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Ausgabe:

1924

Spalte:

60-61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jordan, J. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Luther-Jahrbuch 1923. Jahrbuch der Luther-Gesellschaft. Jg. V 1924

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitting 1924 Nr. 3.

60

Betrachtung und Nachahmung des Lebens Christi soll man zur kontemplativen
affektiven Vereinigung mit der Gottheit Christi und dem dreieinigen
Gott gelangen, durch den Menschen Jesus zum Gott Christus.
Von einem Gegensatz gegen die Kirche und ihre Gnadenmittel ist so
wenig die Rede, daß die Gnadenmittel vielmehr die Voraussetzung der
mystischen Einigung sind. Ethisch sozial hat die Mj-stik eine große
Bedeutung gehabt, trotz modernen anders lautenden Vorurteilen. Der
Mystiker nimmt Stellung gegen die äußerliche Auffassung des christlichen
Lebens und erklärt die Heiligung des inneren Menschen für
wertvoller als alle äußere Heiligkeit. In der Nachfolge Jesu sucht er
darum auch wie Jesus das ganze Gebot der Nächstenliebe zu verwirklichen
und die Liebespflicht gegen die Gemeinschaft zu erfüllen
Die Berufspflichten werden darum stark betont. Nicht erst die Reformation
habe auf sie hingewiesen. Vornehmlich gegen Büttner wird
der Satz zurückgewiesen, als wäre die Mystik eine neue Schöpfung gewesen
, „die letzte Quellzeit germanischer Religion". Wohl aber habe die
deutsche Mystik eine deutsche philosophische Sprache und Terminologie
geschaffen. Ihr Einfluß auf die Kunst wird sehr vorsichtig
erwogen.

Tübingen. Scheel.

Lüers, Grete: Marienverehrung Imittelalterlicher (Nonnen.

München: Ernst Reinhardt 1923. (VIII, 64 S.) 8° = Aus der Welt
christl. Frömmigkeit, 6. Oz. 1—.

Die von Heiler angeregte, ansprechende und anspruchslose Arbeit
behandelt im I. Teil ,die Grundlagen des fraulichen Madonnenkults',
im IL T. den Madonnenkult der frühmittelalterlichen Frauen (Hrosvith
von Gandersheim, Herrad von Landsperg und Uta von Regensburg), im
III. T. den Madonnenkult der mystischen Nonnen (Hildegard von
Bingen, Elisabeth von Schönau, Mechthild von Magdeburg u. M. von
Hackeborn, Gertrud von Helfte, Christina und Margaretha Ebner).
,Wenn auch zu allen Zeiten die Jungfrau Maria den Nonnen zugleich
religiöse Größe als Symbol des Göttlichen und weibliches Prinzip
des Heilsglaubens, ethische Größe als Besitzerin aller Tugenden, besonders
der Königin der Tugenden, der Demut, war, wenn Maria die
Mittlerin, Fürsprecherin und Patronin sein konnte, so wird sie doch
von der Mystikerin in erster Linie verehrt als die Gottesgebärerin, der
nachzustreben oberste Aufgabe ist, um zu werden wie sie: fähig, Gott
im eigenen Seelengrunde wieder zu gebären und so das größte Mysterium
des Seins, die Geburt, das Werden des Göttlichen im Menschlichen
, zu erleben' (S. 53). ,Daß Maria nihil nisi via ad Jesum
Christum ist, gilt für die gesamte frauliche Marienverehrung, ja vielleicht
für alle Marienverehrung' (S. 54).

