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Ausgabe:

1924 Nr. 3

Spalte:

68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfister, Oskar

Titel/Untertitel:

Die Aufgabe der Wissenschaft vom christlichen Glauben in der Gegenwart 1924

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 3.

68

ander, die sein großes Werk über den seelischen Aufbau
des religiösen Lebens von E. Spranger, Pfister und
R. Hermann erfahren hat. Gegenüber der üblichen
„makroskopischen" Beobachtungsmethode der Psychologie
vertritt er das Interesse, einen durch seine experimentelle
Methode erreichbaren größeren Feinheitsgrad
der Beobachtung zu erzielen. Ferner nimmt er in Anspruch
, daß seine Methode jedenfalls exakter sei, als
die der gewöhnlichen Selbstbeobachtung, und zeigt, wie
es ihm ausschließlich auf qualitative Steigerung der
Beobachtung ankomme. Endlich bespricht er am eingehendsten
die Beziehungen der Religionspsychologie
zur theologischen Erkenntnistheorie und legt klar und
einleuchtend dar, wie er selbst keineswegs einseitig nur
psychologische Interessen verfolge, sondern die erkenntnistheoretische
Frage in ihrer prinzipiellen Selbständigkeit
durchaus anerkenne und zu der ihr gebührenden Geltung
gebracht zu sehen wünsche. So erklärt er es auch
für „unsinnig ..., die gesamte Religionswissenschaft und
Theologie oder auch nur die systematische Theologie
in Religionspsychologie auflösen zu wollen" (S. 39).
Unvoreingenommene Leser konnten schon aus dem
Hauptwerk des Verf. ersehen, mit welcher Vorsicht und
wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit dieser selbst die
Grenzen seines psychologischen Unternehmens erkannt
und deutlich genug bestimmt hat, um die Mißverständnisse
auszuschließen, gegen die er sich nun hat wehren
müssen. Da die vorliegende kleine Schrift seine Bestrebungen
in gedrängterer Form aufs glücklichste zusammenfassend
zum Ausdruck bringt, stellt sich in ihr
eine besonders wertvolle Ergänzung seines Hauptwerks
selbst dar.

Bonn. Ritsch I.

Kattenbusch, Prof. D. Ferdinand: Gott erleben und an Gott

glauben. Zur Klärung des Problems der wahren Religion.
Tübingen: J.C.B. Mohr 1923. (S. 75—168.) 8° Zeitschrift für
Theologie u. Kirche. N. F. 4. Jahrg. 2. Heft. Gz. 1,50.

K. hat 1921 bei der Gießener theologischen Konferenz
1921 dieses Thema behandelt. Den Vortrag hat er
stark umgearbeitet und erweitert. Er setzt sich nun
wesentlich mit H. Scholz' Religionsphilosophie auseinander
, geht aber auch auf zahlreiche andere neuere Äußerungen
, die in das Themagebiet schlagen oder es berühren
, ein; so auf Otto, T. K. Oesterreich, Heim, Go-
garten, Tillich, in kurzen Andeutungen auch auf viele
weitere. In der Menge dieser Beziehungen zu jüngsten
und allerjüngsten Verfassern liegt ein nicht gering zu
schätzender Vorzug des Aufsatzes; ein Vertreter der
Ritschlschen Schule, der christozentrischen Theologie,
stellt seine Anschauungen denen der „Jungen" gegenüber
. Er geht dabei stark auf deren grundlegende Fragestellungen
ein; die spezielleren Probleme kommen nur
im Schlußabschnitt zur Erwähnung. Diese Methode erschwert
einigermaßen die Herausstellung des Gedankengangs
; doch sucht K. durch Hervorhebung der Leitgedanken
dieser Schwierigkeit zu begegnen. Er setzt mit
der Unterscheidung „echter" und „wahrer" Religion ein
(falsche R. kann echt sein), deren scharfe Scheidung
er auch bei Scholz vermißt, um sodann die Grundelemente
echter Religion aufzuzeigen, dabei geht er von
dem „Greifbarsten", der Kultusübung, aus. Die Untersuchung
mündet in einen Abschnitt „Erleben des wahren
Gottes auf Grund von Glauben", der vor allem zwei
Fragen aufstellt: Was heißt Gott erleben? Was heißt
Gott erleben ? Hier ist besonders wichtig die Stellungnahme
zu denen, die „den Begriff von Gott vorerst
so unbestimmt wie möglich halten", und zu denen, die
Gott nur im „Leben" suchen. Da ich grundlegend mit
K. einverstanden bin, ist mir die Schrift eine besondere
Freude; Differenzen z. B. hinsichtlich der Auffassung des
Kultus (K. findet das Wort glücklich gebildet S. 125;
ich lehne es für das Christentum ab) können hier nicht
erörtert werden. Aber auch wer nicht auf K.s Standpunkt

steht, muß ihm für die ungemeine Fülle von Anregungen,
wertvollen Hinweisen und tiefgrabenden kritischen Ansätzen
dankbar sein.
Gießen. M. Schi an.

Pfister, Pfarrer Oskar: Die Aufgabe der Wissenschaft vom
christlichen Glauben in der Gegenwart. Göttingen • Vanden-
hoeck u. Ruprecht 1923. (48 S.) gr. 8° Qz. i_.

