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Ausgabe:

1924 Nr. 2

Spalte:

46-47

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, E.

Titel/Untertitel:

Charkterisierung und Beurteilung des römisch-kathol. Moralsystems, insbes. d. Urteilsbildung im Probabilismus, u. seine wesentl. Verbindung m. d. römisch-Kathol. Glaubenssystem 1924

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 2.

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freudiger, als ich in meinem kurzen Abriß der Kirchengeschichte
Rußlands die Geschichte der Ausbreitung der
Kirche nur ganz stiefmütterlich habe behandeln können
Für weitere Kreise bestimmt, hat sich Lübecks Schrift doch
wissenschaftlichen Charakter zu bewahren verstanden.
Daß sie in ihrem größeren Teil durchaus auf der umfassenden
und gründlichen Abhandlung Fr. Kaders in
der Allgem. Missionszeitschrift 190d fußt, gereicht ihr
nicht zum Schaden. Wie war Lübeck die reiche Heranziehung
der doch so schwer erreichbaren russischen
Literatur möglich? Freilich das Hauptwerk über die
Kirchengeschichte Rußlands von Makarij-Bulgakoy ist
ihm offenbar nicht zugänglich gewesen; sonst hatte er
sich an dieses, soweit es führt, bzw. an Golubinskijs
Kirchengeschic'hte, und nicht an das ältere Werk von
Philaret-Gumilevskij angeschlossen. Auch hatte schon
Räder die beachtenswerten Schriften eines Krassov,
Ptochov Filimonov, Luppov und anderer verwertet.
— Schon Heinrich von Lettland um 1200 fiel bekanntlich
der geringe Missionstrieb der Russen auf. Mit Recht vermißt
Lübeck eine zielbewußte Missionstätigkeit in der
russischen Kirche des Mittelalters. Seit der Zeit des
Patriarchats zeigt die Missionsarbeit etwas mehr Organisation
, dient aber auch noch mehr als bis dahin politischen
Zwecken. Im 19. Jahrh. ragen als Missionare
innerhalb des russischen Reiches selbst Makarij-Glucha-
rev, der Begründer der Altaimission, und Innokentij
Benjaminov hervor. Bei den Zahlen der Getauften,
z. B. der Osseten, muß man sich gegenwärtig halten, daß
die „Gaben väterlicher Liebe" (S. 61) eine große Versuchung
waren, alljährlich zur Taufe zu erscheinen. —
Daß Lübecks ganze Darstellung eine völlig objektive ist,
braucht nicht erst gesagt zu werden. — S. 5, 14 muß es
Truvor (st. Tuwor) heißen. Daß Svjatoslav seinen
Vetter Gljeb wegen dessen Hinneigung zum Christentum
erschlagen habe (S. 9), ist wohl ein Versehen. S. 59 genügte
„Stavropol bei Samara" (vgl. Räder S. 400).

Güttingen. N. Bonwetsch.

Hu dal, Prof. Dr. Alois : Die serbisch-orthodoxe Nationalkirche.

Graz: Ulr. Moser 1922. (VII, 126 S.) = Beiträge z. Erforschung
d. orthodoxen Kirchen, hrsg. v. F. Haase u. A. Hudat I.

Je schwerer es für uns Deutsche heute ist, nach
dem Ausland zu reisen, und je unsicherer oft die Nachrichten
unserer Tageszeitungen über kirchliche Dinge
namentlich aus dem Osten sind, um so verdienstlicher
kann die mit vorliegendem Buch begonnene Schriftenreihe
werden. Haase hat bereits in den Schriften des
Osteuropa-Instituts zu Breslau Arbeiten zur russischen
Kirchenkunde veröffentlicht (vgl. ThLZ 1922, Sp. 289,
501), Hudal und andere Grazer römisch-katholische
Theologen sind als Nachbarn besonders an den kirchlichen
Verhältnissen Jugoslawiens interessiert. Natürlich
kann in dem Maße, als die Dinge dort im Flusse sind,
eine Schilderung, die gestern zutreffend war, morgen
überholt sein; auch vermag ich die meisten Einzelangaben
des Buchs nicht nachzuprüfen; doch erweckt
der sachliche Ton das Vertrauen, daß die alten Gegensätze
zwischen Lateinern und Orientalen hier der Zuverlässigkeit
des Berichts nicht hinderlich waren. H. stellt
zunächst die wechselvolle Geschichte der serbischen
Kirchen dar, dann ihre heutige Lage. Von jener bezeichne
ich nur den Anfangs- und den bisherigen Endpunkt
: kirchliche Interessengegensätze zwischen Rom
und Konstantinopel begannen auf dem nachmals serbischen
Gebiet in altkirchlicher Zeit, als einige Gegenden
politisch zum Osten geschlagen wurden, die kirchlich
enge Beziehungen zu Rom hatten. Und zuletzt,
nach dem Weltkriege, 1920, wurden die Kirchen der
bisher getrennten serbischen Gebiete zu einer vereinigt
unter dem Metropoliten von Belgrad als Patriarchen.
An seiner Wahl nehmen, morgenländischem Brauch entsprechend
, auch Laien teil (die Minister, der Präsident
des obersten Gerichts, die Universitätsrektoren u. a.). Für
die Ausbildung wenigstens eines Teils der Geistlichen
sind theologische Fakultäten in Belgrad und Agram eingerichtet
; andererseits schränkt der Staat in den öffentlichen
Schulen den Religionsunterricht ein, der überdies
von manchen Lehrern in solchem Geiste gegeben wird,
daß die Priester ihn z. T. lieber selbst übernähmen.
Diese Spannungen und allerhand Reformbestrebungen
im Klerus gehören in den Zusammenhang der neuen
Lage der Kirchen in den südöstlichen Ländern: Jahrhunderte
lang wesentlich unverändert geblieben, sehen
sie sich nun einem Volksleben gegenüber, in dem westliche
Aufklärung und sozialistische Kirchenfeindschaft
eine große Rolle spielen. Von England her sucht man
gleichzeitig Anknüpfung an diese Kirchen. Wer ahnt,
wie das Bild in einem Menschenalter aussehen wird?

