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Ausgabe:

1924 Nr. 22

Spalte:

501-502

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lorenz, Emil

Titel/Untertitel:

Der politische Mythus 1924

Rezensent:

Rust, Hans

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501

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 22.

502

frei machen. Die Gegenstände dieser Metaphysik — J
es werden Gott, Seele und Freiheit abgehandelt —
haben Seinscharakter, auch wenn sie uns nicht anschaulich
durch die Sinne gegeben sind. Trotz dieser
Isoliertheit, dieser Beziehungslosigkeit zu uns ist unser
Intellekt imstande etwas über sie auszusagen. Es gibt
eben zwei Arten etwas vorzufinden: die unmittelbare in
der Wahrnehmung und eine mittelbare, „von einem gewissen
Wahrgenommenen aus durch bestimmte Beziehungen
geistig zu ihm als zu der unentbehrlichen Voraus- |
Setzung dieser vorhandenen Beziehungen hingeführt zu
werden" (S. 45). Diese zweite Art des Vorfindens
kommt darauf hinaus, auf grund bestimmter Erfahrungen
ein Jenseits der Erfahrung, das metaphysische
Objekt zu erschließen: Gott aus gewissen Welterfahrungen
, die Seele aus den Erfahrungen ihrer Einzeltätigkeiten
, die Freiheit aus der Erfahrung der Verantwortlichkeit
. Noch deutlicher wird dies in seinem Werk:
Augustin und die phänomenologische Religionsphilosophie
der Gegenwart, wo G. seine Metaphysik speziell
auf die Religionsphilosophie anwendet. Ein Schluß bringt
aber zu dem gegebenen Sachverhalt nichts wesenhaft
Neues hinzu. Er bringt nur zur Entfaltung, was in dem
gegebenen Sachverhalt bereits lag. Wenn Gott in dem
gegebenen Tatbestand der Weltgegebenheit nicht irgendwie
unmittelbar mitgegeben ist, kann ihn auch kein
Schluß erreichen. Diese Mitgegebenheit realisiert sich
im religiösen Erleben. So dringt aus eigener Kraft der
Intellekt nicht zu dem metaphysischen Gegenstand Gott
vor. Das würde eine Rationalisierung der Religion bedeuten
. Dem gegebenen Wesensbestand wird nur eine
Glaubensmetaphysik gerecht, in der Glaube und Gott zu
Häuf gehören, wie Gedanke und Sein in der Empirie.

Nach der katholischen Dogmatik hat das System der
Offenbarung als Unterbau ein System von Wahrheiten
der natürlichen Theologie. Deren Voraussetzung ist die
Möglichkeit eines außerreligiösen Erfassens Gottes.
Diese setzt ihrerseits wieder die These eines metaphysischen
Seins außerhalb jeglicher Korrelation von Gedanken
und Sein d. h. den kritischen Realismus voraus.
Sollte das nicht der Weg sein, auf dem der katholische
Philosoph mit Notwendigkeit zum kritischen Realismus
geführt wird?

Heidelberg. Robert Winkler.

Lorenz, Dr. Emil: Der politische Mythus. Beiträge zur
Mythologie der Kultur. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer
Verlag 1923. (94 S.) gr. 8°. Om. 3—.

