Der Versuchung zu billigen
Urteilen ist erfolgreich gewehrt. Davon zeugt
namentlich die historisch taktvolle Einordnung der Wundererklärungen
B.s (S. 190). Die Krise, die die Aufklärung
über die dänische Kirche brachte, wird anschaulich
geschildert. Ich kenne keine mit der dänischen
Aufklärung sich befassende Untersuchung, die Neiien-
dams Arbeit gleichwertig zur Seite gestellt werden könnte.
Die gute Schule seines Lehrers Oscar Andersen ist unverkennbar
.

Ob es nötig war, der Biographie die ausführlichen
einleitenden Kapitel über den Pietismus als den Hintergrund
der Aufklärung, über die Charakteristik der Aufklärung
, den englischen Deismus, die apologetische
Gegenbewegung und die deutsche Aufklärung voranzuschicken
, kann vielleicht gefragt werden. Hier muß doch
viel gesagt werden, was nicht unmittelbare Beziehung
zum eigentlichen Gegenstand der Darstellung hat. Es