Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 2

Spalte:

44-45

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lübeck, Konrad

Titel/Untertitel:

Die Christianisierung Rußlands 1924

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

43

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 2.

44

sie uns unter den Händen des landeskundigen Kommentators
reiche Aufschlüsse: Schade, daß nicht eine kleine
Karte wenigstens von Süd- und Mittel-Wales hat beigefügt
werden können. Das Leben im Lande des h. David
zwischen dem 6. und 11. Jahrh. zu veranschaulichen
ist aber wohl noch ein höheres Verdienst, als eine Reihe
von Daten aus dem Leben eines nun einmal gänzlich der
Legende verfallenen einzelnen Heiligen halbwegs glaubhaft
zusammenzustellen.

Marburg. Ad. Jülich er.

Lehmann, Prof. Paul: Die Parodie im Mittelalter. München:
Drei Masken Verlag 1922. (254 S.) 8° Gz. 6—.

Ders.: Parodistische Texle. Beispiele zur lateinischen Parodie im
Mittelalter. Ebd. 1923. (73 S.) 8° Gz. 2—.

Es gereicht mir zur Freude, die Kirchenhistoriker
auf dieses gediegene Werk über die lateinische Parodie
des Mittelalters hinweisen zu dürfen, das aus dreijährigen
Forschungen, gegründet auf die unvergleichliche Sachkenntnis
des Münchener Gelehrten hervorgegangen und
in vornehmer Sachlichkeit gestaltet ist. — L. versteht
unter Parodien „nur solche literarische Erzeugnisse, die
irgend einen als bekannt vorausgesetzten Text oder — in
zweiter Linie — Anschauungen, Sitten und Gebräuche,
Vorgänge und Personen scheinbar wahrheitsgetreu, tatsächlich
verzerrend, umkehrend mit bewußter, beabsichtigter
und bemerkbarer Komik . . . formal nachahmen
oder anführen". Vorläufer waren ihm Wattenbach
(als Sammler) und Novati. Mit Recht aber darf
L. sagen „in starkem Maße bin ich von keinem Werke
abhängig", und was er nun den Freunden des Mittelalters
bietet, ist überaus wertvoll zu tieferer und schärferer
Erkenntnis von Jahrhunderten, deren Fühlen und
Denken von dem unsrigen so weit abweicht und doch die
nachfolgenden Zeiten viel tiefer als zumeist bekannt ist,
beeinflußt hat. — Ich übergehe das lehrreiche Kapitel
„Ursprung und Anfänge" und wende mich gleich zu
dem Thema des Buchs „Entfaltung der Parodie vom
elften bis fünfzehnten Jahrhundert", das in zwei nahezu
gleich langen Abteilungen behandelt ist, indem L. die
bissigen und grimmigen tendenziösen Parodien, die aus
der antikurialen Strömung hervorgegangen sind, zuerst,
die humoristischen unterhaltenden zuletzt behandelt, oline
zu verkennen, „daß man bei der Unterscheidung zwischen
satirischer und humoristischer Parodie zuweilen schwanken
kann". Die erste Abteilung steht der Kirchengeschichte
näher, die zweite gehört dem, was gemeiniglich
Kulturgeschichte genannt wird, an. — Das habgierige
Rom wird, besonders im 12. Jahrh., aber auch
schon im 11. und noch im 13. Jahrh. gegeißelt unter
der scherzhaften Verhüllung der ihm nachgesagten Liebe
zu den Reliquien des heiligen Albinus (weißes Silber)
und des heiligen Rufinus (rotes Gold). In wirkungsvoller
Weise hat L. nach dem Vorgang Anderer den Inhalt
des meisterhaften Garsiastraktates „über diese kostbaren
Märtyrerreliquien" vom Jahre 1099 (ed. Sackur
in Mon. Germ. Libelli de Ute II, 425—35), der gegen
Papst Urban II und seine Kardinäle die schärfsten
Pfeile richtet, wiedergegeben, er ist nicht nur in zwei,
sondern in vier Handschriften überliefert, auf zwei in
Cambridge befindliche bisher unbeachtete Hss. hat kürzlich
L. in einem auch neben seinem Buche sehr lesenswerten
Aufsatze „Vagantendichtung" (Bayrische Blätter
für das Gymnasialwesen 59, 4 S. 202) hingewiesen. Dem
Wortspiel vom heiligen Albinus und Rufinus bin ich
besonders in englischen Quellen vom Ende des 12. Jhts.
häufig begegnet. — Nahezu hundert Jahre nach dem
Garsiastraktat ist das sogenannte „üeldevangelium" entstanden
, das in mosaikartiger Zusammensetzung Bibel
und Liturgie benutzt, um in Gestalt einer Evangelien-
perikope die Kurie von den Türhütern bis hinauf zu
den Kardinälen und dem Papste zu brandmarken. Ich
stimme L. ganz zu, wenn er die Entstehungszeit dieses
dann in mannigfachen Fassungen verbreiteten Schriftstückes
(vgl. Parodist. Texte nr. 1 und Aufsatz „Vagantendichtung
" S. 204) in den Ausgang des 12. Jhts. verlegt
, ich ergänze seine Ausführungen, indem ich auf die
plötzliche Verschärfung römischen Geldhungers hinweise,
die mit der Rückkehr der Kurie nach Rom nach 6 jähriger
Verbannung im Jahre 1188 unter Clemens III. einsetzt
und sich unter seinem persönlich unbescholtenen,
aber schwachen Nachfolger Coelestin III. fortsetzt, von
Innocenz III. dann offiziell einzudämmen versucht wird.
Näheres behalte ich mir vor, an anderer Stelle zu bieten,
dort werde ich auch andeuten, daß für die Herleitung
der päpstlichen Erkrankung aus der Aufdeckung einer
ungeheueren Bestechung der Kardinäle eben jene beiden
Pontifikate Handhabe bieten. Zustimmenden Falls würde
der Text der Carmina Burana, den L. im ganzen der Ur-
fassung des Geldevangeliums nahesetzt, eine neue Bestärkung
seines Ansehens gegenüber anderen Meinungen
erhalten. Ein Irrtum Gundlachs war es, aus der Nennung
von Anagni neben Rom in der Datierung einer
späteren Hs. einen Schluß auf die Entstehung des Geldevangeliums
in der Zeit Alexanders III., der „Anagni
durch so langen Aufenthalt als päpstliche Sommerresidenz
allgemein kenntlich gemacht habe", ziehen zu
wollen, denn alle Päpste von Innocenz III. bis Alexander
IV., dann wieder Bonifaz VIII. haben länger oder