Diese Schrift aus dem Frcudschen Kreise enthält drei Aufsätze,
von denen der erste den Mythus vom Staat untersucht. Auf drei in
letzter Linie erotischen Tendenzen beruht wie alle menschliche Gemeinschaft
so auch der Staat: auf der väterlichen, der mütterlichen
und der mann-männlichen. Daher Vaterland, Mutterland. Aus jenen
Grundtendenzen erklären sich die großen politischen Geschehnisse:
Tyrannenmord, Revolution, Freiheitskampf. Der zweite .Aufsatz geht
an Hand von Swinburnes „Hertha" dem Gedanken des mütterlichen
Staates tiefer auf den Grund. Den letzten Schritt in dieser Richtung
tut der dritte und wohl auch bedeutsamste Aufsatz über die Psychologie
des integralen Denkens. Verf. bildet hier den Begriff des
„psychischen Integrals" und versteht darunter das seelische Ur- und
Totalerlebnis noch vor der Differenzierung in Subjekt und Objekt
Sein Inhalt ist die Mütterlichkeit nach den verschiedenen Richtungen
der Ernährerin, des Schutzes, der Unterweisung, des Ursprungs und
des Todes. Als Muttersymbole treten nach einander auf: Baum, Schiff,
Wagen, Pferd und Erde. Das ist zugleich eine kulturmythologische
Oeschichtsreihe. Mit der Heranziehung und Auswertung der Mutter-
Imago geht Lorenz über Freud hinaus. Man wird den Bemühungen,
der Entstehung der Kultur auf dem Wege psychologischer Erklärung
des als Kultur- (statt Natur-) Mythus verstandenen Sagenstoffes näherzukommen
, nicht unsympathisch gegenüberstehen, zumal die Altertumsforschung
jene Uranfänge nicht erreicht, und doch eine gewisse
Ungläubigkeit nicht loswerden, welche darin begründet ist, daß die
Mythenforschung zunächst nur um die Hypothese des Kulturmythus
bereichert erscheint und der also verstandene Stoff nach einer psychologischen
, die Dinge oder Vorstellungen aber kaleidoskopartig vertauschenden
Erklärungsweise gedeutet wird. Aber auch hiervon abgesehen
, wird man die Behauptung stark bezweifeln, daß die Anfänge
der Kultur weniger praktischen Bedürfnissen des Lebens als vielmehr

abergläubischen Vorstellungen ihre Entstehung verdanken. Gleichwohl
bleibt namentlich der dritte Aufsatz auch für den Religionsforscher
von Bedeutung, da er ihm alte Stoffe und Fragen in neuer Beleuchtung
zeigt.

Königsberg i.Pr. Hans Rust.

Hirsch, Prof. D. Emanuel: Die Liebe zum Vaterlande. 1.u. 2.
Aufl. Langensalza: H. Beyer & Söhne 1924. (31 S.) 8°. = Fr.
Manns Pädag. Magazin H. 975 (Schriften z. polit. Bildung H. 12).

Gm. —40.

<* Eine in die Tiefe gehende Betrachtung der Liebe zum Vaterland.
Zuerst sucht H. zu ermitteln, was sie nach ihrer Eigentümlichkeit
bedeutet; sodann unternimmt er, sie in ein dem Ewigen gehorsam
hingegebenes persönliches Leben einzuordnen. Im 1. Stück bestimmt
H. die Vaterlandsliebe als Hingegebensein an das Leben der Nation
und an die Gemeinschaft des Staats; sie ist Erziehung zur Treue
gegen uns selbst, zum Opfer, zur Verantwortung; sie erst schenkt
unserem Wirken einen lebendigen Sinn. Im 2. Stück werden ungeheiligte
(Nationalismus) und geheiligte Vaterlandsliebe unterschieden.
Was über die letztere gesagt ist, das reicht in die tiefsten Tiefen
ethischer — nicht bloß Untersuchung, sondern auch — Verkündigung;
handelt es sich doch um die Einordnung der Vaterlandsliebe in das
Verhältnis zu Gott. Viele Fragen (auch die des Krieges und
des Sterbens der Völker) werden kurz beantwortet. Ich wünschte
das Schriftchen zumal in die Hände der akademischen Jugend gelegt
zu sehen; Gewinn aber wird jeder Leser von ihm haben.

Breslau. M. Schi an.

Foerster, Pfarrer Prof. D. Erich: Sozialer Kapitalismus.

