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Ausgabe:

1924 Nr. 26

Spalte:

561-562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lagarde, Paul de

Titel/Untertitel:

Schriften für das deutsche Volk 1924

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Seite 1

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561 Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 26. 662

tieren (denn darauf läuft es hinaus), unmöglich. Jene
Motive zum Büß- und Reformruf sind scharfsinnig
nachgewiesen. Aber es sind und bleiben sekundäre
Motive. Von den wahren Schäden jener Zeit ist dagegen
recht wenig die Rede. Äußere kirchliche Gewöhnung,
obrigkeitliche Verordnungen sind keine Gegengründe.
Das Eindringen der englischen asketischen Literatur,
das übrigens mit einer m. W. bisher unerreichten Kenntnis
geschildert ist, fordert selbst wieder eine Erklärung.
So zweifellos die Korrektur des Arnoldschen Bildes in
der Richtung liegt, die L. einschlägt, so gewiß uniformiert
er zu stark; es dürfte der mühsame Weg nötig
sein, den für ein winziges Gebiet mit großer Treue und
Breite Schauenburg (100 Jahre Oldenburg. KG.) gegangen
ist. Gewiß aber wird manche neue Erkenntnis
und mancher neue Gedanke aus L.s gründlicher Arbeit
zu lernen sein.

Andere Ziele verfolgt Kotherts populäres Büchlein, das zur Ermutigung
vor allem der westfälischen Gemeinden den kirchlichen
Wiederaufbau in ähnlicher Not wie die Gegenwart erlebt, darstellt
und Nutzanwendungen daran knüpft. Der Vf. schöpft in seinen
Schilderungen aus den bekannten Darstellungen jener Unglückszeit,
aber auch aus seiner gründlichen Kenntnis der Lokalgeschichte. Er
schildert den Wiederaufbau als gesetzliche Neuordnung, Hebung des
/.. T. gesunkenen Pfarrerstandes durch reformfreundliche Hochschulen
und Superintendenten, Hebung der Kirchlichkeit durch Zucht, Unterricht
und Seelsorge wie durch Gesangbücher und asketische Literatur.
Wenn der herangezogene geschichtliche Stoff nach der von Leube gegebenen
Fragestellung bis ins Einzelne durchgearbeitet würde, könnte
er einen Stein zu dem Fundament von Leubes Bau liefern, freilich
keinen ganz eben zu behauenden.

Kiel. E. Kohlmeyer.

L ö f f I e r, Prof. Dr. Klemens: Papstgeschichte von der französischen
Revolution bis zur Gegenwart. Kempten: J. Kösel & F. Pustet 1923
(V, 220 S.) kl. 8°. = Sammlung Kösel Bd. 46. Gm. 1.80.

L. bietet die Fortsetzung der in derselben Sammlung
erschienenen Papstgeschichte von Fr. X. Seppelt. Wie
jene so enthält auch sie im Wesentlichen eine Zusammenstellung
der wichtigsten Tatsachen vor allem
aus der politischen Papstgeschichte, die zuverlässig
ist, gute Literaturkenntnisse verrät und beachtenswert kritische
Urteile über päpstliche Maßnahmen aufweist. Das
alles ist zweifellos anzuerkennen. Aber ich habe mit Absicht
gesagt, das Buch enthält eine Zusammenstellung der
wichtigsten Tatsachen, denn eine Papstgeschichte
kann man es nicht nennen. Die Verkettung der einzelnen
Geschehnisse, die aus der Zusammenstellung erst eine
Geschichte gemacht hätte, ist ohne Berücksichtigung
des geistigen Lebens der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert
nicht möglich. Denn dies hat auf das Papsttum
, das Papsttum auf jenes stark eingewirkt. Darauf
wird aber nicht eingegangen. Wir erfahren z. B., daß
1870 die päpstliche Unfehlbarkeit dogmatisiert ist. Da
aber nicht gezeigt wird, wie das Vatikanum aus der
„Ultramontanisierung" der katholischen Kirche herauswächst
, so bleibt die Anführung eine bloße Tatsachenmitteilung
, die geschichtliches Verständnis in keiner
Weise vermittelt. Besonders unangenehm macht sich diese
Vernachlässigung des geistigen Lebens in der Einleitung
bemerkbar.

Der Mangel verursacht es, daß L.'s Darstellung
nur zu einer ersten Orientierung über die Tatsachen
brauchbar ist.
Oöttingcn. Kurt Dietrich Schmidt.

Lagarde, Paul de: Schriften für das deutsche Volk. 1. Bd.:
Deutsche Schriften. Mit einem Personen- und Sachverzeichnis
. 2. Bd.: Ausgewählte Schriften. Als Ergänzung
zu den Deutschen Schriften zusammengestellt von Paul
Fischer. Mit einem Personen- -und Sachverzeichnis. München:
J. F. Lehmanns Verlag 1924. (520 u. 301 S.) gr. 8°.

