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Ausgabe:

1924 Nr. 22

Spalte:

493-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Ludwig

Titel/Untertitel:

Päpstliche Enzykliken und ihre Stellung zur Politik 1924

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 22.

494

1919 von Bolschewisten ergriffen und am 27. März in Riga
hingerichtet. Mit tiefer Bewegung liest man Auszüge aus
Briefen, die er aus dem Gefängnis den Seinen schrieb. Sie
wurden mit Lebensgefahr überbracht und geheimgehalten.

Hohen wissenschaftlichen Wert hat das zweite Heft, in
dem Loesche, auf 15 Seiten zusammengedrängt, in der ihm
eigentümlichen pointenreichen Sprache, quellenmäßig eine
Geschichte der Verfolgungen der Evangelischen in Ostreich
von den Valdesiem und Hussiten an bis in die Zeiten Leopolds
L und Karls VI. gibt. Der Vorzug des dritten Heftes
besteht in der volkstümlich frischen Erzählung.

Möchte die Sammlung fortgesetzt werden, möchte aber
auch insbesondere das Martyrologium Balticum, das Schabert
vorbereitet, erscheinen können!

Zwickau i. Sa. O. Clernen.

Kochendörffer, Staatsarchivrat Dr. H.: Das Archivwesen
Schleswig-Holsteins. Kiel: W. O. Mühlau 1924. (40 S.) 8°.

Qm. Ifr.

Einen ausgezeichneten und unentbehrlichen überblick
über das Archivwesen Schleswig-Holsteins hat Dr.
Kochendörffer vorgelegt. Die Schrift ist eine Überarbeitung
eines in Nordelbingen Bd. II erschienenen Aufsatzes
. Daß der Verfasser sich zu dieser Neubearbeitung
entschlossen hat, wird ihm jeder danken, der sich mit der
schleswig-holsteinischen Geschichte befaßt. Die kleine
Schrift zeichnet sich zugleich durch Zuverlässigkeit und
Reichhaltigkeit aus. Behandelt sind die verschiedenen
Landesarchive, die Archive der kleineren Territorien, die
städtischen Archive, die Archive der geistlichen Stiftungen
und kirchliche Archive, ständische Archive, Privatarchive,
das Archiv der Universitätsbibliothek und die Archive
der Deichverbände. Auch das Archivwesen Dänemarks
wird vorgeführt, soweit es mit dem der Herzogtümer in
Verbindung steht. Vorangeschickt ist eine Einleitung, in
der eine knappe Übersicht über die territoriale Entwicklung
Schleswig-Holsteins gegeben wird. Die Beilagen
enthalten eine Übersicht über die wichtigsten Behörden in
Schleswig-Holstein, nach Zeitabschnitten gegliedert (bis
1848), über die wichtigsten Behörden in Dänemark
bis 1848/49 und über die Entwicklung des dänischen
Archivwesens. Eine historiche Karte der Herzogtümer
nach dem Stande von ungefähr 1680 ist beigefügt.
Möchte die verdienstliche Arbeit eifrig benutzt werden.
Kiel. Otto Scheel.

Cahn, Prof. Dr. Ernst: Bismarck als Sozialpolitiker. Festrede
anläßlich der Bismarckfeier des Männerverbands der deutschen
evangelisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt a. M. am 1. April
1924. Tübingen: J.C.B. Mohr 1924. (30 S.) gr. 8°. = Recht und
Staat in Geschichte und Gegenwart 31. Gm. 1—.

Ein sehr ansprechender Vortrag, klar und zuverlässig in seiner
Darstellung, gerecht in seiner Würdigung. Nicht jedem bekannt dürfte
sein, daß Bismarck in Paris 1862 durch die Sozialpolitik Napoleons
III. die stärksten Anregungen empfing. Die Behauptung, daß
der christliche Gedanke der Barmherzigkeit auf Bismarcks Werk keinen
Einfluß gehabt habe (S. 29), geht doch wohl zu weit (vgl. dagegen
die Zitate in Baumgartens „Bismarcks Glaube", S. 237 ff.).

Iburg. W. Thimme.

Baur, Prof. D. Dr. Ludwig und D. Dr. Karl Ried er: Päpstliche
Enzykliken und ihre Stellung zur Politik. Freiburg, Br. •
Herder 8i Co. 1923. (VIII, 92 S.) 8°. = Schriften zur deutschen
Politik. 5. Heft. Gm. 2—.

