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Ausgabe:

1924 Nr. 2

Spalte:

446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Luther. Sonderdruck d. Nachträge z. 3. Aufl. d. 1. u. 2. Bandes 1924

Rezensent:

Harnack, Adolf

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445 Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 20.

Vatikan, aber auch die Parteiverhältnisse etc. Auf Einzelheiten hier
einzugehen verbietet sich. Das Blatt ist, wie die Bilychnis es war,
voll guten Willens. Daß wir Deutschen, durch Italiens Untreue und
nur allzu reichlich in und nach dem Weltkriege uns gegenüber bewährten
„sacro egoismo", uns in unserer Liebe zu dem alten, durch
lange Jahrhunderte elendesten Zuständen ausgelieferten Volke sehr
ernüchtert haben, möchte ich nicht verbergen. Aber ein Blatt, wie die
Conscientia, darf von uns nur freundlich begrüßt werden. Wir selbst
wünschen uns nichts sehnlicher für unser von der „Welt" verstoßenes
, gequältes Volk, als daß in ihm das „Gewissen" die wahre
Großmacht werde. Bleibt die Conscientia ihrem edelen Namen stets
treu, so mag sie eine rechte Bilychnis für ihr, von Gott so freundlich
emporgeführtes Volk werden. Sie ist durch und durch national. Das
ist wahrlich kein Vorwurf. Hie und da hört man auch nationalistische
Klänge. Richtiger gesagt, man hört keine ernstliche Mitanklagc in
Hinsicht des Kriegs und des durch ihn für Europa heraufbeschworenen
Elends. Und ich vermißte auch ernste Worte wider die Sünden
des Faszismus. Doch ich will gern glauben, daß ich vielleicht im
Einzelnen ein zu flüchtiger Leser gewesen.

Die beiden wissenschaftlichen Zeitschriften, deren Name ja auch
ihr Programm kundgibt, halten sich sehr wacker. Es ist gar kein
Zweifel, daß in Italien ein starkes religiöses Sehnen und Suchen, das
Verlangen einzudringen in das Evangelium, die Bibel, erwacht ist.
Sehe ich recht, so ist es noch ein Streben „verso una nuova
mistica". Da liegt vorerst noch die Grenze wider ein Vollverständnis
des wirklichen biblischen Evangeliums, der Person Jesu, eines
Paulus und Luther. Sehr ansprechend ist, wie in der Conscientia, so
in den beiden andern genannten Schriften, das Achten auf die reli-:
giösen Bewegungen, charakteristischen Einzelvorgänge (Kongresse)
etc.) und geistig führenden Persönlichkeiten im A u s 1 a n d e , zumal
auch bei uns in Deutschland. Ich habe, mich des freien ehrlichen
Willens gerade auch für uns Verständnis zu betätigen und zu
verbreiten, sehr gefreut. Die Nummer Settembre-Ottobre 1923 des
„Progresso religiosa" bringt einen sympathischen, kundigen Artikel
über den verstorbenen Troeltsch („La filosofia della religione di
Ernesto Troeltsch). — Die Rivista trimestriale bringt mehr spezifisch
gelehrte Arbeiten, als der Progresso, so z.B. eine solche über
Apollinaris von Laodicea, daneben über Methodius von Olympus,
ferner mehrere über die indische Philosophie. — Wie auch die
russische geistliche Literatur in Italien beachtet wird, zeigt die
vermerkte Obersetzung eines kleinen Werks von Solowjow. Der
Übersetzer Aurelio Palmieri, der Mönch war, aber sich frei gemacht
hat und mit zu dem Kreise der Mitarbeiter der Zeitschriften, die
ich bespreche, gehört, ist zweifellos ein sehr sachkundiger Mann in
russisch-kirchlichen Dingen. So viel ich weiß, ging er kurz vor dem
Kriege nach Amerika; in II Progresso (Sept.-Okt.) bringt er einen
Artikel La „World Conference" e la Teologia greco-russa. Die
Schrift von Solowjow bildet den Eröffnungsband einer „Sammlung"
(in der, um das nicht unerwähnt zu lassen, auch eine Schrift unseres
Fechner erschienen ist, Nr. 3: „La vita dopo la morte" di F.,
„una scelta dai suoi scritti"; vorbereitet für 1924 war eine weitere
Fechnerübersctzung „II problema dell' anima") sie ist uns Deutschen
durch mehr als eine Übersetzung bekannt, (ich besprach sie in dieser
Zeitschrift 1915, Nr. 16/17, August).

