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Ausgabe:

1924 Nr. 3

Spalte:

70-71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Selwyn, E. G. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Theology. A monthly journal of historic christianity. Vol. I 1924

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 3.

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(d. h. außerschulmäßiger) Volksbildung verstehen, den Inhalt der Bildung
, seine Aneignung und Organisation, die Psychologie, Pädagogik
und Soziologie des Bildungswerkes, kurz die gesamte geistige Güterbewegung
, wie sie sich in einer neuen Pflege der Innerlichkeit, des
VVertgefühlcs und Wertbewußtseins und der Stärkung der Urteilskraft
des Menschen darstellt. Es geht nicht um tote Ideologien, es geht um
die Schaffung von Werten und um die Weckung seelischer Begabungen.
Wer selbst jahrelang in dieser Praxis steht, kennt die Problematik
aller volksbildnerischen Unternehmungen in Großstadt und auf dem
Lande. Sie gehört zu dem mühsamen Gebiete der Laienseelsorge.

W. will Bildung weder als etwas jenseits der Klassen- und
Wirtschaftsordnung Stehendes auffassen, noch in ihr nur ein „soziales
und spezielles Element der Klassenordnung" sehen. Ihm gilt die Vermengung
beider Sehweisen. Das „Moment der Abhängigkeit von gesellschaftlichen
Zusammenhängen" weist die Bildung offenbar auf.
Sie wird durch die Gesellschaftsordnung verursacht. Es ergibt sich
somit das Problem: zu zeigen, „worin die Bildung von sozialen Faktoren
bestimmt wird". Bilden und Gebildetsein beruht „bis zu einem
gewissen Grade auf Beziehungen zwischen Gruppen, jedenfalls zwischen
einer Mehrzahl von Menschen". Von diesem Standorte aus untersucht
Wiese Bildungsideal, Bildungsziel, die Soziologie des Vorbildes und
der geistigen Führerschaft, die Zusammenhänge zwischen Bildung und
Gemeinschaft, die menschlichen Beziehungen und Gruppenzusammenhänge
, Bildung als unbeabsichtigte Folge (die „natürlich" gewachsene
Bildung), den Unterschied zwischen Bildung und Erziehung u. a. Der
Akzent fällt auf eine soziologische Betrachtung der gesamten Bildungspflege
und da wieder auf die „Analyse der tatsächlichen Seinsbeziehungen
" der Menschen, die der Verfasser einer sogenannten „Be-
zichungswissenschaft" einordnet, d. h. er untersucht die Individual-
beziehungen von Mensch zu Mensch, die Formen menschlicher Anpassung
. Wie weit handelt es sich in der Volksbildung um einseitiges
Geben und Nehmen oder um Gegenseitigkeit? Das ist das Problem.
Diese Beziehungslehre will Menschenkunde werden und als solche die
Basis der Volksbildung. Sie hat nur das Wesentliche zu bringen, den
wahren und edeln Bedürfnissen „schlichter Menschen" zu dienen und
die Kraft zu besitzen, eine neue Gemeinschaft zu erzeugen, „die über den
Klassengegensätzen steht". Es gibt keine klassenmäßig unterscheidbare
Wahrheit (S. 558). Es gibt nur eine Einheit im Geiste, eine
geistige Gemeinschaft, die eine Arbeitsgemeinschaft sein soll, stets bemüht
, sich immer mehr noch näher zu kommen und tiefer und inniger
zu verstehen. Die Bildung diene dazu, zwischen Menschen Brücken
zu schlagen und Gegensätze aus der Welt zu schaffen. Sie soll
Menschennähe erzeugen.

W.s Mitarbeiter führen theoretische und praktische Probleme der
Volksbildung näher aus: geschichtsphilosophische Betrachtungen
(Honigsheim), Übersicht über die Träger der bestehenden Volkshochschulen
in Deutschland (Lashen), Organisation, Pädagogik und Didaktik
(Scheler, Tews), Volksbildung und Geselligkeit (Heitmann,
E. Fuchs), Kirchliche Fragen (O. Baumgarten, Antz, Honigsheim),
Politik (Honigsheim), Ländliches Volksbildungswesen (Honigsheim), die
Frau in der Volksbildung (Ohrnberger), Jugendfragen (Ernst Foerster),
Arbeiterschaft (Keller), die Werkzeuge der Volksbildung (Ernst
Schultzc, Simchowitz, Menzen, Bacge, Wiese), Volksbildung in den
Staaten Europas (Lampa, Küffer, Hildebrandt, Sandhagen, Michels).

