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Ausgabe:

1924 Nr. 22

Spalte:

500-501

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geyser, Joseph

Titel/Untertitel:

Einige Hauptprobleme der Metaphysik 1924

Rezensent:

Winkler, Eberhard

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499

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 22.

600

Zeugnisse bis zu den feingegliedertsten wissenschaftlichen
Erkenntnissen und den genialsten künstlerischen
Gestaltungen steigert. Aber es ist immer ein und dieselbe
unbewußte seelische Tätigkeit, die sich im Vorstellen
wie im Wahrnehmen usw., in der Einbildungskraft
wie in der künstlerischen Phantasie, nur an verschiedenem
Stoff, auswirkt. Der psychophysische Parallelismus
, wonach sich materieller Vorgang im Nervensystem
und Bewußtseinserscheinung entsprechen, ist nicht das
letzte Wort. Vielmehr besteht eine Wechselwirkung
zwischen Leib und Seele durch Vermittlung der unbewußt
seelischen Tätigkeit. Dabei wirkt nichts Ungleichartiges
aufeinander, denn letzter metaphysischer Grund
auch der Materie (des Körpers) ist der Wille. Auf die
Kraftwirkung von außen (Reiz) antwortet die Seele mit
Gefühlen und Empfindungen und dadurch entsteht das
Bewußtsein. Und das Bewußtsein ist wieder das Motiv,
das die seelische Tätigkeit benutzt, um auf den Leib zu
wirken.

II. So ist die vorliegende Psychologie eine energische
, großangelegte Zusammenfassung und Deutung
des in den Lehrbüchern der Psychologie gewöhnlich
auseinanderfallenden Stoffs zu einem metaphysischen
Gesamtbild, das zum mindesten ein Weltanschauungsgefühl
befriedigt, das mit dem verwandt ist, auf das
sich die ganze Konstruktion stützt. Kann auch die
Wissenschaft davon befriedigt sein? Hier ist der Punkt,
an dem sich kritische Bedenken erheben. Ohne sich in
eine Bekrittelung von Einzelergebnissen zu verlieren,
müssen sie sich auf den einen wesentlichen Punkt richten
: Läßt sich Psychologie wirklich n u r als Psychologie
des Unbewußten treiben? Aus der Behandlung dieser
Frage ergeben sich Einwände gegen Drews, erstens,
daß er die Erklärung der psychischen Gegebenheiten
auf ein unerfahrbares Metaphysisches zurückschiebt,
zweitens daß er als dieses Metaphysische gerade das
Unbewußte ansieht.

1. Das Unbewußte im Sinne Drew's ist nicht ein
bezugsweise Unbewußtes, ein Nicht-mehr oder Noch-
nicht Bewußtes, sondern das absolut Unbewußte, das
wesenhaft nie zum Bewußtsein kommen kann, also wesenhaft
unerfahrbar bleiben muß. Ist jedes Unerfahr-
bare ohne Weiteres etwas Metaphysisches, dann gewinnt
damit die Psychologie von vornherein irgendwelche
Beziehung zur Metaphysik, die Drews gegenüber
dem metaphysikscheuen Psychologiebetrieb von heute
betont. Daran ist soviel richtig, daß die Psychologie
ihre Erkenntnisse zwecks Vereinheitlichung an einem
Substrat aufreihen muß, wie in entsprechender Weise
die Naturwissenschaft die sonst auseinanderfallenden
Naturerscheinungen an der Materie sich ereignen läßt.
Dieses selbst nicht erfahrbare Substrat hat in den Naturwissenschaften
nur den Sinn einer Hypothese und will
nicht hypostasiert sein. Dasselbe gilt für das den psychischen
Erscheinungen zugrunde zu legende Substrat. Daß
auch in der Psychologie ein solches Substrat vorausgesetzt
werden muß, daß nicht etwa die psychologische
Erkenntnis in ihren Gegenständen Dinge an sich unmittelbar
erfasse, wie vielfach gegenüber der mittelbaren
Erkenntnis der Naturwissenschaft behauptet wurde, ist
das Wahrheitsmoment des Drews'schen Gedankens. Daß
aber dieses Substrat als tätige metaphysische Substanz,
in der besonderen Form des Unbewußten hypostasiert
wird, ist eine unberechtigte Zuspitzung des Gedankens.
Eine enge Beziehung der Psychologie zur Metaphysik
in diesem Sinn ist nicht vorhanden. Mit dem Durchstoß
zur Seele sind wir noch nicht im Gebiet des eigentlich
Metaphysischen angelangt. Eine solche metaphysische
Denkweise stört die einzelwissenschaftliche Arbeit
in ihrer Tatsachenerkenntnis. Und räumt man auch
ein, daß von den Einzelwissenschaften besonders die
Psychologie mit ihrer nahen Beziehung zur Philosophie
ganz ohne metaphysische Voraussetzungen nicht auskommen
kann, so dürfen dies doch nur Voraussetzungen
allgemeiner Art sein, die sich aus der Sache selbst ergeben
, aber nicht eine spezielle metaphysische Theorie,
die die Lehre vom Unbewußten bei Hartmann doch ist.