Jeder Band Gm. 5—; geb. Gm. 6.50.
Die Schutzfrist für Lagarde ist abgelaufen. Das hat sich diese
Neuherausgabe, welche alles enthalten soll, was für dieses einflußreichen
„Theologen" (das wollte er ja sein) Art zu denken und zu
leben bezeichnend und allgemein zugänglich ist, zu nutze gemacht.
Ober den ersten Band fasse ich mich kurz, da er einen einfachen

Neuabdruck der „Deutschen Schriften" enthält. Er ist der Ausgabe
letzter Hand überlegen nur, sofern er ein recht gutes Register enthält
; aber wissenschaftlich kein Ersatz für sie, da er ihre Seitenzahlen
einzudrucken unterläßt. Der zweite Band ist eine nach
systematischen Gesichtspunkten geordnete Auswahl vor allem aus
den „Mitteilungen" und dem „Symmikta"; auch „Aus dem Gelehrtenleben
" und die Abhandlungen sind berücksichtigt. In ihr sind außer
zahlreichen kurzen Stücken vollständig oder so gut wie vollständig
im Zusammenhang abgedruckt: „Erinnerungen an Fr. Rückert";
„Ober einige Berliner Theologen" usw.; „Über Güßfeldt", „Die Erziehung
der deutschen Jugend"; „Die Promotionen zum Doktor der
Philosophie betreffend"; „Juden und Indogermanen", „Die revidierte
Lutherbibel des Hallischen Waisenhauses" u. a. mehr; größere Stücke
finden sich z. B. noch aus „Nachrichten über die Familie Bötticher";
„Zwei Proben moderner Kritik"; „Noch einmal meine Ausgabe der
Septuaginta". Es steckt in der Auswahl viel Liebe und Mühe des
Herausgebers. Das subjektive Moment ist durch angehängte Tabellen
, welche genaue Rechenschaft über die ursprünglichen Drucke
gewährt, der Kontrolle zugänglich gemacht. Es steht auch manches
für Lagarde Charakteristische und Schöne drinnen, z. B. die Erinnerungen
an Fr. Rückert, in denen Lagarde's Menschliches einmal
fast ohne sein Allzumenschliches zur Freude des Lesers herauskommt
. Dennoch, fürchte ich, wird dieser zweite Band der sachlichen
Wirkung, die Lagarde mit seinen „Deutschen Schriften"
erstrebte, Abbruch tun. Denn der Herausgeber hat doch gar manches
aufgenommen, was vor das allgemeine Forum nicht gehört, was
lediglich der Klatschsucht der Menge fröhnt. Dazu rechne ich vor
allem die Karikatur, die Lagarde in der „Bescheinigung über den
richtigen Empfang" usw. und „Zum letzten Male Albrecht Ritsehl"
von noch Lebenden gezeichnet hat, — immerhin aber für den
kleinen Kreis, der damals seine Sachen las, und nicht für den großen
Kreis derer, auf die dieser Neudruck berechnet ist. Hier .haben
Herausgeber und Verlag nicht so gehandelt, wie man es bei der
ihnen beiden eignenden Ernsthaftigkeit von ihnen hätte erwarten
dürfen. Auch sonst wird man die Aufnahme manches Stücks wunderlich
finden; so macht z. B. das Elaborat über die revidierte Lutherbibel
Lagarde so wenig Ehre, daß man es um des Rufes seiner
Wissenschaft willen hätte in der Vergessenheit lassen sollen. — Auch
der zweite Band hat ein gutes Register.

Bei Stichproben sind mir eine Reihe vermeidbarer Druckfehler
aufgefallen. Bd. 11 S. 17 werden an Schleiermacher sogar statt der
feinen Hände die feinen Hemden gerühmt; solche Scheußlichkeiten
machen gegen die Exaktheit des Abdrucks einigermaßen bedenklich.
Doch gehören sämtliche von mir notierten Fehler dem anscheinend
eilig gedruckten zweiten Bande an.

Göttingen. E. Hirsch.

Hie stand, Max: Das sokratische Nichtwissen in Piatons
ersten Dialogen. Eine Untersuchung über die Anfänge Piatons.
Zürich: Verlag Seldwyla 1923. (110 S.) gr. 8°.

Stenzel, Julius: Zahl und Gestalt bei Piaton und Aristoteles.

Leipzig: B. O. Teubner 1924. (VIII, 146 S.) gr. 8°.

Gm. 6—; geb. 7.20.

Mit fleißiger Arbeit durchforscht Hiestand die

iugenddialoge Piatons, ein reichlich abgegrastes Ge-
iet, für dessen Durchleuchtung er jedoch auf dein
Wege der schlichten philologischen Interpretation einen
neuen und wesentlichen Beitrag liefert. Die heute heiß
umstrittene Frage nach dem „wissenschaftlichen" Geist
der platonischen Philosophie, wie sie besonders von
Howald aufgeworfen und verneint wurde, gibt den Anlaß
dazu, die Dialoge Piatons nach dem Gesichtspunkte
der Stellung des platonischen Sokrates zum Wissen zu
ordnen. So entstehen drei Gruppen: 1. die Jugenddialoge
, in denen Sokrates als der Unwissende, seine Unterredner
als die vermeintlich Wissenden auftreten; 2. die
künstlerisch vollendeten Dialoge, in denen Sokrates und
seine Unterredner beide ein Wissen behaupten; 3. die
späteren Werke, in denen Sokrates ein Wissen besitzt
oder sucht, während die anderen Personen, die sich
ar. dem Gespräch beteiligen, gänzlich unselbständig seiner
Belehrung folgen. Die Untersuchung wird im einzelnen
nur für die kleinen Dialoge der ersten Gruppe
durchgeführt, deren sorgfältige, viele Einzelzüge in neues
Licht rückende Analyse der Aufstellung des Verfassers
recht gibt. Innerhalb der Frühdialoge spielt sich bereits
der erste entscheidende Akt in der philosophischen Entwicklung
Piatons ab: „der Übergang vom scheinbaren
Nichtwissen zur widerstandslosen Lehre und damit zum
Wissen. Das aber ist die Voraussetzung für eine Schulgründung
Piatons." Zugleich stellen diese kleinen Werke