Die wertvolle und interessante Arbeit, die auch den erfahrenen
Praktiker nicht enttäuscht, bekundet nicht nur für das Problematische
aller Volksbildung einen scharfen Blick, sie vermeidet vorschnelle
Verallgemeinerungen, läßt die erforderliche kritische Vorsicht und Besonnenheit
bei aller Wärme der Darstellung nicht vermissen und — was
mir besonders wichtig erscheint — macht den Erfolg alles Bemühens
nicht von toten Ideologien, sondern vor allem von einem gediegenen
Stamm von tatsächlich geschulten Volksbildnern d. h. Volkslehrern
und Volkserziehern abhängig. Von der Gabe des Lehrens, vom donum
didacticum hängt letztlich alles ab.

Wien. Franz. Strunz.

Küffer, Georg: Auf nordischen Volkshochschulen. Bern:
Ernst Bircher 1923. (45 S.) gr. 8° Fr. 2—.

Der Verfasser bietet anschauliche Berichte von einer Reise, die er
im Sommer 1921 unternahm, um dänische und schwedische Volkshochschulen
kennen zu lernen. Die geschichtlichen Notizen tragen
mehr zufälligen Charakter. Es wird wiedergegeben, was die einreinen
Vorsteher der Schulen in der Unterhaltung mitteilten. Ober Ursprung
, Entwicklung und Stellung der dänischen und schwedischen
Volkshochschulen besitzen wir sehr viel gründlichere Darstellungen.
Das soll jedoch nur zur Charakteristik, nicht zur Kritik gesagt sein.
Denn der Verf. wollte kein wissenschaftliches Werk über die Volkshochschulen
schreiben. Vom Leben und Treiben in den Schulen erhält
der Leser ein anschauliches Bild. Küffer sucht gleichsam die Individualität
einer jeden Schule in knappen Strichen zu zeichnen. Das
stolze Unabhängigkeitsgefühl des dänischen Volksschulleiters auch jetzt,
wo Staatszuschüsse gezahlt werden, wird mit Recht hervorgehoben.
Der Idealismus, der Lehrer und Schüler beseelt, der Frohsinn und die
Selbstzucht bei den körperlichen Übungen, der Eifer, mit dem man sich

