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Ausgabe:

1924 Nr. 3

Spalte:

57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völker, Karl (Übers.)

Titel/Untertitel:

Augustinus: Der Gottesstaat 1924

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 3.

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Der Verf. ist mit der einschlägigen Literatur vertraut, aber
dennoch empfängt man durch sein Buch eigentlich nicht
den Eindruck, daß es noch Probleme der Paulusforschung
gibt. Beispielsweise sei erwähnt die Behandlung der Bekehrung
des Paulus S. 90 ff. Da bekommen wir zuerst eine
gefällige Darstellung der Begebenheiten nach der Apostel-
gesch. so wie das Ergebnis sich herausstellt „wenn wir die
Erzählung in Kap. 9 durch die Reden in Kap. 22 und 26
ergänzen und die Widersprüche, die Lukas ruhig hat stehen
lassen, auszugleichen suchen"; erst nachher werden dann
diese Widersprüche selbst besprochen, und nachdem diejenigen
innerhalb der Apostelgesch. ausgeglichen sind, wird
dann die eigene Darstellung des [Apostels Gal. 1,12 ff. damit
harmonisiert Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß
die Gegensätze schärfer hervorgetreten wären, falls Gal. 1, 12ff,

der frühchristlichen Musik von der „europazentrischen"
Auffassung befreit wissen will und mit allem Nachdruck
und aller Zuversicht sich einsetzt für ihre Herkunft aus
dem inneren Orient, d. i. aus Syrien, Mesopotamien-
Armenien, Persien (Iran).

Das erste Kapitel (warum hat Verf. seine Abschnitte nicht selbst
numeriert?) handelt von der orientalischen Musik, mit der man sich
überhaupt erst in den letzten Jahren näher zu beschäftigen begonnen
hat, im Rahmen der musikgeschichtlichen Forschung (1—17) im allgemeinen
, schildert ihre Bedeutung und die in der Sache liegenden
Schwierigkeiten, gibt Grundsätzliches über Methoden und Ziel, stellt
fest, daß im Mittelpunkt der bisherigen Erforschung der Musik des
christlichen Orients die byzantinische stehe, obgleich der syrischen
und armenischen Kirchenmusik ihrer Bedeutung nach ein ebenso großer
Raum gebühre, und betont, daß in der ästhetischen Beurteilung der
orientalischen Kirchenmusik diese bis vor kurzem ganz zu Unrecht und
den /Ausgangspunkt gebildet hätte. Ebenso wird das Apostel- j zum Schaden unserer Erkenntnis unter den gleichen Vorurteilen zu

konzil zuerst wesentlich nach Apostelgesch. 15 geschildert,
und dann wird Gal. 2 in Übereinstimmung damit gebracht;
so meint der Verf., Paulus habe den Galatern schon vorher
das Aposteldekret eingeprägt, und mit Gal. 2, 6 wolle er nur
sagen: die Angesehenen haben mir nichts weiter aufgelegt
— außer was ich euch schon längst verkündigt habe; und
gleichfalls nimmt er an der Apostel setze in 1. Kor. 10,7ff.
die Bestimmungen des Aposteldekrets voraus. Die Einstellung
des Verf.'s ist mithin von der innerhalb der kritischen
Theologie vorherrschenden verschieden, und von einer Förderung
der paulinischen Forschung durch sein Buch wird
man insofern kaum reden können. Wir haben aber innerhalb
der skandinavischen Literatur sonst kein ausführliches, auf
wissenschaftlicher Grundlage ruhendes Werk über Paulus;
denn Lyder Brun: Paulus' kristelige tanker (Kristiania 1919)
behandelt nur die „Theologie" des Apostels; M.'s Buch dagegen
bietet eine Fülle von Belehrung betreffend das Leben
und Wirken des großen Mannes im einzelnen und wird deshalb
hier im Norden von großem Nutzen sein. Die Darstellungsform
ist gefällig und auch für gebildete Laien leicht
lesbar.

Kopenhagen. Holger Mosbech.

Augustinus: Der Gottesstaat. Die staatswissenschaftlichen Teile
ausgewählt, übersetzt, mit lat. Paralleltext u. m. Anmerkgn. versehen
von D. Dr. Karl Völker. Jena: Gustav Fischer 1923.
(III, 194 S.) 8° = Die Herdflamme, Bd. 4. Gz. 2,50; geb. 3,50.
Eine staatswissenschaftliche Schrift waren Augusiins Bücher über
den Staat zwar nicht. Sie enthalten aber so viele Elemente einer Anschauung
vom Staat und sind so grundlegend für das abendländische
Denken über den Staat geworden, daß die Aufnahme der „staatswissenschaftlichen
Teile" in die „Heidflamme", eine Sammlung gesellschaftwissenschaftlicher
Werke aller Zeiten und Völker, gerechtfertigt ist.
Referierende Bindeglieder verknüpfen die übersetzten Abschnitte mit
einander. Auf weiten Strecken ist der lateinische Text unter dem Strich
abgedruckt. Ein Literaturverzeichnis (in Auswahl), Sachverzeichnis und
Namenverzeichnis beschließen den Band.
Tübingen. Scheel.

Wellesz, Priv.-Doz. Egon: Aufgaben und Probleme auf dem
Gebiete der byzantinischen u. orientalischen Kirchenmusik.

Münster, W.: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung 1923. (VII,
120 S.) gr. 8° = Liturgiegeschichtl. Forschungen. Heft 0. Gz 3,20.

