Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1924 Nr. 18

Spalte:

405

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, Sören

Titel/Untertitel:

Leben und Walten der Liebe 1924

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

405

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 18.

406

Kierkegaard, Sören: Leben und Walten der Liebe. Einige
christl. Erwägungen in Form von Reden. Obersetzt von Albert
Dorner u. Chr. Schrempf. Mit Nachwort von Chr. Schrempf. 1.—3.
Tausend. Jena: E. Diederichs 1924. (IV, 409 S.) 8°. = Kierkegaard
, Erbauliche Reden. Bd. 3. Om. 6.50; geb. 8—.
Sehr, will seinen deutschen Kierkegaard durch eine
vollständige Sammlung der Erbaulichen Schriften ergänzen
. Er legt zuerst den 3. Bd. dieses sehr erwünschten
Unternehmens vor, die Verdeutschung von Kjer-
lighedcns Gjerninger. Hier konnte er eine Vorarbeit
übernehmen, nämlich Dorner's 1890 erschienene Verdeutschung
. Er hat sie in der Hauptsache einfach
wiederholt. Gelegentlich hat er kleinere Versehen
Dorner's verbessert oder Härten geglättet; letzteres
seltener, als nötig gewesen wäre. Außerdem hat er von
seinem alten Laster, Kierkegaard zu korrigieren, doch
nicht ganz lassen können. Redliche Mühe hat er sich
freilich gegeben; ich habe bei Stichproben nur sehr bescheidene
und den Sinn nicht beschädigende Verkürzungen
gefunden, bin also geneigt, diese Verdeutschung
für brauchbarer und schöner zu halten als die bisherigen
Schr.s, deren Willkür viel größer ist. Das Wegschneiden
der überwuchernden Wortfülle ist im Prospekt
mit der Rücksicht auf das Deutsche begründet; Dänen
haben mir aber meinen Eindruck, daß sie im Dänischen

fenau so auffallend sei, bestätigt. So wünsche ich,
ehr. möge in den nächsten Bänden noch zurückhaltender
sein. Es stecken hinter dem Wortreichtum auch gewisse
deklamatorische Rücksichten; Kierkegaard liebt,
durch Wiederholung und Anhalten ein Gefühl zu steigern
oder zu vertiefen. Das müßte im Deutschen nachgebildet
werden.

Leid tut mir, daß Sehr. Dorner's Umbildung des Titels beibehalten
hat. „Taten der Liebe" klingt freilich im Deutschen nicht gut;
und „Liebeswerke" deckt, weil unser .Werk' viel spezieller ist als das
ganz abgeblaßte dänische .Ojerning', den Sinn für uns nicht. Nach
langem Überlegen komme ich zu dem Vorschlag: „Was die Liebe
tut". Das trifft Sinn und Ton am ehesten. Den Untertitel aber
würde ich wieder geben: „Etliche christliche Überlegungen in
Gestalt von Reden."

Das Nachwort Schr.s bleibt wieder im Individuell-
Einseitigen stecken. Die meisten Leser werden wohl
Schr.s Rat folgen, es nicht zu lesen. Wer sich aber zur
Auseinandersetzung mit ihm entschließt, wird doch ein
paar blendende Schlaglichter, eine particula veri, in
ihm finden.

Güttingen. E. Hirsch.

Görland, Albert: Religionsphilosophie als Wissenschaft aus
dem Systemgeiste des kritischen Idealismus. Berlin; W.
de Oruyter ft Co. 1922. (V, 333 S.) gr. 8°. Gm. 10—,

„Wird eine unbelehrbare ,Erlebens'-Dogmatik nicht
auch unsere Religionsphilosophie einen Rationalismus
nennen?" (S. 137). Diese Frage kann als Ausgangspunkt
für eine Beleuchtung des Görlandschen Werkes
dienen. Es ist ganz sicher kein Rationalismus, wenn
darunter der Versuch verstanden wird, die Religion aus
dem Denken entspringen zu lassen und ihren Wahrheitsgehalt
durch rationale Deduktion wie in den Gottesbeweisen
oder in der Hegeischen Spekulation sicherzustellen
. Gegen diesen Rationalismus findet Görland die
schärfsten Worte. Ja, Kant wird wegen seiner scharfen
Trennung der theoretischen und der praktischen Philosophie
geradezu als der Philosoph des Irrationalismus
bezeichnet. Und dennoch ist die G.sche Religions-

Ehilosophie rationalistisch in dem Sinne, daß ein ein-
eitlicher Systemzug der Vernunft nicht bloß die Kulturfaktoren
der Wissenschaft, der Gemeinschaft und der
Kunst, sondern auch die Religion erzeugt, dergestalt,
daß sie in dem Stufenbau der auf einander gründenden
Kulturgebiete als die oberste Stufe erscheint. Dieser
Panmethodismus gestaltet die Religionsphilosophie zum
Rationalismus.