kürzer auch in Winterszeit in Anagni residiert. _ Ich

begnüge mich zu erwähnen, daß L. über das auch schon
den Carmina Burana (nr. XIX) eigene Pamphlet „Utar
I contra vitia carmine rebelli", über die Teufelsbriefe und
j über vieles, das ich nicht einzeln anführen kann, im
! zweiten Teile über die Poesie des Liebeslebens, über das,
was Zechen, Schlemmen, Spielen auf dem Gebiete der
Parodie hervorgebracht haben, über die bezüglichen Erzeugnisse
des Goliarden- und Studentenlebens gehandelt
hat. Eine Nachahmung des Geldevangeliums, das
um mehrere Jahrhunderte jüngere Pariser Geldevangelium
eines hungernden Studenten, das heute leicht auf
gleiche Empfindungen stoßen mag, wird wie so manche
bisher nicht veröffentlichte Stücke von L. mit allen ihm
erreichbaren Varianten in den „Parodistischen Texten"
mitgeteilt. Wir schulden ihm Dank und auch der Verlagshandlung
, die beide Hefte so schön ausgestattet hat.

Marburg. Karl Wenck.

Pull an, Leighton, D. D.: Religion Since the Reformation.

Eight Lecturcs, preached before the Univ. of Oxford in the year
1922, on the Foundation of the Rev. John Banipton, A4 A., Canon
of Salisbury. Oxford: Clarendon Press 1923. (XVI, 291 S.) gr. 8°

12 sh. 6 d.

Wissenschaftlich bedeutet dies Buch — das einen Überblick über
die gesamte neuere Kirchengeschichte gibt — wenig. Auch für die englische
Kirchcngeschichtc, für die es am eingehendsten ist, ist es nicht
eben übermäßig belehrend. Soweit ich nachgeprüft habe, hat P.
— wenige Partien ausgenommen — aus sekundären oder tertiären
Quellen geschöpft; bei Schleiermacher /. B- wird auf die Kirchcngeschichtc
des seligen Joh. Heinr. Kurt/, als einziges deutsches Buch
verwiesen, selbiger Kurt/ überhaupt für die Geschichte des festländischen
Protestantismus seit 1800 empfohlen. Fehler und Seltsamkeiten
fehlen denn auch nicht. Die geistlichen Übungen des Ignatius
z. B. werden rein als Erbauungsbuch behandelt; daß sie noch etwas
anderes sind als dieses, verrät P. dem Leser nicht. Spener ist in
Frankfurt principal of a seminary gewesen . . . ich denke, ich kann
auf weitere Beispiele verzichten.

Dennoch ist dies Buch unter einem gewissen Gesichtspunkt lehrreich
. Es ist das Werk eines Hochkirchlers, und es enthält, in Kürze
zusammengedrängt und in die Form einer zusammenhängenden Entwicklung
gebracht, die geschichtlichen Urteile der hochkirchlichcn Partei
ziemlich vollständig, und sogar mit einiger Mäßigung, beieinander.
Einem evangelischen Christen wird bei diesem Geschichtsbild freilich
beklommen zu mute; die Urteile P.s sind denen, denen wir in katholischer
Literatur zu begegnen gewohnt sind, manchmal recht ähnlich
Göttingen. E. Hirsch.

Lflbeck, Prof. Dr. Konrad: Die Christiantsierunp; Rußlands.

Ein geschichtlicher Oberblick. Mit zwei Karten. Aachen: Xaverius-
Verlag 1922. (118 S.) 8° m Abhandlungen aus Missionskuude und
Missionsgeschichte. 32. Heft. Oz. —80.

Schon wiederholt hat Lübeck wertvolle Beiträge zur
Geschichte der östlichen Kirchen geliefert. Ihnen reiht
sich nun seine Geschichte der Ausbreitung des Christentums
im russischen Reich an. Ich begrüße sie um so