Tübingen: J.C.B. Mohr 1924. (59 S.) gr. 8°. = Recht und Staat
in Geschichte und Gegenwart, Heft 32. Gm. 1—; Subskr.-Preis— 90.
In dieser Schrift soll nicht nur untersucht werden, ob der Kapitalismus
eine sittliche oder unsittliche Wirtschaftsform ist. Denn die
Frage, welches die sittlich gebotene Wirtschaftsform wäre, sei sinnlos
(S. 5), sondern die Frage müsse so gestellt werden, ob es
Umstände gäbe, die uns zur Pflicht machen könnten, kapitalistisch
zu wirtschaften oder umgekehrt. Es sei von vornherein klar zu
stellen und dürfe nicht verwechselt werden, ob etwa der freie Unternehmer
entbehrlich wäre oder ob er seine Aufgabe erfüllt habe. Die
Vorwürfe gegen den Kapitalismus seien, genauer betrachtet, zumeist
Vorwürfe nicht gegen den Kapitalismus an sich, sondern gegen die
Kapitalisten (S. 6). Möchten doch gerade die Kapitalisten
diese Schrift mit „wachem Gewissen" aufnehmen
! Schließlich will F. auch daraus kein Hehl machen, daß
er als evangelischer Theologe schreibt und ihm als Maßstab der Beurteilung
das christliche Oebot der Nächstenliebe gilt; nicht irgendwelche
besonderen Abschnitte der Bergpredigt, auch nicht urchristliche,
lutherische oder calvinische Überlieferung, sondern wie dies Gebot
entsprechend unseres sittlichen Bewußtseins und für unsere Zeit zu
erfüllen sei.

Die vorliegende schwierige Frage könne nur nicht dadurch gelöst
werden, daß man für alle Volksschädcn den Kapitalismus verantwortlich
mache. Auch könne man das Wesen der kapitalistischen
Wirtschaftsweise nicht durch geschichtliche Untersuchung ergründen,
indem man sie etwa durch die Maschine oder andere Dinge hervorgerufenen
technischen Fortschritte entstanden sein läßt. Vielmehr
ist alles Wirtschaften kapitalistisch. Denn da am
Kapital die Möglichkeit hängt, das Leben vor dem Verkommen zu
bewahren und seine dauernden Bedürfnisse festzustellen, bedeutet jedes
Wirtschaften Kapitalbilden, einen Teil des Arbeitsertrages in Besitz
zu verwandeln, indem man den Arbeitsertrag nicht voll gebraucht, sondern
etwas „abköpft", wobei dann die Entdeckung gemacht wird, daß
die angesammelte und aufgesparte Arbeitskraft eine wesentlich höhere
Leistungsfähigkeit in sich trägt, als dieselbe Arbeitskraft, wenn sie
immer sogleich in ihrem Ertrage verbraucht wird (1. Beispiel: ein
Mensch, der mit Hilfe der durch Abköpfen vom Arbeitsertrag erworbenen
Axt bedeutend mehr Holz zerkleinert als ohne diese; 2. Beispiel:
daß die Ansammlung von Kapital das Leihen und somit Vermehrung
der Betriebsmittel ermöglicht). „Die heutige kapitalistische Wirtschaftsweise
ist nichts anderes als die Kunst, diese Aufgabe der
Kapitalbeschaffung zu erfüllen." Ihre heutige Eigenart ist folgende:
nicht Einzelwirtschaft, sondern arbeitsteilige Wirtschaft, nicht Naturalwirtschaft
, sondern Oeldwirtschaft, nicht von einer Zentralstelle ge-
gelcitet (kommunistisch), sondern freier Wettbewerb, nicht Bedarfsdeckungswirtschaft
, sondern Erwerbswirtschaft, nicht produktiv genossenschaftlich
, sondern Unternehmerwirtschaft.

Dies hat nun dahin geführt, den einzelnen Arbeiter zweier Freuden
zu berauben, die beide hohe sittliche Güter sind, der Freude,
ein Ganzes herzustellen und der Freude am Wechsel. Er kommt sich
nur als Teil eines Mechanismus vor. Die stets gleiche Arbeit verhindert
in gefährlicher Weise die volle Ausbildung des Körpers und
stumpft den Geist ab. Aber würde die Einführung der sozialen
Produktivweise dies verhindern? Vielleicht nehme sie dem Menschen