Die Schrift des Wiener Musikhistorikers W. verdankt
ihre Entstehung der Anregung des P. Kun. Moniberg
, der für die Liturgiegeschichtlichen Forschungen
eine Übersicht über den Stand und die Probleme der
musikwissenschaftlichen Erforschung des christlichen
Orients gegeben zu haben wünschte. Dieser Aufgabe
— im Titel fehlt das Wort Stand vor Aufgaben — ist
W. in sachkundiger und anregender Weise gerecht geworden
. Seine Schrift ist eine Programmschrift in doppelter
Hinsicht, sofern sie nicht nur die Menge der durch
den Stand der Dinge gegebenen Aufgaben und Probleme
aufzeigt, an denen die musikhistorische Forschung im
Verein mit Theologen und Philologen (Byzantinisten,
Orientalisten und Slavisten) zu arbeiten hat, sondern
sofern sie auch grundsätzlich im Sinne der „bahnbrechenden
Forschungen" Strzygowskis und Baumstarks über
die Entstehung der frühchristlichen Kunst und Liturgie
die Vorstellung von dem Ursprung und der Ausbreitung

leiden hatte wie die bildende Kunst des Ostens. Im zweiten Kapitel
„Ursprung und Ausbreitung des altchristlichen Kirchengesanges"
('17—39) ist von besonderer Wichtigkeit der Hinweis auf das Zweistromland
und Iran als Quellgebiete der altchristlichen kirchlichen
Melodien. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Kirchenmusik
im byzantinischen Reiche (39—83), ihrem Ursprung (nicht in
Byzanz, sondern im Orient über die Städte Antiochia, Edessa,
Damaskus und Jerusalem), ihren Entwicklungsstadien, ihrer wissenschaftlichen
Erforschung und dem, was zu ihrer weiteren Aufhellung
nottut. Das vierte Kapitel gilt der armenischen Kirchenmusik (83—95),
die im Unterschied zur byzantinischen nahezu gänzlich terra incognita
ist und doch, schon an sich anziehend durch die ungewöhnliche
Schönheit ihrer Gesänge, für die mittelalterliche und für die byzantinische
Kirchenmusik wichtigste Aufschlüsse verspricht. Das fünfte
Kapitel „Die syrischen, koptischen und byzantinischen Kirchengesänge
" (95—107) beginnt zwar mit dem Bekenntnis, daß, wenn schon
die Hoffnung gering ist, daß es gelingen wird die älteren Notationen
des armenischen Kirchengesanges zu entziffern, sie ganz aufgegeben
werden müsse, wenn es sich um die Gesänge der übrigen Kirchen
handle, da keine ein so ausgebildetes Notationssystem besaß wie die
byzantinische und die armenische, berichtet dann aber fesselnd über den
Kirchengesang Syriens, Ägyptens und Abessyniens, wobei die weitausgreifende
Kulturblüte Syriens vom 4.-6. Jährh. in kirchengesanglicher
Hinsicht hervortritt. Das letzte Kapitel beschreibt „die Nachwirkung
der byzantinischen Kirchenmusik in der gegenwärtigen Musik der orthodoxen
Kirche in Europa" (107—114). In den „Nachträgen" (115 f.)
ist von besonderem Interesse die Auseinandersetzung mit dem neuesten,
auf ganz anderer („europazentrischer") Grundlage ruhenden hervorragenden
Werk des Berliner Gelehrten O. Fleischer „Die Germanischen
Neumen als Schlüssel zum altchristlichen und gregorianischen Gesang
", Frankfurt a.M. 1923. Ein Namen- und Sachregister beschließt
das inhaltreiche Heft, das der Musikwissenschaft zweifelsohne viel Anregung
gibt und verdienstlich bleibt auch dann, wenn seine Hoffnungen
und seine Hauptthese letztlich nicht ganz in dem Maße sich bewähren
sollten, wie der Verfasser es sich und seinen Lesern in Aussicht
stellt.

Berlin. Qe0rg Stuhlfauth.

Des hl. Bonaventura mystisch-ascetische Schriften. Erster
Teil. Nach der Ausgabe von Quaracchi übertragen u. hrsg. v. Siegfried
Johannes Hamburger. München: Theatiner-Verlag 1923. (183
S ) 8° Gz. 3—; geb. 4,50.

Im Theatiner-Verlag in München erscheint in 8 Bänden eine
deutsche Ausgabe der Werke Bonaventuras, herausgegeben von P.
Elzear Schulte, Dietrich von Hildebrand u. Siegfried Johannes Hamburger
. Der erste vorliegende Band enthält mystisch-ascetische Schriften
: den Traktat von den fünf Festen des Kindes Jesus, von dem
mystischen Weinstock oder von dem Leiden des Herrn, den Brief an
den Bruder M„ enthaltend die 25 Merkpunkte, die Ansprache an die
Seele von der Lenkung der Seele und die Abhandlung über die Vorbereitung
zur heiligen Messe.

Tübingen. Scheel.

Grabmann, Martin: Die Kulturwerte der deutschen Mystik
des Mittelalters. Augsburg: Dr. Benno Filser 1923. (VII, 63 S.)
8° Gz. 1_.

Grabmanns erweiterter und mit Anmerkungen ausgestatteter Münchener
Vortrag über die Kulturwerte der deutschen Mystik des Mittelalters
schildert nach einem einführenden Kapitel über die Zusammenhänge
der deutschen Mystik des Mittelalters die religiös-christlichen
und die deutschen Kulturwerte. Es ist ihm besonders angelegen zu
zeigen, daß die Mystik nicht ein unbestimmtes religiöses Fühlen und
Schwärmen ist, sondern eine von spekulativen Gedanken getragene
katholisch religiöse Richtung. Auch die Christusmystik stand in organischem
Zusammenhang mit der Trinitätsmystik. Auf dem Wege der