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Ausgabe:

1924

Spalte:

83

Autor/Hrsg.:

Aurelius, Erik

Titel/Untertitel:

Till frågan om den synoptiska traditionens ursprung och äldsta historia 1924

Rezensent:

Mosbech, Holger

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83

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 4/5.

84

Aurel ius, Prof. D. Erik: Till fmgan om den synoptiska
traditionens Ursprung och äldsta historia. Lund: C. W. K.
Glcerup und Leipzig: Otto Harrassowitz 1923. (48 S.) gr. 8°.

Diese Abhandlung (in einer Festschrift der Universität
Lund) setzt sich mit den bekannten „formgeschichtlichen
" Arbeiten von Dibelius und Bultmann
auseinander; bei aller Anerkennung der Förderung, die
für die Evangelienforschung dadurch entstehen kann,
hegt der Verf. doch gegen die Resultate und die Methode
dieser Forscher große Bedenken. Dibelius gegenüber
sucht er an einer Reihe von Beispielen zu zeigen, daß
die Scheidung zwischen Paradigma und Novelle nicht
durchführbar sei, und daß eine relative geschichtliche
Zuverlässigkeit der Paradigmen bei völliger Verwerfung
aller Geschichtlichkeit der Novellen sich darauf jedenfalls
nicht aufbauen lasse. Bei Bultmann beanstandet i
er in mehreren Einzeluntersuchungen die Analyse, durch
die die Perikopen in Rahmen und Logien aufgelöst werden
, die sämtlich von der schaffenden Dichtung der Ur-
gemeinde herrühren; und er weist nach, daß die Entstehung
der evangelischen Tradition viel leichter durch
Annahme von geschichtlichen Erinnerungen als Ausgangspunkt
erklärt werden kann, besonders die nicht
ganz wenigen geographischen Notizen und andere ähnliche
genaue Angaben. — Die hier vorgeführten kritischen
Einwendungen verdienen zweifellos Beachtung;
leider sind sie in der schwedischen Sprache außerhalb
Skandinaviens nur wenigen Forschern zugänglich.
Kopenhagen. Holgcr Mosbech.

Macchioro, Vittorio: Orfismo e Paolinismo. Studi e polemiche.
Montevarchi: Casa Editr. Cultura moderna 1922. (311 S.) 8°.

L. 15—.

In Nr. 1 dieser Studien verteidigt und vertieft M.
seine in seinem Buche ,Zagreus' gemachte Aufstellung,
daß die paulinische Lehre von Christus und der Erlösung
auf die orphischen Mysterien zurückgehe. Er
weist es vor allem zurück, daß er nur Anschauungen
übernommen habe, die anderwärts namentlich in
Deutschland und Frankreich, geäußert worden seien, da
diese Anschauungen ganz allgemein auf Mysterieneinflüsse
lauteten, während er im besonderen den Einfluß der
Dionysosmysterien nachgewiesen habe (Vgl. übrigens
jetzt die Schrift von Hans Leisegang, Der Apostel
Paulus als Denker 1923, 39 ff.). Sodann zeigt er, den
vom ,poco demente Clemen' (p. 43) für derartige Untersuchungen
gestellten drei Forderungen entsprechend, 1)
daß sich die dem Orphismus und Paulinismus gemeinsamen
Vorstellungen weder aus dem Judentum noch aus
dem Judenchristentum erklärten, 2) daß zwischen den in
Frage kommenden Vorstellungen nicht bloß eine äußerliche
Ähnlichkeit, sondern auch eine innere Übereinstimmung
bestehe, und 3) daß diese orphischen Gedanken
viel älter als das Christentum und auch im Umkreis
vom Judenland, wenn je nicht in ihm selber, verbreitet
gewesen seien. Diesen dreifachen Nachweis führt
M. mit viel Geschick und Scharfsinn, wie überhaupt eine
klare Herausstellung der Gedanken und Begriffe zu den
Vorzügen seiner Forschung gehört. Seine Ausführungen
sind derart, daß man nicht mit einem Achselzucken über
sie hinweggehen kann. Die mythischen Gedanken des
Orphismus sind die: Zagreus (Dionysos) ist der Sohn
des Zeus, die Titanen töten und zerfleischen ihn, Zeus erweckt
ihn wieder zum Leben, erhebt ihn in den Himmel
und gibt ihm die Herrschaft. Die ethisch-mystischen:
der Mensch, der aus titanischem Fleisch und dionysischer
Seele besteht, gelangt dadurch zur Seligkeit, daß er in
den Mysterien mit Zagreus stirbt und aufersteht. Diese
Gedanken sind bei Paulus mit der jüdischen Anschauung
von dem von Adam herrührenden tötlichen Verderben zusammengeflossen
und haben seine Lehre von Fleisch
und Geist und von der Erlösung durch mystisch-sakramentales
Sterben und Auferstehen mit Christus ergeben.
Mit Recht weist M. die vielfach hingeworfene Behauptung
ab, daß die Mysterienweihen keinerlei sittliche
Wirkungen bezweckt hätten (S. 39 f.). Man könnte
auch auf Apul. metam. XI, 5 ff. verweisen, wo diese
sittlichen Wirkungen deutlich hervortreten. Zum Schluß
mahnt er, man solle den Wein nicht mit dem Gefäß verwechseln
, worin er gereicht wird, und vom .Sakramenta-
lismus' und .Theologismus' des Paulus zum Evangelium
Jesu zurückkehren.

