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Ausgabe:

1924 Nr. 19

Spalte:

417-419

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ghellinck, J. de

Titel/Untertitel:

Pour l‘histoire du mot „Sacramentum“. I: Les Anténicéens 1924

Rezensent:

Lohmeyer, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 19.

418

Ghc Iii tick, J. de, S. J., h", de Backer, J. Poukens, S. ].,
G. Lebacqz, S.J.: Pourl'histoire du mot„Sacramentum".
I: Les Anteniceens. Paris: Honore Champion 1924. (IX, 392 S.)
4°.

In der unter dem Titel „Spicilegium Sacrum Lovani-
ense" von der katholischen Universität zu Löwen herausgegebenen
Reihe von Abhandlungen und Texten zur Geschichte
des christlichen Altertumes und Mittelalters
ist als 3. Band ein umfangreiches Werk „zur Geschichte
des Wortes Sakramentuni" erschienen. Nur der erste
Band, der die vornieänischen Schriften bearbeitet, liegt
bisher vor; ein zweiter, der sich mit den liturgischen
Quellen bis zum 11. Jahrhundert beschäftigt, ist für
die nächste Zeit angekündigt, und aus Andeutungen
dieses ersten ist zu entnehmen, daß weitere Untersuchungen
der nachnieänischen christlichen Schriften,
der lateinischen Bibelübersetzungen u. s. w. noch erscheinen
sollen, um die Geschichte des Wortes lückenlos
bis an das Ende des christlichen Mittelalters zu
verfolgen. Die Größe des sich enthüllenden Planes und
der auf seine Durchführung verwandten Mittel wird aber
erst völlig deutlich, wenn man bemerkt, daß dieser erste
Band bewußt darauf verzichtet, schon selbst eine Geschichte
des Wortes und Begriffes Sacramentum in
vornieänischer Zeit zu geben. Er will nur Materialien
und Vorarbeiten liefern, deshalb nichts anderes sein als
eine lexicographische und philologische Studie im
strengsten Sinne, und wird so zu einem peinlich sorgfältigen
Kommentar aller Stellen, an denen das Wort
Sacramentum in den ersten drei Jahrhunderten auf
christlichem Boden begegnet.

Schon für diesen ersten Teil der großen Aufgabe
hat sich ein Kreis von katholischen Forschern um den
Herausgeber, J. de Ghellinck, gesammelt, der im Auslande
weit stärker als in Deutschland durchgebildeten
Methode kollektiver Forschertätigkeit entsprechend. Die
Gefahr, daß das Werk in eine Summe verschiedener Abhandlungen
zerfalle, ist durch Bindung der einzelnen
Gelehrten an einen bis ins einzelne gehenden Plan, der
den Gang jeder Untersuchung gleichmäßig festlegt,
glücklich überwunden. Von ihm gibt J. de Ghellinck in
einer großen und sorgfältigen Einleitung nähere Kenntnis
(S. 1—58); sie enthält zugleich eine genaue Bibliographie
der bisher zu dem Thema geleisteten Arbeiten
und orientiert in großen Zügen über die Geschichte
des Wortes. Ihr folgt die um ihres Gegenstandes
willen umfangreichste Arbeit E. de Backers über
den Sprachgebrauch Tertullians (S. 59—152), die sich
vor allem mit den deutschen Untersuchungen auseinandersetzt
, der fast unbekannt gebliebenen Val. Grones
(Sacramentum oder Begriff und Bedeutung von Sakrament
bis zur Scholastik, 1853) und der bekannten Hans
von Sodens CMvarnfton und Sacramentum in den ersten
drei Jahrhunderten der Kirche, ZNTW XII, 1911, S.
188—227). Verzichtet ist also von vornherein auf eine
genauere Darlegung des klassischen, außerchristlichen
Sinnes des lateinischen Sacramentum wie des griechischen
ftvorriQior, wenn auch gelegentliche Seitenblicke
darauf nicht fehlen. Bei Tertullian schillert das Wort in
den verschiedensten Bedeutungen. Sein Ausgangspunkt
ist der klassische Sinn von sacramentum militiae, den er
zunächst auf die Taufe ausdehnt, dann allgemein auf
christliche Einweihungsriten wie auf deren inhaltliche
Erfüllung, die christliche Wahrheit oder den christlichen
Glauben, erweitert. Unter dem Einfluß des
griechischen [ivotrgior, dessen Deckwort sacramentum
bei Tertullian wird, ohne seine ursprüngliche lateinische
Eigenbedeutung aufzugeben, gewinnt es einen zweiten
Sinn: zunächst den formalen von Symbol, Allegorie,
prophetischer Redeweise; aber es ergreift auch hier den
Inhalt und wird zur Bezeichnung von res occulta. Beide
Bedeutungen aber sind zusammengehalten durch den
etymologischen Sinn, den das Suffix mentum der Wurzel
sacrare gibt, und der auch bei Tertullian gelegentlich
durchscheint. So sehr die Untersuchung es grundsätzlich
vermeidet, auf die theologische Bedeutung der gefundenen
Ergebnisse einzugehen, so unterläßt sie es
doch nicht zu betonen, daß im Gegensatze zu von
Sodens Darlegungen nicht sakramentale Riten allmählich
dem Wort einen „sakramentalen" Sinn einverleibt
haben, sondern daß solcher Sinn aus dem tertullia-
nischen Sprachgebrauch unmittelbar hervorwachse.