Dieser letzte Satz bedarf doch wohl einer Einschränkung. Er
stimmt auch nicht mit S. 19, wo gesagt ist, daß Maria von Hrosvith
,in wirkender allerbarmender Liebe über Gott gesetzt wird'. Dieses Urteil
halte ich zwar gerade hier für unzutreffend, da in dem betreffenden
Gedicht nicht die Barmherzigkeit Gottes, sondern die Verfassung des
Sünders in Frage steht und Maria ihren göttlichen Sohn bitten soll.
Aber sonst erscheint Gott im Frömmigkeitsleben dieser Maricnvcr-
chrerinnen vielfach wie ausgeschaltet. Und wenn Mariä erlösende Tätigkeit
darin besteht, ,die menschliche Natur so rein zu gestalten, daß
sie zur Vereinigung mit der göttlichen in Christo fähig werde' (S. 18),
so ist damit etwas, was bei den ältesten Kirchenvätern bekanntlich vom
menschgewordenen Gottessohn ausgesagt ist, auf seine Mutter zurückgeschoben
. Im LT. sind die Linien auch nicht immer richtig gezogen,
und es hätte zwischen den ersten drei Jahrhunderten und der konstantinischen
Kirche besser unterschieden werden sollen. Die Behauptung,
daß ,zu allen Zeiten vom frommen Glauben das weibliche Ideal der
Jungfräulichkeit dem männlichen vorgezogen' worden sei (S. 3f.),
stimmt mit den ältesten Zeugnissen nicht überein, wie aus meinen
Darlegungen in ,Virgines Christi' 1907, 92 ff. zu ersehen sein dürfte.
Die Fassung der Jungfräulichkeit als .unblutiges Martyrium' (S. 7)
geht auf Offbg. 7,14 u. 14,3 f. zurück und findet sich zuerst ausgesprochen
bei Methodius (vgl. Internat, kirchl. Ztschr. 1922, 67). Die
mater dolorosa scheint mir nicht bloß bei Hildegard (S. 34), sondern
auch noch bei Elisabeth zu fehlen (S. 35) und erst ein Jahrhundert
später bei den beiden Mechthilden hervorzutreten. Wirkung des
Stabat mater? Zur Literatur wäre nachzutragen Neubert, Marie dans
l'Eglise antenieeenne Paris 1908.

München. Hugo Koch.

H artig, M.: Das Benediktiner-Reichsstift Sankt Ulrich und
Afra in Augsburg (1012—1802). Augsburg: Dr. Benno Filser
1923. (VIII, 128 S.) gr. 8° = Germania sacra. Serie B, I. A.
Es sind jetzt 900 Jahre, seitdem das Benediktinerkloster St.
Ulrich und Afra in Augsburg zum Reichsstift erklärt wurde. Hartig
bietet zur Erinnerung daran zunächst eine gedrängte Darstellung der
Geschichte des Klosters bis zur Säkularisation (1802), dann behandelt
er in gleicher Weise seine Verfassung und seine Wirksamkeit vor allem
im Dienst der Armen und der Wissenschaft. Eine eingehende Darbietung
der Geschichte des Klosters verbot sich von selbst; aber es
wäre doch ratsam gewesen, wenn an Stelle der mehr oder minder ans

Annalistische erinnernden Darstellung eine kurze, knappe Schilderung
der Entwicklung des Stiftes nach seinen wichtigsten Momenten getreten
wäre. Auch die Bedeutung des Stiftes für die Stadt sowohl als für
das gesamte geistige und charitative Leben hätte eine Würdigung
verdient. Die gleichen Bedenken erheben sich bei der Schilderung der
Bau- und Kunstgeschichte des Klosters. Es fehlt eine kurze aber treffende
Würdigung des Baues und seiner Kunstdenkmale. Recht wertvoll
ist die Liste der Äbte, der an der Kirche tätig gewesenen Künstler, der
Abdruck sämtlicher Gedenk- und Grabinschriften. Der Forscher wird
immer gerne das Verzeichnis der in Archiven und Büchern vorhandenen
Quellen benützen; die Angaben scheinen lückenlos zu sein. Die
Ausstattung ist glänzend, wie nicht nur an den den Eingang bildenden
Darstellungen der Wappen des Reichsstifts und seiner infulierten
Abte, sondern vor allem aus den prächtigen Kunstbeilagen, welche treffliche
Abbildungen der Kirche sowohl als ihrer Kunstschätze bieten, zu
ersehen ist. Ein Widerspruch ist es, die Reformation: „Glaubenserneuerung
" und ihre Anhänger „Apostaten" zu nennen.

Roth bei Nürnberg. Schornbaum.

