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Ausgabe:

1924

Spalte:

85-86

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buonaiuti, Ernesto

Titel/Untertitel:

Saul‘ Agostino. 2. Ed 1924

Rezensent:

Koch, Hugo

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Seite 1

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85

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 4/5.

86

Buonaluti, Ernesto ; Frammenti gnostici. Rom: A. F. Förmigem

1923. (165 S.)
Ders.: Sau»' AgOStino. 2. Ed. Ebd. 1923. (72 S.)
Ders.: San Qirolamo. 2. Ed. Ebd. 1923. (76 S.) kl. 8°. = Profili

Nr. 44, 49.

1. Vorliegendes Werkchen Buonaiutis, des ehemaligen
,Modernisten' und jetzigen Prof. f. Geschichte des
Christentums an der kgl. Universität von Rom, ist gewissermaßen
ein Auszug aus seinem 1907 erschienenen
Buche Lo gnosticismo, mit Berücksichtigung der seitherigen
Forschung. Nach einer Einleitung über gnosti-
sche und antignostische Quellen (eine unglückliche Scheidung
, die sich nicht durchführen läßt) und über das
Wesen des Gnostizismus (mit starker Betonung des
orientalischen Einschlags) werden Äußerungen der bedeutendsten
Gnostiker (Basilides und Isidor, Karpokrates
und Epiphanes, Valentin, Herakleon, Ptolemäus, Theo-
dot) in italienischer Übersetzung angeführt und beleuchtet
. Marcion ist hierbei ganz übergangen, obwohl er
in der Einleitung (S. 13 f.) zu den großen Meistern des
Gnostizismus gezählt wird, ohne daß v. Harnacks Werk
über ihn mit seiner abweichenden Stellungnahme erwähnt
wäre. Ein weiterer Abschnitt handelt über die
Stellung der Neuplatoniker zu den Gnostikern im Anschluß
an C. Schmidts bekannte Arbeit (1901). Den
Schluß bildet ein Lied aus den Johannesakten des sog.
Leucius Charinus. Ohne Zweifel ist die Sammlung geeignet
ihre Zwecke zu erfüllen.

2. Das Bändchen der ,Profili' schildert Augustins
innere Entwicklung in drei Kapiteln: bis zur Taufe in
Mailand, seinen Kampf gegen Manichäismus, Pelagianis-
mus und Donatismus, seine Geschichtsbetrachtung in de
civitate Dei. Was Augustins ,Bekehrung' betrifft, so
faßt B. sie auf Grund der in Cassiciacum verfaßten Schriften
als eine vorwiegend intellektuelle' vom manichäisch-
stofflichen zum neuplatonisch - geistigen Gottesbegriff.
Leider hat er hier nur noch das Buch Alfarics, nicht
mehr die Arbeiten Maria Peters', Boyers, W. Wundts,
K. Holls und des gleichzeitig mit Holl den berechtigten
Kern der ,katholischen' Auffassung herausstellenden
Dänen Noerregaard berücksichtigen können (vgl. Böhmer
im Theol. Litbl. 1923, 148 ff, Grützmacher in der
/Theologie der Gegenwart' 1923, 4. H., 169ff. und Jülicher
in dieser Ztg. 1923, 481 ff.). Das manichäische
Lehrgebäude scheint mir fast etwas zu ausführlich dargestellt
zu sein. Beim Streit mit den Pelagianern kann
sich B. auf seine 1916 erschienene Schrift ,La genesi
della dottrina agostiniana intorno al peccato originale'
stützen, worin gezeigt sein will, daß Augustin schon seit
396/97, also lange vor dem Auftreten des Pelagius mit
seinem stoischen Moralismus, unter dem Einfluß des
Ambrosiaster zur Vorstellung von der massa damnata
und dem wurzelhaften Verderbnis der menschlichen
Natur gekommen sei, während er bis dahin, seinen
neuplatonischen Erinnerungen und der Schrifterklärung
des Ambrosius getreu, das jenseitige Schicksal
von der Entscheidung des einzelnen und die
Höllenstrafe von der persönlichen Sünde abhängig gemacht
habe. Daß diese Entdeckung aber keineswegs
neu ist, zeigt ein Blick auf die Darlegungen von Loofs
in der protest. R. E.» II (1897) 278 ff. Manichäische
Nachwirkung erblickt B. weniger in der augustinischen
Auffassung vom Geschlechtstrieb als in seiner Vorstellung
von der Knechtschaft des Menschen im Dienste
des Guten oder des Bösen, die der manichäischen Besitznahme
des einzelnen durch die Macht des Lichtes oder
der Finsternis entspreche. Der Donatismus wird als ,afrikanischer
Nationalismus' gegenüber dem die Kirche beherrschenden
Kaisertum gefaßt. Das ist aber doch nur
die eine Seite, neben der eine auf Cyprian zurückgehende
kirchlich - religiöse Stimmung nicht verkannt werden
sollte. Auch von der Schrift de civ. Dei reichen Fäden
zum großen Bischof von Karthago (ad Demetrianum)
zurück. Im Unterschied von Troeltsch vertritt B. mit
Recht den inneren Zusammenhang der augustinischen