Pfister legt in dieser Wobbermin gewidmeten Schrift den Entwurf
einer neuen von Intellektualismus und Ekklesiastik freien „Glaubenswissenschaft
" vor. Ihr Objekt sind nicht bloß die Glaubensgedanken
, sondern das ganze Glaubenserleben, einschließlich seiner im
Unterbewußten ruhenden Gründe. Wissenschaftlich autonom verschmäht
sie alle kirchliche Bindung. Ist sie erst gewonnen, führt sie
eine Umgestaltung des ganzen theologischen Betriebes herbei, wie an
den einzelnen Disziplinen aufgezeigt wird; doch lassen wir die hierauf
bezüglichen Ausführungen des zweiten Teils beiseite. Die Glaubenswissenschaft
selbst hat einerseits eine beschreibende, erklärende, verstehende
, andrerseits vorschreibende, normative Aufgabe. Wie sich
Verf. die Lösung der letzteren denkt, sagt er nicht, sondern verrät
nur so viel, daß die Berufung auf Erfahrung nicht genügen kann
(gegen Herrmann), sondern philosophische Erörterungen nötig sind,
bemerkt auch, was nicht verschwiegen werden soll, daß er den Psychologismus
, der die Wahrheitsfrage mit Hilfe der Psychologie beantworten
möchte, ablehnt. Was nun die erstgenannte Aufgabe der
Religionswissenschaft anlangt, so bildet ihren Kern die tiefenpsychologische
Erklärung der religiösen Phänomene (die Beschreibung
liefert nur das Material, und bei dem religionswissenschaftlichen „Verstehen
" handelt es sich um Feststellung des Sinns und Zusammenhangs
und der Bedeutung der Glaubenserlebnisse, was freilich teilweise
in das Gebiet der erklärenden Glaubenswissenschaft zu fallen,
teilweise recht nach Pragmatismus zu schmecken und damit auch
in die Wahrheitsfrage hinüberzuspielen scheint — die betreffenden Ausführungen
zeichnen sich nicht durch Klarheit aus). Und hier empfiehlt
Pf. angelegentlichst seine Psychanalyse und veranschaulicht ihre
Leistungsfähigkeit an mehreren Beispielen. Ich muß gestehen, daß
selbst diese Schaustücke mir äußerstes Mißtrauen einflößen. Gesetzt
den Fall, daß sich bei Orthodoxen, Teufelsgläuhigen und Chiliasten
allerhand Lebenshemmungen, Triebverklemmungen, Liebesstauungen
nachweisen lassen (und bei wem ließe sich dergleichen nicht nachweisen
oder mindestens vermuten?), so bleibt doch problematisch erstens, inwieweit
hier überhaupt Zusammenhänge bestehen, und zweitens, ob
nicht Ursache und Wirkung vertauscht sind. Pfister erklärt den
Teufelsglauben glatt als Angstprodukt; aber in wie vielen Fällen ist
die Angst ein Produkt des Teufelsglaubens, und wie oft ließe sich das
steigernde Herüher und Hinüber der Wechselwirkung wahrscheinlich
machen! Ich bemerke noch, daß mit der religionspsychologischen Erklärung
doch auch der Wahrheitsfrage präjudiziert sein dürfte. Ist
die Analyse der Orthodoxie etc. als gelungen zu betrachten, so sind
diese damit entlarvt und erledigt. Aher steht es mit dem Gottvaterglauben
Jesu viel besser? Jesus hat, sagt Pfister, die in der nach-
exilischen Zwangsneurose abgedrängte Liebe wieder in das Zentrum
der Frömmigkeit eingeführt, S. 37. Was versteht Pf. unter Liebe?
Doch wohl unter allen Umständen einen Naturtrieb. Wie kann dieser
Naturtrieb, wenn er ungehemmt waltet, die Vorstellung eines supranaturalen
liebenden Gottes erzeugen — so denkt sichs Pf. doch wohl
— und warum sollte er sich nicht mit den naturgegebenen Objekten
begnügen? Wird der konsequente Psychanalytiker nicht behaupten,
daß auch bei Jesu, dem Vater- und Ehelosen, Liehesstauungen vorhanden
sein müssen, die ihm das Bild des himmlischen Vaters> vorspiegelten
? Trotz Pfistcrs dankenswerter Bemühungen wird die Psychanalyse
als eine Variante des Feuerbachschen Standpunkts zu den in
religiöser Hinsicht destruktiven Zeitströmungen gerechnet werden
müssen. Womit weder ihre Wahrheitsmomente noch ihre gelegentliche
praktische Verwertbarkeit bei der religiösen Seelsorge bestritten
werden sollen.

Iburg. W. Thimme.

Wiese, Leopold von: Soziologie des Volksbildungswesens.

Herausgegeben im Auftrage des Forschungsinstitutes für Sozialwissenschaften
in Köln. Mit Beiträgen von jos. Antz, M. H. Baege,
Otto Baumgarten, Ernst Foerster, E. Fuchs, L. Heitmann, Else
Hildebrandt, Paul Honigsheim, Emma Keller, Georg Küffer, Jakobus
Menzen, Robert Michels, A. Lampa, Emmi Lashen, Anny
Ohrnherger, A. Sandhagen, Max Scheler, Ernst Schultze, S. Sim-
chowitz, J. Tews und L. von Wiese. München: Dunckcr u. Hum-
blot 1921. (XIV, 578 S.) gr. 8° = Schriften des Forschungsinstitutes
für Sozialwissenschaftcn in Köln. Qz. 4—.
Aus den Kreisen der Soziologie und des Volkshildungswcsens
nimmt dieses Buch, das Leopold von Wiese herausgegeben, eingeleitet
und zu einem organischen Ganzen geeint hat, seine Mitarbeiter.
Es behandelt das Gesamtgebiet dessen, was wir heute unter freier