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Ausgabe:

1924 Nr. 25

Spalte:

540-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hopfner, Theodor

Titel/Untertitel:

Die griechisch-orientalischen Mysterien 1924

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 25.

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rate deutlich paulinische Färbung und die ,drei Tage'
hätten bei der synoptischen Fassung keinen rechten
Sinn. Auch werde sonst für das Tempelgebäude die Bezeichnung
to iegöv gebraucht, während faog auch anderwärts
(bei Paulus, wohl nach einem palästinischen
Gebrauche) in übertragenem Sinne vorkomme. Dazu
passe auch das johanneische Xveiv und eyetgeiv besser
als das synoptische xarakveiv und oly.odoj.ielv. Auch
finde nur durch Johannes die ,Falschheit' der Zeugnisse
vor dem Flohen Rate ihre Erklärung: sie bestehe eben
darin, daß eine Äußerung Jesu, die sich auf seinen Tod
und seine Auferstehung bezogen habe, auf die Zerstörung
und den Wiederaufbau des Tempels gedeutet
worden sei. Die ,46 Jahre', von denen die Juden gesprochen
hätten, stünden in Beziehung zu dem ,noch
nicht fünfzig Jahre' in 8, 57 und der Überlieferung der
,Presbyter' in Kleinasien über die Lebensdauer Jesu, die
ebenfalls die größere Wahrscheinlichkeit gegenüber den
synoptischen Angaben für sich hätte. Was diesen letzten
Punkt betrifft — Ch. übersieht bei den Belegen für
diese Anschauung den schlagendsten, nämlich die Angabe
des Irenaus in seiner 'Ji/cidsi^ig c. 74, daß Jesus
unter Kaiser Claudius gestorben sei —, so wäre es
doch recht merkwürdig, wenn die Juden, die doch an
den Tempel denken, mit den ,46 Jahren' auf die Lebensdauer
Jesu anspielen sollten. Wird dies aber auf
die Rechnung des Erzählers gesetzt, so ist man wieder
mitten in der johanneischen Symbolik und Allegorik,
und es ist nicht abzusehen, warum man nicht auch das
Xveiv und tyeioeiv ihr zuschreiben soll. Wenn ferner
das %eiQono'ivytov und aytigoitoirriov wegen seines pau-
linischen Ursprungs den Bericht des Markus verdächtig
macht, so trifft das bei dem bildlichen vctög ebenso zu,
und es ist Willkür, hier auf einmal einen älteren palästinischen
Ursprung anzunehmen. Die ,Falschheit' der
Zeugenaussagen mag bei der johannischen Fassung
deutlicher zu Tage treten, aber wie sie eine Anklage
auf Leben und Tod begründen sollten, wenn sie dazu
nach Ch. (S. 6) bei den Synoptikern deshalb nicht ausreichen
, weil schon bei Micha, Jeremia und Daniel der
Fall des Tempels vorausgesagt war, ist wieder nicht
einzusehen. Erscheint doch die Rede Jesu gerade bei
den Synoptikern bedrohlicher und herausfordernder, da
bei ihnen das Niederreißen des Tempels bezw. die
Kraft dazu Jesus zugewiesen wird, bei Johannes aber
den Juden. M. E. klingt der Sinn seiner Rede am besten
in Act. 6,14 durch, wie ja auch sonst in manchen Reden
der AG. älteste Überlieferung, z. B. in den Reden Petri
die älteste christologische Anschauung, erhalten ist. Die
Synoptiker stimmen damit überein. Bei Johannes aber
ist die Rede ins Allegorische und Prophetische gehoben
und auf den Tod und die Auferstehung Jesu bezogen,
wie 12,32 f. das Wort von der Erhöhung auf den
Kreuzestod, 11,50 f. das Wort des Hohepriesters auf
den Erlösungstod gedeutet ist.
München. Hugo Koch.

L e i p o 1 d t, Prof. D. Dr. Johannes: Sterbende und auferstehende

Götter. Ein Beitrag zum Streite um Arthur Drews' Christusmythe.
Leipzig: A. Deichert 1923. (82S.mit 4 Abbildungen.) 8°. Gm. 1.80.