Die Systematik der G.schen Religionsphilosophie
wird genau nur derjenige verstehen, der seine Ethik

kennt. Das Leben vor aller Kulturgestaltung wird als
„Urohngesondertheit" bezeichnet, aus der die verschiedenen
Kulturgebiete, die verschiedenen „Sichten", Lebensformungen
unter bestimmtem Aspekt, im logischen Sinne
entspringen. So entstehen bestimmte Besonderungen des
Lebens, indem das Denken auf die Natur, das Wollen
auf die Gemeinschaft, das Gefühl auf die Persönlichkeit
bezogen wird. Philosophie arbeitet dann die Kategorien
heraus, die die Wissenschaft der verschiedenen Gebiete
(Naturwissenschaft, Gemeinschaftswissenschaft und
Kunstwissenschaft) erst möglich machen. Philosophie
zeigt aber weiter, daß die verschiedenen Gebiete sich
einem einheitlichen Systemzuge erschließen dergestalt,
daß die jeweilig frühere Gestaltung das Material
der nächsten wird, wodurch immer wieder eine neue
Besonderung und stärkere Konzentrierung des Lebens
erreicht wird. Daraus wird klar, daß es sich in dem
vorliegenden Buche um kritische Philosophie neukan-
tischer Prägung — Cohen am nächsten stehend —
handelt. Ihr wesentliches Merkmal und ihr philosophiegeschichtlicher
Fortschritt ist, daß hier jeder Rest von
Dogmatismus überwunden scheint, sofern jegliches Apri-
ori nur der Augenblicksstand auf dem methodischen
Wege zum Urprinzip und jedes Aposteriori nur der
Augenblicksstand auf dem Wege zur Individualisierung
ist. Besonders wesentlich ist der Görlandschen Philosophie
ein neuer Begriff der Transzendenz, der nicht
eine übersinnliche Wirklichkeit meint, sondern nur ein
methodisches Prinzip ist, nämlich der Gedanke, daß
die Urohngesondertheit von einer Besonderungsstufe zur
nächsten treibt, die jeweilig nur aus ihren Kategorien
verstanden werden kann.

Diese Transzendenz treibt nun auch über die bisher
im Neukantianismus als letztes angenommene Besonderung
der Kunst hinaus, sie führt den Menschen zur
Verzweiflung und damit an die Schwelle der Religion.
Der Mensch erlebt, daß sich die Wirklichkeit seiner
üeistigkeit, die sie gestalten soll und will, entzieht. Die
Natur bedroht das Werk seiner Hände, fremder Wille
kreuzt sein Gemeinschaftsstreben, das Schicksal bedroht
seine Persönlichkeit. In der Sünde gefährdet die Wirklichkeit
die Geistigkeit als Ausschweifung, als Lüge und als
Hybris, di: erste sich gegen das Maß unserer natürlichen
Wirklichkeit, die zweite gegen den Geist der Gemeinschaft
und die dritte gegen die harmonische Persönlichkeit
richtend. Über Verzweiflung und Sünde führt die Transzendenz
hinaus, die ein neues Gebiet erzeugt, eben das
der Religion. In seiner Verzweiflung behauptet sich
das Ich durch die Erzeugung der Gottesidee, und die
Polarität von Gott und Ich, von Ich und Gott befaßt
als Grenzen die gesamte Wirklichkeit als Welt, die
unter religiösem Aspekt geheiligt wird. Durch dit
Welt hindurch findet das Ich Gott und Gott das Ich.
So ist Gott dem Ich immer nahe und das Ich Gott,
aber niemals kommt es zur Gottesgemeinschaft, die als
Pantheismus Rückfall auf die ästhetische Stufe und Erdrosselung
der Religion wäre. Dann wird eine Reihe
von Kategorien bestimmt, die die Religionswissenschaft
als Wissenschaft von einem besonderen Erlebensgebiet
erst möglich machen.

Daß die Eule der Minerva erst in der Dämmerung
ihren Flug beginnt, zeigt sich auch hier wieder. G.s
Religionsphilosophie bedeutet Vollendung und Abschluß
der neukantischen Religionsphilosophie. Ich hatte in
meiner Kritik der neukantischen Religionsphilosophie
der Gegenwart (Leipzig 1920) nachgewiesen, daß es
dem Neukantianismus bisher nicht gelungen sei, in seiner
Systematik der Religion gerecht zu werden, weil
diese hier immer nur ein Anhängsel der anderen Kulturgebiete
bleibe. G. hat nun — und das ist das systematische
Verdienst seines Buches — Religion als viertes
Glied im System, Religion als selbständiges Phänomen
begriffen, und man wird ihm zugeben müssen, daß er
hier das Menschenmögliche geleistet hat. Sein Buch
erschöpft in Weiterführung Cohenscher Gedanken die