R e d 1 i c h , P. Dr. Virgil: Johann Rode von St. Mathias bei Trier,

ein deutscher Reformabt des 15. Jahrhunderts. Münster: Aschen-
dorffsche Verlagsbchh. 1923. (XV.123S.) gr. 8° «■ Beiträge z.Gesch.
d. alten Mönchtums u. d. Benediktinerordens, hrsg. v. Abt J. Herwegen
, Heft II. Gz. 3,50.
Die Reformbestrebungen innerhalb der kath. Kirche des 15. Jahrhunderts
finden zur Zeit besonders eingehende Bearbeitungen. Johann
Rode (nicht zu verwechseln mit dem ein Jahrhundert später lebenden
Johan Rode, Herzog R E:i 17,61 ff.) hat aus eigenem Antrieb und auf
Geheiß des Basler Konzils durch Reformierung einer ganzen Anzahl
von Benediktinerklöstern dem allgemeinen Ruf nach Reform der
Kirche an Haupt und Gliedern gedient. Die Schilderung seines Lebens
und seiner Wirksamkeit durch R. ist durchaus wissenschaftlich exakt.
Der Grund des Zerfalls der deutschen Benediktinerklöster wird hauptsächlich
darin gefunden, daß sie nur Adelige aufnahmen. Ob das
nicht mehr ein Symptom als ein Grund des Zerfalls ist? Bei der Reformation
der Klöster durch R. ging man, wie bei den gleichzeitigen
Reformbestrebungen im Frauziskancrorden den Weg von außen nach
innen, d. h. man suchte zuerst die zerrüttete wirtschaftliche Lage und
die Äußerlichkeiten des Ordenslebens wieder in Ordnung zu bringen
und hoffte dadurch dann den Geist der Klosterinsassen wieder auf die
Höhe der alten Ideale zu bringen, wobei Rode mit verständiger Milde
und Rücksicht auf die realen Verhältnisse vorging. Obgleich er an der
Reform des Klosters Bursfelde mitwirkte, bezweifelt R. doch, daß er
an der Bursfelder Kongregation unmittelbar teilgenommen hat. Der
Abhandlung sind einige Texte aus ungedruckten Quellen angefügt.
Stuttgart. Ed. Lcmpp.

Des Dombaumeisters und Buchdruckers Matthäus Roritzer Büchlein
von der Fialen Gerechtigkeit. Regensburg i486. Dem Ur-
druck nachgebildet. Regensburg: Josef Habbel 1923. (24 S.) 8°.
Das Werkchen über den geometrischen Aufriß der Fialen, das
der Regensburger Domhaumeister Matthäus Roritzer 1486 für den baulustigen
Eichstättcr Bischof Wilhelm von Reichenau verfaßt und selbst
gedruckt hat, ist kunst- und literaturgeschichtlich wichtig als erste und
einzige Veröffentlichung eines mittelalterlichen Baumeisters und druck-
gcschichtlich bedeutsam als erstes einheimisches Druckdenkmal Regens-
burgs und als einer der ältesten Privatdrucke. Der vorliegenden Facsi-
mileausgabe liegt zu Grunde das Exemplar der Regensburger
Kreisbibliothek, das im Gegensatze zu dem des Münchener National-
muscums noch zwei Anhangblätter über den Aufriß der Wimperge enthält
. Karl Schottenloher hat mit bewährter Sachkunde ein Vorwort
beigesteuert.

Zwickau i. S. O. Clemen.

Luther-Jahrbuch. Jahrbuch der Luther-Gesellschaft, hrsg. v. Prof.
D. J. Jordan, Wittenberg. Jahrg. V. Wittenberg: Verlag der
Luther-Gesellschaft 1923. (IV, 90 S.) 8" Gz. 1.50.

In bescheidenerer Ausstattung als früher, doch mit
wertvollem Inhalt konnte das Jahrbuch fortgesetzt werden
. Q. R o e t h e würdigt in anziehender Darstellung
Luthers Septemberbibel: ohne viel Apparat reiche Gedanken
. Weiteren Kreisen wird besonders interessant
sein, was R. über das Verhältnis von Luthers Übersetzung
zu der bei Zainer in Augsburg 1475 gedruckten ausführt
. Die beiden anderen Beiträge gelten Hutten. Kalkoff
gibt eine kurze, außerordentlich fesselnde Übersicht
der vielbestrittenen Ergebnisse seines 1920 erschienenen
Huttenbuchs; mit dem herkömmlichen Bild Huttens
als einer „Schöpfung der Romantik" geht er bekanntlich
schonungslos ins Gericht. Hedwig Delekat