in das eigene Volkstum und seine Geschichte vertieft, die Ehrfurcht,
die den religiösen Kräften gezollt wird, dies alles wird sympathisch geschildert
, gelegentlich allerdings in einem Deutsch, das zu wünschen
übrig läßt. Der Unterschied des dänischen und schwedischen Volkshochschulwesens
wird deutlich kenntlich gemacht. Der Volkshochschule
in Sigtuna am Mälar werden besonders warme Worte gewidmet.
Sie verdient es in der Tat. Sie ist doch wohl die Perle unter den
Volkshochschulen des Nordens. Die eigenartige „internationale", erst
im Werden begriffene Volkshochschule in Helsingör, die dem Völkerhaß
wehren helfen will, wird nicht vergessen. Einige kritische Bemerkungen
sind hier und da eingeflochten. Sie sind zu dürftig, um wirksam
zu sein. Was über die Deutschen und eine deutsche Volkshochschule
gesagt wird, wäre besser verschwiegen worden. Küffer war
Gast der Volkshochschule Mohrkirch-Osterholz. Sie ist ihm der
Typus des preußisch-starren Wesens. Beim Essen durfte niemand
ein Wörtlein reden, während man auf dänischen Volkshochschulen sich ■
beim Essen unterhält. Wer die in Angeln, fern von allem „Preußcn-
tum" — ist das wirklich starr? — gelegene Mohrkircher Schule
kennt, wird lächeln, wenn er Küffers Beobachtung vernimmt. Und
eine Bemerkung gleich auf der ersten Seite legt man wie einen alten
Ladenhüter beiseite. Küffer hat sich von einem Dänen in der Eisenbahn
erzählen lassen: „Drüben (in Deutschland) spielen sie, tanzen sie,
trinken sie — wir kennen das nicht. Wir haben ganz andere Interessen,
geistige. Am Abend kommen die Bauern zusammen und diskutieren, oder
sie gehen in einen Vortrag: das gesellige Leben ist in Dänemark ganz anders
als in Deutschland". Die Ursache sei die dänische Volkshochschule.
Wünscht der Herr Verfasser ein Beispiel dafür, daß es in Dänemark
möglich ist, bis in den frühen Morgen des Gründonnerstags hinein zu
tanzen und zu trinken? Man fragt sich, wie es möglich ist, daß ein
Berner ein (um nicht Schärferes zu sagen) so törichtes Urteil ohne
Erläuterung und Einschränkung weiter gibt. Doch da der ohne
höheren Auftrag gebildete Weltareopag den Einfall gehabt hat, die
Deutschen zu ächten, so kann man ja billig Lorbeeren pflücken, wenn
man diesem Leitmotiv folgt. Als Deutscher habe ich keinen Anlaß, mit
solchen Urteilen mich ernsthaft auseinanderzusetzen; allerdings auch
keinen Anlaß, sie zu verschweigen. Was zur Kritik der dänischen Volkshochschule
gesagt wird, ist eine hingeworfene Bemerkung, mit der der
Leser wenig anfangen kann. Küffer betrachtet es als eine Schwäche,
daß so viel Geschichte getrieben wird. Das könne eine chinesische
Mauer schaffen. Und solle man Tradition pflegen, wenn ein mächtiger
Zug des Geisteslebens über die Erde wehe? Er weist sodann auf
die neue sozialistische Volkshochschule hin, die neben der alten dänischen
erstehe, und der deren Aufmerksamkeit für das Volkstümliehc
und Religiöse fehle. Vielleicht stehe man heute an einem Wendepunkt
der Entwicklung. Die neue Volkshochschule müsse der „Massenbe-
| wegung der zeitbcherrschenden Sozialisten ein geistiges Zeitgepräge"
j aufdrücken. Aber welches? Ich muß bekennen, daß ich in dieser
Forderung keinen Inhalt gefunden habe. Und sind die Sozialisten
wirklich „zeitbeherrschend"? Und welche schöpferischen Ideen haben
sie uns geschenkt, von der Verwirklichung eines neuen und reicheren
geistigen Lebens ganz zu schweigen. Daß Überlieferung die Grundlage
des Fortschritts ist, übersieht K. ganz. Bisher habe ich auch nicht beobachtet
, daß die Pflege des Geschichtlichen und Volkstümlichen die
dänischen Volkshochschulen für die Aufgaben der Gegenwart untüchtig
gemacht hat. Wie sollte auch die Ehrfurcht vor den Oestalten
und Kräften der eigenen Geschichte solche Wirkung haben können.
Chauvinistische Verirrungen sind möglich, aber keine notwendige
Folge, ja nicht einmal eine richtige Folge. Auch dafür liefern dänische
Volkshochschullehrer und Leiter den Beweis. Schwerlich werden sie
von der Kritik K.s sich getroffen fühlen, die ohnehin über Formalbe-
griffc nicht hinauskommt.

Tübingen. otto Scheel.

Theology. A monthly journal of historic christianity. Edited by E
G. Selwyn, M. A. Vol. I. July-December 1920. London: Society for
Promoting Christian Knowledge. (362 S.).

Daß die hochkirchliche Gruppe der anglikanischen
Kirche hinter dieser Zeitschrift steht, zeigt schon der einleitende
Aufsatz von Paß The credentials of our cornmu«
nion. Als Ertrag der geistigen Entwicklung der Neuzeit
wird hier ein stärkerer Sinn für geschichtliche Kontinuität
hingestellt, wie ihn die Kirche von England pflege,
„die das Wesentliche der katholischen Lehre und Ordnung
unverletzt erhalten und nun seit drei Jahrhunderten
alle Angriffe und Lockungen sowohl von Rom als
von Genf her überstanden hat" (S. 65). Die engen
Grenzen, die der Papst den Bibelkritikern zieht, lehnt
P. ab, aber die historische Arbeit werde in der Bibel das
christologische Dogma bestätigt finden. Mit z. T. modernen
Mitteln wie dem Begriff der religiösen Erfahrung
wird hier eine sehr konservative Haltung verteidigt.
So ist denn auch religionsgeschichtliches Interesse keines-