Geschichtsphilosophie mit dem Mittelalter (vgl. jetzt
auch K. Bauer in der Ztschr. f. K. G. 1923, 223 ff. Beyerhaus
in der Hist. Ztschr. 1922, 189 ff.). Gegen die leichtfertige
Behauptung aber, daß ,ein Volk, in dessen Adern
überreich Gotenblut fließe', den Weltkrieg ,entfesselt'
habe, muß im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit
Verwahrung eingelegt werden. ,Roma non perit, si
Romani non pereant' — dies schöne Wort Augustins nach
dem Falle Roms gilt auch für Deutschland in seiner
tiefen Erniedrigung.

3. In dem weiteren Bändchen zeichnet B. die
Wesensart des Einsiedlers von Bethlehem mit ihren Vorzügen
und Schwächen in der Weise, daß er sie durch
gut gewählte kürzere und längere Auszüge aus seinen
Briefen und Streitschriften veranschaulicht. Sein Verhältnis
zu Papst Damasus, sein Eifer und Übereifer als
Leiter des asketischen Kreises im Hause der Marcella,
seine Stellung zum römischen Klerus, seine Flucht ,von
Babylon nach Jerusalem', seine Bedeutung als Bibelübersetzer
und Bibelerklärer, sein Kampf gegen Jovinian,
seine anfangs so gespannten Beziehungen zu Augustin,
sein Verhalten im Origcnistenstreit und der ärgerliche
Bruch mit Rufin werden so mit lebhaften Farben
vorgeführt. Unstimmig scheint mir B.s Urteil über Rufin
zu sein. Wenn nämlich dieser, wie B., und zwar wohl
mit Recht, vermutet, schon bei seinem Abschied von
Hieronymus den Plan gefaßt gehabt hatte, den er nachher
im Abendland ausführte und den B. selbst als ,dia-
bolico colpo' bezeichnet, so muß doch wohl seine Versöhnung
mit H. von seiner Seite eine ,abbietta finzione'
gewesen sein (S. 66 ff.). Anderseits ist kein Zweifel,
daß Hieronymus seine frühere Begeisterung für den
großen Alexandriner später möglichst abzuschwächen
und zu verschleiern suchte. — Aus Grützmacher ist
S. 78 ,Grutzmacher' geworden. Vom angekündigten
Werke des Franzosen F. Cavallera über H. ist jetzt
(1923) der erste Teil in. zwei Bänden erschienen.

München. Hugo Koch.

Blrkenmajer, Dr. Alexander: Vermischte Untersuchungen
zur Geschichte der mittelalterlichen Philosophie. Münster:
Aschendorff 1922. (VIII, 246S.) gr.8°. = Beiträge z. Geschichte d.
Philosophie d. Mittelalters. Hrsg. v. Clemens Baeumker. XX, 5.

Oz. 8—.

Der Titel ist wohl nicht ganz glücklich gewählt.
Denn mit philosophischen Untersuchungen im eigentlichen
Sinn haben wir es nicht zu tun, vielmehr mit
Untersuchungen, die sich auf Schriften und Schriftstücke
beziehen, die im Zusammenhang der mittelalterlichen
Philosophie stehen. Es handelt sich im wesentlichen
um literargeschichtliche Grundlagen. Ein innerer Zusammenhang
verbindet die einzelnen Untersuchungen
nicht. Das mindert nicht ihren Wert. Was Birkenmajer
hier vorlegt, verdient ernste Beachtung. Gleich das erste
Stück kann mit einem schönen Ergebnis aufwarten. Auf
Grund zweier neuen Handschriften kann B. den bisher
defekten Text des Briefes der Pariser Artistenfakultät
über den Tod Thomas von Aquins sichern und vervollständigen
. Eine scharfsinnige Untersuchung über den
über Simplicii und dessen Übersetzung durch Wilhelm
von Moerbeke schließt sich an. Die zweite Untersuchung
befaßt sich mit dem Brief Robert Kilwardbys an Peter
von Conflans und mit der Streitschrift des Aegidius von
Lessines. Auch hier ist eine Verbesserung und Ergänzung
des Textes des Briefes Kilwardbys möglich gewesen
. Der von Ehrle herausgegebene Text des Briefes
konnte wesentlich verbessert werden und der von Birkenmajer
neu gefundene Schluß hinzugefügt werden. Der
Anhang bringt eine verdienstliche Sammlung von Daten
über Peter von Conflans (Burgund). In der dritten
Untersuchung werden drei neue Handschriften der Werke
Meister Dietrichs (von Freiburg) behandelt. Eine dieser
Handschriften enthält den bisher vermißten Traktat Dietrichs
de tempore. Neue Mitteilungen über Albert von
Sachsen sind dieser Abhandlung eingeflochten. Die vierte