An Einzelheiten sei noch hervorgehoben: in den synoptischen
Abcndmahlsberichten sind die auf Brot und Kelch bezüglichen Verse
überall aus I. Cor. 11 eingeschoben (S. 80ff). Die magisch-sakramentale
Auffassung der Eucharistie gehl auch aus Act. 20, 9 ff. und
27, 33 ff. hervor (S. 84 ff.). Die Areopagrede Pauli (Act. 17, 22ff.)
ist echt (S. 102 ff.).

Nr. II befaßt sich mit dem .Wesen des Mysteriums'.
Das ägwfxevov bestand nicht in einem wirklichen objektiven
Schauspiel, nicht in künstlichen Lichtwirkungen
und Vorführung von Statuen, auch nicht in einer theatermäßigen
Darstellung der beiden Jenseitsreiche Elysium
und Hades, sondern in einem Ritus wie etwa dem
Meßritus, einer symbolischen Darstellung, die den Teilnehmern
ein subjektives Erleben des Mythus ermöglichte
. Grundlage des Mysteriums ist eben die .primitive'
Veranlagung der Griechen und die damit gegebene
Neigung zum .Sakramentalismus' und .Magismus'. Selbst
bei einem Plato zeigt sich dieses Primitive, und zwar
darin, daß er Gedankendinge, Vorstellungen vergegenständlicht
und aus einem logischen Vorgang einen onto-
logischen macht. Das so gefaßte Mysterium wurde
dann der Ausgangspunkt der paulinischen Mystik und
lebte im christlichen Sakrament weiter. Auch diese Ausführungen
fließen aus einer scharfsinnigen Deutung der
literarischen und archäologischen Quellen und rücken
manchem Mißverständnis mit feiner Ironie zu Leibe.
Nr. III erklärt ein von den Archäologen verschieden
gedeutetes, hier herzlich schlecht wiedergegebenes pom-
pejanisches Wandgemälde als iegog ya^iog des Dionysos
mit Ariadne. Ein geflügelter Dionysos, wie er auf
dem Bilde erscheint, kommt nur in der orphischen Literatur
vor, und er ist semitischen Ursprungs, da sich nur
in der phönizischen Religion eine Gottheit mit vier
Flügeln, zwei an den Schultern und zwei an der Stirne,
vorfindet, genau so wie Dionysos auf dem pompejani-
schen Gemälde dargestellt ist. Ariadne ist die Erde.
Dionysos aber ist eine Leben schaffende, die Welt erneuernde
kosmische Kraft und ein Heiland, der selber die
Mysterien einsetzte, damit durch sie die Menschen von
Sünde erlöst und mit ihm vereinigt würden — wiederum
ein Weg zu Paulus. Nr. IV handelt von den ,Gefilden der
Persephone'. Die orphischen Jenseitsvorstellungen werden
ins Geheimnis gehüllt, weshalb sie weder in der
Kunst noch in der Literatur zum Ausdruck kommen. Dagegen
können sie aus den bei Sybaris entdeckten Gräbern
erschlossen werden. Im Unterschied von der gemeingriechischen
Auffassung, wonach das jenseitige Leben
einfach eine Fortsetzung des diesseitigen ist, bedeutet
der Tod für den Orphiker einen Abschluß aller menschlichen
Bedürfnisse, die Befreiung der Seele aus dem
Kerker des Leibes, ihre volle Reinigung von aller Befleckung
, was durch zerbrochenes Hausgeräte oder durch
völliges Fehlen von Geräte und durch eine wenigstens
symbolische Verbrennung des Leibes angedeutet ist. Wie
die Seele des Mysten in der Ekstase zeitweilig aus dem
Körper austritt, so verläßt sie ihn im Tode, dem dauernden
Mysterium, für immer.

Die Anschauung, daß nach dem Orphismus die Seligkeit ledig,
lieh von der Weihe, nicht von guten Werken abhänge (S. 272f.),
scheint mir mit den Ausführungen S. 39f., wonach die Weihe auch
sittliche Wirkungen bezweckte, nicht recht stimmen zu wollen. Das
Wort des Diogenes vom geweihten Dieb und nichtgeweihten Epa-
minondas trifft vielleicht nur eine volkstümliche Auffassung. Und daß
in dem Epigramm die Wendungen .aeterna vivere forma' und ,benc
de supero numine meritus' christlich beeinflußt sein müssen, wird
man nicht behaupten können.

München. Hugo Koch.