Aber nun die beiden oben an erster Stelle vermerkten Veröffentlichungen
. Das Beiheft zur Bilychnis, das A. V. Müller, unser
Landsmann verfaßt hat, ist eine Streitschrift. Der bekannte Münchener
katholische Forscher N. Paulus hatte seiner Schrift über Fidati da
Cascia, einen Augustiner, dem er entscheidende Mitwirkung bei
Luthers Entwicklung zugeschrieben, mit Argumenten, die des Eindrucks
nicht verfehlen konnten, widersprochen. Müllers Schrift, die deti
Titel hatte „Una fönte ignota del sistema di Lutero", habe ich hier
1921, 21/22 (Nov.), eingehend beleuchtet; was die jetzige gegen
Dr. Paulus vorbringt, hat mich überzeugt, daß Müller mindestens noch
nicht widerlegt ist. Fidati muß mal als Gesamtpersönlichkeit von
einem unserer vollen Lutherkenner untersucht werden; seine 15 Bücher
„De gestis Domini salvatoris" (das Werk heißt auch „De religione
christiana", auch „Super Totum corpus cvangeliorum") sind offenbar
von Belang und können sehr wohl in Erfurt Luther zur Kenntnis
gekommen sein. Freilich nennt Luther den Fidati nie. Aber wenn
doch sachliche Anhalte vorhanden sind, daß er ihn gekannt?! Müller
sieht in Fidati auch einen, vielleicht den bedeutendsten Zeugen des
Fortwirkens Augustinischen Geistes, ja des Bestehens einer „Augustin-
schulc" unter den Theologen des ausgehenden Mittelalters und einen
Beihelfer für seine These, daß Luther im Grunde nur der Fortsetzer,
durchschlagend erfolgreiche Wiederbeleber der Ideen Augustins über
die Gnade, Rechtfertigung etc. gewesen sei. Ich will darüber hier nicht
mit ihm streiten; a. a. O. habe ich deutlich zum Ausdruck gebracht,
wo die Differenz zwischen Luther und Augustin liege, wobei ich
durchaus zugeben kann, daß Luther viel von Augustin gelernt habe,
auch zu jeder Zeit Sätze ausspreche, die auch Augustin so formuliert
haben könnte. Es ist und bleibt ein Verdienst Müllers gezeigt zu
haben, daß Augustin lebendiger in der römischen Kirche, gerade
auch in Mönchskreisen, geblieben war, als wir wußten. — Oanz aus

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j seinem Sinne ist das Werk von Mario Rossi empfunden und ge-
j dacht, das oben an die Spitze gestellt ist und zweifellos das bedeutendste
ist, das ich diesmal aus dem „evangelischen" italienischen
Kreise vorführen kann. Rossi hatte zumal in der Bilychnis schöne,
tiefe, fromme Aufsätze beigesteuert; natürlich fehlt er auch nicht unter
den Mitarbeitern der Conscientia. Er ist durch und durch Mystiker,
aber voll sittlichen Ernstes und gerade auch von diesem aus für
Luther erschlossen. Er widmet das Buch seiner Mutter und seiner
„Nina", denen es eine „frohe" Erkenntnis bedeute, daß das Leben eine
„spirituale penitenza quotidiana" sein solle und für den Christen sei.
Man muß sich stets gegenwärtig halten, daß Rossi nicht „bloß" für
Gelehrte, den Generalstab wissenschaftlicher Lutherforscher schreibt,
sondern in seinem Volke möglichst weiten Kreisen der Gebildeten
Interesse für den Reformator abgewinnen will. Man wird es dann
nicht schelten, daß er in der „Forschung" nicht auf jede Frage, die
sein Thema enthält, miteingeht, und es andererseits vollends würdigen,
wie sorgfältig er verfährt und daß er überall auch der reichen Literatur
aufachtet. Es wäre leicht, aber auch unbillig, Arbeiten zu
nennen, die Rossi nicht berücksichtige, vielleicht nicht kenne. Eher ist
es erstaunlich, daß er seinem Publikum soviel Gelehrsamkeit
bieten darf, wie er tut. Das Buch gilt den drei Jahren vom Thesenanschlag
bis zur Bannbulle. Der Akt Luthers am 31. Oktober 1517
ist ihm der „Schicksalsfunke", der den Weltbrand erzeugte, den wir
„die Reformation" nennen. Luther ahnte beim Anschlagen der 95
Thesen nicht, welche Folgen sein Akt haben werde. Schritt vor
Schritt wird er weitergedrängt, wächst sich die Ablaßfrage aus zur
Schicksalsfrage für das Papsttum. Sagt Rossi uns deutschen Theologen
kaum irgendwo Neues und führt er nicht auf die letzten Höhen
religiöser Erkenntnis, die Luther gewann (ja bewußt-unhewußt schon
längst gewonnen hatte, als er sich zum Streite wider die Scholastik
öffentlich stark machte), so verdient sein Werk doch durchaus,
auch unter uns gelesen, ja studiert zu werden. Das Buch ist durch
sieben sehr gute Bilder geziert. Schon die Bilychnis zeichnete sich
dadurch aus, daß sie öfter solche brachte. Müllers erste Schrift
über Fidati war ganz besonders durch seine Beigaben der Art anziehend
.