2. Der durch die klare Drews'sche Darstellung dem
Leser aufgenötigte Gedanke des absolut Unbewußten
empfängt zunächst seine scheinbare Berechtigung daher,
daß bei der Beobachtung z. B. des Willens, tatsächlich
das Wollen vor dem Bewußtsein zurückweicht, und ich
nur noch das Gewollte beobachte, nicht mehr das
Wollen selbst. Ich kann das Wollen nicht fassen, da
ich nicht in einem wollen und dieses Wollen beobachten
, wie ich überhaupt um das bisherige zu verallgemeinern
— nicht in einem im Bewußtsein leben und das
Bewußtsein beobachten kann. Aber Bewußtsein ist eben
jenes „Leben im Bewußtsein", nicht erst das Bewußtsein
von diesem „Leben im Bewußtsein", wie es nach Drews
der Fall ist. Die These des Unbewußten hängt mit
einem ungenauen Bewußtseinsbegriff zusammen. Von
da aus versteht es sich auch, daß dieses absolut Uner-
fahrbare nicht so gänzlich unerfahrbar ist, wie es im
Prinzip sein müßte. Spricht doch Drews selbst des
öfteren von einem zum Bewußtseinkommen des Unbewußten
. Unter der Hand wachsen ihm Bestimmungen
zu, die alle als Bestimmungen des Bewußtseins bekannt
sind. Die Entleerung des Bewußtseins, von dem nach
Drews nur Empfindungssein, ja schließlich nur Gefühlssein
übrig bleibt, kommt dem Unbewußten zu gut, das
so zu einem Bewußtsein in neuer Aufmachung wird. Von
der neuen Sache bleibt nur der neue Name. Drews hat
die Schwäche der „Bewußtseins"-Psychologie, die das
seelische Geschehen zu einem seelenlosen, schattenhaften
Gewimmel macht, erkannt. Aber er hat diese
Schwäche durch seine Psychologie des Unbewußten nicht
überwunden, da er das Bewußtsein auf Kosten seines
Unbewußten noch mehr entleerte und es durch die
Setzung seines Unbewußten zu einem sekundären Niederschlag
degradierte. Abgesehen davon hat er dadurch
in unnötiger Weise die Wirklichkeit verdoppelt und damit
die Probleme, die sie uns aufgibt.
Heidelberg. Robert Wink ler.

Geyser, Prof. Dr. Joseph: Einige Hauptprobleme derMetaphysik.

Mit bes. Bezugnahme auf die Kritik Kants. Freiburg i. Br.: Herder
& Co. 1923. (VII, 167 S.) 8°. Gm. 2.40.

Aristoteles und Thomas von Aquino, in Richtung des
modernen kritischen Realismus ausgelegt und weitergebildet
, haben zu der Grundlegung der Metaphysik, wie
sie G. unter obigem Titel gibt, Pate gestanden. Um
den Baugrund dafür zu ebnen, müssen die Fundamente
beseitigt werden, wie sie durch Kant für alle künftige
Metaphysik aufgeführt wurden. So ist das Buch durch-
gehends eine Auseinandersetzung mit Kant. Gegenüber
dem Kantischen Aufweis des kategorialen Charakters
von Seins- und Kausalitätsbegriff hebt G. hervor, daß
Sein und Kausalität etwas am Objekt Haftendes sind.
So bestehe der Sinn von Sein nicht im Gedachtsein, in
dem im Bewußtsein Konstituiert-Sein, sondern in dem
durch das Bewußtsein Vorgefundensein. Damit ist jedoch
die Front des kantischen Idealismus nicht durchbrochen
. In jenem Satz ist Wahres mit Falschem vermischt
. Wahr ist, daß die Redeweise von Sein sich
auf einen Sachverhalt jenseits des Bewußtseins,
besser vor dem Bewußtsein gründet. Falsch ist, daß
jenes Merkmal des Vorgefundenseins den Begriff des
Seins voll gebe. Das Objekt hafte im Seinsbegriff
kommt erst durch die Beziehung aufs Subjekt hinzu
, ruht auf der Subjekt-Objektkorrelation, um die dem
kritischen Realismus so anstößige Redeweise von einer
Abhängigkeit des Seins vom Bewußtsein zu vermeiden.
Die Objektivität des Seins ist dadurch nicht gefährdet,
daß mar. bestreitet, daß sie am Objekt haftet, ja gewinnt
erst Sinn, wenn sie in einer Beziehung gründet. Das
Entsprechende ließe sich gegen G.'s Auffassung von
der Kausalität einwenden.

Jene Ausführungen sind für G. nur Mittel zum
Zweck; sie sollen nur die Bahn für seine Metaphysik