L. will einen Beitrag zum Streit um Arthur Drews'
Christusmythe liefern. Drews hatte die Mythen vom
sterbenden und auferstehenden Gott herangezogen und
in den Evangelien denselben Mythus gefunden. L. möchte
die Auseinandersetzung fördern, indem er den Blick
von einzelnen gleichen Zügen, deren Vorhandensein er
nicht abstreitet, auf die Religionen als Ganze lenkt.
Und zwar soll neben den heiligen Erzählungen auch
auf das Innerste der Frömmigkeit geachtet werden. Das
aber ließe sich nur erfassen, wenn man das Verhältnis
von Religion und Sittlichkeit klar lege. In der Bestimmung
dieses Verhältnisses für das Urchristentum und
der Religionen seiner Umwelt sieht L. das wichtigste
religionsgeschichtliche Problem der Gegenwart. Mir ist

bei diesem Grundsatz und der daraus entwickelten Themastellung
nicht sehr wohl zu Mute. Ich bestreite, daß
man jeder Religion in das Innerste ihres Wesens zu
sehen vermag, wenn man die Beziehung von Religion
und Sittlichkeit in ihr bloßgelegt hat. Ich fürchte vielmehr
, das Verfahren L.s wird dazu führen, daß man
die übrigen Religionen an dem Christentum als der Normalreligion
mißt und als minderwertig erfindet. Das
jedoch ist ein Vorgehen, das dem Apologeten und
Systematiker besser ansteht als dem Religionsgeschicht-
ler, der nicht Werturteile zu fällen, sondern die in jeder
Religion liegenden besonderen Maßstäbe herauszuarbeiten
hat.

Doch jeder mag sich seine Aufgabe stellen, wie er
es für zweckdienlich hält. Bedauerlich bleibt für mich,
daß der Verf. bei seiner sich neuerdings offenbar immer
mehr verstärkenden Vorliebe für die Broschüre auch
dieses überaus umfangreiche Thema in einem kleinen
Heft behandelt, dabei einiges ausdrücklich einer
kommenden Veröffentlichung vorbehaltend. Mein Bedauern
ist um so größer, als auch diese Schrift beweist,
daß L. förderliche Arbeit zu leisten vermag. Sorgfältig
belegt er das, was wir bezüglich der Religionen, die
sterbende und auferstehende Götter verehren, wissen
und was man nur vermuten kann. Er hat Literatur und
Quellen, auch die häufig vernachlässigten Denkmäler
genau studiert und, wo es anging, lebende Kenner zu
Rate gezogen. Die außerchristlichen Kulte werden mit
vollkommener Unbefangenheit und ohne Seitenblicke
auf das Christentum zur Darstellung gebracht. Der
Bericht darüber, der Babylonien, Ägypten, Phönikien,
Phrygien, Griechenland begreift, bildet nach einer kurzen
Einleitung den Inhalt des zweiten Abschnittes. Der
dritte stellt die „Frömmigkeit" der Kulte heraus. Diese
charakterisiert sich teils als Naturdienst, teils als Jenseits
- oder auch Diesseitsmystik. Unter Jenseitsmystik
versteht L. einen Glauben, der erwartet, daß der Fromme
durch seinen Gott und die Verbindung mit ihm im Jenseits
allerlei Vorteile haben werde, während die Diesseitsmystik
die Folgen bereits in dieses Leben verlegt.

Der vierte Teil geht zum Vergleich Jesu und des
Urchristentums mit jenen Ausprägungen der Frömmigkeit
über. Es ergibt sich das Resultat, daß das N. T.
allem Naturmythus fernstehe (S. 64). Dagegen kehren
Diesseits- und Jenseitsmystik im N. T. wieder, freilich
bei Paulus, d. h. auf heidenchristlichem Boden. Die
älteste — judenchristliche — Tradition steht dem
Mythus fremd gegenüber. Gegen Drews wird mit Recht
betont: „die Leidens- und Auferstehungsgeschichte der
ältesten Überlieferung hat, aufs Ganze gesehen, nichts
gemein mit dem Mythus vom sterbenden und auferstehenden
Gotte" (S. 73). Aber auch das Verhältnis des
Heidenchristentums zu jenen Mysterien wird nur richtig
begriffen, wenn man darauf achtet, in welchem
Maße sich da und dort Religion und Sittlichkeit durchdringen
. Der Vorsprung des Christentums ist unverkennbar
.

Ein letzter Abschnitt behandelt die Frage nach der
Auferstehung am 3. Tage vom Standpunkt der vergleichenden
Religionsgeschichte. Hier kommt L. mit
überraschend wohlfeilen Gründen zu dem Schluß, daß
der 3. Tag eben „der Tag der Auferstehung Jesu
war" (S. 80).

Göttingen. Walter Bauer.

Hopfner, Theodor: Die griechisch-orientalischen Mysterien.

Vortrag. (Sonderdruck aus: Theosophie. Jg. 12, 1924.) Leipzig:
Theosophisches Verlagshaus (1924). (46 S.) gr. 8°. Gm. 1.20.

Dieser in der deutschen Altertumsgesellschaft in
Prag gehaltene Vortrag ist zuerst in der Zeitschrift
„Theosophie" erschienen, gibt aber eine durchaus wissenschaftliche
Darstellung der hellenistischen Mysterien.
Der Verf. spricht zunächst von der Arkandisziplin, schildert
dann die Kreise, die zu den Mysterien zugelassen
waren, die Bedingungen, die man dazu erfüllen mußte,