Kiel. H. Mulert.

Cathrein, Viktor, S. J.: Die katholische Weltanschauung in

ihren Grundlinien mit besonderer Berücksichtigung der Moral. Ein
apologetischer Wegweiser in den großen Lebensfragen für alle
Gebildete. 5. u. 6. durchgesehene Aufl. Freiburg: Herder & Co.
1921. (XII, 522 S.) 8° Gz. 10—; geb. 11,50.

Drei Teile: der Mensch vom Standpunkt der natürlichen
Vernunft; der Christ im Lichte der übernatürlichen
Offenbarung; Grundlinien der katholischen Moral. Belesenheit
, apologetisches Geschick und gemeinverständliche
Darstellung bewährt der greise, als Schriftsteller
seit Jahrzehnten bekannte Verf. auch hier und wer noch
wenig katholische Werke dieser Art kennt, mag an
diesem die Methoden katholischer Apologetik studieren,
auch ihre Schwächen, z. B. ein Übermaß von Zitaten.
Daß im ersten Teil die Schwierigkeiten, Urzeugung zu
denken, im zweiten die Auferstehung Christi als stärkste
Bezeugung der neutestamentlichen Offenbarung hervorgehoben
werden, legt den Vergleich mit verwandten
Darlegungen evangelischer Theologen nahe. Soweit
innerhalb des Katholizismus Verschiedenheiten der Stellung
zu den Strömungen der Gegenwart bestehen, ist C.
strenger, z. B. in der Art, wie er den Sozialismus verurteilt
. Inhaltlich anfechtbar ist, wenn man von dem
selbstverständlich zwischen C. und Nichtkatholiken Strittigen
absieht, namentlich die Art, wie er Theismus, Materialismus
und Pantheismus neben- und gegeneinander-
stellt. Der Ton wird steilenweise verbissen, um nicht Schlimmeres
zu sagen. So erscheint Kants Satz, es widerstreite
unserer sittlichen Würde, uns dem Gebot eines andern
zu unterwerfen, wäre es auch Gott, als „albernes Sprüchlein
"; „das Prinzip der sittlichenAutonomie würde besser
das unsittliche Prinzip der Autonomie genannt". Ungerecht
sind auch Sätze wie der, die heidnische Kultur sei
zum guten Teil christlichen Völkern entlehnt und beschränke
sich fast ganz auf das Gebiet des Materiellen;
die epikureische Lehre sei „die Moral für Lebemänner
und Spitzbuben" (dabei meint aber C. selbst, wenn es
keine Unsterblichkeit gebe, sei es vernünftig, am meisten
nach Genuß usw. zu streben). Daß dann „Schauerromane,
Theaterstücke, Witzblätter und Flugschriften des Evangelischen
Bundes" als die katholische Kirche schmähend
zusammengestellt werden, nimmt nicht Wunder.

Kiel- H. Mulurt.

Fischer, Uctheol.E.: Charakterisierung und Beurteilung des
römisch-kathol. Moralsystems, insbes. der Urteilsbildung in
Probabilismus, und seine wesentl. Verbindung mit dem römisch-
kathol. Glaubenssystem. (Von der Teyler'schen Gesellschaft gekrönte
Preisschrift.) (Verhandelingen uitgegev. door Teyler's God-
gelecrd Genootschap, Nieuwe Serie, 20. Deel). (74 S) gr 8°
Haarlem, De Erven F. Bohn 1918.

Der Streit um die katholische Moral, der sich
namentlich an Graßmanns Angriff auf Liguori, an W
Herrmanns und Hoensbroechs Schriften knüpfte, war
schon vor dem Kriege fast still geworden. Neben
Mausbachs umfänglichem katholisch - apologetischem
Werke „Die katholische Moral" und Herrmanns kräftiger
Polemik „Römische und evangelische Sittlichkeit"
wird Fischers Abhandlung ihren Wert behalten. Er betont
die Festigkeit der Grundzüge der katholischen
Moral: das Sittliche ist 1. von Gott geoffenbart, muß
2. übernatürlich geglaubt werden (was der Katholik