Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 2

Spalte:

35-37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deißmann, Adolf

Titel/Untertitel:

Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt. 4., völlig neubearb. Aufl 1924

Rezensent:

Dibelius, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

35

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 2.

36

hin wollen die Herausgeber sich erst nach einer heut
noch nicht möglichen Einsicht in das ganze handschriftliche
Material, das in Bibliotheken und im Privatbesitz
verstreut ist, ein Urteil über die Frage erlauben, „ob die
bekannter Übersetzungen und Bearbeitungen auf einen
oder mehrere Grundtypen zurückzugehen und in welchem
Verhältnis sie zu den alten Bibelglossaren stehen".
Schon jetzt aber treten ganz merkwürdige wörtliche und
gewiß nicht zufällige Übereinstimmungen hervor.

Nehmen wir etwa den Anfang des Ps. 2., so zeigt ein Glossar in
dem Karlsruher Cod. Reuchl. IX. im I. Verse die charakteristischen
Wendungen: „worum sie sturmin" und „si redin lerkeit" (S. 48). Genau
so schreibt aber die oberdeutsche Prosaübersetzung des 14.—15.
Jahrhunderts im Cod. Hamburgensis 35 (S. 88), ferner die 1545 in
Venedig gedruckte Übersetzung der Psalmen durch Elia Levita (S. 151)
und selbst die gereimte Übertragung des Mose Steudel (Krakau 1586)
verwendet das gleiche Material:

„Worum stürmen si, di heiden un' unglik begeren an zu richten
un' die geweitigen Königen, lerkeit si tun dichten" (S. 209).
Diese gereimten Übersetzungen aber sind nun von ganz besonderem
Interesse. Sie zeigen zum guten Teil nicht bloß die Strophenform,
sondern die ganze Diktion der deutschen Heldenepen des Mittelalters,
die hier eine wunderliche, aber keineswegs verächtliche Nachblüte erleben
. Dabei wird der Bibeltext nicht etwa so treu wie möglich
wiedergegeben, sondern unter reichlichen Einflüssen der haggadischen
Midraschim ausgestaltet, aber auch ganz frei im Geiste des Heldengedichtes
stilisiert. Es ist im Ausdruck ein bißchen hochgegriffen, läßt
sich aber im wesentlichen halten, wenn S. 24 gesagt wird: „Was der
altsächsische Heliand für die Geschichte der Durchdringung des germanischen
Geisteslebens mit christlich-kirchlichen Ideen bedeutet, das
haben das Samuel- und Könige-Buch und die andern gereimten Bearbeitungen
at. Tradition über Israels Vergangenheit für das Einwurzeln
des mal. Judentums in deutschem Denken und Fühlen zu bedeuten."
Wie das aussieht, davon eine Probe (nach S. 248ff.):
Er sprach: du solt mein hämisch ales trogen an
Aus zoch sich der kunig un' kleidt den kleinen man
Ein vil groß wunder geschach dem kleinen knecht
Sa'ules groß hämisch ward dem kleinen gerecht.
An solcher Strophe, die übrigens im biblischen Texte keine Unterlage
hat, konnte ein deutscher Leser im Ma. seine helle Freude haben.

Im Übrigen dürfte das Verhältnis der jüdischdeutschen
zu der eigentlichen deutschen Bibelübersetzung
vor Luther noch eine besondere Untersuchung erfordern.
Alles in allem eine Leistung, die Religionswissenschaftler
wie Germanisten noch längere Zeit beschäftigen wird.

Hamburg. Robert Petsch.

D ei ß mann, Prof. D.Adolf: Licht vom Osten. Das Neue Testament
und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt.
4., völlig neubearbeitete Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr 1923. (XVII,
447 S.) 4° Gz. 18—; geb. 24—.

Das Buch hat seine Physiognomie und hat auch bereits
seine Geschichte. So wie es 1908 vor den Leser
trat, hat es in anderthalb Jahrzehnten im In- und
Ausland, in gelehrten Kreisen und in breiten Schichten
allgemeiner Bildung für die Sache, die es vertritt, geworben
. Denn es treibt, im besten Sinn des Wortes
Propaganda; der Kritiker, der dies außer Acht ließe und
Forschung statt Wegweisung, erledigende Lösungen statt
anregender Hinweise verlangte, würde es mit falschem
Maß messen und die Aufgabe des Buches verkennen.
Es soll um Anteilnahme werben für die unliterarischen
Texte und die unliterarischen Menschen der hellenistischrömischen
Welt, es soll die Zäune des Doktrinarismus,
die das Neue Testament und seine Menschen von diese
unliterarischen Welt geschieden haben, niederreißen, es
soll an Beispielen zeigen, welches die „Welt" ist, in
die der Historiker und schließlich jeder geschichtlich
interessierte Leser die Schriften des Neuen Testaments
zu stellen hat.