Im 2. Kapitel (S. 153—220) widmet sich J. Poukens
dem Sprachgebrauche Cyprians und seiner Zeitgenossen
(Novatian, Firmilian usw.). Wenn gleich auch hier
noch die bunte Vielfältigkeit tertullianischer Wortverwendung
fast unversehrt bestehen bleibt, so ist doch
gleichsam der Schwerpunkt verschoben. Es dominiert
weitaus der Wortsinn: Sacramentum = Symbol, und
stärker ist das Nomen auf „Sakramente" in dem späteren
Sinne von Gnadenmitteln, insbesondere auf die Taufe
angewandt. Hier ist deutlicher schon der Weg vorgezeichnet
, der die beiden genannten Varianten der Bedeutung
vereinend, zu dem „sakramentalen" Sinne des
Wortes führt.

Weniger ergiebig ist das letzte Kapitel aus der
Feder von G. Lebacqz u. des Herausgebers (S. 221
bis 306); es untersucht die Schriften eines Arnobius,
Lactantius und Commodian von Gaza, dann die lateinische
Übersetzung des Irenäus, die es in die vornicä-
nische Zeit setzt, eine Diskussion weiterführend, die
kürzlich durch das große englische Werk über das
Neue Testament des Irenäus wieder in Fluß gekommen
ist, endlich einzelne nordafrikanische Märtyrerakten und
donatistische Dokumente. Nur Lactantius ist hier von
erheblicherem Interesse, für den Sacramentum der Inbegriff
aller christlichen Wahrheit geworden ist — eine
Bedeutung, die allen vielfältigen Nebensinn des Tertullian
in sich aufgesogen hat, aber selbst ohne geschichtliche
Nachwirkung geblieben ist.

In einer Übersicht werden am Schlüsse die gewonnenen
Ergebnisse kurz zusammengefaßt; es schließen
sich an ein Verzeichnis der vornieänischen Schriften,
in denen Sacramentum fehlt, ein anderes von den
mannigfaltigen Wortverbindungen, in denen es erscheint,
endlich sorgsam ausgeführte Stellen-, Quellen- und
Sachregister (S. 306—392).

Überschaut man den Gang der Untersuchung, so
zeigt sich, daß der etymologische Sinn des Wortes
in christlichem Sprachgebrauch langsam zurücktritt,
wenn er auch niemals, bis zum Ende des Mittelalters,
ganz verschwunden ist; dagegen wächst die aus dem
griechischen fivozrjgiov gewonnene Bedeutung in
mannigfaltiger Wandlung zu immer größerer Geltung
empor und verdrängt auch das Lehnwort mysterium.
Es zeigt sich weiter, daß Wort und Sinn von Sacramentum
durchaus auf christlich afrikanischem Boden
beheimatet ist, und wie an seinem Vordringen auch der
wachsende Einfluß nordafrikanischer Theologie auf die
Anschauungen der abendländischen Kirche abzulesen ist.

Die Arbeit ist mit großer Sorgfalt und vielfältiger
Belesenheit durchgeführt. Der vereinten Forschung der
vier Gelehrten ist wohl keine Stelle entgangen, an der
„Sacramentum" in vornieänischer Zeit irgend sich findet.
Vor der hier bekundeten „Andacht zum Kleinen", die
sich bewußt bleibt, wie sehr schon die genaue Erhebung
des Materials abhängig ist von der Gesamtkonzeption
des Gegenstandes, werden auch kleinere Versehen
— sie betreffen zumeist Druckfehler oder nicht
ganz genaue Zitate vor allem deutscher Arbeiten —
durchaus unwesentlich. Wenn etwas zu vermissen ist,
so ist es einmal dieses, daß von dem Sinn des außerchristlichen
Sacramentum und dem des griechischen
uvorrjoinv in seiner bisherigen hellenistischen wie
christlichen Ausprägung nur flüchtig die Rede ist —
aber dieser Verzicht ist bei der grundsätzlichen Einstellung
auf die Anfänge der mittelalterlichen Kirchensprache
und der strengen Begrenzung auf die Heraushebung
des Wortsinnes begreiflich —, und sodann, daß
die altlateinischen Bibelübersetzungen nicht mit in den