Halle a. S. F. K a 11 e n b u s ch. '

Grisar, Prof. Hartmann S. J.: Luther. Sonderdruck der Nachträge
zur dritten Aufl. d. I. u. II. Bandes. Freiburg i. Br.: Herder &
Co. 1924. (48 S.) 4». Gm. 2—,

Dieses Heft umfaßt auf 12 S. eine dankenswerte
Zusammenstellung der Literatur, welche Grisar für sein
Lutherwerk benutzt hat und auf 26 S. einige hunderte
kurze (an einigen Stellen zu kurze), nicht unwichtige
Nachträge. Auch Holl's Abhandlungen sind ein paar
Mal polemisch berücksichtigt, aber auf eingehendere
Auseinandersetzungen hat Grisar hier durchweg verzichtet
.

Berlin. Adolf v. Harnack.

Literatur über die deutsche Romantik.

Dritter Bericht.

1) Stockmann, Alois S. J.: Die deutsche Romantik, ihre
Wesenszüge und ihre ersten Vertreter. Mit einem bibliographischen
Anhang und zwei Bildern. Freiburg i. B.: Herder & Co. 1921.
(XII, 218 S.) Gm. 3—; geb. 4—.

2) Ders.: Die jüngere Romantik (Brentano, Arnim, Bettina, Görres).
Mit einem bibliographischen Anhang u. 2 Bildern. München:
Parcus & Co. 1923. (335 S.)

3) Levin, Herbert: Die Heidelberger Romantik. Preisschrift
der Corps-Suevia-Stiftung der Universität Heidelberg. München:
Parcus & Co. 1920.

4) S a 1 o m o n, Gottfried: Das Mittelalter als Ideal in der Romantik.
München: Drei Masken-Verlag 1922. (127 S.) Qm. 3-.

5) Adam Müllers Schriften, herausg. von Prof. Dr. Arthur Salz.
1. Band: Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall
in Deutschland. Gehalten zu Wien im Frühling 1812 (mit Müllers
Bild). (XVI, 290 S.) 2. Band: Vorlesungen Über die deutsche
Wissenschaft und Literatur (Dresden 1807). München: Drei Masken-
Verlag. (XXVIII, 232 S.) 8°.

6) August Wilhelm von Schlegels Vorlesungen über dramatische
Kunst und Literatur. Kritische Ausgabe, eingeleitet und mit Anmerkungen
versehen von Giovanni Vittorio Amoretti. 2 Bände.
Bonn: Kurt Schröder. (LXXIII, 219 u. VIII, 339 S.)

geb. Gm. 36—.

7) Novalis Werke in einem Band, herausgegeben von Wilhelm von
Scholz. Stuttgart: Walter Hädecke 1924. (414 S.) geb.Gm.6-.

Die Bücher Alois Stockmanns (1. 2) sind auf die Einführung
weiterer Kreise in das Verständnis der Romantik berechnet und durch
den streng katholischen Standpunkt des Verfassers bestimmt. Jedes von
ihnen beginnt mit einer Art Gesamtcharakteristik und gibt dann ein-