Die Aufgaben, die in dieser Richtung liegen, hat das
Buch in vollem Maß erfüllt. Dabei darf sich auch der
Freund dieser Werbearbeit darüber nicht täuschen, daß
die hier vorgenommene Orientierung des Neuen Testaments
keine allseitige ist, daß auch die Sprüche und
Gleichnisse der Rabbinen, auch die Theologie, die Paulus
als Jude lernte, um sie als Christ zu verwerten, auch
der literarische Stil, dem Luk. in der Apg. und der, dem

der Hebräerbrief nachstreben, daß endlich auch die Traditionen
der jüdischen Apokalyptik zu der Umwelt des
Neuen Testaments gehören, und daß diese Dinge zum
Teil nicht auf der Ebene der unliterarischen schlichten
Leute liegen, deren Wesensart Deißmann mit innerer Anteilnahme
und künstlerischem Nachempfinden aus den
Texten lebendig werden läßt. Aber diese Einseitigkeit
darf man bei einem werbenden Buch gelten lassen; ja sie
hat in Verbindung mit dem starken Ethos, das hinter
dieser Betrachtungsweise steht und das die schlichten
Schreiber des Neuen Testaments mit seinen schlichten
Lesern aller Zeiten zu verbinden weiß, gerade dazu beigetragen
die Aufgabe des Buches erfüllen zu helfen.

Unter dem Gesichtspunkt dieser Ziele könnte das
Buch also bei einer neuen Auflage im wesentlichen so
bleiben wie es geschrieben wurde. Aber es hat noch
eine weitere Aufgabe: es wird von vielen, nicht zuletzt
wegen seiner ausgezeichneten Indices, als Orientierungsmittel
und Nachschlagewerk benutzt; man kann in den
sorgfältigen Anmerkungen in der Tat schnell den bibliographisch
genauen Titel einer Papyrus- oder Inschriften-
Publikation finden, man hat für gewisse griechische
Wörter bequem Belege und Hinweise vor Augen, und
wer die großen Papyrus-Werke nicht zur Hand iiat, kann
sich an den antiken Briefen, die Deißmann abdruckt,
übersetzt und ausgezeichnet kommentiert, die Bedeutung
der unliterarischen Texte für unsere Kenntnis der Meeschen
, Sitten und Wörter klar machen. Unter diesem
Gesichtspunkt bedurfte das Buch, da es nun nach einer
Pause von 14 Jahren wieder erschienen ist, in der Tat der
Neubearbeitung. Sie hat sich vor allem auf die Anmerkungen
erstreckt, in denen der Verf., oft Seite für
Seite ergänzend, „die überschwere Ernte der Altertumswissenschaft
seit 1909" zu verwerten erfolgreich bemüht
war. Allerdings wird dabei die Einheitlichkeit des
Buches nicht immer gewahrt. Denn der Text ist in
seinem Hauptbestand derselbe geblieben; und während
nun in den Anmerkungen die literarischen Nachweise
auf den Stand von 1922 gebracht sind, liest man oben
Ausführungen, die sich gegen die wissenschaftliche Behandlung
des Neuen Testaments von 1908/9 richten

— und die hat sich unterdessen, auch gerade unter Deiß-
manns Einfluß, erheblich gewandelt! Mir ist dergleichen
an zwei Stellen besonders aufgefallen: in den Auseinandersetzungen
über die Isolierung des neutestament-
Iichen Griechisch und über die Aramaismenfrage, wo
man etwas eingehendere Belehrung wünschen möchte

— und sodann in dem Abschnitt, der sich als versuchte
„Skizze der literarischen Entwicklung des Urchristentums
" bezeichnet und der den Ansprüchen von heute
keineswegs zu genügen vermag, auch nicht mit einer
neuen, sich aber nur in Andeutungen bewegenden Fußnote
über die Johannestexte (S. 211 A. 3). Aber ich
muß zugeben, daß eine Umarbeitung, die stärker in den
Text eingriffe, wohl eine Neugestaltung des ganzen
Werkes nach sich ziehen und dadurch dessen, ursprünglichen
Charakter gefährden würde — damit aber auch
die werbende Kraft des Buches.

Leichter ist das Problem der Neubearbeitung zu lösen, wenn es
sich darum handelt, aus den inzwischen neu gefundenen Texten die
Mitteilungen des Buches zu bereichern und zu ergänzen. Aus der Fülle
des neuen Materials nenne ich: den einen der beiden Quirinius-Steinc
aus dem pisidischen Antiochien (Abb. 1), die von Minns publizierten
griechischen Pergament-Urkunden aus Kurdistan (S. 24ff.), einen Hinweis
auf e'cyilnrj in P. Oxy XI 1380 (S. 59 A. 3 — leider nicht mehr
über dieses wichtige Gebet an Isis!), die Inschrift eines Bechers aus
Syrien iip ö nagte tvtpgrafov (S. 104 mit wertvollen Ausführungen
über Mt. 26, 50), den Zoilos-Brief PSI IV 435 mit den religions-
gcschichtlich bedeutsamen Aussagen über Serapis (S. 121), den Tubias-
Brief an den gleichen Adressaten, den ägyptischen Finanzminister
Apollonios, veröffentlicht von Edgar in den Annales du Service des
Antiquites de l'Kgypte 18, 231 ff. (S. 128), zwei Briefe des
Ägypters Sempronios (Bell, Revue Fgypt. I fasc. 3—4, Nr. 2 S. 5ff.),
von denen besonders der zweite psychologisch reizvoll ist (S. 159), den
Hinweis auf BGU 1197 und 1201 mit dem rein adulatorischcn Gebrauch
von „Gott und Herr" (S. 309 A.7.), sowie auf die Belege aus
Pompeji für .minister Augusti' (S. 322 A. 12). Auch unter den Bei-