Die außenpolitische Bedeutung der päpstlichen
Enzykliken behandelt R i e d e r , besonders die Friedenskundgebungen
Benedikts XV. Die Verteidigung des
Papstes gegen den Vorwurf, er habe zu wenig gegen
das uns Deutschen zugefügte Unrecht getan, macht sich
R. mit dem Abg. Schreiber, den er zitiert, zu leicht.
Als das vom Papst empfohlene außenpolitische Programm
erscheint ein vorsichtiger Pazifismus. B a u r s
Hauptthese für die innere Politik der deutschen Katholiken
ist: wir „besitzen eine für die praktische Politik
notwendige, religiös und sittlich vertiefte aus der Offenbarungslehre
und der gesunden Vernunft geschöpfte

Staats-, Rechts- und Wirtschaftsphilosophie in den
großen Enzykliken der Päpste Leo XIII., Pius X. und
Benedikt XV." (S. 14). Die Meinung, daß alle Gewalt
vom Volk ausgehe, die Theorien vom contrat social verwirft
er, um göttliche und kirchliche Rechte gegen
staatliche Allmacht zu schützen; andererseits rechtfertigt
er es entschieden, daß das Zentrum sich nach der
Revolution auf den Boden der Tatsachen gestellt hat.
In vielen Einzelfragen wirkt die katholische Tradition
stark nach: „Es gibt streng genommen keine eigentliche
Gleichberechtigung der Frau in der Familie" (S. 43).
„Es ist gegen Recht und Billigkeit, wenn der Staat vom
Vermögen der Bürger einen übergroßen Anteil als
Steuer sich aneignet" (44). Die Verbindlichkeit des
Inhalts der Enzykliken wird abgestuft; Grundgedanken,
die mit dem Dogma zusammenhängen, binden stärker
als zeitgeschichtlich bedingte Einzelweisungen. Beide
Vorträge geben mehr ein positives Programm, als Polemik
gegen Nichtkatholiken. Wenn es freilich- S. 10
heißt, daß viele Deutschnationale, namentlich die Alldeutschen
auf Schopenhauers Willensphilosophie fußen,
so ist das höchstens dann richtig, wenn man (wie B. auch
andeutet) Nietzsche als Vermittler hinzunimmt. Und
daß der Liberalismus „aus dem Rationalismus eines
Kant und Rousseau herausgewachsen" sei und sich den
Hegeischen Staatsbegriff mit seiner Staatsallmacht zu
eigen gemacht habe, ist einseitig; in seinem Mutterland
England hat er vor allem religiöse Wurzeln, und Hegels
Gedanken haben ihn nur zum Teil durchdrungen.
Kiel. H. Mulert.

Teologisk Tidsskrift 4. Reihe, Bd. IV, 1-4. Kopenhagen Gads
Vlg. 1923.

Der Jahrgang 1923 enthält folgende Aufsätze: Geismar
, Das ethische Stadium bei Sören Kierkegaard (gegen
die Kulturpantheisten des Hegelianismus gerichtet);
Gunkel, Der Micha-Schluß (zur Einführung in die literaturgeschichtliche
Arbeit am alten Testament); Bentzen,
Die aramäischen Dokumente im Esra; Fiebig, Ein
Kommentar zum neuen Testament auf der Grundlage des
Talmud und Midrasch (Besprechung des „epochemachenden
" Kommentars von Strack); Plurn, Der religiöse
Beweis (kann Jesu Bild dem dargestellt werden,
der mühselig ist und beladen mit der Spannung vorn
Anspruch der Persönlichkeit und ihrem tatsächlichen
Zustand, so wird in Jesus der Ansporn liegen, über die
Spannung hinaus zu kommen); Berg, Klopstock (Eine
Lebens- und Charakterskizze, anläßlich zweier Funde,
einer Elegie bey der Erinnrung Friedrichs des Fünften,
und einer kräftigen Ode gegen den Papst: Die Entscheider
, 1782). Neben diesen selbständigen Aufsätzen
enthalten die Hefte ausführlichere Bücherbesprechungen
und Überblicke über das kirchliche Leben in Schweden
1922 (von Rohde), den französischen Protestantismus
1922 (von Lindegaard-Petersen), das englische kirchliche
Leben 1922 (von R. Thomsen) und das kirchliche
Leben in Norwegen 1922 (von M. Gjessing). Berichte
über das kirchliche Leben in Deutschland fehlen.
Nur deutsche wissenschaftliche Literatur ist besprochen,
diese freilich ausgiebig.

Kiel. Otto Scheel.

Baeumler, Alfred: Kants Kritik der Urteilskraft, ihre Geschichte
und Systematik. Erster Band: Das Irrationalitäts-
problem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur
Kritik der Urteilskraft. Halle: Max Niemeyer 1923. (X, 352 S.)
gr. 8°. Om. 9—; geb. 11—.

Konnte man vorzeiten in der entschiedenen Betonung
dessen, daß die historische Auffassung eine Selbständigkeit
des systematischen Urteils voraussetzt, eine gesunde
Reaktion gegen das blinde Ausgraben historischer „Tat-
I sachen" sehen, so ist man heute fast schon heilsfroh,
einer gründlich historisch fundierten Untersuchung zu
begegnen. Es hat wenig Interesse, die Geschichte der
Philosophie als Füllmaterial für das systematische Klein-